Tagesarchiv für den 15. April 2012

Das war Gänsehautfeeling pur

15. April 2012

„Der HSV war die agilere und bissigere Mannschaft, und wenn man kein Tor schießt, keine klare Möglichkeit herausspielt, dann kann man auch nicht gewinnen. Deswegen ist der HSV auch der verdiente Sieger.“ Sagte Hannovers Trainer Mirko Slomka fair nach der 0:1-Niederlage seiner Mannschaft im Volkspark. Eine gute Analyse. Mir hätte aber noch mehr gefallen, wenn der Coach auch das gute Spiel des HSV herausgestellt hätte, denn diesmal kämpften die „jungen Finken“ nicht nur, sie bissen auch nicht nur, so spielten phasenweise sogar recht guten Fußball. Eine solche Leistung hatte man im Volkspark schon lange, lange nicht mehr gesehen.

Und schon während des Spiel habe ich zu mir gesagt: „Von wegen. Im Abstiegskampf kann man sehr wohl guten Fußball zeigen, da muss nicht nur verkrampft gekämpft werden. Da spielen auch die Nerven nicht unbedingt eine Hauptrolle. Wenn man als Einheit auftritt, wenn alle gemeinsam wollen, dann kann man nicht nur miteinander zur Tat schreiben, dann kann man auch guten Fußball bieten.“ Und das tat der HSV diesmal. Niemand war an diesem Sonnabend nach dem HSV-Auftritt am Meckern, alle lobte unisono das gute Spiel. Des HSV. Und niemand musste hinterher auch nur einem Zuschauer erklären, dass das, was zuvor in den 90 Minuten angelaufen war, tatsächlich ein gutes Spiel gewesen ist. Alle hatten es diesmal gesehen, nicht einer war unzufrieden. Das war zuletzt, beim 1:1 daheim gegen Leverkusen, noch ganz anders. Da sagten die HSV-Verantwortlichen damals, wie toll doch dieses Spiel gewesen sei – aber das hatten lange nicht alle so gesehen . . .

Und grundsätzlich mag ich es ohnehin nicht, wenn man mir sagt, welches Spiel ich gesehen haben muss.

Aber gut, diesmal war ja alles zur besten Zufriedenheit. Und als ich nach Hause kam, da empfing mich Frau M. mit den Worten: „Warum geht das nicht immer so?“ Mein Freund Peter aus Mühlheim hat, so glaubt er, des Rätsels Lösung erkannt: „Der HSV war so gut, weil sie diesmal mit elf Mann gespielt haben. Alle waren in Bewegung, von hinten nach vorne, da stimmte das Engagement, das waren 90 Minuten voller Leidenschaft – das war zuletzt doch ganz anders. Und ich hoffe, dass das der Herr Fink auch so gesehen hat, und dass er deshalb sein Team in den letzten drei Spielen nicht mehr verändern wird.“
Abwarten.

„Diesmal war ich zufrieden. Aber wir müssen ja immer auch schauen, was die Mannschaft in der nächsten Woche für ein Gesicht zeigt. Diesmal waren wir von Anfang an da, dass war genau die Ausstrahlung, die ich von meiner Mannschaft im Abstiegskampf erwarte. Die Mannschaft hat gebrannt und genau die richtige Reaktion gezeigt, die ich nach dem 0:4 gegen Hoffenheim erwartet hatte.“ Thorsten Fink fuhr fort: „Wir standen kompakt und haben konzentriert und diszipliniert gespielt.“, sagte Thorsten Fink. Und der Trainer fand auch noch ein dickes Lob für „den zwölften Mann“: „Für meine Mannschaft war es ganz wichtig zu sehen, wie sehr sie von den Fans unterstützt wurde. So tolle Fans, und das nach einem 0:4 in Hoffenheim, das ist sensationell, deswegen macht es so viel Spaß, in Hamburg zu arbeiten – und nicht woanders.“
Lob, Lob, Lob. Und das völlig berechtigt. Aber Fink hob dennoch nicht ab, im Gegenteil, er hielt den Ball ganz flach: „Heute hat meine Mannschaft gezeigt, dass sie Abstiegskampf kann. Wenn die Mannschaft beim Spiel in Nürnberg diese Gesicht zeigt, dann werden wir auch dort punkten – aber ich bin mal gespannt.“

Weil er dem Frieden wohl auch noch (immer) nicht so recht traut.

Ein Extra-Lob des Trainers hatte sich der unermüdlich laufende, kämpfende, dribbelnden, oft sprintende und das Siegtor schießende Heung Min Son verdient, der nach sechs Monaten und 16 Partien wieder einmal das Tor getroffen hatte. „Er hat gebrannt und seine Sache toll gemacht, auch viel nach hinten gearbeitet. Mit seiner Schnelligkeit ist er für das Konterspiel prädestiniert“, sagte Fink. Für den HSV war es der erste Heimsieg seit dem 4. Dezember 2011 und erst der vierte Sieg in der Rückrunde überhaupt. „Heute haben wir richtig gut attackiert. Und die Fans haben richtig gut Stimmung gemacht, das hat viel Spaß gebracht“ sagte ein strahlender Son.

Er war ja nur deshalb zum Einsatz gekommen, weil Mladen Petric wegen eines grippalen Infekts ausgefallen war. Aber der 19-jährige Südkoreaner wurde zum Glücksfall für den HSV. Irgendwie erinnerte mich dieses Siegtor an damals, an den 9. Mai 1992, als der eingewechselte Liuz Emerson Firminho das goldene Tor (im Abstiegskampf) gegen Hansa Rostock erzielte. Diesen Emerson hatte vorher in Hamburg kein einziger Experte auf „dem Zettel“ gehabt, aber er kam, traf und trat sofort wieder ab von der Bühne. Wollen wir nicht hoffen, dass das mit Son ebenfalls so geht – aber das ist ja auch nicht zu befürchten. Son sagte noch: „Dieser Sieg war für die Mannschaft wichtig. Dass ich das entscheidende Tor gemacht habe, ist ein Traum, denn ich hatte ja lange nicht mehr von Anfang an gespielt.“

Die Erleichterung beim HSV nach diesem Dreier war riesig. Thorsten Fink umarmte beim Schlusspfiff alle Spieler, Betreuer und alle, die er auf dem Weg in die Kabine traf. Ich gebe gerne zu, dass auch mir ein „ganzes Mittelgebirge“ vom Herzen gefallen ist. Dieser Sieg war überlebensnotwendig. Und genau das jedem HSV-Spieler nach dem Schlusspfiff anzumerken. „Wir hatten sehr viel Druck, aber wir haben diese Aufgabe so angenommen, wie das gemacht werden muss. Das war Gänsehautfeeling pur, es fällt jedem von uns eine große Last ab“, sagte Dennis Aogo, der gleichzeitig aber auch warnt: „Wir stecken da unten aber immer noch mittendrin, da darf jetzt keiner von uns locker lassen.“ Das sah auch der Kapitän so. „Wir brauchen gar nicht groß zu feiern, wenn man unten steht, muss man sich Stück für Stück herausarbeiten und durchbeißen“, sagte Heiko Westermann.

In dasselbe Horn stieß auch Thorsten Fink: „Heute war ich zufrieden, aber ich betone immer wieder, heute. Weil ich ja weiß, dass wir immer wieder Formschwankungen haben – auch wenn wir nun aus vier Spielen im Abstiegskampf sieben Punkte geholt haben. Das ist zwar nicht so schlecht, aber man muss immer sehen, dass die Mannschaft auch Ziele hat. Und das Ziel ist, dass wir noch lange nicht da unten weg sind. Wir haben noch drei sehr schwierige Spiele. Und die Konkurrenz schläft nicht, die holt sich auch Punkte.“ Dann erhob Fink kurz die Stimme und forderte: „Wir müssen weiter unsere Spiele gewinnen, wir müssen weiter heiß bleiben, weiter Gas geben. Natürlich kann man sich zwei, drei Tage zurücklehnen, aber dann sollte man schleunigst wieder zeigen, dass man das gleiche Gesicht zeigt, das wir heute gesehen haben.“ Dann sagte Thorsten Fink auch noch: „Einmal verlieren – und die anderen gewinnen, dann sind wir vor dem Mainz-Spiel wieder genau dort, wo wir vor dem Hannover-Spiel waren . . .“
So ist es, ganz genau so ist es.

So, zum Schluss noch drei kleine und kleinere Personalien.

Auf dem Weg aus der Arena heraus traf ich Gerda und Horst Schnoor, den Meistertorwart von 1960. Er sprach zunächst mit Per Ciljan Skjelbred und sagte dem Norweger: „Ich hoffe, dass du demnächst mal eine richtige Chance erhältst, ich drücke dir die Daumen.“ Und zu mir sagte Schnoor: „Ich hoffe doch sehr, dass die Verantwortlichen spätestens jetzt erkannt haben, dass man den David Jarolim unbedingt halten muss. Der ist so wichtig für diese Mannschaft, das wäre jetzt der erste Punkt für mich, den es abzuarbeiten gilt: Vertragsverlängerung mit Jarolim.“
Horst, da bin ich ganz bei Dir.
Aber das ist ja auch keine große Überraschung mehr.

Dann traf ich vor dem Spiel noch einen Alten bekannten. Dietmar „Didi“ Beiersdorfer. Der ehemalige Sportchef stand ganz allein in einer langen Schlange an, die auf die Tribüne wollte. Typisch „Didi“. Andere hätten ihre Popularität genutzt und wären an allen vorbeigegangen, aber nicht so der „Didi“. Der stellt sich hintenan und wartet. Ganz brav. Und das finde ich toll! Kompliment, „Didi“. Mann kommt auch ohne große Welle ans Ziel.

Und dann war da noch Frank Rost im „Doppelpass“ auf „Sport 1“ :

Der ehemalige HSV-Torwart sagte . . .

… über die Lage beim HSV:

„Es gibt Leute, die sich wichtiger nehmen als den Verein. Mit der Demission von Dietmar Beiersdorfer ging es eigentlich immer weiter bergab. Trainer wie Huub Stevens oder Martin Jol, die sind von sich aus gegangen. Das hat sich bis jetzt fortgesetzt und man kommt wieder schrittweise auf den Abgrund zu. Wo steht der HSV in 10 Jahren? Die klare Linie fehlt mir.“

. . . über den Klub: „Man hat Lehrgeld gezahlt. Alle hoffen, dass man die richtigen Lehren daraus zieht. […] Der Nimbus des Dinos steht über allem und ist mehr belastend als befreiend. Grundsätzlich glaube ich, dass man über Jahre keine Galionsfiguren in Hamburg installiert hat, die für Fußball stehen. […] Das hat man versäumt. Man hat eigentlich nur schwache Leute geholt. Schwache Leute holen schwache Leute! Keine starken Leute, die dann auch mal auf einem Niveau hinter verschlossenen Türen diskutieren, wie das beim BVB der Fall ist. Dinge wurden über den Aufsichtsrat in der Öffentlichkeit diskutiert. Das hat dem Verein wehgetan und dafür muss man jetzt die Zeche zahlen. Man braucht Kontinuität. Man muss es erst gegen die Wand gefahren haben, bevor man dann mal umdenkt. Der HSV verfügt nicht über die Jungendabteilung wie in Dortmund. Das wird schwierig. […]

. . . über sein Ziel, im HSV zu arbeiten: „Wenn irgendwann der HSV sagt, dass er gerne mit mir reden will, dann bin ich der Letzte, der da nicht mitredet. Aber so wie die Konstellation jetzt ist, bringt das auch nicht viel. Sie müssen jetzt erst mal ihre Probleme lösen. […]
Alle haben Mitleid. Das finde ich total schräg. Es kann nicht der Anspruch des HSV sein, dass alle Mitleid haben.“

So, das war es. Abgeschlossen mit dem so wichtigen 3:0-Sieg von Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln. Danke, MG!

Und dann noch schnell das Restprogramm der Abstiegskandidaten:

SC Freiburg (13. Platz, 41:56 Tore, 35 Punkte)

31. Spieltag, 1899 Hoffenheim (H)
32. Spieltag, Hannover 96 (A)
33. Spieltag, 1. FC Köln (H)
34. Spieltag, Borussia Dortmund (A)

HSV (14. Platz, 34:55 Tore, 34 Punkte)

32. Spieltag, 1. FC Nürnberg (A)
33. Spieltag, FSV Mainz 05 (H)
34. Spieltag, FC Augsburg (A)

FC Augsburg (15. Platz, 34:48 Tore, 33 Punkte)

32. Spieltag, Schalke 04 (H)
33. Spieltag, Borussia Mönchengladbach (A)
34. Spieltag, Hamburger SV (H)

1. FC Köln (16. Platz, 36:66 Tore, 29 Punkte)

32. Spieltag, VfB Stuttgart (H)
33. Spieltag, SC Freiburg (A)
34. Spieltag, Bayern München (H)

Hertha BSC (17. Platz, 34:57 Tore, 28 Punkte)

32. Spieltag, 1. FC Kaiserslautern (H)
33. Spieltag, Schalke 04 (A)
34. Spieltag, 1899 Hoffenheim (H)

1. FC Kaiserslautern (18. Platz, 19:46 Tore, 20 Punkte)

32. Spieltag, Hertha BSC (A)
33. Spieltag, Borussia Dortmund (H)
34. Spieltag, Hannover 96 (A)

17.43 Uhr