Tagesarchiv für den 26. April 2012

Petric und Guerrero stürmen von Beginn an

26. April 2012

Ehre, wem Ehre gebührt. Und deshalb habe ich am Textende – das nur als Warnung für all diejenigen unter uns, die nichts über einen anderen Verein lesen wollen – noch ein paar Worte über den FC Bayern verloren. Denn das, was der Deutsche Rekordmeistern gestern in Madrid abgeliefert hat, war schon höchste Fußballkunst.

Aber zurück zum hiesigen Treiben. Und auch hier gibt es genügend Ehre. Gerade im Spiel gegen den FSV Mainz wird es um die Ehre des gesamten Vereines gehen. Immerhin fehlen noch zwei Punkte, um endgültig gesichert zu sein. Zudem werden in dem so wichtigen letzten Heimspiel der Saison wichtige Spieler verabschiedet. „Abhängig von der Stimmungslage sind die Verabschiedungen der ausscheidenden Spieler nach Schlusspfiff vorgesehen“, hatte Mediendirektor Jörn Wolf heute klargestellt – und mich damit beruhigt. Denn die zunächst im Raum stehende Planung, auf eine Verabschiedung verzichten zu wollen bis man gesichert ist und diese dann später nachzuholen, wäre daneben gewesen.

Aber gut, Mladen Petric und David Jarolim werden also doch verabschiedet. Gut so! Denn zwei Ären gehen da an einem Tag dem Ende entgegen. „Davon kann man bei beiden sprechen“, so Trainer Thorsten Fink, der seine beiden Protagonisten zunächst lobte, um anschließend klarzustellen, dass auch beide von Beginn an gegen Mainz dabei sein werden. Bei Jarolim war das keine große Überraschung – bei Petric allerdings nicht ganz sicher, nachdem sich Fink zunächst auf einen Einsatz von Guerrero nach dessen acht Wochen Pause festgelegt hatte. „Paolo ist unser Stürmer Nummer eins“, so Fink, „er wird von Beginn an spielen.“ Und da Ivo Ilicevic aller Voraussicht nach mit Adduktorenproblemen wieder ausfallen wird, verschob Fink kurzerhand den zuletzt treffsicheren Heung Min Son auf die rechte Außenbahn, übte das gestern wie heute im Training, wodurch Platz im Angriff für Mladen Petric ist, nachdem Marcus Berg auf die Bank rotiert.

Damit steht wieder der nominelle A-Sturm bereit. „Mladen passt perfekt zu Paolo“, sagt Fink, der die Nominierung des Kroaten auch sportlich untermauert. „Mladen hat gegen Leverkusen gut gespielt, anschließend habe ich ihn geschont und gegen Nürnberg aus taktischen Gründen draußen gelassen“, erklärt der HSV-Trainer, der von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt scheint. Zudem ermöglicht er Petric damit einen gebührenden Abschied. „Mladen hat viele Tore für den HSV gemacht. Und er hat bis zum Schluss alles für den Klub gegeben, hat nicht auf sich geschaut, sondern taktisch hervorragend mitgezogen. Und er ist ausgeruht und fit.“

Stimmt. Zumindest sagt das auch Petric über sich. Und er wirkt motiviert. „Ich habe hier vier sehr schöne Jahre mit sehr vielen, sehr schönen Erlebnissen gehabt“, so Petric, der insbesondere die Europa-League-Saison mit dem bitteren Aus gegen Fulham als markant betrachtet. „Damals haben wir auf dem Weg ins Halbfinale viele tolle Fights und sehr emotionale Spiele gehabt. Ich erinnere mich sehr gern daran – vor allem an die Feiern in den Kabinen nach den Spielen“, so der Linksfuß, der sich nach eigenen Angaben noch nicht festgelegt hat, wohin es zur neuen Saison geht. „Es sind verschiedene Länder möglich. Spanien, England, Italien oder auch Amerika, was mich reizt. Allerdings bin ich erst 31 Jahre alt und will noch ein paar Jahre spielen.“ Daher sei auch ein Engagement in der Bundesliga nicht ausgeschlossen. „Ich kann es wirklich noch nicht sagen. Aber ich werde mich mit meiner Frau beratschlagen und dann entscheiden.“

Und das wird erst nach dem Spiel gegen Mainz sein. Vielleicht sogar erst nach Saisonende. „Fünf Punkte Vorsprung klingt gut – aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Wir müssen den Klassenerhalt aus eigener Kraft klarmachen, deshalb hat in dem Spiel gegen Mainz, auch wenn es für Jaro und mich das Abschiedsspiel ist, zunächst nur der Klassenerhalt Priorität.“ Schon allein, um anschließend befreit zu feiern. Wie er selbst reagieren wird? „Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Ich bin selbst auf meine Reaktion gespannt.“ Er habe zwar ausreichend Zeit gehabt, um sich mit seinem Ende beim HSV abzufinden, allerdings sei er sich nicht sicher, wie er reagiert, wenn es wirklich soweit ist. „Es wird für mich ein sehr emotionaler Tag. Wir haben alle gesagt, dass wir positiv auseinandergehen und ich freue mich auf dieses letzte Highlight in diesem Stadion. Aber es wird sicherlich auch traurig für mich.“ Selbst über seinen eigentlich markenzeichenähnlichen Jubel, bei dem er imaginär einen Pfeil abschießt, macht sich Petric Gedanken. Ob er wie immer jubeln würde, wenn er trifft? Petric lacht. „Keine Ahnung. Das wird spontan.“ Und ich würde wetten, dass Petric zum einen trifft, und zum anderen – egal ob mit oder ohne abgeschossenen Pfeil – sich nach einem Treffer vor dem Hamburger Publikum verbeugen wird.

Oder was glaubt Ihr? Wie würde Mladen jubeln?

Wobei, auch hier gilt: Hauptsache, wir haben was zu bejubeln. Wobei ich ganz fest daran glaube. Auch wenn beim FSV der beste Hamburger Stürmer im Team steht: Eric Maxim Choupo-Moting. Der Junge, der in Hamburg nichts geworden ist, weil zu viele Dinge rund um ihn herum zu wichtig wurden. Geht es nach Vorstandsboss Bernd Hoffmann und einigen anderen Entscheidungsträgern beim HSV, war es Just, der Vater des Technikers, der den Wechsel nötig werden ließ. Immer wieder hatte der dominante gelernte Lehrer di Verhandlungen mit dem HSV gesucht und mehr Einsatzzeiten für seinen Sohn eingefordert. Der wiederum blieb ruhig und äußerte sich eigentlich nie, während seine Leistungen auf dem Platz unter dem Dauertheater zwischen seinem Vater und der HSV-Führung litt. „Choupo ist ein super Fußballer“, hatte Dennis Diekmeier gelobt. Diekmeier hatte mit dem FSV-Angreifer in der Jugend und beim 1. FC Nürnberg zusammengespielt. „Bei Choupo ist es nur eine Frage der zeit, bis er seinen Durchbruch schafft“, so der Rechtsverteidiger des HSV, der gegen Mainz seinem bisherigen Vertreter Jeffrey Bruma den Vortritt lassen muss.

Neun Tore hat Choupo. Das könnte man durchaus als kleinen Durchbruch bezeichnen, zumal er bei Mainz Stammspieler ist. Schade nur, dass er diese Qualitäten so nie beim HSV gezeigt hat. Oder muss man sagen: Schade, dass er sie nie hat zeigen können? Immerhin hatte kein HSV-Trainer wirklich viel Geduld mit dem oft zu ballverliebten Offensivallrounder. Aber egal wie, ein Choupo in der Verfassung hätte beim diesjährigen Umbruch des HSV gute Karten gehabt. Ganz sicher.

Ziemlich sicher ist sich indes Fink, dass sein Unkaputtbarer auch gegen Mainz auflaufen wird: Jaroslav Drobny. Der Tscheche mit der „schwarzen Hüfte“, wie Fink sagte, trainierte heute wieder auf dem Platz und soll gegen Mainz wieder zwischen den Pfosten stehen. Zwar wurden heute nur die Übungen gemacht, bei denen ich Drobny nicht auf die lädierte Hüfte fallen lassen musste, aber Drobny wirkte schmerzfrei. „Es geht ihm schon ganz gut“, so Fink, „er wird morgen vielleicht schon wieder voll mittrainieren und wohl auch spielen können.“

Das wiederum gilt wie bereits erwähnt für Ilicevic (Adduktoren) nicht. Ebenso wenig dabei sein wird Per Skjelbred, dem ein entzündeter Schleimbeutel aus der Achselhöhle entfernt wurde und der pausieren muss. Der Rest trainiert heute – leider wieder unter Ausschluss er Öffentlichkeit.

Den Rest des Textes sollten nur die lesen, die sich nicht ärgern, wenn auch andere Bundesligavereine Komplimente bekommen.

Und die hat sich der FC Bayern mehr als verdient. Die Bayern sind in Madrid vor 80000 fanatischen Zuschauern nach Elfmeterschießen weitergekommen und haben dabei über weite Strecken überlegen agiert. Selbst ein noch lange nicht wieder völlig fitter Bastian Schweinsteiger zündete in den Schlussminuten und der Verlängerung noch mal einen Turbo, dem ich ihm nicht zugetraut hätte. Und obwohl es nach einem solchen Triumph sinnlos ist, einzelne Spieler hervorzuheben, ich mache es trotzdem. Denn während mit Özils Lamentieren schwer auf den Geist ging, gefiel mir auf der anderen Seite die völlig unaufgeregte Art des Österreicher Alaba. Was der Junge herunterspielte, war ein Genuss. Pfeilschnell suchte er immer wieder den Weg über außen, er bereitete eine 100000-Prozentige für Robben vor und ließ sich selbst von der Gelben karte, die eine Sperre fürs Finale nach sich zieht, nicht aus der Bahn bringen. Spätestens als er eiskalt seinen Elfer verwandelte, war es für den 19-Jährigen das perfekte Spiel. Schade nur, dass er das nicht beim HSV macht. Denn der hatte vor einem Jahr die Fühler nach dem Linksverteidiger ausgestreckt und eigentlich auch gute Karten. Erst in letzter Sekunde platzte das angedachte Leihgeschäft doch noch.

Aber gut, das ist Vergangenheit. Ich komme lieber zu dem Spieler des Spiels (Neuer hätte es auch verdient, aber es kann nur einen geben): Mario Gomez. Zwar verpasste er kurz vor Schluss den Siegtreffer kläglich, allerdings hatte das Versagen eine Vorgeschichte. Ich weiß nicht, ob es Euch aufgefallen ist, aber es gab kaum einen besseren Verteidiger als den Topstürmer der Bayer. Denn Gomez war schlichtweg überall. 90 Minute ackerte der Nationalspieler über den gesamten Platz. Er erkämpfte sich unzählige Bälle, verteilte sie geschickt und rettete zudem immer wieder am eigenen Sechzehner gegen die Einschussbereiten Özil, Kaka oder auch Ronaldo. Gomez erinnerte mich vom Engagement her ein wenig an Ivica Olic an seinem besten Tag. Das war schon ganz großes Kino, wie im Übrigen fast alles, was der FC Bayern an diesem Abend ablieferte. Bleibt nur zu hoffen, das sie diese Form auch in der Bundesliga beibehalten. Denn dann müssten wir uns mal gar keine Sorgen mehr machen. Immerhin muss Köln am letzten Spieltag gegen Bayern ran…

In diesem Sinne, noch immer berauscht von dem sensationellen Spiel, bis morgen!

Scholle