Tagesarchiv für den 25. April 2012

Guerrero und Diekmeier wollen gegen Mainz “alles klarmachen”

25. April 2012

Er wollte mir gar nicht antworten. „Hör’ auf damit“, so seine abwehrende Haltung auf die Frage nach dem Wie. „Ich denke da nicht eine Sekunde lang dran, weil es nicht so kommen wird“, weicht Dennis Diekmeier mir auf meine Frage aus, wie das Gefühl war, Relegation spielen zu müssen. Und es dauerte auch ein paar Augenblicke, bis ich dem gerade wieder genesenen Rechtsverteidiger klarmachen kann, dass auch ich nicht daran glaube, dass es aber durchaus interessant ist, davon zu erfahren. Immerhin ist der 22-Jährige der einzige HSV-Spieler, der schon einmal Bundesligarelegation gespielt hat. Genau genommen sogar zweimal in Folge. Im Sommer 2009 schaffte er mit dem 1. FC Nürnberg nach zwei Siegen über Energie Cottbus den Aufstieg aus der Zweiten in die Erste Liga. Ein Jahr später verhinderte er als nunmehr Erstligist den Abstieg – wieder mit zwei Siegen. Allerdings diesmal von der Tribüne aus. Er hatte sich zuvor im letzten Saisonspiel, passenderweise gegen den HSV, verletzt. „Das war der Horror. Ich konnte nichts machen, war völlig hilflos. Und das in der Situation.“

In der Situation, in der wir dank eines Sieges gegen Mainz am Sonnabend, so seine (und auch meine) Rechnung, nicht kommen werden. Ansonsten hätte es tatsächlich wieder „die schlimmste Konstellation werden können, die es geben kann“, so Diekmeier. „Es war damals relativ einfach, als wir aus der Zweiten Liga aufsteigen wollten. Damals konnten wir nur was hinzugewinnen. Aber wenn Du als Erstligist nur darum spielst, eine eh schon bescheidene Saison nicht zum Desaster werden zu lassen, dann ist das schon richtig krasser Druck. Mehr geht nicht.“ Das sei auch nicht, wie fälschlicherweise in der Öffentlichkeit oft gemacht, mit einem Finalspiel vergleichbar. Diekmeier: „Um dahin zu kommen, musst du in der Regel Siege einfahren und Runde für Runde weiterkommen. Das ist am Ende Druck – aber eben positiver. Und damit haben Relegationsspiele für einen Erstligisten nichts gemeinsam. Gar nichts.“

Ich wollte eigentlich noch wissen, wie Dennis die Spieltage damals erlebt hat, wie sich das Umfeld gab, wie seine Teamkollegen drauf waren und ob er sich an besondere Eigenheiten aus dieser Zeit erinnert. Aber Dennis wollte, nein: er konnte sich nicht mehr daran erinnern. „Eigentlich waren das normale Vorbereitungen auf die Spiele. Ich selbst habe auch noch nie vor irgendeinem Spiel etwas großartig oder bewusst anders gemacht als sonst. Das Einzige, woran ich mich erinnere, ist die jeweilige Feier danach. Und auch die habe ich ab einem gewissen Zeitpunkt jeweils vergessen…“, lacht Diekmeier, der zwar auf seinen Einsatz am Sonnabend hofft, der aber auch realistisch ist. Auch er weiß, dass Trainer Thorsten Fink kein Freund von vielen Veränderungen ist. Und obwohl Bruma in Nürnberg zuletzt beim 1:1 patzte, bescheinigte Fink dem Niederländer – berechtigterweise – eine gute Form. Gut möglich, dass Diekmeier noch warten muss, bis er sein Comeback feiern darf.

Deutlich schneller dürfte das bei Paolo Guerrero der Fall sein. Der Peruaner wusste beim mäßigen 4:1 gegen den Verbandsligisten MSV Pampow (Mecklenburg Vorpommern) mit einigen guten Aktionen zu gefallen. Allerdings fehlt dem Angreifer natürlich noch die Spielpraxis. „Ich bin noch nicht komplett wieder da, wo ich war. Es war eine lange Zeit, die ich pausiert habe“, so der Angreifer nach seinen acht Spielen Zwangspause. Dennoch hätten ihm die vielen Trainingseinheiten („Ich habe nicht mehr Freizeit als vorher gehabt, ich habe richtig hart gearbeitet“) mit den vielen internen Testspielen geholfen. Ebenso das Spiel in Pampow. „Das war richtig gut für mich. Ich habe getroffen, wir haben gewonnen“, so Guerrero sichtbar glücklich. Dass er am Wochenende, darauf hatte sich Fink bereits festgelegt, von Beginn an auflaufen soll, steigert diese Freude noch mal.

Allerdings ist Guerrero zunächst auch sehr erstaunt. „Hat der Trainer das so gesagt? Das überrascht mich. Aber ich werde alles geben, dass der Abstiegskampf endlich vorbei ist.“ Dafür würde aber nicht ein Punkt reichen, wie viele rechnen, „sondern wir müssen gewinnen, drei Punkte holen. Die Saison ist noch lange nicht vorbei.“

Das wiederum dürften seine Hoffnungen auf zehn Saisontore sein, wie sie sich Guerrero zu Saisonbeginn als Ziel gesetzt hatte. Sechs hat er, zwei Spiele stehen noch aus. „Ich bin Stürmer und will Tore machen, klar. Aber ich bin nicht immer vorne drin wie ein Gomez oder so. Ich bin hinter der Spitze, ich bereite eher viel vor. Ich rede in der Situation auch nicht über Tore und mir ist mein persönliches Ziel auch egal, wenn wir trotzdem gewinnen und die Saison gut beenden.“ Zumal die Aussichten gut seien. „Wir haben eine Achterbahnsaison hinter uns, das wird nächste Saison besser.“ Warum er sich da so sicher ist? Guerreros interessante Erklärung: „Wir haben viele Neue bekommen dieses Jahr. Die wussten nicht, wie die Bundesliga funktioniert“, so der Peruaner, eher er die jungen Kollegen, wohl insbesondere die Jungs aus Chelsea, in die Kritik nimmt: „Man kann eben nicht herkommen und sagen, dass das eine kleine Mannschaft ist. Das haben die Jungs jetzt mitbekommen und werden das sicher nicht noch mal so machen.“

Aus der Vergangenheit gelernt hat auch er selbst. Ein Foul wie das an Stuttgarts Keeper Ullreich dürfte ihm so schnell nicht wieder passieren. Das hatte Guerrero zuletzt immer wieder erklärt und entsprechend Reue gezeigt. Deshalb wollten wir das Thema Rote Karte heute eigentlich auch aussparen. Allerdings reagierte er auf eine These, dass sowas bestimmt nie wieder passiert, selbst. „Ich kann nicht versprechen, dass sowas nie wieder passiert. Dafür ist das Fußball, wo Fouls passieren. Ich wollte es ja auch diesmal nicht. Ich bekomme auch durchgehend auf die Knochen und niemand sagt, dass das nicht passieren darf.“ Und ganz ehrlich, bei jedem Wort Guerreros merkte ich, dass er gelitten hat, sich für genug bestraft betrachtet. Es habe ihn verrückt gemacht, nicht auf den Platz zu dürfen, er wusste gar nicht, wohin mit seinem Adrenalin.

Und entsprechend heiß ist Guerrero jetzt auf sein Comeback. Selbst etwaige Pfiffe der eigenen Fans würde er hinnehmen. „Ich werde immer von den gegnerischen Fans ausgepfiffen, ich kenne das. Und es gibt sicherlich Fans, die sauer auf mich sind. Aber bislang habe ich aus der Mannschaft und auf der Straße sehr viel Zuspruch erhalten. Die meisten haben mir Mut gemacht und mir vorgerechnet, wie lange ich noch pausieren muss, bis es endlich weitergeht.“ Das sei immer wieder hart, aber hilfreich gewesen. Ebenso seine Erfahrungen mit der U14, die er trainiert hatte. „Das hat Spaß gemacht. Die Jungs haben mich mitgenommen“, erzählt Guerrero. Und gerade da, wo der Vortrag über seine „freiwillige“ (der Vorstand hatte das beschlossen) Jugendarbeit pathetisch zu werden drohte, fasste Guerrero zusammen: „Ich weiß auf jeden Fall, dass meine Zukunft beim HSV liegt.“

Und das in der Ersten Liga, was eben schon am Sonnabend klargemacht werden soll. Obwohl nach Gojko Kacar (Knöchelbruch) und Slobodan Rajkovic auch noch Jaroslav Drobny (Hüftprellung), Per Skjelbred (Hautentzündung) sowie Ivo Ilicevic fraglich sind. Letzteren plagen hartnäckige Adduktorenprobleme. Der rechte Mittelfeldspieler pausierte heute und sein Einsatz soll sich erst kurz vor Spielbeginn entscheiden.

Apropos Einsatz – auf den setzen kann David Jarolim. Warum der trotz des feststehenden Abganges nicht im eigenen Stadion verabschiedet wird, erschließt sich mir ehrlich gesagt nicht. Dennoch verzichtet der HSV darauf. Begründung: man sei noch nicht gesichert. Deshalb kann ich nur hoffen, dass der HSV bei der Erklärung dann auch so spontan ist, beim möglichen Klassenerhalt direkt im Anschluss an das Spiel gegen Mainz zu reagieren und seinen Dienstältesten gebührend zu verabschieden. Gleiches gilt natürlich auch für den ebenso zu Saisonbeginn scheidenden Mladen Petric, der am Wochenende voraussichtlich von der Bank aus startet. Sofern Fink nicht überrascht…

In diesem Sinne, morgen wird um 15.30 Uhr an der Arena trainiert. Bis dahin!

Scholle