Tagesarchiv für den 6. Mai 2012

“Wir werden uns ordentlich verstärken”

6. Mai 2012

„Wir müssen daran arbeiten, eine charakterlich starke Truppe zu haben im nächsten Jahr. Der Trainer und der Manager werden da schon ein Auge drauf haben.“ Sagte HSV-Kapitän Heiko Westermann nach der 0:1-Pleite in Augsburg. Ich hoffe doch sehr, dass mit dem „nächsten Jahr“ die nächste Saison gemeint ist, denn sonst erleben wir doch noch einmal eine solche belämmerte und beschämende Spielzeit, wie die nun soeben beendete. Wir erinnern uns an den kolossalen Fehlstart: sechs Spiele, ein Pünktchen. Davon hat sich der HSV nie erholt. Wobei ich mich frage, ob er sich davon überhaupt erholen hätte können, denn das hätte ja bedeutet, dass in dieser Mannschaft tatsächlich mehr steckt, als nur Platz 15. Das bestreite ich aber – sogar energisch. Dieser HSV war so schlecht, wie keine andere HSV-Mannschaft seit Jahrzehnten. Den Ball kann aus der Truppe 2011/12 wahrscheinlich ein jeder Spieler fünf Minuten lang und vielleicht auch noch länger hoch halten, aber Westermann hat es schon absolut richtig erkannt – und den Finger in die Wunde gelegt: charakterlich war dieser HSV eine glatte Null.

Das wird, so hoffe ich, nicht nur der Kapitän so gesehen haben, sondern auch alle anderen Verantwortlichen. Allen voran Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen. Fink bekannte in Augsburg: „Wir nehmen viel mit aus diesem Krisenjahr, wir schauen nun nach vorn und werden den Kader ordentlich verstärken.“ Hoffentlich. Und hoffentlich ist das Wort „verstärken“ nicht nur in Bezug auf die Qualität der Neuzugänge zu verstehen, sondern auch auf die Anzahl der Verstärkungen. „Wir werden nicht tausend neue Leute holen, sondern uns gezielt verstärken“, hatte der Coach schon vor dem Spiel verkündet. Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass es diesmal „keine tausende neue Leute“ werden, aber wenn ich das Sagen hätte – und auch das nötige Kleingeld, dann wären es mindestens zehn. Wenn nicht gar zwölf. Denn aus der jetzigen Mannschaft haben etliche „Stars“, die sich vielleicht sogar für „Weltstars“ halten, einfach zu riesig enttäuscht.

Dieser HSV muss ein neues Gesicht bekommen. Ganz eindeutig. Und spätestens jetzt, wo besiegelt ist, dass es keinen Abstieg geben wird, sollte damit begonnen werden, Tacheles zu reden. Statt davon zu plaudern, wie groß die Qualität in dieser Mannschaft sei, wie schön und gut doch so manches Spiel war, das dennoch in einer Niederlage geendet war. Dieses ewige „Schönreden“ ging und geht mir auf die Nerven, und der HSV wird, da bin ich mir sicher, auch eine Quittung dafür erhalten. Von seinen Kunden, die in den letzten Jahren stets automatisch ihre Dauerkarte(n) kauften. Es wäre nur logisch, wenn es in Zukunft doch wieder mehr Lücken in der Arena im Volkspark geben würde – denn auf keine Heimsiege hat der geneigte (HSV-)Fan eigentlich so überhaupt keinen Bock. So gesehen war es ohnehin ein Wunder, wie oft das Stadion in der abgelaufenen Spielzeit ausverkauft oder nahezu ausverkauft gewesen ist.

Die Geduld der HSV-Fans ist scheinbar grenzenlos, sie war vor allen Dingen in dieser Spielzeit überragend, aber sie hat doch – eines Tages – ganz sicher ihre Grenze erreicht . . .

Vielleicht schon jetzt? Ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen? So viele desillusionierte HSV-Fans wie in diesen Tagen und Wochen habe ich jedenfalls noch nie erlebt. Noch nie. Und die Mannschaft hat es erstens nicht erkannt, wie sich die Stimmung gedreht hat, und hat zweitens auch nichts dafür getan, Eigenwerbung für sich und die Raute zu betreiben. Im Gegenteil. Wenn im letzten Spiel der Saison (gemeint ist die Partie in Augsburg) diejenigen ran dürfen, die lange auf ihre Chance haben warten müssen, dann hätte ein jeder Fan eigentlich erwarten dürfen, dass sich diese Herren auch tatsächlich den Hintern aufreißen. Für sich selbst, für die Truppe, für den HSV.
Gesehen? Hat das irgendjemand gesehen?

Nein, nein – das ist doch alles unfassbar, was da in dieser gesamten Saison passiert ist, was uns da von Seiten des HSV präsentiert worden ist.

Und? Das will niemand von den Führungsleuten bemerkt haben? Dann haben sie in meinen Augen alle keine Ahnung. Jedenfalls taten sie immer alle ahnungslos, es gab doch nie ein klares Wort, wie schlecht diese Auftritte der HSV-Bundesliga-Mannschaft waren. Statt dessen Verharmlosungen und Verniedlichungen en masse. So etwas nennt man dann auch wohl „in die eigene Tasche lügen“ – nur gibt es in diesem Fall keinen einzigen müden Cent mehr in die leere Vereinskasse. Auch hier darf man ruhig noch einmal von einer genau gegenteiligen Entwicklung reden.

Mir hat hier – eindeutig – das Feuer gefehlt. Und wer an verantwortlicher Stelle Feuer (in der Mannschaft) erwartet, der sollte irgendwann nicht mehr nur warten, sondern versuchen, Feuer zu entfachen. Aber hier gab es nur „Schema F“. Und viel, viel Glück. Fragt man unter seinen Freunden und Bekannten herum, warum sich der HSV, dieser müde HSV, doch noch gerettet hat, so – ihr kennt die Antwort genau – hört man stets und ständig: „Weil es noch drei Schlechtere gab, weil Kaiserslautern, Köln und Hertha zum Glück noch mieser gespielt haben . . .“ Aber gibt es diese drei „Schlechteren“ auch in der nächsten Saison wieder?

Oder schafft es der HSV in den kommenden Wochen tatsächlich, genügend Verstärkungen, die man auch als „Soforthilfe“ bezeichnen kann, zu verpflichten? „Priorität hat ein Mittelfeldspieler. Einer der das Spiel lenken kann, das ist ganz klar. Und dazu vielleicht noch ein zweiter Mittelfeldmann“, sagt Thorsten Fink. Wenn er damit man auskommt. Dazu Rene Adler für das Tor, Artjoms Rudnevs (Lech Posen) und Maximilian Beister (war an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen) für den Angriff.

Das ist mir, ehrlich gesagt, alles viel zu dünn und zu wenig.

Aber vielleicht gelingt es den Verantwortlichen ja auch tatsächlich, eine nicht nur schnellere, sondern auch engagierte, viel hungrigere Mannschaft auf die Beine zu stellen, in der jeder für den anderen da ist, in der jeder weiß, was er zu tun und zu lassen hat. Eine Einheit eben, die weiß, was die Raute für eine Bedeutung hat, was der HSV für die Bundesliga ist, was der HSV für einen Stellenwert in Hamburg, in Deutschland, in Europa und in der gesamten Welt hat. Das, so scheint es mir, ist in den letzten Jahren immer mehr abhanden gekommen. Werte, die vor allen Dingen kaum ein Jüngling (zumal dann, wenn er aus dem Ausland verpflichtet wird) noch kennt.

Thorsten Fink scheint das erkannt zu haben. Er forderte noch in Augsburg: „Wir müssen jedes Spiel gewinnen wollen. Ein Spieler muss immer weiterkommen wollen. Das ist die Charaktereigenschaft Siegeswillen, die hatten sie nicht.“ Und der Coach nannte folgendes Beispiel: „Wenn man in die Disco geht und die schönste Frau haben will und sagt: ‚Hör mal, willst du mit mir gehen?’ So klappt das nicht. Man muss sagen: ‚Hey, Puppe, ich bin hier der geilste Typ, du kommst mit mir.’ Man muss etwas wirklich wollen und das auch ausstrahlen.“

Seine Jungs können es heute gleich einmal auf die Finksche Tour probieren. Die HSV-Truppe fliegt bis Mittwoch nach Mallorca – die obligatorische Abschlusstour. „Hey, Puppe, ich bin hier der geilste Typ . . .“ Den Tipp, so glaube ich, hätte Fink aber gar nicht erst geben müssen, denn so denken sie doch alle heute. Jedenfalls dann, wenn es in die Disco geht.

Vor der spanischen Disco gab es aber heute noch einen kleinen Abstecher nach Bergedorf. Zur dortigen 850-Jahrfeier sahen 5000 Zuschauer an den Sander Tannen das Gastspiel des HSV. Der Oberliga-Verein trotzte den Bundesliga-Profis ein achtbares 3:3 ab. Heung-Min Son hatte den HSV in Führung gebracht, Yasar Koca glich aus (30.). Tolgay Arslan traf per Elfmeter zum 2:1 für den HSV, Son erhöhte noch vor dem Seitenwechsel per Freistoß auf 3:1. Sehr turbulent verlief dann die Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Erst verkürzte Yaha Kunath auf 2:3 (48.), und nur eine Minute später verursachte Tom Mickel einen Elfmeter für Bergedorf 85. Den Schuss von Sascha de la Cuesta hielt Mickel dann aber. Für den 3:3-Endstand war in der 78. Minute Elster-Spieler Dias verantwortlich.

PS: Erinnert ihr euch noch an das vergangene Jahr? Als Ze Roberto den HSV verließ – der Brasilianer wechselte zu den mit vielen Dollars winkenden Scheichs nach Katar. Er verkündete dabei aber auch gleichzeitig: “Im nächsten Jahr bin ich wieder in der Bundesliga, ich habe schon einen Vorvertrag mit einem deutschen Klub abgeschlossen . . .”
So ein Quatsch – dachte ich damals. Und es war tatsächlich nur Quatsch. Jetzt wechselt der 37-jährige Mittelfeldspieler zwar noch einmal, aber er geht von Katar zu Gremio Porto Alegre. Geschichten gibt es, die gibt es eigentlich gar nicht.

18.01 Uhr