Monatsarchiv für April 2012

Muskelbündelriss – Jaroslav “Dr. Schmerz” Drobny muss passen

27. April 2012

Oha, ich glaube, das fand er nicht so wirklich lustig. „Passend wäre, wenn Du Dich mit einem Linkshammer aus 20 Metern in den Knick verabschieden würdest“, habe ich David Jarolim heute in seiner vielleicht letzten Presserunde als HSV-Profi geflachst. Es war als Scherz gemeint, immerhin sind gefährliche Fernschüsse wahrscheinlich das, was am untypischsten für den ansonsten rundum vorbildlichen Tschechen ist. Und entsprechend verkniff er sich auch eine direkte Antwort und einer meiner Kollegen übernahm das Wort.

Und auch wenn absolut klar ist, dass Jaro wegen so eines Scherzes niemals wirklich böse ist, der 32-Jährige offenbarte heute die etwas andere Seite an ihm. Der harte Kämpfer zeigte seine sensible Seite. „Ich weiß noch nicht, wie es morgen wird“, so der Mittelfeldspieler, der gegen den FSV Mainz nach neun Jahren mit seinem 257. Bundesligaspiel für den HSV seinen (vorläufigen) Abschied aus Hamburg feiert. „Ich denke einfach möglichst wenig darüber nach“, sagt Jarolim, der sichtbar traurig ist. „Bis letzte Woche hatte ich noch gehofft, dass ich vielleicht doch hier bleibe. Schon deshalb habe ich mir nicht zu viele Gedanken gemacht. Und auch jetzt passt das nicht. Dafür ist das Spiel zu wichtig. Ich glaube ehrlich gesagt, dass das alles erst nach der Saison richtig kommt.“ Und selbst wenn es ihn morgen doch übermannt, Jaro ist vorbereitet. „Ich weiß nicht, ob Tränen fließen. Ich werde auch keine Zwiebel in der Tasche haben oder so. Aber es ist auch keine Schande, dafür muss man sich nicht schämen.“ Recht hat er.

Mit Jaro geht einer der letzten Spieler der so oft zitierten und herbeigewünschten alten Garde. „Einer der letzten“, weil mit Heiko Westermann mindestens noch einer bleibt und der Abgang des vielleicht härtesten HSV-Profis noch immer nicht hundertprozentig ist: der von Jaroslav Drobny. Der Keeper trainierte heute auch anfänglich mit. Trotz seiner anhaltenden Hüftbeschwerden. „Drobo ist der Typ Fußballer, den ich mag, mit dem ich mich identifizieren kann“, lobt Jarolim seinen Landsmann und HSV-Keeper, „vor ihm ziehe ich meinen Hut. Er ist vorbildlich, will immer helfen und hat Charakter. Davon gibt es zwar einige, aber viele im Profifußball heute haben eben jene Eigenschaften nicht mehr.“

Trotzdem musste auch heute „Dr. Schmerz“ seinem Körper Tribut zollen und aufgeben. Nach einem kurzen Warmmachprogramm brach Drobny ab. Und bei der Frage nach dem Warum blieb einiges offen. Denn Drobny ist richtig kaputt. Ein Muskelbündelriss wird den Tschechen diese Saison nicht mehr auflaufen lassen. Offen blieb dabei, ob sich Drobny diese Verletzung ob seines übermäßigen Trainingsehrgeizes zusätzlich zur Prellung zugezogen hat oder schon im Spiel gegen Nürnberg derart verletzt war. Klar ist indes, dass Sven Neuhaus gegen Mainz ran muss und darf. Hinter ihm rückt Youngster Florian Stritzl als Ersatztorwart in den Kader.

Dennoch könnte die Partie gegen Mainz zur letzten Etappe werden. Zur letzten Etappe im doppelten Sinn, denn zum einen kann der Klassenerhalt endgültig klargemacht werden, zum anderen ist es das letzte Heimspiel für Jarolim, Petric und aller Voraussicht nach auch Neuhaus. Zuletzt wurde zudem darüber gemunkelt, ob auch Tesche im Sommer vorzeitig gehen muss. „Ich will doch hoffen, dass es für diese Saison das letzte Heimspiel ist“, sagt Jarolim. Denn sollte es das nicht sein, würde das zwangsläufig bedeuten, der HSV müsste zur Relegation antreten. Jaro: „nee, echt nicht. Die brauchen wir hier nicht.“

Stimmt. Ich auch nicht. Ihr wahrscheinlich genauso wenig. Allerdings braucht Jaro auch in Zukunft seine Dosis Hamburg. Was ihm am meisten fehlen wird? „Das kann ich nicht festmachen. Es gibt nicht nur eine Sache. Ich bin jetzt seit neun Jahren hier, Hamburg ist mehr als ein Job. Das hier ist mein Zuhause, der HSV ist mein Leben. Es wird verdammt schwer für mich, woanders wieder neu anzufangen. Wobei das nicht zwingend sein muss. Denn, so war zu hören, auch der 1. FC Nürnberg, bei dem Jaro vor dem HSV spielte, soll sich nach dem HSV-Tschechen informiert haben. „Ich weiß es noch nicht“, so Jaro, der allerdings ein mögliches Engagement in Katar ausschließt. „Das geht nicht, ich brauche noch die Herausforderung. Und die bekommt man am besten in der Bundesliga.“ Gut möglich also, dass Jaro zur neuen Saison in der Imtech-Arena zum Auswärtsspiel antritt? Jarolim: „Das ist gut möglich.“ Ausgeschlossen seien nur Wechsel zum FC St. Pauli und natürlich Werder Bremen. „Wahrscheinlich wollen die mich gar nicht. Aber auch, weil die wissen dürften, dass das gar nicht geht, dass eine Anfrage sinnlos wäre…“

Irgendwann, frühestens in zwei Jahren, will Jarolim nach Hamburg zurückkehren. „Wir werden unsere Wohnung hier nicht aufgeben. Hamburg ist unser Lebensmittelpunkt und bleibt das auch. Wir haben hier in den Jahren so viele Leute kennengelernt, so viele Freunde gefunden – das bleibt immer unsere Anlaufstelle, egal wo auf der Welt wir gerade sind. Hier geht zwar jetzt eine Etappe als Fußballprofi für mich zuende, aber vielleicht folgt ja hier irgendwann die erste Etappe als knallharter Trainer“, flachst Jarolim, dem der HSV die Option eröffnet, nach der Karriere als Trainer für seinen Klub zu arbeiten. „Ich würde diese Option sehr gern nutzen“, freut sich Jarolim und wagt einen Ausblick auf einen Zeitpunkt, den er gern so weit wie möglich hinauszögern würde.

Gegen Mainz wird er sich dennoch verabschieden. Von voraussichtlich 57000 HSV-Fans in der jetzt schon fast ausverkauften Imtech-Arena. „Hoffentlich nicht mit der Zehnten Gelben“, scherzt Jarolim, der bei der nächsten Verwarnung tatsächlich pausieren müsste. Nach dem Spiel sollen er, Petric und auch Romeo Castelen offiziell verabschiedet werden.

Aber die Partie gegen Mainz bietet auch schöne Wiedersehen. So ist Dennis Diekmeier wieder dabei, wird allerdings seinem Vertreter Jeffrey Bruma vorerst noch den Vortritt lassen müssen. Direkt wieder in die Startelf rückt indes Paolo Guerrero. Ebenso wie Mladen Petric. Rechts spielt Heung Min Son, links soll Marcell Jansen für offensiven Schwung sorgen, während Jaro zusammen mit Tomas Rincon die Mittelfeldzentrale zumachen soll. Die Viererkette bleibt unverändert und auch Neuhaus darf nach seiner Bundesliga-Premiere mit 34 Jahren am vergangenen Wochenende in Nürnberg auch seine Heimpremiere für den HSV feiern. Neben Drobny fallen auch Ivo Ilicevic (Adduktoren) und weiterhin Slobodan Rajkovic (Innenbandzerrung) sowie natürlich Gojko Kacar (Knöchelbruch) aus.

Aber egal wer morgen aufläuft, wer Premiere feiert oder gar verabschiedet wird, vorher geht es um die Erstliga-Existenz. Was ich damit sagen will: wir, also eindeutig auch ich, haben uns in dieser Woche ob der vermeintlich sicheren fünf Punkte Vorsprung viel mit Dingen beschäftigt, die nichts direkt mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Dennoch wird es in den 90 Minuten gegen Mainz nur darum gehen. Oder besser: es darf nur darum gehen. Es wurde – mal wieder – genug gesabbelt, jetzt müssen – mal wieder – Taten folgen.

In diesem Sinne, ich schließe den Blog heute mit Jaros Worten, die sehr passend sind: „Erst steht die Pflicht an. Und bevor wir nicht unsere Pflicht erfüllt und endgültig die Klasse gerettet haben, gibt es kein anderes Thema. Für niemanden bei uns.“

Bis morgen,
Scholle

Aufstellungen:

HSV: Neuhaus – Bruma, Mancienne, Westermann, Aogo – Jarolim, Rincon – Son, Jansen – Petric, Guerrero.
Bank: Stritzl (Tor), Diekmeier, Arslan, Sala, Tesche, Töre, Berg
1. FSV Mainz 05: Wetklo – Pospech, Kirchhoff, Noveski, Bungert – M. Caligiuri, Polanski, Soto – N. Müller, Choupo-Moting – Szalai.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf)
Assistenten: Frank Willenborg (Osnabrück) und Christoph Bornhorst (Damme)
Vierter Offizieller: Martin Petersen (Stuttgart

Petric und Guerrero stürmen von Beginn an

26. April 2012

Ehre, wem Ehre gebührt. Und deshalb habe ich am Textende – das nur als Warnung für all diejenigen unter uns, die nichts über einen anderen Verein lesen wollen – noch ein paar Worte über den FC Bayern verloren. Denn das, was der Deutsche Rekordmeistern gestern in Madrid abgeliefert hat, war schon höchste Fußballkunst.

Aber zurück zum hiesigen Treiben. Und auch hier gibt es genügend Ehre. Gerade im Spiel gegen den FSV Mainz wird es um die Ehre des gesamten Vereines gehen. Immerhin fehlen noch zwei Punkte, um endgültig gesichert zu sein. Zudem werden in dem so wichtigen letzten Heimspiel der Saison wichtige Spieler verabschiedet. „Abhängig von der Stimmungslage sind die Verabschiedungen der ausscheidenden Spieler nach Schlusspfiff vorgesehen“, hatte Mediendirektor Jörn Wolf heute klargestellt – und mich damit beruhigt. Denn die zunächst im Raum stehende Planung, auf eine Verabschiedung verzichten zu wollen bis man gesichert ist und diese dann später nachzuholen, wäre daneben gewesen.

Aber gut, Mladen Petric und David Jarolim werden also doch verabschiedet. Gut so! Denn zwei Ären gehen da an einem Tag dem Ende entgegen. „Davon kann man bei beiden sprechen“, so Trainer Thorsten Fink, der seine beiden Protagonisten zunächst lobte, um anschließend klarzustellen, dass auch beide von Beginn an gegen Mainz dabei sein werden. Bei Jarolim war das keine große Überraschung – bei Petric allerdings nicht ganz sicher, nachdem sich Fink zunächst auf einen Einsatz von Guerrero nach dessen acht Wochen Pause festgelegt hatte. „Paolo ist unser Stürmer Nummer eins“, so Fink, „er wird von Beginn an spielen.“ Und da Ivo Ilicevic aller Voraussicht nach mit Adduktorenproblemen wieder ausfallen wird, verschob Fink kurzerhand den zuletzt treffsicheren Heung Min Son auf die rechte Außenbahn, übte das gestern wie heute im Training, wodurch Platz im Angriff für Mladen Petric ist, nachdem Marcus Berg auf die Bank rotiert.

Damit steht wieder der nominelle A-Sturm bereit. „Mladen passt perfekt zu Paolo“, sagt Fink, der die Nominierung des Kroaten auch sportlich untermauert. „Mladen hat gegen Leverkusen gut gespielt, anschließend habe ich ihn geschont und gegen Nürnberg aus taktischen Gründen draußen gelassen“, erklärt der HSV-Trainer, der von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt scheint. Zudem ermöglicht er Petric damit einen gebührenden Abschied. „Mladen hat viele Tore für den HSV gemacht. Und er hat bis zum Schluss alles für den Klub gegeben, hat nicht auf sich geschaut, sondern taktisch hervorragend mitgezogen. Und er ist ausgeruht und fit.“

Stimmt. Zumindest sagt das auch Petric über sich. Und er wirkt motiviert. „Ich habe hier vier sehr schöne Jahre mit sehr vielen, sehr schönen Erlebnissen gehabt“, so Petric, der insbesondere die Europa-League-Saison mit dem bitteren Aus gegen Fulham als markant betrachtet. „Damals haben wir auf dem Weg ins Halbfinale viele tolle Fights und sehr emotionale Spiele gehabt. Ich erinnere mich sehr gern daran – vor allem an die Feiern in den Kabinen nach den Spielen“, so der Linksfuß, der sich nach eigenen Angaben noch nicht festgelegt hat, wohin es zur neuen Saison geht. „Es sind verschiedene Länder möglich. Spanien, England, Italien oder auch Amerika, was mich reizt. Allerdings bin ich erst 31 Jahre alt und will noch ein paar Jahre spielen.“ Daher sei auch ein Engagement in der Bundesliga nicht ausgeschlossen. „Ich kann es wirklich noch nicht sagen. Aber ich werde mich mit meiner Frau beratschlagen und dann entscheiden.“

Und das wird erst nach dem Spiel gegen Mainz sein. Vielleicht sogar erst nach Saisonende. „Fünf Punkte Vorsprung klingt gut – aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Wir müssen den Klassenerhalt aus eigener Kraft klarmachen, deshalb hat in dem Spiel gegen Mainz, auch wenn es für Jaro und mich das Abschiedsspiel ist, zunächst nur der Klassenerhalt Priorität.“ Schon allein, um anschließend befreit zu feiern. Wie er selbst reagieren wird? „Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich bin selbst auf meine Reaktion gespannt.“ Er habe zwar ausreichend Zeit gehabt, um sich mit seinem Ende beim HSV abzufinden, allerdings sei er sich nicht sicher, wie er reagiert, wenn es wirklich soweit ist. „Es wird für mich ein sehr emotionaler Tag. Wir haben alle gesagt, dass wir positiv auseinandergehen und ich freue mich auf dieses letzte Highlight in diesem Stadion. Aber es wird sicherlich auch traurig für mich.“ Selbst über seinen eigentlich markenzeichenähnlichen Jubel, bei dem er imaginär einen Pfeil abschießt, macht sich Petric Gedanken. Ob er wie immer jubeln würde, wenn er trifft? Petric lacht. „Keine Ahnung. Das wird spontan.“ Und ich würde wetten, dass Petric zum einen trifft, und zum anderen – egal ob mit oder ohne abgeschossenen Pfeil – sich nach einem Treffer vor dem Hamburger Publikum verbeugen wird.

Oder was glaubt Ihr? Wie würde Mladen jubeln?

Wobei, auch hier gilt: Hauptsache, wir haben was zu bejubeln. Wobei ich ganz fest daran glaube. Auch wenn beim FSV der beste Hamburger Stürmer im Team steht: Eric Maxim Choupo-Moting. Der Junge, der in Hamburg nichts geworden ist, weil zu viele Dinge rund um ihn herum zu wichtig wurden. Geht es nach Vorstandsboss Bernd Hoffmann und einigen anderen Entscheidungsträgern beim HSV, war es Just, der Vater des Technikers, der den Wechsel nötig werden ließ. Immer wieder hatte der dominante gelernte Lehrer di Verhandlungen mit dem HSV gesucht und mehr Einsatzzeiten für seinen Sohn eingefordert. Der wiederum blieb ruhig und äußerte sich eigentlich nie, während seine Leistungen auf dem Platz unter dem Dauertheater zwischen seinem Vater und der HSV-Führung litt. „Choupo ist ein super Fußballer“, hatte Dennis Diekmeier gelobt. Diekmeier hatte mit dem FSV-Angreifer in der Jugend und beim 1. FC Nürnberg zusammengespielt. „Bei Choupo ist es nur eine Frage der zeit, bis er seinen Durchbruch schafft“, so der Rechtsverteidiger des HSV, der gegen Mainz seinem bisherigen Vertreter Jeffrey Bruma den Vortritt lassen muss.

Neun Tore hat Choupo. Das könnte man durchaus als kleinen Durchbruch bezeichnen, zumal er bei Mainz Stammspieler ist. Schade nur, dass er diese Qualitäten so nie beim HSV gezeigt hat. Oder muss man sagen: Schade, dass er sie nie hat zeigen können? Immerhin hatte kein HSV-Trainer wirklich viel Geduld mit dem oft zu ballverliebten Offensivallrounder. Aber egal wie, ein Choupo in der Verfassung hätte beim diesjährigen Umbruch des HSV gute Karten gehabt. Ganz sicher.

Ziemlich sicher ist sich indes Fink, dass sein Unkaputtbarer auch gegen Mainz auflaufen wird: Jaroslav Drobny. Der Tscheche mit der „schwarzen Hüfte“, wie Fink sagte, trainierte heute wieder auf dem Platz und soll gegen Mainz wieder zwischen den Pfosten stehen. Zwar wurden heute nur die Übungen gemacht, bei denen ich Drobny nicht auf die lädierte Hüfte fallen lassen musste, aber Drobny wirkte schmerzfrei. „Es geht ihm schon ganz gut“, so Fink, „er wird morgen vielleicht schon wieder voll mittrainieren und wohl auch spielen können.“

Das wiederum gilt wie bereits erwähnt für Ilicevic (Adduktoren) nicht. Ebenso wenig dabei sein wird Per Skjelbred, dem ein entzündeter Schleimbeutel aus der Achselhöhle entfernt wurde und der pausieren muss. Der Rest trainiert heute – leider wieder unter Ausschluss er Öffentlichkeit.

Den Rest des Textes sollten nur die lesen, die sich nicht ärgern, wenn auch andere Bundesligavereine Komplimente bekommen.

Und die hat sich der FC Bayern mehr als verdient. Die Bayern sind in Madrid vor 80000 fanatischen Zuschauern nach Elfmeterschießen weitergekommen und haben dabei über weite Strecken überlegen agiert. Selbst ein noch lange nicht wieder völlig fitter Bastian Schweinsteiger zündete in den Schlussminuten und der Verlängerung noch mal einen Turbo, dem ich ihm nicht zugetraut hätte. Und obwohl es nach einem solchen Triumph sinnlos ist, einzelne Spieler hervorzuheben, ich mache es trotzdem. Denn während mit Özils Lamentieren schwer auf den Geist ging, gefiel mir auf der anderen Seite die völlig unaufgeregte Art des Österreicher Alaba. Was der Junge herunterspielte, war ein Genuss. Pfeilschnell suchte er immer wieder den Weg über außen, er bereitete eine 100000-Prozentige für Robben vor und ließ sich selbst von der Gelben karte, die eine Sperre fürs Finale nach sich zieht, nicht aus der Bahn bringen. Spätestens als er eiskalt seinen Elfer verwandelte, war es für den 19-Jährigen das perfekte Spiel. Schade nur, dass er das nicht beim HSV macht. Denn der hatte vor einem Jahr die Fühler nach dem Linksverteidiger ausgestreckt und eigentlich auch gute Karten. Erst in letzter Sekunde platzte das angedachte Leihgeschäft doch noch.

Aber gut, das ist Vergangenheit. Ich komme lieber zu dem Spieler des Spiels (Neuer hätte es auch verdient, aber es kann nur einen geben): Mario Gomez. Zwar verpasste er kurz vor Schluss den Siegtreffer kläglich, allerdings hatte das Versagen eine Vorgeschichte. Ich weiß nicht, ob es Euch aufgefallen ist, aber es gab kaum einen besseren Verteidiger als den Topstürmer der Bayer. Denn Gomez war schlichtweg überall. 90 Minute ackerte der Nationalspieler über den gesamten Platz. Er erkämpfte sich unzählige Bälle, verteilte sie geschickt und rettete zudem immer wieder am eigenen Sechzehner gegen die Einschussbereiten Özil, Kaka oder auch Ronaldo. Gomez erinnerte mich vom Engagement her ein wenig an Ivica Olic an seinem besten Tag. Das war schon ganz großes Kino, wie im Übrigen fast alles, was der FC Bayern an diesem Abend ablieferte. Bleibt nur zu hoffen, das sie diese Form auch in der Bundesliga beibehalten. Denn dann müssten wir uns mal gar keine Sorgen mehr machen. Immerhin muss Köln am letzten Spieltag gegen Bayern ran…

In diesem Sinne, noch immer berauscht von dem sensationellen Spiel, bis morgen!

Scholle

Guerrero und Diekmeier wollen gegen Mainz “alles klarmachen”

25. April 2012

Er wollte mir gar nicht antworten. „Hör’ auf damit“, so seine abwehrende Haltung auf die Frage nach dem Wie. „Ich denke da nicht eine Sekunde lang dran, weil es nicht so kommen wird“, weicht Dennis Diekmeier mir auf meine Frage aus, wie das Gefühl war, Relegation spielen zu müssen. Und es dauerte auch ein paar Augenblicke, bis ich dem gerade wieder genesenen Rechtsverteidiger klarmachen kann, dass auch ich nicht daran glaube, dass es aber durchaus interessant ist, davon zu erfahren. Immerhin ist der 22-Jährige der einzige HSV-Spieler, der schon einmal Bundesligarelegation gespielt hat. Genau genommen sogar zweimal in Folge. Im Sommer 2009 schaffte er mit dem 1. FC Nürnberg nach zwei Siegen über Energie Cottbus den Aufstieg aus der Zweiten in die Erste Liga. Ein Jahr später verhinderte er als nunmehr Erstligist den Abstieg – wieder mit zwei Siegen. Allerdings diesmal von der Tribüne aus. Er hatte sich zuvor im letzten Saisonspiel, passenderweise gegen den HSV, verletzt. „Das war der Horror. Ich konnte nichts machen, war völlig hilflos. Und das in der Situation.“

In der Situation, in der wir dank eines Sieges gegen Mainz am Sonnabend, so seine (und auch meine) Rechnung, nicht kommen werden. Ansonsten hätte es tatsächlich wieder „die schlimmste Konstellation werden können, die es geben kann“, so Diekmeier. „Es war damals relativ einfach, als wir aus der Zweiten Liga aufsteigen wollten. Damals konnten wir nur was hinzugewinnen. Aber wenn Du als Erstligist nur darum spielst, eine eh schon bescheidene Saison nicht zum Desaster werden zu lassen, dann ist das schon richtig krasser Druck. Mehr geht nicht.“ Das sei auch nicht, wie fälschlicherweise in der Öffentlichkeit oft gemacht, mit einem Finalspiel vergleichbar. Diekmeier: „Um dahin zu kommen, musst du in der Regel Siege einfahren und Runde für Runde weiterkommen. Das ist am Ende Druck – aber eben positiver. Und damit haben Relegationsspiele für einen Erstligisten nichts gemeinsam. Gar nichts.“

Ich wollte eigentlich noch wissen, wie Dennis die Spieltage damals erlebt hat, wie sich das Umfeld gab, wie seine Teamkollegen drauf waren und ob er sich an besondere Eigenheiten aus dieser Zeit erinnert. Aber Dennis wollte, nein: er konnte sich nicht mehr daran erinnern. „Eigentlich waren das normale Vorbereitungen auf die Spiele. Ich selbst habe auch noch nie vor irgendeinem Spiel etwas großartig oder bewusst anders gemacht als sonst. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist die jeweilige Feier danach. Und auch die habe ich ab einem gewissen Zeitpunkt jeweils vergessen…“, lacht Diekmeier, der zwar auf seinen Einsatz am Sonnabend hofft, der aber auch realistisch ist. Auch er weiß, dass Trainer Thorsten Fink kein Freund von vielen Veränderungen ist. Und obwohl Bruma in Nürnberg zuletzt beim 1:1 patzte, bescheinigte Fink dem Niederländer – berechtigterweise – eine gute Form. Gut möglich, dass Diekmeier noch warten muss, bis er sein Comeback feiern darf.

Deutlich schneller dürfte das bei Paolo Guerrero der Fall sein. Der Peruaner wusste beim mäßigen 4:1 gegen den Verbandsligisten MSV Pampow (Mecklenburg Vorpommern) mit einigen guten Aktionen zu gefallen. Allerdings fehlt dem Angreifer natürlich noch die Spielpraxis. „Ich bin noch nicht komplett wieder da, wo ich war. Es war eine lange Zeit, die ich pausiert habe“, so der Angreifer nach seinen acht Spielen Zwangspause. Dennoch hätten ihm die vielen Trainingseinheiten („Ich habe nicht mehr Freizeit als vorher gehabt, ich habe richtig hart gearbeitet“) mit den vielen internen Testspielen geholfen. Ebenso das Spiel in Pampow. „Das war richtig gut für mich. Ich habe getroffen, wir haben gewonnen“, so Guerrero sichtbar glücklich. Dass er am Wochenende, darauf hatte sich Fink bereits festgelegt, von Beginn an auflaufen soll, steigert diese Freude noch mal.

Allerdings ist Guerrero zunächst auch sehr erstaunt. „Hat der Trainer das so gesagt? Das überrascht mich. Aber ich werde alles geben, dass der Abstiegskampf endlich vorbei ist.“ Dafür würde aber nicht ein Punkt reichen, wie viele rechnen, „sondern wir müssen gewinnen, drei Punkte holen. Die Saison ist noch lange nicht vorbei.“

Das wiederum dürften seine Hoffnungen auf zehn Saisontore sein, wie sie sich Guerrero zu Saisonbeginn als Ziel gesetzt hatte. Sechs hat er, zwei Spiele stehen noch aus. „Ich bin Stürmer und will Tore machen, klar. Aber ich bin nicht immer vorne drin wie ein Gomez oder so. Ich bin hinter der Spitze, ich bereite eher viel vor. Ich rede in der Situation auch nicht über Tore und mir ist mein persönliches Ziel auch egal, wenn wir trotzdem gewinnen und die Saison gut beenden.“ Zumal die Aussichten gut seien. „Wir haben eine Achterbahnsaison hinter uns, das wird nächste Saison besser.“ Warum er sich da so sicher ist? Guerreros interessante Erklärung: „Wir haben viele Neue bekommen dieses Jahr. Die wussten nicht, wie die Bundesliga funktioniert“, so der Peruaner, eher er die jungen Kollegen, wohl insbesondere die Jungs aus Chelsea, in die Kritik nimmt: „Man kann eben nicht herkommen und sagen, dass das eine kleine Mannschaft ist. Das haben die Jungs jetzt mitbekommen und werden das sicher nicht noch mal so machen.“

Aus der Vergangenheit gelernt hat auch er selbst. Ein Foul wie das an Stuttgarts Keeper Ullreich dürfte ihm so schnell nicht wieder passieren. Das hatte Guerrero zuletzt immer wieder erklärt und entsprechend Reue gezeigt. Deshalb wollten wir das Thema Rote Karte heute eigentlich auch aussparen. Allerdings reagierte er auf eine These, dass sowas bestimmt nie wieder passiert, selbst. „Ich kann nicht versprechen, dass sowas nie wieder passiert. Dafür ist das Fußball, wo Fouls passieren. Ich wollte es ja auch diesmal nicht. Ich bekomme auch durchgehend auf die Knochen und niemand sagt, dass das nicht passieren darf.“ Und ganz ehrlich, bei jedem Wort Guerreros merkte ich, dass er gelitten hat, sich für genug bestraft betrachtet. Es habe ihn verrückt gemacht, nicht auf den Platz zu dürfen, er wusste gar nicht, wohin mit seinem Adrenalin.

Und entsprechend heiß ist Guerrero jetzt auf sein Comeback. Selbst etwaige Pfiffe der eigenen Fans würde er hinnehmen. „Ich werde immer von den gegnerischen Fans ausgepfiffen, ich kenne das. Und es gibt sicherlich Fans, die sauer auf mich sind. Aber bislang habe ich aus der Mannschaft und auf der Straße sehr viel Zuspruch erhalten. Die meisten haben mir Mut gemacht und mir vorgerechnet, wie lange ich noch pausieren muss, bis es endlich weitergeht.“ Das sei immer wieder hart, aber hilfreich gewesen. Ebenso seine Erfahrungen mit der U14, die er trainiert hatte. „Das hat Spaß gemacht. Die Jungs haben mich mitgenommen“, erzählt Guerrero. Und gerade da, wo der Vortrag über seine „freiwillige“ (der Vorstand hatte das beschlossen) Jugendarbeit pathetisch zu werden drohte, fasste Guerrero zusammen: „Ich weiß auf jeden Fall, dass meine Zukunft beim HSV liegt.“

Und das in der Ersten Liga, was eben schon am Sonnabend klargemacht werden soll. Obwohl nach Gojko Kacar (Knöchelbruch) und Slobodan Rajkovic auch noch Jaroslav Drobny (Hüftprellung), Per Skjelbred (Hautentzündung) sowie Ivo Ilicevic fraglich sind. Letzteren plagen hartnäckige Adduktorenprobleme. Der rechte Mittelfeldspieler pausierte heute und sein Einsatz soll sich erst kurz vor Spielbeginn entscheiden.

Apropos Einsatz – auf den setzen kann David Jarolim. Warum der trotz des feststehenden Abganges nicht im eigenen Stadion verabschiedet wird, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Dennoch verzichtet der HSV darauf. Begründung: man sei noch nicht gesichert. Deshalb kann ich nur hoffen, dass der HSV bei der Erklärung dann auch so spontan ist, beim möglichen Klassenerhalt direkt im Anschluss an das Spiel gegen Mainz zu reagieren und seinen Dienstältesten gebührend zu verabschieden. Gleiches gilt natürlich auch für den ebenso zu Saisonbeginn scheidenden Mladen Petric, der am Wochenende voraussichtlich von der Bank aus startet. Sofern Fink nicht überrascht…

In diesem Sinne, morgen wird um 15.30 Uhr an der Arena trainiert. Bis dahin!

Scholle

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »