Tagesarchiv für den 20. April 2012

Rincon: “Den Sieg über Hannover vergessen”

20. April 2012

Wer stürmt neben oder hinter Marcus Berg? Das war die Frage, die vor dem Auswärtsspiel des HSV beim 1. FC Nürnberg noch offen war. Und wohl bis zum Sonnabend auch noch ein wenig offen bleiben wird. Vielleicht erst dann entscheidet sich Trainer Thorsten Fink mit seinem „Bauchgefühl“ für den einen oder den anderen Kandidaten, denn: Sah es am Donnerstag noch ganz so aus, als würde das Hamburger Sturm-Duo im Frankenland aus Berg und Mladen Petric bestehen, so hatte es heute beim nicht-öffentlichen Abschlusstraining im Volkspark den Anschein, als würde Heung Min Son neben oder hinter Berg angreifen. Der Coach hat die Qual der Wahl. Petric stünde mit seiner Erfahrung parat, Son mit seiner jugendlichen Unbekümmertheit und Frische. Und mit einer Eigenschaft, die Fink zuletzt, nach dem Sieg gegen Hannover 96, besonders herausstellte: „Er ist schnell, kann steil geschickt werden, er geht mutig ab.“ Und von solchen Spieler-Typen hat der HSV bekanntlich nicht mehr ganz so viele . . .
Sollte ich mich entscheiden müssen, so würde meine Wahl an diesem Sonnabend auf Son fallen. Auswärts ist er für mich zurzeit die beste Lösung – zumal ihm sein Sieg-Tor ja auch das nötige Selbstvertrauen (zurück-)gegeben haben könnte. Oder müsste.

Die personelle Lage des HSV insgesamt ist nicht so schlecht, allerdings gibt es in der Defensive doch einige Ausfälle. Mittelfeldspieler Robert Tesche fällt mit einer Muskelverhärtung aus. Zudem werden Verteidiger Dennis Diekmeier (Aufbautraining) und Slobodan Rajkovic (Innenbandzerrung) fehlen. Letztmalig pausieren muss Stürmer Paolo Guerrero, der nach dem Betriebsausflug in den Süden seine (immer noch happige) Sieben-Wochen-Sperre abgesessen hat.

Mit von der Partie in Nürnberg ist aber wieder Tomas Rincon. Er saß heute in kurzer Hose in unserem Kreise – und zeigte so sein lädiertes Schienbein. Der Venezolaner hat ein „dickes Ei“ auf dem Knochen, das sieht nicht gerade gut aus – aber „Popeye“ ist ja ein „Beißer“. Rincon nimmt jeden Tag Tabletten gegen die Schmerzen, und wenn er trainiert oder ins Spiel geht, dann verbindet er die Delle mit einem dicken Verband, und dazu trägt er – natürlich – Schienbeinschützer. Die natürlich nicht davor schützen, dass ihm mal einer gehörig vor das Schienbein tritt. So wie zuletzt 96- Angreifer Didier Ya Konan. Da lag Tomas Rincon dann mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden und hörte die Engelein singen. Er sagt: „Diese Stelle verursacht bei mir Rückenschmerzen, Achillessehnenbeschwerden – da hängt viel dran.“

Rincon spielt seit über einem Jahr „durch“ – wegen der Copa America. Auch deswegen könnte er ein wenig verletzungsanfälliger sein. Aber er tut es quasi mit links ab: „Ich bin ja noch jung . . .“ Nur: Wenn die Bundesliga am 5. Mai beendet wird, dann hat der HSV-Profi noch lange keine (große) Pause. Er muss mit Venezuela noch gegen Uruguay und Chile spielen – am 2. Juni und am 9. Juni. Erst dann darf er an „richtigen“ Urlaub denken.

Doch das alles ist für ihn noch weit weg. Erst einmal zählt nur der Klassenerhalt mit dem HSV. Und da zuerst das Nürnberg-Spiel. „Wir können noch nicht zufrieden sein, nur weil wir gegen Hannover gut gespielt und gewonnen haben. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen, wir müssen mit der gleichen Leidenschaft und mit der gleichen Leidenschaft in das Spiel gehen, und mit der Überzeugung, dass wir auch dieses Spiel gewinnen können. Gegen Hannover haben wir das sicher gut gemacht, aber wir können trotz allem mit der Situation nicht zufrieden sein. Das ist vielleicht unser Fehler. Wenn wir einmal gut gespielt haben, dann sind wir vielleicht schon zufrieden – und das geht nicht.“

Das haben längst alle in Hamburg, nein, in ganz Deutschland bemerkt. Sonst würde der HSV ja nicht in den Abstiegskampf verwickelt sein. „Wir haben viele junge Spieler, ich bin auch noch jung, und wir müssen einfach lernen, dass wir aus dieser Saison alle unsere Lehren ziehen. Ir müssen die Gewinner-Mentalität ganz einfach länger behalten, nicht nur für ein Spiel, nicht nur für Spiele wie gegen Mönchengladbach oder auch Bayern“, sagt Rincon und mahnt noch einmal kurz: „Wir sind noch nicht gerettet, wir sollten den Sieg gegen Hannover vergessen und dann alle Kraft bündeln, auch die Konzentration, um in Nürnberg drei Punkte zu holen. Mit einem Sieg wären wir ja vielleicht schon gerettet. Und ich bin der Meinung, dass wenn wir dort zu Null spielen würden, dass wir dann große Chancen hätten, dort zu gewinnen. Oftmals haben wir zu viele und viel zu dumme Gegentore kassiert. Und wenn wir erst ein Gegentor bekommen haben, dann wird es für uns immer schwer, noch einmal zurück zu kommen.“

60 Bundesliga-Spiele hat Tomas Rincon nun schon für den HSV absolviert – ohne ein Tor erzielt zu haben. „Das ärgert mich, aber es ist auch nicht meine Hauptaufgabe“, sagt er und fügt hinzu: „Thorsten Finks Philosophie ist, dass wir Konter des Gegners verhindern sollen, dass wir auf der Sechs gut stehen sollen – und so stehen beide Sechser ja immer ziemlich weit weg vom gegnerischen Tor. Und für das Tore schießen haben wir ja auch andere Spieler, die das können – und machen sollen.“ Deutsch spricht Tomas Rincon, das muss an dieser Stelle einmal erwähnt werden, schon wie ein ganz „Großer“. Ein dickes Kompliment an ihn, das ist einfach nur vorbildlich, großartig, super – und sensationell. Rincon sagt zum Thema Tore auch noch: „Die Philosophie des Trainers gefällt mir, das Problem ist nur, dass wir seit Saisonbeginn schon in einer ganz schlechten Situation sind. Da ist das Selbstvertrauen dann auch nicht besonders groß, dann kannst du nicht einfach mal so locker von hinten heraus nach vorne spielen. Wenn die Situation einmal besser ist, dann werden wir allgemein auch besser spielen können, denn wenn wir unser System wirklich gut spielen, dann ist es bestimmt nicht so einfach für den Gegner, gegen den HSV zu gewinnen.“

Davon aber kann noch keine Rede sein. Erst einmal ist Konsolidierung angesagt – mit dem Schluss, dass am Ende der Klassenerhalt geschafft worden ist. Und dabei sind sowohl Tomas Rincon als auch sein Partner auf der Sechs, David Jarolim, stark gefragt. Geht es nach dem Plan von Sportchef Arnesen, dann wird dieses Sechser-Duo nur noch dreimal für den HSV die „Drecksarbeit“ gemeinsam verrichten – weil „Jaro“ ja vor die Tür gesetzt werden soll. Kurios dabei: Gegen Ende des Jahres hatte es ja immer geheißen, dass Jarolim und Rincon nicht gemeinsam in das HSV-Spiel passen. Entweder der eine oder der andere, aber nicht gemeinsam. Und nun funktioniert das schon in so vielen Spielen so gut. Wir Rincon „Jaro“ vermissen?

„Wenn ich neben ihm spiele, dann habe ich einen Mann mit viel Erfahrung neben mir. Er ist unglaublich clever, er kann den Ball sehr gut halten, gewinnt sehr viele zweite Bälle – wir haben in dieser Saison schon viele gute Spiele gemacht. Wenn Jaro weg ist, dann haben wir einen absoluten Profi verloren, er ist ein Vorbild für die jungen Spieler.“

Noch aber dürfen sie ihre „Jaro-Abschiedstournee“ fortsetzen – morgen zum Beispiel in Nürnberg. „Da müssen wir die Mentalität mitbringen, die wir gegen Hannover hatten: Von der ersten Minute angreifen, den Willen zeigen, dass wir das Spiel gewinnen wollen, nicht zu locker in das Spiel gehen, viel laufen, hart gegen sich selbst zu sein – so gefällt mir unser Spiel“, sagt Tomas Rincon. Er sagt über sich, dass er mit der Konzentration auf diese90 Minuten schon am Abend beginnt, nämlich dann, wenn er ins Bett geht. Und er motiviert sich auch selbst. Schin immer. Weil Thorsten Fink in dieser Woche ja angekündigt hat, dass sich die Spieler mal selbst „heiß machen“ sollten. Was auch voll das Einverständnis von Rincon trifft: „Wir sind ja keine kleinen Kinder, das können wir. Der Trainer kann uns zwar gut motivieren, aber wir könnten und sollten das auch selbst machen. Da sollten die erfahrenen Spieler mal vorangehen. Und wir sollten nicht darauf warten, dass uns immer nur der Trainer pusht.“

Auch Tomas Rincon hält das Spiel seiner Mannschaft in diesem einen Punkt für verbesserungsfähig: es ist zu ruhig auf dem Platz: „Wenn wir zu ruhig sein, dann tut es uns nicht gut. Aber wir machen das ja nicht extra . . . Es würde schon helfen, wenn wir uns während des Spiel gegenseitig anfeuern würden.“ Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Wenn die Ruhe im HSV erst einmal von allen Spielen erkannt worden ist, dann könnte ja gemeinsam dagegen angekämpft werden. Gemeinsam sind wir stark.

So würde es sicher auch ein „alter Trainer-Hase“ sehen: Hans Meyer. Der „Altmeister“ wohnt in der Nähe von Nürnberg, ist morgen aber nicht beim Spiel. Er sagte mir heute: „Wenn es für den Club noch um den Klassenerhalt gehen würde, dann würde ich natürlich dem FCN die Daumen drücken. So aber drücke ich sei dem HSV, denn der HSV gehört ganz einfach in die Erste Bundesliga. Deswegen wünsche ich diesem Traditions-Klub auch dringend, dass er drin bleibt.“ Das ber ist, so Hans Meyer, noch nicht unter dach und Fach: „Der HSV tut sehr gut daran, dass Spiel in Nürnberg sehr, sehr ernst zu nehmen. Ich habe die Mannschaft von Dieter Hecking in dieser Saison oft gesehen und genau verfolgt, er hat aus diesem Team eine sehr gute Einheit geformt – was nicht leicht war nach all den Abgängen zu Saisonbeginn. Hecking hat das aber sehr gut gemacht, und der Klassenerhalt ist geschafft. Das genau aber macht es so schwer für den HSV, denn der Club kann befreit aufspielen – und er kann sehr gut spielen. Das hat zuletzt der 4:1-Sieg über die ambitionierten Schalker gezeigt.“

Hans Meyer sagt abschließend: „Es soll ja keiner sagen, dass Nürnberg nur noch um die Prämie spielt. Das ist absoluter Quatsch. Gerade weil es um die Prämie geht, wird die Aufgabe für den HSV sehr schwer. Kein Fußballer schenkt ein Spiel ab, alle wollen gewinnen – und wenn man ohne Druck spielen kann, dann wird das für den Gegner äußerst unangenehm. Und dass der Club sehr gut spielen kann, das hat er in dieser Saison schon oft gezeigt – nein, nein, der HSV muss schon 100 Prozent bringen, wenn er hier etwas erreichen will.“

Gut, dass das noch einmal ein „neutraler Beobachter“ gesagt hat – falls es Thorsten Fink nicht mehr machen sollte – von wegen „heiß machen“.

So, wir werden morgen – unmittelbar nach dem Schlusspfiff in Nürnberg – wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung sein. „Scholle“ und ich werden dann in der Talkrunde zwei HSV-Spieler begrüßen – einen aktuellen, einen ehemaligen. Letzterer ist „einer von uns“, nämlich der „Master of Grätsche“, Carsten Kober. Und der andere? Lasst euch überraschen – hätte ich fast gesagt. Nein, ich verrate es jetzt schon mal, es wird Dennis Diekmeier dabei sein – wir freuen uns sehr.

17.45 Uhr