Tagesarchiv für den 11. Mai 2012

Von charakterlichen und menschlichen Verpflichtungen

11. Mai 2012

Philipp Lahm nimmt die Frage nach dem großen Erfolgsdruck für den FC Bayern gelassen, so schreibt es die Agentur „dapd“ heute: „Wenn man keinen Titel gewinnt, ist es keine gute Saison. Bestenfalls eine ordentliche. So ist das bei Bayern, das ist man gewohnt . . .“

Die haben Sorgen, die Spieler des Rekordmeisters. Wenn ich so etwas lese, dann denke ich immer an 1983. Wer erinnert sich noch? Der HSV Meister, der FC Bayern auf Rang vier. Und der HSV auch ganz oben auf dem europäischen Thron. Irgendwann, und zwar schon recht bald danach, trennten sich dann die Wege zwischen München und Hamburg. Wie groß die Kluft inzwischen geworden ist, das zeigt nicht zuletzt auch die gerade beendete Saison. Und diese Kluft wird (wohl) auch in den nächsten Jahren noch so groß bleiben . . . Alles andere wäre ja eine mittlere Sensation. Wobei die Frage ist, ob sich eventuell auch mal ein HSV-Kapitän, nennen wir ihn mal Dennis Aogo, im Jahre 2015 erlaubt zu sagen: „Wenn man keinen Titel gewinnt, ist es keine gute Saison. Bestenfalls eine ordentliche. So ist das beim HSV, das ist man gewohnt . . .“

Die Agentur „dapd“ meldet heute auch:

Der Wechsel des lettischen Stürmers Artjoms Rudnevs vom polnischen Erstligisten Lech Posen zum Fußball-Bundesligisten Hamburger SV ist perfekt. Der 24-Jährige unterschrieb am Freitag einen Vier-Jahres-Vertrag bis 2016, nachdem er den Medizincheck bestanden hatte. Das bestätigte der Verein auf seiner Website. Rudnevs soll eine Ablöse von rund 3,5 Millionen Euro kosten. „Er ist ein extrem hungriger Junge, der sich auch menschlich sehr gut in unsere Mannschaft einfügen wird“, sagte HSV-Sportchef Frank Arnesen. Rudnevs will mit dem HSV „den nächsten Schritt gehen“: „Das Ziel des Vereins ist es, möglichst bald wieder in Europa zu spielen“, sagte Rudnevs, „das möchte ich auch.“

Wer möchte das nicht?

Und der HSV stellt ja im Moment schon die Weichen für eine sportlich bessere Zukunft. Siehe die Verpflichtungen von Rene Adler (der so gut wie unterschrieben hat) und von Artjoms Rudnevs. Wobei mir zwei Dinge stets im Hinterkopf sind. Erstens die Aussage von Kapitän Heiko Westermann, der kürzlich (nach der Pleite in Augsburg) sagte: „Wir müssen daran arbeiten, eine charakterlich starke Truppe zu haben im nächsten Jahr. Der Trainer und der Manager werden da schon ein Auge drauf haben.“ Und auch Sportchef Frank Arnesen, der Manager, beteuert ja genau das immer wieder – was er auch bei der Rudnevs-Vertragsunterzeichnung erneut sagte: „Er ist ein extrem hungriger Junge, der sich auch menschlich sehr gut in unsere Mannschaft einfügen wird.“

Menschlich und charakterlich, das sind die neuen HSV-Begriffe im Hinblick auf den Neuaufbau 2012/13. Es soll in der kommenden Saison offenbar nicht nur schneller (nach vorne) gespielt werden, es soll auch „menschlicher und charakterlicher“ in der Mannschaft zugehen und werden. Ein erneuter Versuch. Der wurde ja schon in der Ära vor Carl-Edgar Jarchow unternommen, Groß propagiert, und schon nach wenigen Monaten (oder waren es Wochen?) wieder in den Wind geblasen. Motto: Was stört mich mein Geschwätz von gestern . . ?“

Oder war es nur Resignation? Ist es einfach nur ein heute nicht mehr zu realisierendes Unterfangen? Gibt es „charakterlich starke“ Profis heute überhaupt noch? Oder war es zum Beispiel purer Zufall, dass der HSV in der Saison 1999/2000 auf Platz drei einlief – und die Champions League schaffte? Vor dieser damaligen Saison gingen – wer kennt sie noch? – Spieler wie Kirjakov, Simunic, Böger, Dahlin, Straube, Kurtijan, Vogel, Jepsen und Trejgis zu anderen Klubs. Jeder von euch soll sich selbst ein Bild über die „charakterlichen Stärken“ dieser Spieler machen. Und es kamen Mehdi Mahdavikia, Vahid Hashemian, Roy Präger, Rasoul Khatibi, Christof Babatz, Niko Kovac, Rodolfo Cardoso sowie die beiden Amateure Mahmut Yilmaz und Özkan Gümüs. Fast alles liebe, nette Kerle. So würde ich sie mal bezeichnen. Fast alle.

Wobei mir einfällt, dass es in der HSV-Mannschaft, die es damals schon gab, sehr wohl einige Stimmen gab, die besagten, dass sie mit Roy Präger nicht so viel anfangen könnten. Der sei „ein Querkopf“, einer der sich nicht ein- und unterordnen kann, der zu laut und zu schrill sei, der stets auf „den Putz“ haut, wo es nichts auf den Putz zu hauen gibt. Es gab Zuschauer und Experten in der Stadt, die sich diesen Vorurteilen vorbehaltlos anschlossen – und dann doch merken musste, dass sie total daneben lagen. Wie damals auch Jörg Butt, der zunächst gegen die Verpflichtung von Roy Präger gewesen ist (es aber nicht laut sagte, weil er ohnehin nicht von den Offiziellen gehört wurde). Wochen später gab der HSV-Torwart zu: „Der Roy Präger ist ganz anders, als ich dachte, als auch einigen Kollegen ihn einschätzen – der ist ein absoluter Teamplayer, er ist ein Super-Typ, der passt wunderbar zu uns – ein Glück, dass wir ihn haben . . .“

So dachten sie dann bald alle – damals. Präger wurde – ganz nebenbei – auch zum Publikumsliebling im Volkspark. Und diese HSV-Mannschaft, die ganz sicher nicht den besten Fußball der Vereinsgeschichte spielte, die auch nicht die größten (Fußballer-)Namen beisammen hatte, die wurde eine echte Einheit, eine verschworene Gemeinschaft, ein Super-Team, das auf dem Rasen und (oftmals) auch in der Freizeit bestens harmonierte. Auch deswegen hatte diese Truppe Erfolg, großen Erfolg sogar. Man hielt zusammen, man war sich „grün“, man war Freund.

Und genau diese Geschichte zeigt mir noch heute, dass man sich nie so sicher sein kann: wer passt charakterlich? Wer passt menschlich? Wer passt nicht? Und ich denke da spontan an Hasan Salihamidzic. Der kam ja zum HSV, weil ihn sein Onkel damals nach Ochsenzoll schleppte – und im zweiten oder auch erst dritten Versuch (!) genommen wurde. Als der „Brazzo“ Profi wurde, war auch er ein lieber und netter Kerl. Ich erinnere mich noch an seinen letzten Tag in Norderstedt, bevor er zum FC Bayern ging. Wir saßen zufällig im selben Cafe. Er mit seiner Freundin (die später seine Frau wurde), ich mit zwei Freunden. Wir grüßten uns aus der Ferne. Nett, höflich. Nach einer halben Stunde stand er auf und kam an meinen Tisch. Er gab mir die Hand und sagte: „Dieter, ich wollte nur tschüs sagen, und mich bedanken für die Zusammenarbeit. Du warst zwar einige Male recht hart in der Kritik zu mir, aber du warst gerecht, es hat immer Spaß gebracht – das vergesse ich nie.“

Zu diesem Zeitpunkt war das „Bürschen“ gerade einmal 21 Jahre alt (jung). Und ich zog innerlich den Hut vor ihm. Hätte er das nötig gehabt? Natürlich nicht. Und in diesem Alter den Mut aufzubringen, vor (meinen) Freunden solche Sätze zu sagen – alle Achtung! Das verdiente (meinen) Respekt.

Als Salihamidzic dann beim FC Bayern war, da wurde dann das „Bürschen“ ein „ganz anderer“ Bursche. Trafen wir uns fortan bei Bayern-Spiele (gegen und beim HSV), dann gab es weder Gruß noch ein nettes Wort. Weder für mich, noch für andere Hamburger. So spielt das Leben. Ich erinnere mich an ein Spiel HSV gegen Bayern, als der HSV-Bus schon im Stadion stand, die Spieler gerade ausstiegen – und der Bayern-Bus einlief. Ich klönte gerade mit einem HSV-Spieler (das war damals noch möglich, heute unmöglich – weil wir beim Aussteigen nicht mehr dabei sein dürfen), als der den Bayern-Bus kommen sah und mit den Worten flüchtete: „Ich muss jetzt ganz, ganz schnell in die Kabine, denn den arroganten und längst in anderen Sphären befindlichen Brazzo muss ich nun wirklich nicht sehen und begrüßen, der geht nämlich gar nicht mehr . . .“ Das war auch meine Beobachtung.
Aber einen Hamburger hat Salihamidzic, das muss zu seiner Ehrenrettung vielleicht noch erwähnt werden, dann doch immer und immer wieder ganz freundlich begrüßt: Horst Eberstein. Die HSV-Legende hatte er ganz offensichtlich doch tief und fest ins Herz geschlossen – und nicht vergessen.

Aber: so kann es eben auch gehen. Die umgekehrte Entwicklung. Vom Menschen zum Überflieger. Deswegen ist ein „charakterlicher, menschlicher“ Einkauf – bei aller Zustimmung – auch mit Vorsicht zu genießen. Ich glaube nämlich, dass es keine Garantie dafür gibt, dass ein Spieler von vornherein „passt“. Dennoch wünsche ich natürlich dem HSV, speziell Frank Arnesen und Thorsten Fink, ein glückliches Händchen, dass es wieder einmal gelingen möge, eine echte Einheit aus dem vorhandenen Kader zu formen. In der jüngeren Vergangenheit war das, weil genau das nicht gelungen ist, wahrscheinlich ein großer (und ein wunder) Punkt, dass es immer weiter bergab mit dem HSV ging – bis auf Platz 15.

Ich verstehe jedenfalls die Aussage des Kapitäns auch als eine Art Hilferuf. Eingangs war es zu lesen, nun noch einmal zur Erinnerung, was Heiko Westermann sagte: „Wir müssen daran arbeiten, eine charakterlich starke Truppe zu haben im nächsten Jahr. Der Trainer und der Manager werden da schon ein Auge drauf haben.“ Das ist auf jeden Fall eine versteckte Kritik. An den Mitspielern. Und wer eins und eins zusammenzählen kann, der wird sich auch daran noch erinnern, dass der Mannschaftsrat in der Schlussphase dem Trainer (Thorsten Fink) den Rat gab, auf Jeffrey Bruma (bevor er rechter Verteidiger spielen musste) zu verzichten. Das hätte es vorher beim HSV nie gegeben, das hat es auch meines Wissens nie zuvor einmal gegeben. Es spricht Bände darüber, was da für eine „Einheit“ (nämlich eine unsortierte) in dieser Saison für die Raute unterwegs gewesen ist.

So, es folgt am Abend noch das Spiel Drochtersen/Assel gegen den HSV. Der Anstoß erfolgt um 18.30 Uhr, spätestens um 20.30 Uhr (sage ich mal so . . .) gibt es hier das Ergebnis und die Fakten zu diesem Spiel.

PS: . . . und schon wieder ein Auswärtssieg. Beim Landesliga-Klub Drochtersen/Assel gewann der HSV vor 4000 Zuschauern mit 2:1. Heung-Min Son erzielte früh (15.) das 1:0, Koch glich für die Amateure aus (55.), dann gelang Marcus Berg in der Schlussphase der Siegtreffer. Der HSV hatte sich wahrscheinlich schon für die Sonntags-Partie in Büdelsdorf gegen den VfB Stuttgart (15 Uhr) geschont . . .
Es spielten: Mickel; Diekmeier, Bruma (46. Mancienne), Westermann, Aogo; Tesche, Sala; Töre (46. Besic), Jansen; Son, Berg.

17.49 Uhr (ergänzt um 20.39 Uhr)