Tagesarchiv für den 3. Mai 2012

Neuhaus bleibt wohl, Drobny geht nicht zu Bayern – und Adler muss weiter warten

3. Mai 2012

Wahnsinn! Das konnte man als Quasi-Fan-Anleihe sehen. Denn das Interesse am HSV ist ungebrochen. Gute 100 Meter standen die HSV-Fans heute zum Schnäppchenmarkt in Doppelreihen an. Und es hörte gar nicht auf. Ständig fuhren Autos vom Parkplatz weiß (hinter der Haupttribüne) – aber für jedes abfahrende Auto kamen zwei neue. Der Mann mit der Lostrommel (Stückpreis 50 Cent – ich habe für zehn Euro eingekauft und ein altes Westermann-Trikot in rot, ein weißes für den Lütten sowie eine Schirmmütze und ein HSV-Fan-Set gewonnen) kam den Kaufwünschen kaum nach. Ebenso die Schnäppchen-Verkäufer, die heute und am Freitag vor der Bus-Einfahrt verkauften. Der HSV zieht eben noch…

Anders ist es da mit dem Spiel in Augsburg. Das scheint niemanden mehr so wirklich zu interessieren, nachdem es für beide Teams maximal darum geht, wer am Ende vor dem anderen steht. Ausgenommen hiervon ist allerdings Sven Neuhaus. Der Keeper feiert erst sein drittes Bundesligaspiel und trifft dabei auf seinen Ex-Klub. Übrigens, und das wusste ich bis dato selbst nicht, schied Neuhaus vor drei Jahren nicht wirklich im Netten beim FCA aus. Vielmehr war es die Möglichkeit, Simon Jentzsch zu verpflichten, die den damaligen und heutigen Trainer Jos Luhukay dazu brachte, sich im Sommer spontan gegen Neuhaus und für den damaligen Bundesligakeeper zu entscheiden. Schön sei es nicht gewesen, bemühte sich Neuhaus heute erfolgreich um Fassung, „allerdings ist Augsburg aufgestiegen und hat somit nicht allzu viel falsch gemacht. So funktioniert es eben im Leben – wenn ein Guter angeboten wird, muss ein anderer gehen. Das war damals in Augsburg so. Und das kann dieses Jahr hier so sein.“ Womit Neuhaus die Personalie Jaroslav Drobny anspricht, der zwar noch einen Vertrag hat, dem aber ein Wechsel nahegelegt wird, weil der Verein die Möglichkeit hat, René Adler zu verpflichten. Klar ist aber auch, dass es nicht das Duo Drobny/Adler in Hamburg geben wird.

Vielmehr kann es nur eine Nummer eins geben. Und die wird nicht Neuhaus heißen, obwohl der 34-Jährige dem HSV erhalten bleibt. „Ich hatte noch vor meine Spielen im März ein längeres, sehr gutes Gespräch mit dem Trainer. Und Thorsten Fink hat mir gesagt, das er sehr gern mit mir arbeitet und das auch gern weiter machen würde“, so Neuhaus glücklich. Immerhin strebt auch der zweifache Familienvater ein weiteres Jahr in Hamburg an. Zumal er sich in die Stadt verliebt hat: „Hamburg ist eigentlich viel zu teuer, das kann ich mir gar nicht leisten“, scherzt Neuhaus, und er fügt hinzu: „Hamburg ist der Wahnsinn. Dazu der Verein, die Fans und die super Trainingsbedingungen. Ich würde sehr gern bleiben.“

Und das auch als Nummer drei. Obwohl er dieses Jahr noch mal Lunte riechen durfte. „Ich hatte anfänglich echte Bedenken, was passieren würde, wenn ich wirklich spielen müsste. Ich war so lange raus und hatte ernsthafte Bedenken, dass ich die Abläufe nicht mehr richtig drauf habe. Aber alle Bedenken waren in Nürnberg nach 60 Sekunden passé. Da habe ich den Schalter umgelegt, ohne es zu merken. Plötzlich ging es, als wäre ich nie raus gewesen.“ Dabei hatte er gegen Kopenhagen im Winter beim Testkick echte Probleme. Mit den Händen und den Füßen klappte nicht wirklich viel. „Das war hart damals“, erinnert sich Neuhaus, für den Trainer Thorsten Fink in meinen Augen die perfekte Benotung fand: „Er gefällt mir in den Spielen deutlich besser als im Training.“ Denn bei Letztgenanntem wusste Neuhaus – das hatten Dieter, ich und auch etliche Trainingskiebitze so geschrieben – nicht wirklich z überzeugen. „Ich habe keine Ahnung, warum das so ist“, lacht Neuhaus, „aber wahrscheinlich hat er recht.“

Neuhaus ist ein intelligenter Typ, der sich gut zu verkaufen weiß. Das wiederum spiegelt sich in seiner Vita bei 153 Zweitliga- und bislang erst zwei Erstligaspielen nicht zwingend wieder. Dennoch, Neuhaus kann gut mit Worten. Er ist ein smarter, sehr sympathischer und bodenständiger Typ. Einer, der immer für einen Scherz zu haben ist. Aber eben keiner, der spinnt. Auch deshalb setzen Fink und Sportchef Frank Arnesen auf den (mit rund 100000 Euro per annum vergleichsweise) Geringverdiener beim HSV. Ob sich Neuhaus nicht zu schade ist, von vornherein als Nummer drei ins Rennen zu gehen? „Nein“, so der solide Familienvater kalkulierend, „ich hatte eigentlich einen Fünfjahresvertrag gefordert, komme aber auch mit einem Jahr klar.“ So müsse er nicht umziehen und sich irgendeinem zweitklassigen Verein anschließen. „ich will helfen. Und wenn die beiden Keeper beim HSV am Saisonende besser geworden sind und ich dabei helfen konnte, bin ich zufrieden. Auch wenn mir der eigentliche Lohn, also das Klatschen der Fans im Stadion, fehlen wird, ich werde den Posten ausfüllen, der dem HSV fehlt.“

Neuhaus ist ein Teamplayer. Das muss er auch sein, kann man jetzt sagen. Aber er ist es aus Überzeugung. Was auf den ersten Blick wirkt, als sei er nicht ehrgeizig genug, entpuppt sich letztlich als überaus selbstkritische und realistische Selbsteinschätzung. Neuhaus weiß, dass nicht mehr viel auf ihn wartet, dass sich seine fußballerische Karriere dem Ende entgegenneigt. Und er fühlt sich wohl beim HSV, dem er in den letzten beiden Spielen in einer eminent wichtigen Phase zudem großartig helfen konnte. „Ich wurde zehn Jahre lang gefragt, was ich im jeweils nächsten Jahr machen würde. Ich habe immer geantwortet – und doch kam es immer wieder anders. Deshalb lasse ich es jetzt. Ich fühle mich wohl. Und es kommt eh immer, wie es kommt.“ Allerdings, und das wollte er unbedingt noch klarstellen, das Saisonfinale wird gewonnen. „Ich hoffe auf viele Tore – und das ich zu null spiele.“

Klingt gut.

Nicht dabei sein wird Drobny, der heute wieder nur zur Pflege kam, und dem verschiedene Angebote vorliegen sollen. Allerdings scheint der FC Bayern nicht mehr ganz oben auf der Liste zu stehen, oder besser: Drobny nicht mehr auf der Bayern-Liste ganz oben. Der Champions-League-Finalist soll sich anderweitig erkundigt haben. Nach Tim Wieses Wechsel gen Hoffenheim der ehemalige HSV- und aktuelle TSG-Keeper Tom Starke beim Rekordmeister hoch im Kurs.

Für Neuhaus eine gute Nachricht, denn er zählt Drobny zum Besten, was er kennengelernt hat in seiner Karriere. „Drobny ist ein Torwart, wie ich ihn noch nie erlebt habe“, lobt Neuhaus, „der gibt in jedem Training 100 Prozent und ist am Sonnabend trotzdem fit. Normalerweise schonen sich Torhüter ab Donnerstag immer ein wenig, springen nicht mehr nach jedem Ball, um so am Sonnabend pünktlich topfit zu sein. Nicht so Drobny. Der hat sich nie geschont.“

Gleiches gilt für David Jarolim, der heute aussetzte und mit Markus Günther sowie Ivo Ilicevic (Fink: „Bei Ivo sieht es eher nicht so aus, als könnte es bis Augsburg klappen“) nur laufen ging. Marcell Jansen (Infekt) wirkte nach einem Tag Pause wieder voll im Mannschaftstraining mit und wird gegen Augsburg spielen können. Auch Gojko Kacar („Es tut noch ein wenig weh“) wurde im Trainingszentrum gepflegt.

Letztlich war es ein schöner Tag mit einem tollen Finish. Denn in diesem Jahr findet der Liga-Total-Cup in Hamburg statt. Am 4. Und 5. August messen sich in der Imtech-Arena Meister Borussia Dortmund, der (aus deutscher Sicht hoffentlich)kommende Champions-League-Sieger Bayern München, Werder Bremen und der HSV. Attraktivere Gegner gehen nicht. Dafür kassiert der HSV neben den möglichen Siegprämien bis zu 1,2 Millionen Euro auch eine Ausrichterpauschale von rund 500000 Euro. Gelder, die sehr gelegen kommen.

Apropos Gelder, auch die Aktion Fan-Anleihe zieht mächtig an. Im HSV-Vorstand sowie im Aufsichtsrat fand die von Supporters-Boss Ralf Bednarek geäußerte Idee breite Zustimmung. Gut möglich, dass schon in den nächsten Tagen eine Umsetzung geprüft wird.

In diesem Sinne, im festen Glauben daran, dass der HSV in Augsburg nicht verliert und somit die schlechteste Platzierung der Bundesligageschichte (1972/73 waren Kaltz, Nogly und Co. mal 14.) vermeiden kann,

bis morgen!

Scholle

P.S.: Das eigentlich als „nicht öffentlich“ gekennzeichnete Freitagstraining findet nun doch für alle zugänglich um 11 Uhr an der Imtech-Arena statt.