Tagesarchiv für den 27. April 2012

Muskelbündelriss – Jaroslav “Dr. Schmerz” Drobny muss passen

27. April 2012

Oha, ich glaube, das fand er nicht so wirklich lustig. „Passend wäre, wenn Du Dich mit einem Linkshammer aus 20 Metern in den Knick verabschieden würdest“, habe ich David Jarolim heute in seiner vielleicht letzten Presserunde als HSV-Profi geflachst. Es war als Scherz gemeint, immerhin sind gefährliche Fernschüsse wahrscheinlich das, was am untypischsten für den ansonsten rundum vorbildlichen Tschechen ist. Und entsprechend verkniff er sich auch eine direkte Antwort und einer meiner Kollegen übernahm das Wort.

Und auch wenn absolut klar ist, dass Jaro wegen so eines Scherzes niemals wirklich böse ist, der 32-Jährige offenbarte heute die etwas andere Seite an ihm. Der harte Kämpfer zeigte seine sensible Seite. „Ich weiß noch nicht, wie es morgen wird“, so der Mittelfeldspieler, der gegen den FSV Mainz nach neun Jahren mit seinem 257. Bundesligaspiel für den HSV seinen (vorläufigen) Abschied aus Hamburg feiert. „Ich denke einfach möglichst wenig darüber nach“, sagt Jarolim, der sichtbar traurig ist. „Bis letzte Woche hatte ich noch gehofft, dass ich vielleicht doch hier bleibe. Schon deshalb habe ich mir nicht zu viele Gedanken gemacht. Und auch jetzt passt das nicht. Dafür ist das Spiel zu wichtig. Ich glaube ehrlich gesagt, dass das alles erst nach der Saison richtig kommt.“ Und selbst wenn es ihn morgen doch übermannt, Jaro ist vorbereitet. „Ich weiß nicht, ob Tränen fließen. Ich werde auch keine Zwiebel in der Tasche haben oder so. Aber es ist auch keine Schande, dafür muss man sich nicht schämen.“ Recht hat er.

Mit Jaro geht einer der letzten Spieler der so oft zitierten und herbeigewünschten alten Garde. „Einer der letzten“, weil mit Heiko Westermann mindestens noch einer bleibt und der Abgang des vielleicht härtesten HSV-Profis noch immer nicht hundertprozentig ist: der von Jaroslav Drobny. Der Keeper trainierte heute auch anfänglich mit. Trotz seiner anhaltenden Hüftbeschwerden. „Drobo ist der Typ Fußballer, den ich mag, mit dem ich mich identifizieren kann“, lobt Jarolim seinen Landsmann und HSV-Keeper, „vor ihm ziehe ich meinen Hut. Er ist vorbildlich, will immer helfen und hat Charakter. Davon gibt es zwar einige, aber viele im Profifußball heute haben eben jene Eigenschaften nicht mehr.“

Trotzdem musste auch heute „Dr. Schmerz“ seinem Körper Tribut zollen und aufgeben. Nach einem kurzen Warmmachprogramm brach Drobny ab. Und bei der Frage nach dem Warum blieb einiges offen. Denn Drobny ist richtig kaputt. Ein Muskelbündelriss wird den Tschechen diese Saison nicht mehr auflaufen lassen. Offen blieb dabei, ob sich Drobny diese Verletzung ob seines übermäßigen Trainingsehrgeizes zusätzlich zur Prellung zugezogen hat oder schon im Spiel gegen Nürnberg derart verletzt war. Klar ist indes, dass Sven Neuhaus gegen Mainz ran muss und darf. Hinter ihm rückt Youngster Florian Stritzl als Ersatztorwart in den Kader.

Dennoch könnte die Partie gegen Mainz zur letzten Etappe werden. Zur letzten Etappe im doppelten Sinn, denn zum einen kann der Klassenerhalt endgültig klargemacht werden, zum anderen ist es das letzte Heimspiel für Jarolim, Petric und aller Voraussicht nach auch Neuhaus. Zuletzt wurde zudem darüber gemunkelt, ob auch Tesche im Sommer vorzeitig gehen muss. „Ich will doch hoffen, dass es für diese Saison das letzte Heimspiel ist“, sagt Jarolim. Denn sollte es das nicht sein, würde das zwangsläufig bedeuten, der HSV müsste zur Relegation antreten. Jaro: „nee, echt nicht. Die brauchen wir hier nicht.“

Stimmt. Ich auch nicht. Ihr wahrscheinlich genauso wenig. Allerdings braucht Jaro auch in Zukunft seine Dosis Hamburg. Was ihm am meisten fehlen wird? „Das kann ich nicht festmachen. Es gibt nicht nur eine Sache. Ich bin jetzt seit neun Jahren hier, Hamburg ist mehr als ein Job. Das hier ist mein Zuhause, der HSV ist mein Leben. Es wird verdammt schwer für mich, woanders wieder neu anzufangen. Wobei das nicht zwingend sein muss. Denn, so war zu hören, auch der 1. FC Nürnberg, bei dem Jaro vor dem HSV spielte, soll sich nach dem HSV-Tschechen informiert haben. „Ich weiß es noch nicht“, so Jaro, der allerdings ein mögliches Engagement in Katar ausschließt. „Das geht nicht, ich brauche noch die Herausforderung. Und die bekommt man am besten in der Bundesliga.“ Gut möglich also, dass Jaro zur neuen Saison in der Imtech-Arena zum Auswärtsspiel antritt? Jarolim: „Das ist gut möglich.“ Ausgeschlossen seien nur Wechsel zum FC St. Pauli und natürlich Werder Bremen. „Wahrscheinlich wollen die mich gar nicht. Aber auch, weil die wissen dürften, dass das gar nicht geht, dass eine Anfrage sinnlos wäre…“

Irgendwann, frühestens in zwei Jahren, will Jarolim nach Hamburg zurückkehren. „Wir werden unsere Wohnung hier nicht aufgeben. Hamburg ist unser Lebensmittelpunkt und bleibt das auch. Wir haben hier in den Jahren so viele Leute kennengelernt, so viele Freunde gefunden – das bleibt immer unsere Anlaufstelle, egal wo auf der Welt wir gerade sind. Hier geht zwar jetzt eine Etappe als Fußballprofi für mich zuende, aber vielleicht folgt ja hier irgendwann die erste Etappe als knallharter Trainer“, flachst Jarolim, dem der HSV die Option eröffnet, nach der Karriere als Trainer für seinen Klub zu arbeiten. „Ich würde diese Option sehr gern nutzen“, freut sich Jarolim und wagt einen Ausblick auf einen Zeitpunkt, den er gern so weit wie möglich hinauszögern würde.

Gegen Mainz wird er sich dennoch verabschieden. Von voraussichtlich 57000 HSV-Fans in der jetzt schon fast ausverkauften Imtech-Arena. „Hoffentlich nicht mit der Zehnten Gelben“, scherzt Jarolim, der bei der nächsten Verwarnung tatsächlich pausieren müsste. Nach dem Spiel sollen er, Petric und auch Romeo Castelen offiziell verabschiedet werden.

Aber die Partie gegen Mainz bietet auch schöne Wiedersehen. So ist Dennis Diekmeier wieder dabei, wird allerdings seinem Vertreter Jeffrey Bruma vorerst noch den Vortritt lassen müssen. Direkt wieder in die Startelf rückt indes Paolo Guerrero. Ebenso wie Mladen Petric. Rechts spielt Heung Min Son, links soll Marcell Jansen für offensiven Schwung sorgen, während Jaro zusammen mit Tomas Rincon die Mittelfeldzentrale zumachen soll. Die Viererkette bleibt unverändert und auch Neuhaus darf nach seiner Bundesliga-Premiere mit 34 Jahren am vergangenen Wochenende in Nürnberg auch seine Heimpremiere für den HSV feiern. Neben Drobny fallen auch Ivo Ilicevic (Adduktoren) und weiterhin Slobodan Rajkovic (Innenbandzerrung) sowie natürlich Gojko Kacar (Knöchelbruch) aus.

Aber egal wer morgen aufläuft, wer Premiere feiert oder gar verabschiedet wird, vorher geht es um die Erstliga-Existenz. Was ich damit sagen will: wir, also eindeutig auch ich, haben uns in dieser Woche ob der vermeintlich sicheren fünf Punkte Vorsprung viel mit Dingen beschäftigt, die nichts direkt mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Dennoch wird es in den 90 Minuten gegen Mainz nur darum gehen. Oder besser: es darf nur darum gehen. Es wurde – mal wieder – genug gesabbelt, jetzt müssen – mal wieder – Taten folgen.

In diesem Sinne, ich schließe den Blog heute mit Jaros Worten, die sehr passend sind: „Erst steht die Pflicht an. Und bevor wir nicht unsere Pflicht erfüllt und endgültig die Klasse gerettet haben, gibt es kein anderes Thema. Für niemanden bei uns.“

Bis morgen,
Scholle

Aufstellungen:

HSV: Neuhaus – Bruma, Mancienne, Westermann, Aogo – Jarolim, Rincon – Son, Jansen – Petric, Guerrero.
Bank: Stritzl (Tor), Diekmeier, Arslan, Sala, Tesche, Töre, Berg
1. FSV Mainz 05: Wetklo – Pospech, Kirchhoff, Noveski, Bungert – M. Caligiuri, Polanski, Soto – N. Müller, Choupo-Moting – Szalai.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf)
Assistenten: Frank Willenborg (Osnabrück) und Christoph Bornhorst (Damme)
Vierter Offizieller: Martin Petersen (Stuttgart