Tagesarchiv für den 9. Mai 2012

Adler könnte eine Sogwirkung haben

9. Mai 2012

Frank Arnesen wirkte bestens gelaunt. Er strahlte vor Glück, er lächelte oft, er lachte mitunter aus vollem Herzen. So hatte man den Dänen lange nicht mehr gesehen. Die Erleichterung darüber, dass der HSV-Aufsichtsrat am Abend zuvor den beiden – ersten – großen Transfers zugestimmt hat. „Ich bin sehr, sehr zufrieden, denn alle ist glatt verlaufen. Nun muss ich in den nächsten sechs Tagen mit den Verträgen alles klarmachen“, sagte Arnesen und betonte noch einmal: „Ich bin sehr zufrieden.“ Es war unübersehbar. Rene Adler und Artjoms Rudnevs werden HSV-Profis, der Anfang ist gemacht, jetzt wird in den nächsten Wochen weiter am neuen HSV 2012/13 gebastelt. Frank Arnesen über seinen „Königstransfer“ Adler: „Wenn man den deutschen Nationaltorwart bekommen kann, 27 Jahre alt, ablösefrei, große Zukunft vor sich, dann ist das eine spezielle Chance, dann muss man ganz einfach zuschlagen. Und man muss, wenn man ihn dann bekommt, ganz einfach glücklich sein – und ich bin sehr, sehr glücklich.“

Andere sind es offensichtlich auch. Mich rief heute am Vormittag ein alter Freund an und sagte begeistert: „Ich wollte keine Dauerkarte mehr kaufen, aber jetzt, wo Adler kommen wird, ist das ganz anders. Ich hole mir wieder meinen Platz, weil ich auf Adler ganz einfach Bock habe.“ Ich könnte mir vorstellen, dass etliche HSV-Fans so denken und so handeln werden. Und auch auf dem Spielermarkt könnte der Adler-Transfer eine Sogwirkung für den HSV haben. Der Keeper von Bayer Leverkusen soll für fünf Jahre unterschreiben, Adler wird Handgeld erhalten – und verdient 2,7 Millionen Euro, so wird erzählt, pro Jahr in Hamburg.

Wenn er erst in der Stadt ist (wohnt und spielt), dann wird er sicherlich auch eines Tages jene beiden Herren begegnen, die ihn einst in Leipzig besucht hatten. Vor vielen, vielen Jahren. Damals saßen die Eltern Adlers mit am Tisch, als zwei HSV-Leute (die mir persönlich bekannt sind) mit dem talentierten Jugendtorwart über einen Wechsel zum HSV verhandelten. Es wurde zum Abschluss eine Summe X aufgerufen, die hätte der HSV aufbringen müssen, dann wäre Adler nicht nach Leverkusen, sondern schon früh nach Hamburg gewechselt – allein der HSV scheute das Risiko. Weil schon damals Ebbe in der Rauten-Kasse herrschte. Es wurde aus Hamburger Sicht (zum Leidwesen der beiden HSV-Herren, die in Leipzig verhandelt hatten) auf Adler verzichtet, und nun ist er eben – über einen kleinen Umweg – doch noch da. Willkommen!

Noch allerdings haben Adler und auch Rudnevs nicht unterschreiben, doch Frank Arnesen sagt: „Ich habe ein gutes Gefühl.“ Mit Rene Adler sprach der Sportchef schon gestern am späten Abend: „Er freut sich sehr, er ist voller Ehrgeiz, ist auch nach einem Jahr ohne Bundesliga-Spiel total heiß. Ich hoffe, dass er über gute Leistungen beim HSV in die Nationalelf zurückkommen kann. Rene hat eine achtmonatige Reha hinter sich und ist fit, er hat sich eine achtmonatige Auszeit genommen, um wieder total fit zu werden.“ Letzteres wurde in den zurückliegenden Wochen immer wieder einmal bestritten, doch die Offiziellen des HSV wollen davon nichts wissen. Alles soll absolut okay sein: „Alles, was wir gesehen haben, das ist sehr gut, da liegt kein Stein mehr im Weg. Er wird wieder auf ganz hohem Niveau spielen können“, so der HSV-Sportchef.

Bliebe noch Jaroslav Drobny. Der Tscheche könnte der teuerste Ersatztorwart der Liga werden. Zumal sich die Wechselabsichten Drobnys, zum FC Bayern zu gehen, zerschlagen haben – die Münchner wollen ihn nicht mehr und haben ein erstes Angebot schon wieder (und ganz schnell) zurückgezogen. „Mit Frank Rost und Drobny waren vor zwei Jahren auch zwei starke Torleute da“, sagte Arnesen, der auch die Reservekeeper Tom Mickel und Sven Neuhaus halten will. Es dürfte in diesem Zusammenhang spannend sein, ob Drobny sich noch eine weitere „Bank-Leere“ (für ein Jahr) in Hamburg antun wird, oder ob er selbst die Initiative ergreifen wird, um einen neuen Arbeitgeber zu suchen und zu finden. Arnesen: „Wenn Drobny sagt, dass er beim HSV bleiben will, dann bleibt er.“

Spannend dürfte es auch künftig im HSV-Sturm sein. Noch sind Marcus Berg, Heung-Min Son und Paolo Guerrero da, hinzukommen wird Maximilian Beister – und nun auch Rudnevs. Eine Spitze? Allerhöchstens aber zwei! Es dürfen ein Hauen und Stechen geben – zur Freude von den Fans, die von einem solchen Konkurrenzkampf durchaus profitieren könnten. Wie natürlich auch Trainer Thorsten Fink – und der gesamte HSV, der in den zurückliegenden Jahren ja die meiste Zeit mehr als sturmlahm war. Weil von einem Sturm oft nichts zu sehen war. Nicht einmal von einem lauen Lüftchen.

Aber vielleicht wird ja auch noch der eine oder andere Stürmer, der bislang bewiesen hat, dass er keine großen Bäume ausreißen kann, noch gehen (müssen). Schließlich benötigt der HSV noch etwas Kleingeld, um einen kreativen „Kracher“ für das Mittelfeld zu verpflichten. „Wir suchen nach Spielern, die bezahlbar sind, das müssen wir. Aber diese Spieler müssen auch Qualität haben. Mit Adler und Rudnevs haben wir zwei solcher Spieler gefunden. Darüber hinaus würden wir als HSV-Vorstand nie aus den Augen verlieren, dass wir ein Budget haben, das knapp ist. Das wissen wir, und damit müssen wir arbeiten. Spieler mit einem Top-Gehalt, das geht bei uns nicht“, sagt Frank Arnesen.

Und was ist mit einem Investor? Namens Kühne? Der Sportchef: „Wir können nicht von anderen abhängig sein, das geht nicht, wir müssen mit den Bedingungen arbeiten und zurechtkommen, die wir haben, wir müssen mit unserem eigenen Geld arbeiten. Könne wir aber Geld von außen bekommen, dann nehme ich das sehr gerne, dann wäre das ein Plus für uns . . .“ Mal abwarten, was dazu die Mitgliederversammlung m 20. Mai sagen wird, es gibt zu diesem Punkt ja einen interessanten Antrag – der aber, so war hinter der vorgehaltenen Hand zu erfahren, schon halbwegs geklärt sein soll. Man soll sich bereits irgendwie „arrangiert“ haben – bin gespannt, ob das stimmt, oder ob da die Wellen auch weiterhin sehr hoch schlagen werden.

Geradezu ins Schwärmen gerät Frank Arnesen, wenn er über Artjoms Rudnevs (24) spricht. Der Lette, der zuletzt für Lech Posen stürmte, ist hierzulande ja fast noch ein Unbekannter, doch der Sportchef klärt auf: „Das ist ein Knipser. Und wenn ein Stürmer in einem Jahr viele Tore macht, ist das gut. Wenn er aber bei seinen letzten drei Klubs immer der Top-Scorer war, dann ist das sehr gut. Er ist frisch, hungrig, er ist auch physisch sehr stark, er geht steil – das ist etwas, was gut für uns sein wird.“

Der 1,83 Meter große Rudnevs, der kopfballstark ist und beidfüßig schießen kann, hat in 29 Liga-Spielen für Lech 22 Tore erzielt. Auch drei englische Erstliga-Klubs zeigten Interesse, aber der HSV war im November bereits der erste Interessent und hat seitdem die besten Karten. „Er hätte in England viel mehr verdienen können, aber er wollte zum HSV. Das zeigt mir, dass zu seinen großen Fähigkeiten im Strafraum noch ein Plus in Sachen Charakter kommt“, klärte Frank Arnesen auf und ergänzt noch: „Ich freue mich, dass wir einen sehr, sehr guten Spieler für einen sehr, sehr guten Preis bekommen konnten.“ Der Sportchef sagte dann auch noch etwas sehr Interessantes: „Der Transfer Rudnevs ist ein gutes Exempel, er zeigt mir was möglich ist, wenn eine Scouting-Abteilung früh reagiert und immer auf Ballhöhe ist.“

„Gib mir mehr davon, gib mehr davon, etwas mehr als vorher, das vertrag ich schon . . . „, so heißt es ja in einem deutschen Schlager, wobei ich im Moment nicht weiß, wer das gesungen hat. Egal. Wer nur schön. Wenn die Scouting-Abteilung mehrere solcher Goldfische an Land ziehen könnte. Denn von dieser Sorte, schnelle, hungrige, ehrgeizige, physisch starke Spieler, könnte der HSV sicherlich noch viele, viele mehr gebrauchen.

Zum Beispiel für das Mittelfeld. Wie wäre es denn mit einer Rückholaktion? Rafael van der Vaart? Der Herr Kühne wollte einst schon einmal an dieses Thema ran, wurde aber letztlich vom damaligen Trainer (der jetzt beim VfB Stuttgart ist) leicht ausgebremst. Wobei Kühne nicht die gesamte Summe für den „Heimkehrer“ gegeben hätte, immerhin aber ein stattliches Sümmchen. Vielleicht ließe sich dieser Versuch ja wiederholen, denn nun hat der HSV ja mit Thorsten Fink einen anderen Coach – eventuell würde Fink ja „ja“ dazu sagen. Arnesen sagt zu dem Thema Mittelfeldmann: „Das müssen wir sehen, wie wir das machen. Das könnte eventuell von anderer . . .“ Dann bricht er ab. Und setzt irgendwie anders fort: „Da müssen wir flexibel sein. In diesem Moment . . .“ Wieder wechselt er den Gedankengang: „Wir müssen das, wir sind dran, ich will alles probieren, um einen starken Spieler für diese Position zu holen.“ Gibt es denn schon einen Kandidaten? Arnesen: „Nein, noch nicht – wir sind ja früh dran. Wir haben heute den 9. Mai, das ist noch sehr früh.“

Ende des Monats (spätestens) soll dann ja auch entschieden werden, ob der FC Chelsea seinen zum HSV ausgeliehenen Spieler Jeffrey Bruma schon in diese Sommer wieder zurückhaben will. Arnesen: „Das müssen wir abwarten. Jeffrey aber will gerne hier bleiben, weil er in Hamburg sehr zufrieden ist, und wir wollen, dass er bleibt, denn auch wir sind sehr zufrieden mit ihm.“ Besonders als Rechtsverteidiger hat Bruma den Sportchef überzeugt – mich nebenbei auch. Da hat er seine besten Spiele für den HSV gemacht. Und vielleicht spielt in diesem Zusammenhang ja auch dem HSV in die Karten, dass Bruma nicht für die Niederlande und die EM nominiert worden ist.

Das gilt übrigens auch für einen weiteren Niederländer, der einst beim HSV spielte – und seit dieser Zeit sein (Fußball-)Glück kräftig mit Füßen tritt: Eljero Elia. Zu ihm gab es heute vom Sport-Informations-Dienst (SID) folgende Meldung:

Der ehemalige Hamburger Bundesliga-Profi Eljero Elia will den italienischen Fußball-Rekordmeister Juventus Turin verlassen. Der 25-Jährige, für den Juve im vergangenen August neun Millionen Euro nach Hamburg überwiesen hatte, war in dieser Saison nur zu vier Kurzeinsätzen gekommen und hatte kaum Anteil am Meistertitel seines Klubs.

„Ich muss anderswo aufs Neue beginnen. Ich habe den Teamkollegen zum Meistertitel gratuliert, doch dieser Titel fühlt sich nicht nach meinem an, und sie begreifen das“, sagte Elia. Er habe keine Gelegenheit bekommen, zu spielen und sich auszudrücken, sagte der Niederländer, der auch nicht dem Kader des Vize-Weltmeisters für die EM in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) angehört.

Elia war im Sommer 2009 für neun Millionen Euro von Twente Enschede zum Hamburger SV gewechselt, für den er 52 Bundesligaspiele absolvierte. Im August hatte er einen bis 2015 laufenden Vertrag mit Juve unterzeichnet. „Jetzt möchte ich wieder spielen. Ich bin erst 25 Jahre und habe noch viel Zeit vor mir“, sagte Elia.

Und dann noch schnell in eigener Sache. Die folgende Mail erhielt ich heute aus dem Süden der Nation:

Hallo Dieter,

die Mail von „UvD”, welche Sie im Blog zitiert haben, muss ich einfach kommentieren, da ich das soooo nachvollziehen kann. Auch ich lebe seit über 40 Jahren fern der Heimat (HH) in der tiefsten oberbayrischen Provinz und habe zwei Fußball spielende Söhne. Bei dem größeren ging die Erziehung fußballerisch in die Hose, er ist überzeugter Bayern Fan, was natürlich 40 km von München entfernt nicht sonderlich überraschend ist. Beim kleineren der beiden konnte ich meine Neigungen durchsetzen und er wurde schon im frühen Kindesalter, trotz aller Warnungen seines Vaters („Überleg dir das gut, du wirst Zeit deines Lebens immer ein Außenseiter sein, der deswegen immer dumm angeredet werden wird.” usw usw.) zum eingefleischten HSV Fan.

Beim Training seiner E-Jugend Mannschaft ist er unter 15 roten der einzige blaue, der nieeee ohne komplette HSV Tracht ins Training gehen würde. Man muss sich das vorstellen, alle rot (zum Glück ist einer der Trainer zumindest ein Löwe und kann somit Misserfolge seit Jahren nachvollziehen) und einer, der die Raute auf allen möglichen Bekleidungsteilen mit voller Überzeugung trägt. Er hat es übrigens selbst im letzten Punktspiel trotz strenger bayrischer Fußballregeln zwecks einheitlicher Trikots fertig gebracht, anstatt der vorgeschriebenen schwarzen Vereinshose die eigene schwarze HSV Hose (mit Raute) ins Spiel zu schmuggeln und in dieser auch zu spielen . . .

Und ich kann „UvD” nur so zustimmen, dass unsere hochbezahlten Profis sich mal nach einem miesen Spiel (und davon gab es ja in letzter Zeit wirklich nicht zu wenig) diese jungen Fans anschauen sollten, wie sie leiden, welche Tränen da in die HSV-Bettwäsche gedrückt werden – das wäre mal Motivation genug, sich so richtig den A….. aufzureißen. Da wird hier in Oberbayern die ferne HSV Mannschaft gegen alle Anfeindungen verteidigt und dann gehen unsere Profis mit so einer Einstellung in die Spiele….. Und der Satz von „UvD“: „Ich glaube, wenn die Spieler einmal die traurigen Augen der enttäuschten Kinder sehen würden, müssten sie gar nicht mehr darüber nachdenken, wo ihre Motivation her kommen soll” der trifft den Nagel so dermaßen auf den Kopf . . . Kann man das nicht mal an unsere Spieler weiterleiten?

Wir (meine Söhne und ich) hatten in den letzten 2 Jahren das zweifelhafte Vergnügen, „unseren” (zumindest der von 66% der männlichen Familie) HSV live in der Arroganz Arena sehen zu dürfen, das Ergebnis mit 0:11 Toren dürfte allen noch in bester Erinnerung sein, man kann sich sicherlich ohne große Fantasie vorstellen, wie wir hier im Süden leiden, oder? Und leider haben wir es in den letzten Jahren nie fertig gebracht, unseren HSV mal zu Hause in der Imtech-Arena zu erleben (die bayrischen Schulferien fallen leider meistens in die Sommerpause), die tolle Stimmung zu erleben, wir kennen halt nur die Arroganz Arena mit lauter vom Erfolg verwöhnten, stummen Zuschauern, in denen die mitgereisten 1000 HSV Fans die über 60 000 Münchener locker übertönen, ja fast komplett unhörbar machen, schnief.

Lieber Dieter, ganz herzlichen Dank für die tollen Berichte über unseren HSV, wir sind hier im Süden darauf angewiesen, denn sonst wüssten wir doch überhaupt nix von unserem Lieblingsverein! Und wir bleiben optimistisch…

NUR DER HSV!!!

Mit freundlichen hanseatischen Grüßen, Boris L.

Lieber Boris,
diese Zeilen muss ich eigentlich nicht an die Spieler weiterleiten, denn die „guten“ HSV-Profis lesen hier mit. Das ist ganz sicher. Also sind ganz sicher auch einige Spieler dabei, die sich solche Zeilen zu Herzen nehmen.

PS: Donnerstag Training um 15.30 Uhr im Volkspark, am Freitag dann Spiel um 18.30 Uhr Spiel in Drochtersen (bei Stade).

17.11 Uhr