Tagesarchiv für den 10. Mai 2012

Wer bleibt, wer kommt, wer geht? Die Vertragspoker haben begonnen

10. Mai 2012

Wirklich eilig hatte es niemand mehr. Im Gegenteil. Trainer Thorsten Fink kam sogar erst 30 Minuten nach seinen Spielern auf den Platz. Diese hatten sich sehr ausgedehnt und wenig überstrapazierend warm gemacht, um anschließend locker zu kicken. Mehr war es heute nicht. Warum auch? Die drei Testspiele am Freitag gegen Drochtersen/Assel, am Sonntag gegen Stuttgart und am Dienstag gegen den Lüneburger SK sollte auch so machbar sein für die verbliebenen 17 Spieler. Und vielleicht wollte Fink heute auch noch niemanden überbeanspruchen, nachdem die Mannschaft erst am Mittwochabend nach einem dreitägigen Kulturtrip durch Palmas Diskos gelandet war…

Wie auch immer. Es ist nicht mehr viel drin. Jaroslav Drobny ist weiter verletzt, lässt sich behandeln und schweigt. Sein Landsmann David Jarolim hat sich bereits verabschiedet und lässt seine Knöchelverletzung, die ihn seit dem Mainz-Spiel plagt, behandeln. Mitspielen wird er nicht mehr. „Ich kann nicht richtig laufen. Und ich will nichts unnötig riskieren.“ Immerhin steht ein Wechsel an. Und bei dem will er sich zumindest zum Saisonauftakt in Topform präsentieren.

Das muss sich auch Ivo Ilicevic, wenn er seine kleine Chance auf die EM nutzen will. Etwas überraschend erhielt der Kroate heute die Einladung zu seiner Nationalmannschaft für das vorläufige Aufgebot. Das allein heißt zwar noch nichts, denn aus dieser Ansammlung von Nationalspielern werden bis zum Turnierbeginn noch einige Spieler gestrichen. Aber, und das kann man sagen, es ist eine Auszeichnung für Ilicevic. Auch wenn ich die Grundlage dafür nicht in der abgelaufenen Saison finden kann – Trainer Slaven Bilic scheint die Fähigkeiten des HSV-Spielers, der immer wieder ausfiel und auch verletzungsbedingt diese Serie nicht ins Rollen kam, hoch einzuschätzen. Insofern von mir: Glückwunsch, Ivo! Und viel Glück!

Das wünsche ich auch Tolgay Arslan. Nicht, weil er heute mit einer ausgereiften Bindehautentzündung zum Training erschein. Nein, der dribbelstarke Offensivspieler steckt mitten in den Vertragsverhandlungen mit HSV-Sportchef Frank Arnesen. Wie Marcell Jansen läuft auch Arslans Vertrag 2013 aus. Deshalb hieß es vor kurzem: Verlängern oder verkauft werden. „Das war für mich keine Frage“, so Arslan, „ich fühle mich hier richtig wohl und will natürlich bleiben.“ Allerdings nicht zu dem bisherigen Gehalt, das noch dem von vor drei Jahren entspricht. Damit rangiert Arslan mannschaftsintern am unteren Ende. „Ich erhoffe mir schon eine gewisse Wertschätzung“, umschreibt Arslan den Wunsch – nein, die Bedingung -, mehr Geld zu verdienen. Allerdings, und das will er klargestellt haben, es geht nicht nur um Geld. „Nein, ich werde nicht um jeden Cent feilschen. Ich kann auch verzichten, wenn der Rest stimmt. Und mir geht es vor allem darum, dass die sportliche Perspektive stimmt.“ Dafür sei ihm besonders wichtig, dass der Trainer weiterhin Thorsten Fink heißt, dass weiter auf junge Leute gesetzt wird und dass er eine komplette Vorbereitung mitmachen kann, um fit in die Saison zu gehen. Am 21. Mai treffen sich Arslans Berater Thomas Kroth und HSV-Sportchef Frank Arnesen. „Dann kann es schnell gehen“, hofft Arslan.

Schnell gehen kann es im Fußball immer. Wie bei Robert Tesche. Eben noch den Vertrag verlängert, jetzt schon vor einem Wechsel? So zumindest wird es beim HSV seit längerem gemunkelt. Auch ich hatte das hier im Blog schon vor einiger Zeit geschrieben. Heute hatte ich die Möglichkeit, Robert selbst darauf anzusprechen. Der war natürlich zunächst sehr reserviert. Was soll er auch sagen, immerhin hat er noch zwei Jahre Vertrag. „Ich habe noch keine Gespräche geführt“, so Tesche, „aber ich gehe davon aus, dass auch ich noch eines mit dem HSV führen werde.“ Darin soll es um seine Zukunft beim HSV gehen? „Bestimmt auch das“, umgeht Tesche eine klare Antwort. Ob er denn zufrieden ist mit seiner Situation? „Natürlich bin ich mit meinen Einsatzzeiten nicht zufrieden. Und es kann immer was passieren“, so Tesche, der sich allerdings keine Sorgen um seine Karriere macht. „Ich glaube schon, dass es welche gibt, die mich nehmen würden.“ Und das glaube ich auch. Es freut mich auch für den ruhigen, aber sympathischen Mittelfeldallrounder. Allerdings befürchte ich für Tesche, dass dies beim HSV schwierig wird. Immerhin hat er seine Chancen nicht nutzen können. Auch im letzten Saisonspiel, in dem es um wirklich nicht mehr viel ging, war er zu unauffällig – diplomatisch ausgedrückt.

Leichter hat es da Marcell Jansen. Und das, obwohl er nicht für die EM nominiert wurde. Heute Morgen hatte er ein längeres Telefonat mit Arnesen, der ihm versicherte, dass der HSV weiter mit Jansen plant. „Es war ein wirklich gutes Gespräch“, sagt Jansen, der gerade erst am Anfang seines Entscheidungsprozesses ist. „Ich habe mir darüber in der Saison bewusst keine Gedanken gemacht. Da ging es darum, den HSV zu sichern. Aber wir werden das ganze Thema schnell zu einem gemeinsamen Entschluss bringen – so war ich schon immer. Es liegt mir nicht, lange zu zögern, zu verhandeln und zu feilschen. Ich bin da eher unkompliziert.“ Gleiches gilt für seinen Berater Gerd vom Bruch, der in der kommenden Woche die Verhandlungen mit Arnesen aufnehmen soll. „Gerd ist klar. Er entscheidet sich schnell. Und meine Entscheidung wird schnell fallen. Das dauert keine zwei Monate“, so Jansen.

Jansen fühlt sich wohl beim HSV. Zum ersten Mal seit längerem hat er wieder eine nahezu komplette Saison gespielt, ist fit wie lange nicht mehr. „Das Jahr war sehr emotional, hatte viele Tiefen und einige Höhen. Aber ich fühle mich hier richtig wohl. Auch, eil ich merke, dass das Trainerteam auf mich setzt. Der HSV ist mein erster Ansprechpartner, ganz klar. Und das wäre sicher anders gewesen, wenn nicht Fink übernommen hätte. Das Training ist gut, es ist eine Philosophie vorhanden, nach der gearbeitet wird. Wenn es so weitergeht und ich weiter so viele Spiele mache, dann kann es in den nächsten Jahren noch richtig nett werden.“

Denn Jansen setzt auf internationalen Fußball. „Ich bin jetzt 26 und hatte das Problem, dass es im Verein nicht so lief wie bei anderen Nationalspielern.“ Das gelte für ihn natürlich gleichermaßen wie für die Mannschaft im Ganzen. Dennoch sei es enorm wichtig, auf Sicht wieder international zu spielen, um den Anschluss an die Nationalmannschaft wiederherzustellen und sich die Chance auf die WM 2014 offen zu halten. „Natürlich hilft es, wenn man mit dem Verein Erfolg hat. Und dabei ist ein internationaler Wettbewerb ganz wichtig.

In den nächsten Tagen wird sich Jansen intensiv mit vom Bruch unterhalten, sich auch über etwaige Anfragen informieren. Alles mit einer Zielvorgabe: „Ab Sommer habe ich wieder das klare Ziel, in die Nationalmannschaft zurückzukehren.“

Ein Ziel, das ihn mit Heiko Westermann eint. Auch der HSV-Kapitän würde gern, wurde aber nicht von Löw nominiert. „Ich wäre natürlich gern dabei gewesen, war aber auch nicht überrascht“, so Westermann realistisch, „als mich Jogi Löw am vergangenen Sonntag angerufen und über seine Entscheidung informiert hat.“ Er hatte nicht mehr damit gerechnet, sagt Westermann, „zumal wir in Deutschland ganz sicher kein Unterangebot von guten Abwehrspielern haben. Ein Abwehrproblem haben wir ganz sicher nicht.“

Stimmt. Und ganz sicher auch kein Torwartproblem. Obwohl Westermann – ebenso wie Arnesen und Fink – fest daran glaubt, dass René Adler Löw vor Probleme stellen kann, wenn er zu alter Form finden kann und wieder ein Thema für die Nationalmannschaft wird. Dann als Profi in Diensten des HSV. „René hat mit mir ungefähr zeitgleich in der DFB-Auswahl begonnen“, erinnert sich der HSV-Kapitän, „und er hat wirklich enorme Qualität.“ Ob der HSV-Zugang sogar dem in meinen Augen derzeit Top-Drei-Torhüter der Welt, Manuel Neuer, gefährlich werden kann? Westermann: „Er war doch schon die Nummer eins, als auch Manuel da war. Warum also nicht. Wichtig ist nur, dass René fit wird und gesund bleibt. Seine Qualität hat er ja schon bewiesen.“

Das wiederum muss Artjoms Rudnevs noch. Zwar werden dem lettischen Torjäger von Arnesen ähnliche Qualitäten wie dem jungen Olic zugestanden. Allerdings liegt es auch in der Natur der Sache, dass Arnesen seine Verpflichtung starkredet. Eben so, wie bei den Chelsea-Zugängen, von denen Gökhan Töre unter Umständen und Jacopo Sala ziemlich sicher abgegeben werden sollen. Der Italiener, der in meinen Augen sportlich sehr gute Ansätze hat, soll Probleme haben, sich dem Gemeinwohl des Klubs und vor allem seiner Mannschaft unterzuordnen.

Das wiederum gilt für Rudnevs ausdrücklich nicht, wie Arnesen beteuert. Der Lette soll menschlich ne glatte Eins sein. Auf dem Platz – und eben auch außerhalb. Auch, weil Rudnevs denken kann, als sehr intelligent gilt. „Artjoms ist ein Teamplayer, einer, der sich an sein Wort hält und immer Vollgas gibt“, lobt Arnesen den Studenten, der im diesem Sommer sein Studium zum Sportlehrer abschließt und kurioserweise überall beliebter zu sein scheint als in seiner Heimat Lettland. Obwohl er der mit Abstand erfolgreichste Fußballer des Landes ist, nimmt man es dem Letten mit zusätzlich russischer Staatsbürgerschaft übel, dass er schlechter lettisch als russisch spricht. Und mit Toren Gegenargumente liefern konnte er auch noch nicht. Bislang traf Rudnevs in 16 Auswahlspielen nur einmal für sein Land…

Das wiederum soll sich in Hamburg ändern. Hier soll Rudnevs zusammen mit Paolo Guerrero für Furore sorgen. Ebenso wie mit Maxi Beister, der heute Abend mit Düsseldorf versucht, in die erste Liga aufzusteigen. Oder besser: dafür eine gute Grundlage zu legen.

In diesem Sinne, ich hole mir jetzt meine gesunde Grundlage für den spannenden Fußballabend in Form eines guten Abendbrotes. Bis morgen!

Scholle