Tagesarchiv für den 19. April 2012

Einfach mal nicht nachdenken….

19. April 2012

Neunmal lagen sie schon zurück. Wirklich gut klargekommen sind sie damit nicht. Nur einmal gelang anschließend noch ein Punktgewinn – beim 1:1 in Mönchengladbach sogar einer, der hochverdient war. Die Mannschaft des HSV scheint noch immer fragil zu sein. Nur selten bis (in der Rückrunde) nie konnte ein Spiel über die Runden gebracht werden, ohne dass gezittert werden musste. „Uns liegt es offensichtlich nicht, wenn wir zurückliegen“, sagt Fink, „damit haben wir noch Probleme.“ Umso wichtiger sei es, hinten die Null zu sichern. Das gelang in 2012 drei Mal – davon allerdings zweimal in den letzten vier Spielen. „Wir werden in Nürnberg ganz sicher nicht auf Teufel komm raus stürmen“, sagt Fink und sein Kapitän ergänzt: „Ich weiß auch nicht, warum das so bei uns so schwierig ist, so stark wirkt“, so Heiko Westermann, der deswegen insbesondere defensiv Handlungsbedarf sieht: „Zumal uns ja nach ’ner Führung auch immer wieder das zweite Tor fehlt wird es ganz wichtig sein, hinten wieder so konsequent zu spielen wie gegen Hannover.“

Das gute Gesicht soll es dann also im Spiel bei den gesicherten Franken also sein. Fink: „Nürnberg hat zuletzt gut gespielt, gute Ergebnisse geliefert. Die können befreit aufspielen. Das ist bei uns anders. Selbst wenn wir gewinnen, sind wir noch nicht gesichert. Wir sind noch nicht weiter, wir müssen bis zum Schluss fighten.“ So, wie zuletzt im Training? Fink relativiert: „Ich habe das Training nicht abgebrochen, weil es zu hart wurde. Das war gut. Ich war nur der Meinung, dass wir in der jetzigen Phase nichts riskieren mussten. Da darf man auch mal fünf Minuten früher Ende machen. Ansonsten habe ich eine gute Aggressivität gesehen, die wir mit ins Spiel nehmen müssen.“

Immerhin, heute ließ es Fink ruhiger angehen. Auf beiden Trainingsplätzen wurde trainiert. Vorn (von der Arena aus gesehen) absolvierten die vermeintlichen Reservisten Schussübungen, während auf dem hinteren Platz die vermeintliche A-Elf das Umschalten von Abwehr auf Angriff inklusive Abschluss ohne Gegner übte. Und, interessant dabei war eigentlich nur die Frage, wer im Sturm beginnt. „Ich weiß schon, wie ich spielen will“, hatte Fink noch vor dem Training gesagt, „aber ich will es nicht sagen. Wozu soll ich jetzt schon einen enttäuschen?“ Soll er nicht – hat er aber zunächst. Denn da agierte neben dem offenbar weiterhin gesetzten Marcus Berg Mladen Petric im Angriff, während der zuletzt gute Heung Min Son mit den vermeintlichen Reservisten Schussübungen absolvierte und immer wieder hinüberschaute, was da auf dem Nebenplatz passiert.

Ich muss zugeben, mich würde es sehr überraschen, wenn Son gerade jetzt wieder rausgenommen wird. Immerhin hat er nicht nur eine vernünftige Partie gegen Hannover abgeliefert sondern eignet sich ob seiner Laufstärke auch deutlich besser für ein Auswärtsspiel wie das bei den defensiv sehr disziplinierten aber eben nicht pfeilschnellen Nürnbergern. „Sonni ist der richtige Mann, um zwischen gegnerischer Abwehr und Mittelfeld zu spielen. Er schafft Unruhe, läuft viel und ist für Konter gut“, hatte Frank Arnesen im Wintertrainingslager zusammengefasst. Und er hat Recht. Hinzu kommt, dass Petric im Sommer den Verein verlassen wird – wozu also Petric hofieren und denjenigen vergraulen, auf den man in Zukunft setzen will?

Allerdings bin ich mir sicher, dass auch Fink diese Gedanken hat. Immerhin rief er nach einer Weile Son herüber und schickte Petric zu den Reservisten. Heute in der Konferenz wirkte er ein wenig angefasst. Er versuchte ein wenig zu sehr den rationalen Trainer zu geben. Immer wieder blockte er Fragen oder beantwortete sie möglichst knapp. Angesprochen auf eine fehlende Gallionsfigur im Kader – über den Umweg Raul, der Schalke verlässt, kam diese Frage auf – wirkte er richtig angefasst. „Eine Gallionsfigur? Es sind immer wieder die selben Fragen. Und ich glaube, ich muss wirklich nicht alles beantworten.“ Aber er tat es letztlich doch. „Was meinen Sie genau? Wir könnten einen Frank Rost holen“, so Fink schnippisch. Hintergrund waren die Äußerungen des ehemaligen HSV-Torwarts, der am vergangenen Sonntag im Sport1-Doppelpass beim HSV ein fehlendes Konzept und schlechte Strukturen erkannt haben wollte. „Ein Frank Rost wäre wahrscheinlich so eine Gallionsfigur, oder? Aber glauben sie mir, wir machen uns auch unsere Gedanken. Und wir werden das Richtige machen.“

Hoffentlich. Denn klar ist, dass dieser HSV so nicht noch eine Saison spielen kann. Und wenn man bedenkt, dass mit Drobny, Jarolim und Petric schon mal die drei wahrscheinlich erfahrensten Spieler gehen, ist die Frage nach Erfahrung durchaus berechtigt. Auch wenn sie nach dem 100. Mal vielleicht nervt…

Aber gut, Sportchef Frank Arnesen ist ja schon seit Wochen unterwegs und sucht, spricht, verhandelt. Das sagt er auf jeden Fall. „Für jede Position, die wir neu besetzen müssen, haben wir einen A-, einen B- und einen C-Plan“, so der Däne, der die (noch) unsichere Tabellenlage als einen der Hauptgründe nennt, weshalb bislang erst wenig Vollzug vermeldet werden konnte. Zudem wird Arnesen trotz des neuen TV-Vertrages, der dem HSV rund zehn Millionen Euro mehr als zuletzt in die Kassen spülen wird, auch in diesem Sommer nicht viel ausgeben dürfen.

Aber auch das ist noch nicht vorrangig, darüber können wir uns Gedanken machen, wenn wir den Abstiegskampf hinter uns haben, wonach es auch bei einem Sieg in Nürnberg noch nicht aussieht. Zumindest kann ich mir nicht vorstellen, dass Lautern bei Hertha was reißen kann. „Wir wollen in Nürnberg was mitnehmen“, sagt Westermann, „und wenn es ein Punkt ist, dann den. Und gegen Mainz am kommenden Wochenende wollen wir dann alles klar machen.“

Und dafür wird Fink tatsächlich nichts (außer vielleicht im Angriff eine Position) ändern müssen, nachdem heute auch Jeffrey Bruma seine Knieprobleme überstanden hat und normal schmerzfrei mittrainierte. Selbst Drobny mischte wieder fleißig mit, nachdem er sich alle Finger mit Tape-Verband hatte verbinden lassen. Ich habe kurz seine linke Hand gesehen, ehe sich der Tscheche in den Torwandhandschuh quälte. Da war mehr Verband als Haut zu sehen. Aber er quält sich. „Bei uns ist wirklich Feuer drin“, sagt Westermann, „man sieht jetzt, dass eine große Anspannung da ist und sich keiner ausruht. Ich versuche da vornewegzumarschieren. Ich habe mit lauten Ansprachen dagegengehalten – und wie man in den letzten Wochen gesehen hat, funktioniert es wohl. Alle ziehen mit – und nur so kommt man da unten raus.“ Wie der seit Wochen mit einem Sehnenriss in der linken Hand angeschlagene Drobny.

Aber auch das soll mir egal sein, solange Drobny weiter so gut hält wie zuletzt. Denn, und das muss man ihm hoch anrechnen, bei allem Theater um den Transfer von René Adler zum HSV hat sich Drobny nie hängen lassen. Im Gegenteil, für mich ist er bislang vor David Jarolim der Spieler der Rückrunde. Hoffentlich unterstreicht Drobny das in Nürnberg, indem er die Null hält.

In diesem Sinne, heute möchte ich den Blog mit DEM Zitat der Pressekonferenz von heute beenden. Es kommt von Heiko Westermann. Angesprochen auf die mentale Drucksituation antwortete er: „Mein Ergebnis der letzten Wochen ist es, nicht mehr so viel nachzudenken.“ Und (Achtung, nicht ganz ernst gemeint) ich glaube, das können nicht nur er sondern die meisten sehr gut…

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Morgen wird wieder einmal nicht öffentlich trainiert. Anschließend geht es um 15.05 Uhr per Flieger nach Nürnberg, wo die Mannschaft im „Le Meridien“ gastiert.

P.P.S.: Der HSV hat die Lizenz für die kommende Saison ohne Auflagen erhalten.