Tagesarchiv für den 29. April 2012

Jarolim – Entscheidung am Kunden vorbei!

29. April 2012

„So etwas will ich nie wieder erleben!“ Sagte HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow nach dem 0:0 gegen Mainz 05 und der damit verbundenen Rettung, dem Erstliga-Klassenerhalt. Wer hat es sich in diesen Stunden nicht auch schon gesagt? So etwas möchte ich auch nie wieder erleben. Wer möchte das schon? Man ist ja schließlich nicht jahrelang als Fußball-Masochist unterwegs. Eine solche unterirdische Saison sollte eigentlich erst einmal für viele Spielzeiten reichen. „Das war ein Grottenkick“, befand HSV-Kapitän Heiko Westermann nach dem Mainz-Spiel, und doch wusste jeder, wie unerheblich dieser Rückblick auf die 90 niveauarmen Minuten war. Der Punkt war wichtig, nur darauf kam es an; aber dieses Spiel steht und stand auch irgendwie für ein ganzes Spieljahr voller Enttäuschungen und Rückschlägen. Jetzt kann es und soll es nur noch besser werden, Sportchef Frank Arnesen blickte am Sonnabend einmal mehr schon optimistisch in die Zukunft: „Ich denke, dass wir mit den Erfahrungen der letzten Wochen bald einen oder auch zwei Schritte nach vorne machen.“ Wobei der Däne mit dieser Aussage schon einen Schritt zurück machte, denn zuletzt hatte Arnesen immer auch betont, dass die jungen HSV-Spieler durch diese harte und lehrreiche Saison „nicht nur einen, sondern gleich drei Schritte nach vorne machen“ werden. Vielleicht aber auch nur zwei. Oder eventuell auch nur einen? Wäre ja immerhin auch noch nach vorn . . .

Wir alle werden es in der nächsten Spielzeit, die 50. Erstliga-Saison für den HSV, erleben. Ich habe am Sonnabend nach dem Kick solche und solche Stimmen gehört. Viele glauben, dass der HSV auf jeden Fall gefestigt sein wird, dass es zu einem ungefährdeten Mittelfeldplatz reichen wird, nicht wenige aber blicken auch unverändert skeptisch in die Zukunft – weil sie dem Frieden (noch) nicht so ganz trauen. Der HSV mag zwar nach großen Namen wie Rene Adler und Dirk Kuyt greifen, aber erneut ohne internationalen Startplatz und damit auch ohne zusätzliche Einnahmen aus der Europa League dürfte es für den finanziell angeschlagenen Klub schwer werden, mit einem leeren Beutel noch so große und hohe Sprünge zu machen. Wobei die Personalie Adler vielleicht noch zu einem kleinen Politikum innerhalb des HSV wird, denn es gibt hinter der vorgehaltenen Hand Stimmen, die davon sprechen, dass einige Aufsichtsräte weit davon entfernt sind, diesen Super-Transfer mal eben so locker vom Hocker durchzuwinken. Man darf gespannt sein.

Schön aber auf jeden Fall, dass der 125. Geburtstag der Rothosen jetzt doch in Liga eins gefeiert werden kann.

„Ich wollte nicht der erste Trainer sein, der mit dem HSV den Gang in die Zweite Liga antreten muss. Mir fällt natürlich ein Stein vom Herzen, denn es war ja schon damals klar, als ich zum HSV kam, dass es eine sehr schwierige Saison für uns werden würde. Dass wir in Zukunft besser spielen müssen, das wissen wir“, sagte Thorsten Fink nach dem Schlusspfiff erleichtert. Alle konnten dem Coach ansehen, dass er unter dieser Spielzeit enorm gelitten hat – und es war in Finks Gesicht nicht nur die Nachwirkungen einer Magen- und Darm-Grippe erkennbar. Der frühere Bayern-Profi dürfte einige graue Haare mehr in diesem Jahr bekommen haben. Und auch er ist ganz sicher um einige Erfahrungen reicher geworden. Von der – auch und vor allem von ihm – so oft hervorgehobenen und beschworenen „guten Qualität“ des HSV-Kaders war in dieser Saison jedenfalls nicht oft etwas zu sehen. Nur drei Heimsiege in 17 Spielen – das ist, um es noch einmal beim deutlich Namen zu nennen, einfach nur erbärmlich und spricht eine viel klarere Sprache, wie es wirklich um den HSV 2011/12 bestellt war.

Thorsten Fink sagte auch: „Es kann natürlich nicht unser Anspruch sein, immer gegen den Abstieg zu spielen, aber in dieser Saison war es nach diesem Beginn nicht anders möglich. Die Last des Fehlstarts haben wir durch das ganze Jahr tragen müssen. Nächste Saison kann man zusammen einiges erreichen, ohne gleich wieder große Ziele zu setzen, aber der Abstiegskampf sollte es nicht wieder sein . . .“ Da war auch der Sportchef ganz bei ihm. Frank Arnesens Blick in die nähere Zukunft des HSV: „Europäischen Fußball können wir auch in der nächsten Saison noch nicht bieten, aber hoffentlich in zwei Jahren.“
Dieser Hoffnung schließe ich mich gerne an, allein mir fehlt noch etwas der Glaube. Noch.

Das kann sich ja aber auch schon in den nächsten Tagen und Wochen schon ändern. Wenn die ersten Neuzugänge beim HSV „eintrudeln“. Arnesen hat ja wohl schon ganz klare Vorstellungen vom HSV 2012/13, ansonsten hätte es einige Personalien wohl in dieser Form nicht gegeben. Dass Mladen Petric würde gehen müssen, das stand spätestens um den Jahreswechsel fest – und damit hatte sich der HSV-Anhang auch schnell, unspektakulär und mehr oder weniger schweigend abgefunden. Dass aber auch David Jarolim, im Herbst schon still und heimlich auf das Abstellgleis geschoben, gehen muss, obwohl er (gemeinsam mit seinem Landsmann Jaroslav Drobny) den HSV fast im Alleingang gerettet hat, das fand (und findet immer noch nicht) keine Zustimmung in und um Hamburg herum. Die „David-Jarolim“-Sprechchöre am Sonnabend sollten den HSV-Verantwortlichen noch immer in den Ohren klingeln und auch ein weiteres Mal zu denken geben.

Ich habe es in 32 Jahren als HSV-Reporter höchst selten einmal erlebt (eigentlich kann ich mich nicht an einen einzigen Fall erinnern), dass die Klub-Oberen so am Kunden vorbei entscheiden. Und dass einmal eine Entscheidung so hart, unerbittlich und konsequent verfolgt und durchgezogen wird, obwohl es viele, viele Widerstände gibt. Zumal ja ein Plan besteht, David Jarolim später in irgendeiner Form beim HSV anstellen zu wollen (wenn er denn jetzt noch besteht!). Da hätte es ein „kleinerer Anschlussvertrag“ vielleicht noch einmal getan, um einen Vollblut-HSVer zu halten – und um später noch einmal von ihm zu profitieren. Und nicht wenige Fans haben sich beim Verlassen des Volksparks am Sonnabend auch die Frage gestellt: „Was ist, wenn der HSV wieder in eine solche Abstiegsgefahr geraten sollte? Wer spielt dann den David Jarolim beim HSV? So richtig viele und adäquate Kandidaten scheint es da – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – beim HSV noch nicht zu geben. Aber: gut Ding will Weile haben. Arnesen hat einen Plan im Kopf, lassen wir uns mal überraschen. Allerdings geht er in meinen Augen ein sehr hohes Risiko, denn sollte es so schiefgehen wie in dieser Saison, dann dürfte schnell ein Sündenbock ausgemacht sein. Hoffen wir (und ich hoffe es wirklich!), dass es nicht so kommen mag. Hoffentlich.

Zurück noch einmal zu diesem 0:0. Der Punkt war das sportliche Highlight (weil die Rettung), die Abschiedsfeier für David Jarolim, Mladen Petric und auch für Romeo Castelen aber durch nichts, wirklich durch nichts zu toppen. Ich gebe es zu (und ich bin erstaunt, wie viele Kollegen es später auch zugaben), auch mir kullerten ein paar Tränen bei dieser Zeremonie zu Boden. Selten einmal so etwas Emotionales erlebt. Wobei ich auch Thorsten Fink danke, dass er sich trotz des engen Spielstandes in der Lage sah, sowohl Petric als auch Jarolim vorzeitig vom Platz zu nehmen, damit sie schon ein erstes Mal gebührend gefeiert werden konnten. Das war großes Kino, danke Herr Fink!

„Es war ein so emotionaler und sensationeller Moment, der mir sehr nahe gegangen ist“, gab Petric später, als seine Tränen getrocknet waren, zu. Seine sportliche Zukunft ist geklärt, aber noch hat er nicht verraten, wohin es ihn ziehen wird. Ob er sich, so denke ich schon seit einigen Tagen, auf seine alten Tage noch einmal den englischen Fußball antun wird? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, ich habe auch nichts läuten gehört, aber irgendwie habe ich im Hinterkopf, als ob sich Fulhams Trainer Martin Jol noch an Petric erinnern könnte . . . Mal abwarten. Aber ich denke auch: Wenn Heung-Min Son mit Newcastle in Verbindung gebracht wird, wenn Markus Marin für sieben Millionen zum FC Chelsea geht (ob er dort auch so oft und so schön und so leicht fällt?), dann könnte auch Mladen Petric . . .

Noch nichts ist bei Jarolim bekannt. Ich fand es ja super, dass der Tscheche zuletzt zugegeben hat (er hatte bis dahin ja nie öffentlich etwas dazu gesagt), dass er bis zuletzt doch noch auf eine kleine Hintertür gehofft hatte, um noch beim HSV bleiben zu können. Das macht ihn nur noch menschlicher. „Jaro“ sagte nach seinem letzten Spiel auf „heiligem Boden“ und nach neun Jahren HSV: „Ich bin sehr glücklich, dass wir uns gerettet haben, und nun wünsche ich dem HSV, dass man Konstanz hier reinbringen wird, und dass es ein wenig ruhiger wird, was die Klubführung angeht.“ Aber diesen Ball nahm Carl-Edgar Jarchow auf und sagte zusammenfassend: „Es kann nur besser werden, und es wird besser werden.“ Jarchows Wort in des Fußballgottes Gehörgang . . .

Wie Trainer Fink sich den weiteren Weg mit dem HSV vorstellt, das verriet er auch schon einmal (ganz kurz) am Sonnabend: „Wir wollen nicht tausend neue Leute holen, sondern uns gezielt verstärken. Den Großteil der Mannschaft wollen wir schon behalten, ich glaube, dass die jungen Spieler gelernt haben – wir haben, so denke ich, den drittjüngsten Kader der Bundesliga, von daher gehe ich aus, dass wir einiges gelernt haben in diesem Jahr.“ Lernen. Das dürfte wohl aber auch auf die älteren Herrschaften (in Mannschaft und Klub-Führung) zutreffen. Wäre schön, wenn sich diesbezüglich einige den Schuh anziehen würden, nämlich die entsprechenden Lehren aus 2011/12 zu ziehen. Thorsten Fink lobte aber immerhin den Zusammenhalt im Klub: „Wir haben uns nicht nervös machen lassen, wir haben unser Ding durchgezogen, ich habe im Verein große Unterstützung gehabt. Das ist ja immer wichtig, dass man merkt, dass sportlicher Leiter, der Präsident, alle möglichen Leute im Aufsichtsrat, dass einem alle das Vertrauen schenken und aussprechen – und die Fans auch. Das alles zusammen hat uns sicher den Klassenerhalt gesichert, und daran sieht man, dass Teamwork im Fußball sehr viel bewirkt. Es gab einige Klubs, bei denen das nicht so gelaufen ist . . .“

Apropos andere Klubs. Ein schneller und kurzer Abstecher zu Thomas Tuchel sei mir noch gestattet. Der Mainzer Trainer war oft genug (auch) für mich ein „rotes Tuch“, aber diesmal hat er bei mir Boden gut gemacht. Er hat mir sogar imponiert. Während des Spiels kaum eine Regung (oder gar ein Wutausbruch) gegen den guten Schiedsrichter Florian Meyer, und auch nach dem Spiel immer den direkten Weg zum Tor . . . Tuchel „zerlegte“ seine Mannschaft ohne Rücksicht auf Verluste: „Wir geben mit einer Fahrlässigkeit Punkte und Tabellenplätze her, da fällt es mir schwer, mich zu freuen oder auch zufrieden zu sein. Wir haben heute schlechten Fußball gespielt, diese Art und Weise passt mir gar nicht. Sehr fehlerhaft und mangelhaft bei eigenem Ballbesitz, beim Umschalten gab es wahnsinnig viele Fehler, unsere wenigen Torchancen haben wir schlampig vergeben, noch viel schlampiger sind wir mit jenen Chancen umgegangen, die erst gar keine Torchancen wurden – weil wir sie mit schlechtem Passspiel und ungenauem Freilaufverhalten verhindert haben. Das hat von hinten bis vorne gar nicht gepasst, und das ist ein Abziehbild dieser gesamten Saison.“
Das war mal Klartext. Alle Achtung, Herr Tuchel, auch so kann man es mal machen. Kompliment! Dickes Kompliment sogar. Das war die ungeschminkte, schonungslose Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

So, das war mein Wort zum Sonntag. Nach einer ziemlich harten und feucht-fröhlichen Nacht, das sei einmal zugegeben, denn wir Hamburger Journalisten haben (auf eigene Kosten) den Saisonausklang in Hamburg gefeiert – und ein wenig natürlich auch auf den Klassenerhalt angestoßen. Eine nette Feier, von drei Kollegen organisiert – ich glaube, das gibt es in dieser Form nicht oft in anderen deutschen Städten. NDR, Bild, Mopo, Welt, Abendblatt, Kicker, Stern, Sky und, und, und – alle an einem Tisch, das ist eine schöne und runde Sache. Bei allem Konkurrenzdenken gibt es auch in unserem Job noch so etwas wie Menschlichkeit und Freundschaft. Danke dafür – ich freue mich schon auf die neue Saison; ich fühle mich sehr wohl in diesem (euren) Kreis.

Bei der Gelegenheit, weil wir alle so nett unter uns beisammen saßen: NDR-90,3-Moderatorin Britta Kehrhahn verriet eine kleine Besonderheit. Am Sonnabend waren rund um die Bundesliga-Spiele „nur“ Frauen in die Nachmittags-Sendung involviert. Sie sehen ja auf Monitoren auch das Spiel. Eigentlich wird ein laufendes Musikstück nur bei einem Tor unterbrochen, diesmal entschied Britta Kehrhahn aber einmal ganz anders: Als David Jarolim in der 88. Minute vom Platz ging, überließ sie Reporter Lars Pegelow die Szenerie. Abends gab Britta Kehrhahn zu: „Wir Frauen wären auch gar nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen – wir haben alle vor Rührung geheult . . .“

Toll, diese entwaffnende Ehrlichkeit. Passte aber zu diesem grandiosen Jarolim-Abgang – und zu diesem gelungenen Saison-Abschieds-Abend in der Schanze. Ganz nebenbei: Auch der HSV war mit seiner Presseabteilung (Jörn Wolf an erster Stelle) vertreten, Thorsten Fink wollte dabei sein, aber die Magen- und Darm-Grippe . . . Aber selbst Teammanager Marinus Besten war mit von der Partie. Ich weiß, ich weiß, er heißt Marinus Bester, aber ich nenne ihn schon seit Jahren nur „Herr Besten“. Der Grund für diese Namesänderung? Der sei denn noch schnell verraten: Als der Österreicher Kurt Jara hier Trainer war, da merkten wir alle schnell, dass er sich nicht so richtig die Namen seiner „Untergebenen“ und der Randfiguren merken konnte. Nico Hoogma hieß bei Jara noch lange „Hoogmann“, Co-Trainer Armin Reutershahn hieß bei Jara schon mal „Reutershagen“, und ich hieß beim Trainer nur „Herr Matzen“. Obwohl Marinus „Besten“ ihm so oft – auch schon vor den Gesprächen – zugeflüstert hatte: „Kurt, der Matzen heißt nur Matz!“ Es blieb aber bei Matzen. Also hieß „Herr Besten“ auch nur „Herr Besten“ – und das ist bis heute so geblieben.
Ende.

PS: Am Montag wird nicht trainiert.

18.49 Uhr