Tagesarchiv für den 17. April 2012

Fink: “Ich lobe hier ganz sicher keinen”

17. April 2012

Und plötzlich lagen zwei. Zuerst traf es Tolgay Arslan am linken Knöchel, dann Gökhan Töre, den Dennis Aogo bei einem länger anhaltenden, kernigen Zweikampf mehrere Male von hinten traf, ehe er ihn zu Fall brachte und ihm dann auch noch – ganz sicher unbeabsichtigt – unglücklich auf die Ferse trat. Die beiden Techniker mussten jeweils behandelt werden – sie werden aber zum Glück nicht ausfallen, auch wenn Töre am Nachmittag geschont wurde. „Wie es aussieht, werden alle Mann an Bord sein“, freute sich Trainer Thorsten Fink heute, nachdem auch Dennis Diekmeier vor dem Mannschaftstraining mit Reha-Coach Markus Günter den letzten Belastungstest bestand. „Dennis wird schon morgen ins Mannschaftstraining einsteigen“, so Fink. Ob der Rechtsverteidiger auch schon am Sonnabend gegen seinen Ex-Klub Nürnberg wieder dabei sein kann? Diekmeier selbst („Das wäre ein Traum, da ich schon letzte Serie das Spiel in Nürnberg verpasst hatte“) hofft Diekmeier, und auch Fink schließt eine Nominierung des Rechtsverteidigers zumindest für den 18-Mann-Kader nicht aus. Allerdings sagt der Coach auch: „Ich habe nicht viel Grund, die Aufstellung zu verändern, da die Mannschaft gut gespielt hat.“

Genau genommen geht es sogar nur um eine Position im Angriff, nachdem Mladen Petric heute wieder voll mittrainieren konnte. „Ich habe ja noch ein paar Tage Zeit bis zum Spiel am Sonnabend. Und warum sollte ich jetzt schon jemanden unnötig enttäuschen? Ich schaue genau hin und entscheide dann.“

Klingt logisch. Zumal die Ausrichtung in Nürnberg verschiedene Varianten zulässt. Wobei ich Heung Min Son nicht wieder rausnehmen würde. Und das meine ich nicht nur, weil er getroffen hat, sondern weil er das mit Abstand größte Laufpensum sowie das höchste Tempo der vier (Arslan hinzugerechnet) möglichen Angreifer mitbringt. Son ist der für Konter geeignetste Angreifer – was sicherlich auch relativ zu betrachten ist. Aber in Anbetracht seiner Form aus dem Spiel gegen Hannover traue ich ihm auch bei den sehr diszipliniert defensiv arbeitenden Franken einiges zu. „Sonni hat das gemacht, was er machen muss: ein Tor“, lobt Fink vorsichtig, um nachzulegen: „Aber er hat gesehen, dass sich seine Geduld auszahlt. Das hat gut geklappt.“ Zumal im Verbund mit Marcus Berg, der immer besser in Tritt kommt und heute von Trainer Fink ausdrücklich gelobt wurde: „Marcus zeigt hervorragende Leistungen. Ich bin sehr froh, dass er da ist.“

Wir auch. Oder zumindest ich bin es. Denn so sehr ich auf den Schweden geschimpft habe, nachdem der sich seit der Wintervorbereitung wochenlang hängengelassen hatte, so positiv überrascht bin ich jetzt. Berg scheint der plötzliche Sinneswandel Finks gut bekommen zu sein. Sehr gut sogar – und auch das muss erwähnt werden. Denn Berg bringt sich ins Spiel an, er macht Bälle fest, er verteilt sie – und er kommt zum Abschluss. Gegen Hannover hatte er zwar nicht so viele Szenen – aber allein der Linksschuss aus schwierigem, spitzen Winkel in der zweiten Halbzeit zeigt seine Qualität: den Abschluss. Denn Fakt ist, dass Berg immer – auch in den schlechten, emotionslosen Trainingseinheiten – der Stürmer beim HSV war, der im Abschluss am coolsten blieb und die meisten Dinger einnetzte. Und für seine Kritiker: Berg wird sicher nie ein Messi oder eine Tormaschine wie Gomez. Er wird seine völlig maßlose Ablösesumme vielleicht auch nie rechtfertigen können – aber das muss er auch nicht. Den Preis hat nicht er sondern die beiden Vorstände gemacht. Mir reicht schon, dass Berg die große Lücke, die Guerreros Rote Karte gerissen hatte, einigermaßen schließen kann.

Wobei ich tatsächlich sehr gespannt bin, was Fink macht, wenn Guerrero gegen Mainz wieder dabei ist. In Nürnberg ist der Peruaner noch gesperrt, anschließend spielt der HSV am Dienstag beim MSV Pampow, einem Verbandsligisten aus Mecklenburg Vorpommern im Schweriner Stadion am Lembrechtsgrund. Vor allem natürlich, um den Spielern, die zuletzt nicht so oft zum Einsatz kamen, Spielpraxis zu geben. Allen voran Guerrero. „Er braucht das Spiel“, so Fink, „und wir brauchen ihn anschließend.“

Ein nettes Kompliment – das Jeffrey Bruma mit verändertem Wortlaut heute auch einstreichen durfte. Und das, obwohl Fink betont hatte, die Mannschaft in dieser Woche bewusst nicht für das Hannover-Spiel loben zu wollen, sogar in der Mannschaftssitzung nur noch auf den nächsten Gegner eingehen zu wollen. „Ich werde hier ganz sicher niemanden explizit loben, weil ich diese massiven Schwankungen nicht mehr sehen will. Spiele wie in Hoffenheim nerven mich. Ich werde die Woche halten, wie vor dem Hannover-Spiel. Da habe ich der Mannschaft gesagt, worauf es ankommt und dass nicht ich dafür verantwortlich bin, jeden einzelnen heiß zu machen. Ich habe Selbstverantwortung gefordert, die Mannschaft war und ist am Zug. Ich lasse mich überraschen.“ Er selbst werde nur noch auf den nächsten Gegner einstimmen. „Ich gebe die Richtung vor – und die Mannschaft die Haltung auf dem Platz.“

Dennoch ließ sich Fink im Falle Jeffrey Bruma zu einem gesonderten Lob hinreißen. Für den Niederländer, der zuletzt für negative Schlagzeilen gesorgt, nachdem sich der Mannschaftsrat wegen mangelnder Einstellung des Niederländers gegen ihn und für Michael Mancienne in der Innenverteidigung ausgesprochen hatte. „Jeff macht seine Sache als Rechtsverteidiger überraschend gut“, sagte Fink, ehe er erklärte: „Dass er die Position so gut spielt, hätte ich tatsächlich nicht gedacht. Überraschend ist es für mich deshalb, weil er die Position sehr komplex ausfüllt. Gerade im Verbund mit Michael Mancienne harmoniert das. Er versucht sich einzubringen, ist zudem kopfballstark und gibt uns damit zusätzlich Sicherheit bei Standards und hohen Bällen.“ Zum Thema Einstellung des niederländischen Nationalspielers wollte Fink entsprechend auch nicht mehr viel sagen. Stattdessen nahm er Bruma in Schutz: „Da müssen wir den Ball auch mal flach halten. Jeff ist 19 Jahre alt. Und in dem Alter macht man noch Fehler, da twittert man mal was Unüberlegtes oder sagt das Falsche zur falschen Zeit. Aber bei Spielern in dem Alter sind wir in der Pflicht, ihm zu helfen. Und wenn das dann angenommen wird, ist auch alles gut. Dann muss ich nicht wochenlang darauf rumkauen.“ Klingt, als hätte Bruma den Hieb verstanden und seither erfolgreich Wiedergutmachung betrieben.

Und einmal dabei, wollte Fink auch den zweiten Stabilisator der letzten Wochen nicht vergessen: Michael Mancienne. Der Engländer, der mit den Wolverhampton Wanderers in der Premier League Erfahrung im Abstiegskampf sammelte, zählt momentan sicherlich zu den konstanteren Spielern. „Er spielt sehr solide“, so Fink, „man kann von ihm keine Überdinge erwarten, aber er macht eben auch kaum bis keine Fehler. Er entwickelt sich gerade sehr, sehr gut. Er ist einer der Konstantesten bei uns. Und genau diese Konstanz will ich in den nächsten Wochen und Monaten sehen. Schaffen wir das, werden wir in Zukunft eine sehr gute Abwehr haben.“

Zum Thema Zukunft wollte sich Fink ansonsten nicht weiter äußern. Mein Kollege Lars Pegelow setzte noch mal – und in meinen Augen mehr als gerechtfertigt – mit dem Thema David Jarolim an, handelte sich aber eine ausweichende Antwort Finks ein: „Bevor wir nicht gesichert sind, werde ich über dieses Thema nicht reden. Ich kann nur immer wieder sagen, dass ich mit ihm zufrieden bin. Jaro war auch gegen Hannover wieder heiß. Fast schon zu heiß. Er will definitiv nicht der Erste sein, der mit dem HSV absteigt.“ Auf die Nachfrage, ob der HSV mit Drobny, Petric und auch Jarolim am Ende vielleicht zu viel Erfahrung weggibt, wich Fink erneut aus: „Ein Messi ist auch noch keine 32 und trotzdem schon sehr erfahren.“

Trotzdem, das gab Fink zu und spielte damit auch auf Jarolim an, sei klar, dass Erfahrung sehr wichtig und hilfreich ist. Am besten zu erkennen am Beispiel Gökhan Töre. Der dribbelstarke und von den Fans zum Spieler der Hinrunde gekürte Linksfuß ist inzwischen nur noch Ersatz. Weil er nicht verstanden hat, worauf es jetzt ankommt. „Im Abstiegskampf ist wenig Platz für Experimente“, spielt Funk auf die riskante Spielweise Töres an, „da musst du viel arbeiten, viel kämpfen.“ Und das sei bei Töre nicht zwingend ein Erkennungsmerkmal. „Aber mir ist auch klar, dass Spieler wie er andere Schwankungen haben als erfahrene Spieler. Gerade bei den Jungen ist es oft so, dass sie von einem überragenden in ein ganz schwaches Spiel fallen, während die etwas erfahrenen – nicht zwingen alten – Spieler das besser kompensieren und eben gut und nicht ganz so gut spielen. Mit der gewissen Erfahrung weißt du deine Leistung einigermaßen zu konservieren.“

Wie viele hier hoffe auch ich, dass der HSV zunächst seine Hannover-Leistung konserviert – oder bestenfalls noch ausbaut und in Nürnberg den Klassenerhalt besiegelt. Schon allein, um dem Sportchef und den angefragten Spielern eine bessere Entscheidungsgrundlage zu geben. Denn die braucht der HSV, um sich bei der Kaderplanung nicht noch einmal so zu verschätzen. Aber das ist ein anderes, sehr interessantes und abendfüllendes Thema, das wir nach dem Klassenerhalt besprechen sollten…

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird im Übrigen entgegen der ersten Ansagen nur einmal um 10 Uhr morgens trainiert, weil um 17 Uhr schon das kleine Stadtderby in der Imtech-Arena steigt.

Scholle

P.S.: Jaroslav Drobny wurde heute geschont, Robert Tesche fiel wegen eines Magen-Darm-Infektes aus und Gökhan Töre pausierte am Nachmittag, ließ sich behandeln. Alle drei sollen aber am Wochenende wieder einsetzbar sein.