Tagesarchiv für den 1. Mai 2012

Arnesen blickt zurück – und nach vorn

1. Mai 2012

Saisonausklang in Hamburg. Die Rettung ist geschafft, ein Bundesliga-Spiel steht noch auf dem Programm, dann steht schon fast der Urlaub (und die EM) vor der Tür. Das war an diesem 1. Mai deutlich zu spüren. Die morgige Trainingseinheit war eigentlich nur eine Autogrammstunde mit Ball. Größtenteils wurde in drei Stationen das berühmte „Sechs-gegen-zwei“ gespielt. Danach warteten die etwa 300 Fans darauf, dass die Spieler für Fotos posierten und Autogramme gaben. Ich behaupte einmal, dass dabei alle auf ihren Kosten gekommen sind. Die letzten drei Profis, die schrieben, schrieben, schrieben und lächelten, die hießen Mladen Petric, Dennis Aogo und Paolo Guerrero. Unermüdlich – Kompliment! Und womit die HSV-Spieler am Morgen begannen, so hörten sie auch abends wieder auf. Nach dem 12:0-Sieg in Schönkirchen schrieb sich auch die „zweite Garnitur“ ihre Finger wund. Das war Werbung pur für den HSV. Auch dafür muss ich mal ein Lob aussprechen. Es wurde wieder geschrieben bis zum Abwinken. Autogramme, Autogramme, Autogramme. Und, um noch kurz einmal auf die zuvor abgelaufenen 90 Minuten zu kommen: Natürlich möchte ich diesen Kick nicht überbewerten, ganz sicher nicht, es ging schließlich gegen einen Klub aus der sechsten Liga, aber die Art und Weise, wie der HSV spielte und siegte, das gefiel mir, das war absolut okay. Ich hatte das Gefühl, dass den Spielern endlich einmal wieder wichtig war, Fußball zu spielen, zu zaubern – einfach nur mal wieder Spaß zu haben. Und das ist allen wirklich sehr, sehr gut gelungen. Wie gesagt, beste Eigenwerbung war das!

Morgens hatte bereits Frank Arnesen mit für ihn typischen – weil optimistischen – Sätzen Einblicke in seine nun beginnende harte Arbeit gewährt. „Franks Bastelstunde“ hat begonnen. Der Sportchef muss nun in den nächsten Wochen und Monaten den neuen HSV auf die Beine stellen. Und er muss dabei, wie die Spieler in Schönkirchen, ganz sicher auch wieder ein wenig zaubern können. Aber, so stellt es sich für mich dar, Arnesen will es nicht nur anpacken, er hat ganz offensichtlich auch Spaß an diesen Aufgaben. Vielleicht auch deshalb, weil er nun gemeinsam mit „seinem“ Trainer Thorsten Fink einen Plan entwickelt und in der Tasche hat, wie der diesen desolaten HSV wieder flott machen kann – und wird. Es gibt diesen Chef-Plan, das ist sicher, das erkennt man ja schon daran, dass mit Mladen Petric und David Jarolim zwei gestandene Spieler gehen müssen, die jahrelang zum Stammpersonal des HSV gehörten. Die aber nun – ganz offensichtlich – nicht mehr damit beauftragt wurden, eine neue Hamburger Spielweise zu kreieren. Vielleicht, so stelle ich mir das mal laienhaft vor, geht es in Zukunft alles einen Gang (oder gleich mehrere Gänge) schneller in Richtung Tor des Gegners. Wie gesagt, die Pläne dazu hat Arnesen in der Tasche, nun muss er diese Vorhaben nur noch in die Tat umsetzen. Soll heißen: das geeignete Personal für den künftig schnelleren HSV zu finden, die entsprechenden Goldfische an Land zu ziehen und dort dann langfristig unter Vertrag zu nehmen.

Das fängt bei der Nummer eins an. Rene Adler. Soll ja kommen. Aber kommt er wirklich? Original-Kommentar Arnesen: „Ich weiß es nicht.“ Das klang am Sonnabend noch viel optimistischer. Nach dem 0:0 gegen Mainz hatte der Sportchef noch gemutmaßt, dass es eventuell schon in dieser Woche einen Vollzug mit dem Adler zu vermelden geben könnte. Und nun „ich weiß es nicht“. Oder ist Frank Arnesen einfach nur etwas vorsichtiger geworden? So wie sein Trainer?

Wird Thorsten Fink gefragt, wie es um den oder den anderen neuen Spieler für den HSV steht, dann sagt der Coach immer nur: Ich rede nur über Spieler, die beim HSV auch unter Vertrag stehen.“ Gut so. Arnesen drückte sich heute so ähnlich aus: „Ich will alles geklärt und unterschrieben haben, erst dann möchte ich darüber sprechen.“ Na bitte, es geht doch!

Auf die Frage, ob sich der HSV neben einem Rene Adler auch noch einen Jaroslav Drobny (noch ein Jahr Vertrag) wird leisten können, antwortete Frank Arnesen wie meistens ganz ehrlich: „Der HSV hatte vor einer Saison mit Frank Rost und Drobny ebenfalls zwei erstklassige Torhüter unter Vertrag. Den Trainer freut es, wenn er zwei so starke Keeper hat. Und zu den Finanzen: „Ist das finanziell eine gute Situation? Nein, wahrscheinlich nicht. Ist das aber eine finanziell unmögliche Situation? Nein, das ist sie auch nicht. Weil es hier ja nur um ein Jahr geht. Wir müssen abwarten, bis wir alles mit beiden Torhütern geklärt haben.“

Die Sommerpause wird, nicht nur wegen der EM, noch eine spannende Angelegenheit. – aus HSV-Sicht. Und dabei steht nicht nur die Frage, wer als Verstärkung kommen wird, im Mittelpunkt, sondern auch die Problematik, wer gehen wird. Wer gehen muss, wer gehen will. Auch in dieser Beziehung gibt es einen Generalstabsplan, abgesegnet von den Herren Fink und Arnesen. Letzterer sagte: „Es gibt sicher auch Kandidaten, die den HSV deswegen verlassen wollen, weil sie nicht genügend gespielt haben. Das gibt es nach jeder Saison. Und wir müssen in den nächsten Monaten sehen, wie wir das abarbeiten werden. Wir wissen aber, wen wir wollen – nur wissen wir vielleicht noch nicht, was der eine oder andere Spieler von uns will.“ Wobei der Sportchef allgemein mit deutlich abnehmenden Tendenzen auf dem Transfermarkt rechnet. Stichwort weltweite Finanzkrise. Arnesen: „Spanien, Italien, Frankreich – alle diese Länder werden Probleme haben, und dadurch wird der An-und-Verkauf-Markt in diesem Jahr sicherlich kleiner werden.“

Und zu diesem Thema hatte Thorsten Fink ja bereits am Wochenende gesagt: „Wir werden sicherlich keine tausend Spieler holen. Wir verstärken uns gezielt.“ Wobei spannend bleiben wird, welche und wie viele Spieler von sich aus noch gehen wollen. „Bis 31. August ist der Markt offen, und in dieser Zeit kann es natürlich auch sein, dass Spieler von uns Angebote von anderen Vereinen bekommen können. Wir wollen zwar nicht wieder so viele Neuzugänge wie im vergangenen Jahr, aber die Transferfenster sind ja immer sehr lange geöffnet – da ist immer vieles möglich“, sagt Frank Arnesen. Ohne Kommentar steht dabei ein Transfer an erster Stelle, den bis vor einer Woche noch niemand (in Deutschland) für möglich halten konnte: Markus Marin zum FC Chelsea. Unfassbar für mich, aber auch Real Madrid hat ja mit Khedira und Özil schon beste oder gute Erfahrungen mit deutschen Spielern gemacht. Unmöglich ist auch auf diesem Markt ganz offenbar nichts.

Allerdings: Welcher HSV-Spieler könnte nach dieser miserablen Saison noch das Interesse anderer Verein geweckt haben? Ich sehe eigentlich niemanden. Mit Abstrichen vielleicht Dennis Aogo, der auf dem Weg ist, eine herausragende Führungspersönlichkeit des HSV zu werden. Vielleicht auch noch Tomas Rincon, der ja mit seinen 24 Jahren noch ein sehr junger Spieler ist, der sich in den Jahren in Hamburg aber schon als sehr lernfähig erwiesen hat.

In den Augen von Frank Arnesen haben sich aber einige Hamburger Spieler in dieser Saison weiterentwickelt: „Jeffrey Bruma hat gut angefangen, Dennis Diekmeier ebenfalls, Dennis Aogo hat sich sehr gut gemacht, nicht nur auf dem Platz, auch in der Kabine – das ist sehr wichtig. Michael Mancienne weiß nun auch, was Bundesliga ist, als er beim HSV begann, da hatte er keine Ahnung von der Bundesliga. Jetzt aber ist er voll da, er hat zuletzt hervorragend gespielt. Wie Bruma auch. Allgemein ist unsere Verteidigung viel stärker geworden, viel konstanter – bis auf das Hoffenheim-Spiel, wo wir alle schlecht ausgesehen haben. Ich auch. Die letzten zwei Monate waren aber sehr gut.“

Im Mittelfeld bescheinigt Frank Arnesen erstens Tomas Rincon einen guten Sprung nach vorn, dazu Heung-Min Son. „Son ist ein vernünftiger und schlauer Junge. Es hat ein halbes Jahr gedauert, ehe er wieder nach oben gekommen ist, aber jetzt hat man gesehen, dass er wieder seine alte Stärke zurück hat. Ich habe einen Son gesehen, der wieder an seine Stärke, die er einst schon hatte, angeknüpft hat. Er war untergegangen, aber jetzt ist er wieder oben – und so etwas will ich sehen, er hat das sehr gut gemacht.“

Letzter HSV-Spieler in dieser Reihe ist Jacopo Sala. Arnesen: „Er hatte kein schönes erstes Jahr, da war er nur verletzt. Dann aber war plötzlich da, und es war schon überraschend, dass er so viele Spielminuten bekommen hat – und dass er so gute Spiele gezeigt hat.“ Arnesen fasste zusammen: „Es gibt schon einige Spieler bei uns, die durch den harten Abstiegskampf gelernt und weitergekommen sind. Deswegen denke ich auch realistisch, dass wir in der nächsten Saison mit diesen Spielern weiter nach oben kommen werden – es wäre für mich nur normal.“

Und für mich bleibt es nur zu hoffen – dass es so kommt.
Aber warum soll es eigentlich nicht so kommen? Lassen wir uns doch alle mal überraschen. Und indem ich das schreibe, geht mir, warum auch immer, der Name Sala durch den Kopf. Den habe ich heute so gut Fußball spielen sehen wie noch nie in einem Bundesligaspiel. Der Mann hat Talent, das wusste ich, aber dieses Talent wird er vielleicht dann noch mehr entwickeln können, wenn er ohne den ganz großen (Abstiegs-)Druck aufspielen kann. Heute war das schon mal ganz locker-flockig, er zeigte (mir), was er alles mit der Kugeln anzufangen versteht, wenn man mit Spaß spielen kann und auch will. Mir macht das Mut – auch wenn mich nun schon wieder viele nach einem lächerlichen 12:0 über einen Sechstliga-Klub nur milde belächeln werden.
Lächelt ruhig. Ich sage nur: abwarten.

Wobei ich zum Abschluss des Abends, ich kann es ja nicht lassen, ich muss die Finger in die Wunde legen, gerne an dieser Stelle noch einmal allen Experten danken möchte, die einst Piotr Trochowski, unseren (meinen) kleinen Dribbelkünstler, hier im Volkspark vom Hof jagten. Ihr, die das veranlasst habt, ihr habt richtig daran getan, das sehe ich jetzt auch ein, denn: Wäre Trochowski jetzt noch beim HSV gewesen, dann wäre der HSV bestimmt, nein, ganz sicher abgestiegen. Gegen diese ganz „Kringel-lingel-lei“ wäre ja kein Mensch mehr angekommen. Erst der kleine Dribbelkünstler als „Kringeldreher“, dazu auch noch David Jarolim – nein, das hätte garantiert keiner überlebt, erst recht nicht der Dino, unser Dino. Deswegen war es schon klug, erst den einen, nun den anderen vor die Tür setzen zu lassen. Nach Trochowskis Aus wurde es, wir haben es alle eindrucksvoll erlebt, erleben müssen, ja schon deutlich besser (weil krass weniger „Kringel-linge-lei“), und nach „Jaros“ Aus wird es ganz sicher noch einmal viel besser werden. Muss ganz einfach so sein.

In diesem Sinne: nur der HSV!
Wir für euch, ihr für uns.

Guten Abend.

PS; Am Dienstag wird im Volkspark um 10 Uhr geübt.

20.57 Uhr

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