Tagesarchiv für den 5. Mai 2012

0:1 – ein Kick für die Vereinsgeschichte

5. Mai 2012

Die schlechteste HSV-Saison aller Zeiten fand an diesem legendären 5. Mai 2012 ihr denkwürdiges Ende. Ein Spiel für die Vereinsgeschichte. Mit dem 0:1 beim FC Augsburg schließt die Mannschaft von Thorsten Fink auf dem 15. Tabellenplatz ab – eine riesige, eine herbe Enttäuschung. Natürlich. Gerettet ist gerettet, mag sich vielleicht mancher HSV-Fan denken, und es kann ja nur noch alles besser werden – in der Saison 2012/13 – aber mich beschleichen da im Moment doch noch arge Zweifel. So viele neue Spieler, wie die Raute für einen Neustart benötigen würde, gibt es ja gar nicht. Zumal die Verantwortlichen ja nicht schon wieder „tausend neue Leute“ holen wollten – aber irgendwie geht es ja doch gar nicht anders. Dieser HSV war tatsächlich so schlecht, wie der Platz 15 es ausdrückt. Von Qualität, der so oft hervorbeschworenen HSV-Qualität, war auch in Augsburg nichts zu erkennen. Selbst jene Leute, die es ihrem Trainer hätten beweisen wollen, dass sie oft zu Unrecht draußen gesessen haben, gab es nicht. Die Luft war ganz einfach raus, aus diesem HSV, auch wenn er in der zweiten Halbzeit leicht feldüberlegen spielte. Aber was soll das noch, wenn es hinterher eine Niederlage gibt?

Voller Elan, voller Herz, voller Leidenschaft, voller Tempo – schön wäre es gewesen. Aber warum sollte der HSV auch noch im letzten Spiel der Saison so richtig Vollgas geben? Diese 90 Minuten passten so schön zur gesamten Spielzeit, die nun auch total verkorkst zu Ende ging. Thorsten Fink hatte jenen Leuten das Vertrauen geschenkt, die zuletzt (und lange) immer nur draußen saßen. Gedankt hat es ihm niemand. Das war ein blutleerer Auftritt, ohne Leben, ohne Ideen, ohne Mut – das war von Hamburger Seite Sommerfußball und einfach nur enttäuschend.

Besonders die Offensive blieb alles schuldig. Torchancen? Null. Wenn es überhaupt einmal Gefahr vor dem Tor von Keeper Jentzsch gab, dann nach einer Standardsituation, die stets von Dennis Aogo gen FCA-Gehäuse geschlagen wurden. Das HSV-Spiel war durchschaubar, langsam, quälend. Wurde der ball einmal nach vorne befördert, fehlte meistens das Nachrücken. Wobei ich nicht weiß, woran es hauptsächlich lag? Zu Langsam oder zu mutlos? Zehn Hamburger Feldspieler versuchten sich allesamt als Einzelkämpfer, von einem echten Team war nichts, aber auch nichts zu sehen.

Dabei hatte ich in den ersten fünf Minuten noch das Gefühl, als ging in Augsburg etwas für den HSV. Besonders Gökhan Töre legte sich ins Zeug, der Deutsch-Türke war hinten und vorne zu finden, wobei das „hinten“ sehr auffällig war. Offenbar hatte Töre den Auftrag bekommen, endlich auch einmal ein Auge für den Defensivarbeit zu riskieren. In der 14. Minute erkämpfte sich Töre in „Jarolim“-Manier einen Ball in der HSV-Hälfte, lief damit anschließend über den halben Platz und schoss aus 22 Metern – vorbei. Aber so etwas von kläglich, dass es einfach unerklärlich ist. Wieso schafft es ein Profi nicht, einen Ball aus 22 Metern wenigstens halbwegs gefährlich auf das Tor zu schießen? Zumal dann, wenn dieser Spieler unbedrängt schießen kann! Ein Rätsel. Unabhängig davon schien mir Gökhan Töre fleißiger als sonst zu sein, nur ließ er mit zunehmender Spielzeit leicht nach – weil er auf wenig Gegenliebe bei den Kollegen stieß?

Der HSV spielte die Partie brav und bieder herunter. Das war Schach ohne Springer. Der eine Hamburger schob dem anderen Hamburger meistens mit einem geraden Zehn-Meter-Pass die Verantwortung in die Füße.
Enttäuschend. Ich schrieb es bereits, aber man kann es nicht oft genug schreiben: enttäuschend, enttäuschen, enttäuschend. Enttäuschend.

Und dazu passte das 1:0 für die Gastgeber (34.). Töre sprang bei der Flanken-Finte von Augsburgs Kapitän Verhaegh in die Luft, der Niederländer umkurvte seinen Gegenspieler und flanke, und was dort in der Mitte der HSV-Abwehr los war, das soll mir mal einer erklären. Unsortiert ist gar kein Ausdruck. Das ist einfach nur fahrlässig und auch amateurhaft. Der Fast-Hamburger Koo (der ja im vergangenen Sommer zum HSV kommen sollte), den Wolfsburg nach Augsburg ausgeliehen hat, ist ganz sicher kein Kopfballspezialist, aber er stand mutterseelenallein am Fünfmeterraum und durfte unbehelligt einköpfen. So verteilt der HSV in dieser Saison Geschenke.

Die Einzel:

Sven Neuhaus war wieder ein guter Vertreter für Jaroslav Drobny, am Tor schuldlos.

Dennis Diekmeier war hinten okay, nach vorne stand auch er auf verlorenem Fuß, weil ja bei niemandem im Hamburger Trikot etwas nach vorne ging.

Jeffrey Bruma war zuletzt hinten rechtseinfach besser und stabiler, als diesmal in der Mitte. Er kann es auf jeden Fall besser.

Heiko Westermann spielte eine durchwachsene Partie, dem Kapitän fehlte diesmal das eine oder andere Prozent. Allerdings legte er in Halbzeit zwei zu und war dann der beste Mann in dieser schwachen HSV-Mannschaft.

Dennis Aogo nicht so stark (und engagiert?) wie zuletzt, ich hatte den Eindruck, dass ihm die B-Mannschaft nicht so sehr „schmeckte“ – da kann ich mich aber auch täuschen.

Robert Tesche spielte wie Robert Tesche. Pomadig, ohne jede Emotion – eben wie Tesche immer so spielt.

Per Ciljan Skjelbred begann in der ersten Viertelstunde gut, wuselig, aber dann war er nicht mehr so zu sehen, wie ich es mir für ihn gewünscht hätte. Den Beweis, dass er es in der Bundesliga kann, den blieb er wieder einmal schuldig. Absolut schuldig.

Gökhan Töre habe ich schon beschrieben. Ich denke mal, dass er wollte, aber dann ließ er nach – weil die Kollegen ja auch schon nachgelassen hatten.

Jacopo Sala zeigte einige gute Ansätze, durchaus, aber er musste erkennen, dass zwischen Schönkirchen und Augsburg doch einige Kilometer liegen – mit den Jungs des Aufsteigers FCA konnte er nicht so trickreich auftrumpfen. Dennoch glaube ich, dass Sala ein Mann für die HSV-Zukunft ist.

Paolo Guerrero war bemüht, aber dabei blieb es auch. Erschütternd erneut sein Kopfballspiel, er vergab erneut (wie gegen Mainz) eine fast hundertprozentige Möglichkeit per Kopf – viel zu harmlos und zu lasch aus fünf Metern auf Jentzsch.

Marcus Berg versuchte einiges, aber letztlich gelang ihm nichts.

Heung-Min Son kam für Sala (66.), aber dass der Südkoreaner dem HSV-Spiel gut tat, das kann man nicht sagen.

Tomas Rincon kam für Skjelbred (71.), durfte noch ein wenig kämpfen, aber was sollte er sonst noch ausrichten? Ein Mann, der alle müden Geister mitreißt, ist er natürlich nicht.

Mladen Petric kam für Berg (71.), hatte eine große Kopfballmöglichkeit – und daraus hätte er früher drei Tore gemacht. Aber auch das passte genau zur Saison – ihm gelingt nichts.

Auf eine neue und viiiiiiiiiiieeeeeelllll, viel bessere Saison mit dem HSV!

Wir für euch, ihr für uns.

PS: Morgen wird in Bergedorf gegen 85 gekickt. Anstoß im Stadion „Sander Tannen“ ist um 15 Uhr. Vielleicht reicht es dann ja zu einem Auswärtssieg, es muss ja nicht gleich ein 12:0 wie in Schönkirchen sein.

Guten Abend noch – wir gehen jetzt auf Sendung (mit Matz ab live); mit den Gästen Richard Golz und Bastian Reinhardt.

17.20 Uhr