Tagesarchiv für den 23. April 2012

Adler und Kuyt – große Namen, die Lücken aber bleiben

23. April 2012

Ja, ja, der Herr Gagelmann also. Einer der vernünftigen Zunft hat sich nicht unter Kontrolle. „Drecks-Kick“ und „Ihr verliert ja sowieso“ soll er unter anderem gesagt haben. Ich gebe zu, als ich das das erste Mal gehört habe, war mein sofortiger Reflex: Das kann nicht sein. Da will ihm jemand Böses. Dennoch dachte ich mir, dass bei solchen Geschichten immer auch etwas Wahrheit dran ist, wenn so viele Leute aus den verschiedensten Lagern es behaupten. Meistens sind es enttäuschte Spieler, die den Schiri für das Nichterreichte verantwortlich machen. Allerdings scheint das diesmal anders zu sein.

Immerhin haben neben David Jarolim auch andere Spieler derartige Äußerungen vernommen. Dazu auch noch Spieler, die relativ unverdächtig sind, wie beispielsweise Nürnbergs Keeper Schäfer. Und mal ehrlich, haben wir uns nicht alle zuerst gefreut aber dann gefragt, wie um Himmels Willen ein Schiedsrichter bei dem Spielverlauf auf gerade mal eine (!!) Minute Nachspielzeit kommt? Allein die Verletzungspause Kacars war ja schon doppelt so lang. Ganz ehrlich: Und wäre das Ergebnis für den HSV nicht so positiv gewesen, ich hätte im Kreis gek…. Ich hätte mindestens vier Minuten gefordert und Gagelmann sowie seine Assistenten wüst bepöbelt…

Aber es sind Konjunktive. Nur Konjunktive. Und genau deswegen habe ich heute versucht, Gagelmann zu erreichen. Leider – aber irgendwie auch verständlicherweise – erfolglos. Denn Gagelmann kann die fehlenden Nachspielminuten eh nicht für alle Parteien ausreichend erklären. Und jede Äußerung zu den Vorwürfen würde das Thema unnötig und für ihn quälend länger am Leben erhalten. Und, nur so nebenbei: Habt Ihr mal darauf geachtet, was und in welcher Lautstärke sich Schiedsrichter für ihre Entscheidungen auf dem Platz anhören müssen? Ich habe das Glück, mit einen Bundesligaschiedsrichter bekannt zu sein, der mir häufiger davon berichtet. Und glaubt mir, so sehr ich als Spieler die Schiedsrichter verteufelt habe – es gab tatsächlich keinen, den ich gut fand – ich könnte nie so ruhig bleiben wie der allergrößte Teil der Unparteiischen. Schon gar nicht, wenn ich all die niveaulosen Beschimpfungen und Beleidigungen hören würde, die sich Bundesligaschiedsrichter anhören müssen.

Aber egal, dafür werden sie gut bezahlt und letztlich sind sie es, die sich auf dem Platz derart Respekt verschaffen müssen, dass sich Spieler solche Dinge eben nicht erlauben.

Aber, und deswegen komme ich lieber schnell wieder in die Gegenwart, vor allem bleibt uns nicht genügend Zeit, um uns lange mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Immerhin fehlen uns praktisch zwei Punkte und theoretisch nur noch ein Punkt, um endlich sicher zu sein.

Wobei ganz sicher nicht dabei sein wird Gojko Kacar, dessen Verletzung im TV so übel aussah, wie sie sich später auch anhörte. Vier Monate muss der Serbe pausieren. Gerade er, der seit seinem ersten Bundesligaspiel vor vier Jahren elf schwerere Verletzungen hinter sich gebracht hat. Rund 45 Wochen – die kommenden zwölf nicht einberechnet – musste Kacar seither verletzungsbedingt pausieren. Das ist echt massiv. Zum einen ist es sicher seiner ungestümen Art und seinen hart geführten Zweikämpfen geschuldet – aber eben auch eine ganze Menge Pech.

Das wäre es auch, wenn Jaroslav Drobny ausfällt. Sven Nauhaus’ ordentliches Bundesliga-Debüt in allen Ehren, aber die Souveränität des Tschechen war es, die den HSV in dieser Saison immer wieder auf Kurs gehalten hat. Und angesichts des bevorstehenden Klassenerhaltes und der daraus resultierenden Verpflichtung René Adlers dürfte Drobny nur noch zwei Spiele für den HSV offen haben – davon nur das am Sonnabend gegen Mainz im eigenen Stadion, um sich ordentlich (vor allem mit dem endgültigen Klassenerhalt) von den eigenen Fans zu verabschieden.

Und das ist immer noch weniger, als er sich insgesamt verdient hat. Normal wären 14 Tage Pause, sagt der Mannschaftsarzt. Drobny selbst jedoch hofft weiter auf eine schnellere Genesung. „Mal sehen, wie es sich in den nächsten Tagen entwickelt“, lässt sich der Tscheche zitieren. Und ganz ehrlich, ich glaube, er spielt am Sonnabend. Ich hatte es mehrfach geschrieben. Für mich ist Drobny trotz seines diskutablen Presse-Boykotts vielleicht der Spieler der Saison. Ganz sicher aber einer der hartgesottensten. Der hört erst dann auf, wenn er wirklich und auch praktisch auseinanderfällt.

Womit ich nicht automatisch auch den HSV kritisieren will. Der hat sich für einen jüngeren Keeper entschieden. Ebenso wie im Fall Jarolim steht auch bei Drobny die Entscheidung fest, dass er ersetzt werden soll. Leverkusens René Adler kommt. Und ohne mich hier endgültig festlegen zu wollen, komme ich mit der Entscheidung klar. Sie ist perspektivisch. Aber sie ist auch nur so lange für mich in Ordnung, wie der HSV dadurch nicht auf den Positionen Einschränkungen in Kauf nehmen muss, die im Gegensatz zur Torwartposition deutlich schwächer besetzt sind. Da fallen mir die beiden Sechserpositionen, zwei Innenverteidiger- und natürlich die Personalie „kreativer Mittelfeldspieler“ ein.

Womit ich beim Thema Dirk Kuyt angekommen wäre. Der Niederländer steht beim HSV Jahr für Jahr auf dem Wunschzettel. Schon damals, als der heutige 31-Jährige 2006 von Rotterdam nach Liverpool wechselte, hatte ihn der damalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer auf dem Zettel. Und das fand ich immer auch mehr als verständlich. Zumindest damals, als noch höhere Ablösesummen bezahlt werden konnten. Immerhin gilt Kuyt als extrem mannschaftsdienlicher Angreifer, der sowohl zentral als Spitze, direkt dahinter sowie auf den Außenbahnen (aktuell rechst für Liverpool) spielen kann. Allerdings gilt Kuyt nicht als typischer Kreativspieler sondern eher als Kämpfer und Wühler. Und: So gut er dem HSV zu Gesicht stehen würde, er bindet auch mal eben eine Million Euro Ablöse sowie ein Millionengehalt (aktuell 3,2 netto!), das den HSV deutlich einschränken würde bei der Suche nach weiteren Verstärkungen.

Womit sich der Kreis zu Adler schließt, denn schon wieder wäre es eine Personalie, die der HSV nicht vorrangig neu besetzt werden muss. Denn im Sturm stehen Berg, Son, Arslan, Guerrero, Rudnevs auf der HSV-Gehaltsliste. Und auch auf den Außen haben wir mit Jansen, Ilicevic, Töre und Sala (sowie noch mal Son) durchschnittliche bis gute Alternativen. Ergo: Zwei Sechser, mindestens ein Innenverteidiger und der so eminent wichtige Kreativspieler fehlen immer noch. Und ohne die könnte die Saison schnell wieder so daneben gehen wie die aktuelle…

Wobei: diese Saison ist noch nicht vorbei, geschweige denn gerettet. Am Sonnabend kommt Mainz – und Paolo Guerrero kehrt nach sieben Wochen und acht Spielen Sperre zurück. Morgen um 17.30 Uhr testet er erstmals beim MSV Pampow (Verbandsliga Mecklenburg Vorpommern) in Schwerin. Und der Peruaner wird dem HSV am Sonnabend helfen können. Ob von Beginn oder als Einwechselspieler, seine Qualitäten, den Ball vorn festzumachen und zu halten, hat beim HSV sonst niemand. „Paolo entlastet das eigene Spiel. Immer“, hatte Frank Arnesen im Winter noch hoch gelobt. Und wenn uns eines in den letzten Wochen deutlich wurde: beim HSV ist niemand so konstant wie Paolo vorn. Kein Berg, der seine Chance dennoch genutzt hat. Und auch noch kein Heung Min Son, dessen zwei letzten Tore letztlich den Klassenerhalt gesichert haben dürften. „Sonni spielt manchmal wie befreit und manchmal so, als hätte er Blei an den Füßen“, fasste Arnesen Sons Saison zusammen. Und er hat Recht. Noch zumindest…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10 an der Arena trainiert, anschließend geht es für die Reservisten und die, die zuletzt nicht so zum Einsatz kamen, nach Schwerin.

Scholle

P.S.: Am Ende noch ein paar Worte in eigener Sache. Wir haben am Sonnabend das dritte Mal unsere „Matz-Ab-Live“-Sendung produziert. Ein neuartiges Produkt, das von Euch sensationell gut angenommen wird und das uns mit unseren Gästen sehr viel Spaß bereitet. Allerdings ist es auch ein Produkt, das normalerweise einer langen Vorbereitungszeit bedarf, während unsere Online-Spezialisten das binnen kürzester Zeit stemmen mussten. Deshalb: wir arbeiten beständig an einer Verbesserung des Produktes. Und obwohl wir mit dem Bisherigen – so glauben wir zumindest – schon sehr zufrieden sein konnten, wir werden nichts unversucht lassen, immer besser zu werden. Von der technischen Ausstattung bis hin zur inhaltlichen Gestaltung. Wie genau das aussehen wird, werden wir Euch hoffentlich schon bis zur nächsten Sendung, also noch vor der Sendung zum Augsburg-Spiel am 5. Mai, erläutern können.