Tagesarchiv für den 4. Mai 2012

Der letzte Akt – vor der Mitgliederversammlung

4. Mai 2012

Der letzte Akt. Am morgigen Sonnabend in Augsburg werden die letzten Bundesligaminuten der Saison 2011/2012 gegangen. Oder besser: gelaufen. Zumindest versprechen das alle Spieler. „Keiner weiß, was das für ein Spiel wird“, sagt Dennis Diekmeier, „aber wir alle haben das Ziel, dieses Spiel zu gewinnen. Wir wollen diese schwere Saison mit einem Positiverlebnis hinter uns bringen und den Urlaub genießen, damit wir mit viel neuem Elan in die neue Saison starten können.“

So viel zu den Worten. Die sind eine Menge wert, wenn sie sportlich untermauert werden. Für mich in der Tipprunde des Abendblattes wäre ein HSV-Sieg gegenüber meinem direkten Verfolger sogar Bares wert – was im Übrigen auch für den HSV gilt. Denn nachdem es allen – vom Trainer über die Spieler – nach eigenen Aussagen am Allerwertesten vorbeigeht, ob sie nun die statistisch schlechteste Platzierung der HSV-Bundesligageschichte einfahren oder nicht, liefert zumindest der schnöde Mammon einen Teil Restmotivation. „Ich würde mein Geld doch auch nicht einfach so wegschenken, wenn ich jemandem auf der Straße begegne. Ich möchte es mir hart verdienen“, sagt Dennis Aogo, „und das ist unabhängig von der Tabellensituation immer gleich.“

Anders ist die Situation morgen in Augsburg schon allein deshalb, weil der eine oder andere Neue ins Team kommt. Bei einigen darf es als Geste des Trainers verstanden werden. Bei anderen ist es aber auch die letzte Möglichkeit, sich noch mal zu präsentieren. Denn, und das scheint klar, trotz des laufenden Vertrages bis 2014 gilt Robert Tesche, der zusammen mit dem ebenso unter Beobachtung stehenden Per Skjelbred beim FCA die Doppelsechs bilden wird. „Es werden einige spielen, die sich zuletzt ruhig und mannschaftsdienlich verhalten werden. Und auch Robert wird sicher noch mal seine Chance bekommen…“, hatte Fink Anfang der Woche gesagt.

Immerhin 22 Einsätze in dieser, 16 und 11 in den Jahren zuvor weist der Allrounder auf. Überzeigen konnte er maximal vereinzelt. Dabei kann Tesche eigentlich alles. Er ist technisch gut, hat einen sehr guten Schuss, ein ordentliches Kopfballspiel, er ist zweikampfstark und hat ausreichend Tempo. Wie gesagt, Tesche kann eigentlich alles – aber eben nichts davon so gut, dass es ihn kennzeichnet, ihn für den HSV besonders wertvoll macht. Tesche kommt einfach nicht über Hose 14, 15 oder gar 16 hinaus. Er pendelt immer noch zwischen Bank, Ersatz und Teilzeitkraft. Nur Stammspieler ist er eben nicht. Und gerade deshalb habe ich mich – zusammen mit dem fast kompletten Kollegium – sehr darüber gewundert, als der Vertrag mit dem 24-Jährigen vorzeitig bis 2014 verlängert wurde. Damals dachte ich zunächst, es sei notwendig für irgendeine DFB-Voraussetzung (Deutsch-Quote, U23-Quote etc.) – aber ich lag falsch. Es wurde mir gesagt, es sei eine sportliche und perspektivische Entscheidung für Tesche.

Gleiches galt 2011 für Skjelbred. Der Norweger hatte einen guten Auftritt. Gegen Köln traf er die Latte und deutete teilweise an, dass er helfen kann. Anschließend musste sich der sympathische Mittelfeldspieler jedoch seinen Verletzungen beugen und kam auf bislang gerade sieben Spiele, in denen er dreimal ein- und dreimal ausgewechselt wurde. „Es war schwer für mich. Immer wenn ich dachte, jetzt geht was, kam eine Verletzung dazwischen“, so der Rechtsfuß, dem Fink „vorbildliches Verhalten auf und neben dem Platz“ bescheinigt. Fink weiter: „Per muss gegen Augsburg spielen. Er hat es sich absolut verdient. Er hat sich die Chance verdient, sich noch mal zu zeigen.“ Ob es letztlich reicht – bei ihm gleichermaßen wie bei Tesche – werden wir im Laufe der bevorstehenden Transferperiode sehen…

Die wird dann auch endgültig Klarheit im Fall Drobny/Adler bringen. Zuletzt wurden etliche Gerüchte gestreut. Der Aufsichtsrat sollte interveniert haben, Adler soll eine Ausstiegsklausel als Bedingung haben wollen. Selbst ein Umdenken des Vorstandes in Richtung Drobny wurde in den Raum geschmissen – alles falsch. Es ist schlichtweg Drobnys weiterhin ausstehender Wechsel, der alles stocken lässt. Selbst Aussagen wie Finks heute in der „Bild“, man könne auch zwei weitere Jahre mit Drobny spielen, dürfen eher als Kompliment an Drobny oder als Werbung für Drobny empfunden werden. Denn sowohl Fink als auch Arnesen sowie der restliche Vorstand und mindestens zehn der zwölf Kontrolleure rechnen weiter fest mit Adler zur neuen Saison.

Und dagegen gibt es sportlich nichts zu sagen. Adler zählt zum Besten, was der deutsche Torwartmarkt bietet. Und er hat eine große Zukunft vor sich. Einziger Makel sind seine vielen Verletzungen – aber da bewegt sich Adler im Vergleich zu anderen Keepern noch im unteren Bereich. Apropos: Nicht auf dem Platz bewegt hat sich heute David Jarolim. Der Tscheche zählt wegen „leichter Knöchelprobleme“ morgen nicht zum Kader. Eine Verletzung, die nach der Bekanntgabe, dass er nicht spielen würde, schlimmer geworden sein soll. „Jaro will nichts mehr riskieren. Und das ist auch völlig okay so“, sagte Fink heute.

Das bedeutet, der HSV spielt in Augsburg mit Neuhaus, davor die Viererkette Diekmeier, Bruma, Westermann, Aogo. Die Doppelsechs bilden Tesche und Skjelbred, während Sals und Töre die Außen besetzen. Im Angriff werden Berg und Guerrero beginnen.

Ich weiß nicht, ob es die Ankündigung war, dass am 20. Mai die außerordentliche Mitgliederversammlung stattfindet, aber heute befand ich mich gleich zweimal binnen kürzester Zeit in einer Diskussion über die Strukturen des HSV. Einigkeit herrschte dabei in der Frage, ob der Aufsichtsrat zu groß sei und man dem Antrag auf Verkleinerung von 12 auf sieben Kontrolleure folgen sollte: ja! Ohne hier einzelne Kontrolleure anprangern zu wollen, die Tatsache, dass jeder Transfer durch das Gremium abgesegnet werden muss, das sich seit Jahrzehnten durch Uneinigkeit, Grabenkämpfe und falsche Eitelkeit auszeichnet, lässt die Hoffnung auf erfolgreiche Zeiten kaum zu. Man stelle sich mal vor, Frank Arnesen will einen absoluten Kracher verpflichten, sitzt mit dem Spieler und/oder dessen Berater an einem Tisch, um die finale Unterschrift zu bekommen. Plötzlich will dieser 200000 Euro mehr als zuvor besprochen. Im Gesamtpaket wäre das immer noch ein gutes Geschäft für den HSV – und dennoch müsste Arnesen sagen: „Entschuldigt, das müsste zwar klappen. Aber ich kann jetzt nicht zusagen. Das müssen die Aufsichtsräte bei uns erst abnicken.“

Ein Verhandlungsverfahren, das nicht selten dazu führen dürfte, dass sich der entsprechende Spieler, der in der Regel nicht nur beim HSV auf dem Zettel steht, gern mal für einen anderen Klub entscheidet – nur, weil dieser schneller handeln kann.

Bernd Hoffmann versuchte dem entgegenzuwirken, indem er einen Teil der Aufsichtsräte auf seine Seite zog, mit ihnen essen ging und sie für seine Ideen begeisterte. Der ehemalige Klubchef schaffte es und wurde dafür intern als machtgierig kritisiert. Das ging so weit, dass Hoffmann letztlich keinen mehr hatte, der ihm vertrauen wollte. Außer ein paar Kontrolleure. Und musste Hoffmann gehen. Allerdings ging es auch andersrum nicht, wie das Beispiel Beiersdorfer zeigt. Der ehemalige Sportchef war kein Lobbyist, er biederte sich nicht ausreichend bei den Kontrolleuren an, sondern verfolgte den (beim HSV Irr-)Glauben, dass seine erfolgreiche Arbeit die beste Empfehlung sei. Und so scheiterte auch er.

Seither taumelt der HSV. Er fällt zum Glück nicht, aber die letzten Monate und Jahre dürften gezeigt haben, dass strukturelle Veränderungen nötig sind. Auf allen Ebenen, um wettbewerbstauglich zu bleiben. Oder habt Ihr jemals Streitigkeiten des Bayern-Aufsichtsrates mitbekommen? Beim FC Bayern regte sich Widerstand gegen Eintrittspreise – bis Uli Hoeneß einmal mächtig auf den Tisch kloppte. Danach war Ruhe. Weil Hoeneß sich den Ruf erarbeitet hat, mit Herzblut erfolgreiche Arbeit für den FC Bayern zu leisten. Geht es dem FC Bayern schlecht, leidet Hoeneß. Er ist die Identifikationsfigur, die der HSV trotz seiner großen Vergangenheit noch immer nicht gefunden hat. Oder fällt Euch diesbezüglich einer ein, der momentan zum Vorstand oder zum Aufsichtsrat gehört?

Nein. Alle echten HSVer sind weg. Sie äußern sich inzwischen – wie Hrubesch, Kaltz, Seeler etc. – in kritischen Zeiten via Medien zu Wort und beschreiben, wie sehr sie sich sorgen und leiden. Mitmachen will aber keiner. Weil alle wissen, in diesem Konstrukt schnell untergehen zu können. Ein ehemaliger Vorstand beschrieb mir die Situation beim HSV mal wie folgt: „Du wachst morgens auf und hast das Gefühl, Großes leisten zu können. Denn diese Stadt steht hinter dem HSV, der Verein bietet ein Potenzial wie es das vielleicht zwei, dreimal sonst in Deutschland gibt. Und alle, die mit Dir sprechen, beneiden Dich um Deinen Job. Aber sobald Du einen ewig lang vorbereiteten Deal abschließen willst, von dem Du Dir sicher bist, dass er die Türen in eine bessere Zukunft aufstoßen kann, wirst du vor dieselben Probleme gestellt, die da heißen: Strukturen. Und so gehst du abends nach einem langen Arbeitstag ins Bett und hast nichts erreicht, außer Dich mit Personen zu beschäftigen, die für den HSV arbeiten sollen aber letztlich nicht mehr machen, als dir nötige Energien für wichtige Entscheidungen und Veränderungen zu rauben. Und auch wenn Du immer wieder am nächsten Morgen fröhlich aufwachst, Dich über Deinen Job freust und noch so fest daran glaubst, dass jetzt alles besser wird, weil doch schließlich alle das Beste für den HSV wollen – dem ist nicht so. Hier schlägt die Eitelkeit den Verstand.“

Worte, die hoffentlich bald nicht mehr gelten. Doch dafür muss sich der Klub auf Führungsebene verschlanken, um Entscheidungsprozesse zu optimieren und den HSV wettbewerbsfähiger zu machen. Optimal wäre es, wenn der HSV auf dieser Ebene Leute findet, denen man das Herzblut für „ihren“ HSV abnimmt. Eben so, wie man es einem Uli Hoeneß abnimmt. Noch haben wir den nicht, aber wir brauchen mindestens einen wie ihn. Ich glaube auch nicht, dass es den nicht gibt. Immerhin: Wer hatte vor der Inthronisierung Beiersdorfers gedacht, dass dieser mal (natürlich ist an dieser Stelle die anfänglich exzellente Zusammenarbeit mit Hoffmann anzuführen) einen so guten Job machen würde? Nein, der Aufsichtsrat sollte sich zum Ziel setzen, nur noch bei der Besetzung des Vorstandes in Erscheinung zu treten und ansonsten konstruktiv im Hintergrund zu arbeiten. Ansonsten sollten sie ihrer eigenen Entscheidung vertrauen und den jeweiligen Vorstand arbeiten lassen. Gleiches gilt für die Fans, insbesondere die Supporters, die Gefahr laufen, dass ihr anfänglich gesundes Misstrauen zur Dauer-Opposition auswächst und so zum zweiten Hindernis für den Vorstand und somit zur gesamten Entwicklung des Vereins wird.

In diesem Sinne, wer könnte unser Hoeneß werden? Wer hat die nötige emotionale Verbindung zum HSV und das nötige Knowhow, einen der traditionsreichsten vereine Deutschlands zu führen? Das sind die ersten Fragen, denen sich der HSV-Aufsichtsrat widmen sollte.

Bis morgen, nach dem Sieg in Augsburg. Dann wieder mit einem Matz-Ab-Live aus dem Schweizer Haus in Niendorf. Gäste sind diesmal Bastian Reinhardt und Richard Golz. Ich freue mich darauf!

Scholle