Tagesarchiv für den 6. April 2012

Drobny trainiert – Rincon auch

6. April 2012

Vom Sonnyboy ist im Moment nicht viel zu sehen. Thorsten Fink lachte viel, plauderte aufgekratzt, wirkte unverkrampft, als er den Trainer-Job beim HSV übernahm. Inzwischen wirkt er in sich gekehrt, total angespannt – nachdenklich. Ist ja auch klar, das Lachen vergeht im Abstiegskampf jedem – erst recht einem Coach. Kürzlich gab Fink schon zu, dass dieses Amt in Hamburg der härteste Job seines Lebens ist. Inzwischen dürfte das schon wieder überholt sein, denn allmählich wird es brutal. Die personellen Ausfälle häufen sich. Der HSV bekommt zum Sonntags-Spiel gegen Bayer Leverkusen (17.30 Uhr im Volkspark) zwar eine Mannschaft zusammen, aber das ist eben eine Elf, die weit von einer Bestbesetzung des HSV entfernt ist. Immerhin: In Sachen Jaroslav Drobny sieht es wieder ein wenig besser aus, denn der Keeper trainierte heute schon eine halbe Stunde – und dazu gibt es über eine „Wunderheilung“ zu berichten: Tomas Rincon bekam nach seiner Schienbeinverletzung „grünes Licht“ von der ärztlichen Abteilung des HSV, der Venezolaner trainierte bereits am Donnerstag zweimal – und auch heute über die gesamte Dauer mit. Ganz klar: Rincon wird gemeinsam mit David Jarolim auf der „Doppelsechs“ spielen. Und ich rechne auch ganz, ganz stark mit dem Einsatz von Drobny, der sich am Sonnabend um 15 Uhr beim Abschlusstraining einem Härtetest unterziehen wird.

Und wo wir gerade dabei sind: Rechtsverteidiger wird Jeffrey Bruma sein, das hat Thorsten Fink bereits entschieden. Sodass die Viererkette dann mit Bruma, Michael Mancienne, Heiko Westermann und Dennis Aogo besetzt ist. Im vorderen Mittelfeld rechts wird Ivo Ilicevic auflaufen, vorne links Marcell Jansen, in der Mitte soll Mladen Petric das Spiel lenken und gleichzeitig torgefährlich sein, und als Spitze wird Marcus Berg auflaufen. Und, um das komplett zu machen, Deutschlands WM- und EM-Schiedsrichter Wolfgang Stark wird die Partie am Sonntag leiten.

Das heutige Training begann zunächst ohne Keeper Drobny. Torwarttrainer Ronny Teuber „beschoss“ und beschäftigte abwechselnd Sven Neuhaus und Nachwuchsmann Florian Stritzel. Um 15,23 Uhr betrat dann Jaroslav Drobny den Rasen der Arena. Der Tscheche wärmte sich auf, verließ dann mit Teuber das Stadion, um auf dem Trainingsrasen zu wechseln. 30 Minuten dauerte die „Spezialbehandlung“ a la Teuber, und in diesen 30 Minuten nahm sich Drobny einige Auszeiten, um sich zu erholen. Um 16.15 Uhr kehrte Teuber dann allein in die Arena zurück, wo er seinem Chef-Coach in (ganz) kurzen Zügen einen verbalen Überblick über die Torwart-Lage gab. Thorsten Fink hörte sich das alles an, ohne aber den Blick vom gerade laufenden Trainingsspielchen zwischen A und B zu lassen. Wie gesagt, es ist in diesen Tagen wenig spaßig, HSV-Trainer zu sein, Fink wirkt enorm, ganz enorm angespannt. Vielleicht auch deswegen, weil die letzten sechs Spiele dieser Saison nicht gerade einfach werden für seinen HSV. Leverkusen ist da erst ein Anfang, aber auch ein sehr, sehr harter und unangenehmer, denn: Anders als zuletzt bin Kaiserslautern, wo es ja auch gerade einen Trainerwechsel gegeben hatte, hat Bayer Leverkusen doch erheblich mehr Qualität im Kader. Und wenn diese Qualität durch den finnischen Interimscoach Sami Hyypiä wieder ein wenig „wachgekitzelt“ wird, dann könnten durchaus unangenehme 90 Minuten für den HSV bevorstehen. Könnten. Muss ja aber nicht so sein.

Bei der Gelegenheit: Ich wurde vielfach gefragt, warum der DFB nicht gegen den „Ersatztrainer“ Hyypiä vorgeht, der keine Trainerlizenz hat. Dazu kann ich sagen, dass der DFB ja auch einige Tage beim HSV zugesehen hatte, als damals Rodolfo Cardoso (ohne Lizenz) den Job von Michael Oenning übernommen hatte. Erst eine dauerhafte Lösung des Trainer-Problems durch und mit Cardoso wurde durch den DFB verhindert. Deswegen wird Leverkusen mit Sicherheit auch eine kleine Zeit der Konsolidierung eingeräumt – aber dann muss auch eine Lösung mit Lizenz gefunden werden. Ganz sicher. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer kennt da nichts, glaubt es mir. Aber erst einmal gilt: gemach, gemach. Und: Was hilft es, auf andere Klubs zu blicken, die ein solches Trainer-Problem vor sich her schieben? Nichts. Hätte Leverkusen nun einen Hyypiä mit Lizenz, dann würde es auch nichts an der Situation ändern, der HSV müsste ganz einfach damit klarkommen.

Der HSV muss seine Hausaufgaben machen. Und da sieht Thorsten Fink eindeutig Fortschritte bei seiner Mannschaft. „Wir haben in der Pfalz gezeigt, dass wir den Abstiegskampf annehmen. Wir haben dort so gespielt, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Stimmung bei uns ist gut, im Training herrscht eine gute Mentalität, das heißt, wir haben eine konzentrierte und auch aggressive Stimmung auf dem Platz – und das müssen wir am Sonntag auch wieder rüberbringen“, sagt Fink. Zwei Heimsiege stehen für den HSV in dieser Saison erst zu Buche, zweimal ein 2:0 (gegen Hoffenheim und Nürnberg) – was gibt es diesmal? Wird die kümmerliche Bilanz diesmal (endlich einmal) ein wenig verbessert? Jetzt, wo es zuletzt doch auch ein Erfolgserlebnis gegeben hat, das ja eigentlich – zumindest ein wenig – beflügeln müsste.

Allerdings: Leverkusen hat wahrscheinlich wieder Michael Ballack an Bord, der “Kapitano” hat sich plötzlich und unerwartet wieder fit zurückgemeldet. Und Ballack ist eben nicht nur ein Mann, der gut und platziert schießen kann, er kann eben auch sehr gut köpfen. Eine zusätzliche Gefahr für das HSV-Tor. Aber: Für Ballack, der gefühlt ein halbes Jahr nicht mehr für Bayer zum Einsatz gekommen ist, müsste ja auch das gelten, was bei jedem Spieler gilt: mangelnde Spielpraxis. Er wird mit Sicherheit, falls er wider Erwarten in der Anfangsformation stehen sollte, noch keine Bäume ausreißen können. Im Gegenteil, vielleicht kann der HSV ja aus der Personalie Ballack auch einen (kleinen) Vorteil ziehen . . .

Falls Ballack im Bayer-Mittelfeld aufdribbeln sollte, könnte er es mit den Hamburger Sechsern Jarolim und Rincon zutun bekommen. Falls Rincon allerdings doch noch eine Rückfall (in Sachen Schienbeinentzündung) erleidet, wären die Alternativen Robert Tesche (jetzt mit der Mladen-Petric-Frisur!) und Per Ciljan Skjelbred. Wobei ich sagen muss: Der Norweger hat mir im heutigen Training schon mal sehr gut gefallen, Skjelbred wirkte spritzig, unternehmungslustig, agil, heiß, willig und sehr inspiriert. Das hatte Gesicht. Bleibt nur zu hoffen, dass er das alles dann auch bei einem möglichen Einsatz mal umsetzen kann.

Ein kleines Fragezeichen gibt es auch hinter der Personalie Bruma. Kann der Niederländer, der zuletzt den Widerstand des Mannschaftsrates zu spüren bekam (die älteren Spieler sprachen sich für Mancienne aus), überhaupt Rechtsverteidiger? Fink: „Erst einmal haben wir da keinen anderen, der da schon öfter gespielt hat, und dann hat Jeff diese Position ja auch schon mal gespielt. Und dann Michael Mancienne, der auch rechts spielen könnte, ja gut mit Heiko Westermann harmoniert, will ich da auch nicht zu viel umstellen. Wir haben zuletzt zu Null gespielt, deshalb bin ich überzeugt davon, dass man dann nicht groß umstellen sollte. Und es bleiben ja auch nicht zu viele Möglichkeiten mehr für uns übrig.“

Tomas Rincon, der einst auch beim HSV gelegentlich (aus der Not heraus) rechts verteidigen musste, wäre auf jeden Fall in den Augen Finks keine Alternative: „Er ist ein zentraler Mittelfeldspieler, aber kein Rechtsverteidiger.“ Weil ihm da auch gewisse offensive Qualitäten fehlen. Die ihm aber auch auf der Sechs gelegentlich fehlen und auch schon fehlten. Deswegen wäre als Nebenmann von Jarolim („Jaro muss bleiben!“) auch Skjelbred vorstellbar. Fink über das bevorstehende Spiel: „Leverkusen spielt mit, da können wir vielleicht kontern, die wollen auch gewinnen hier, die spielen nicht nur auf einen Punkt – ich glaube nicht, dass wir da auf ein Abwehrbollwerk prallen werden.“ Deswegen täte dem HSV-Spiel ja auch ein Mann (wie Skjelbred), der offensiv denken und spielen kann, auch ganz gut. Mal sehen und abwarten, wie das beim Abschlusstraining aussehen wird.

Für den Fall, dass der HSV dann (im Laufe des Spiels – bei einem eventuellen Rückstand) noch offensiver denken und spielen wird, spielen muss, gibt es ja auch noch einen Gökhan Töre auf der Bank. Der Deutsch-Türke wirkte heute ein wenig angeschlagen, humpelte auch gegen Trainingsende etwas, aber er wäre wohl auch eine gute Alternative, um den Gegner ein wenig, wenigstens ein
wenig zu verwirren.

Schlusswort von Thorsten Fink: „Wir haben einen großen Kader, und die, die jetzt spielen, die sind dafür da, dass sie die verletzten Spieler ersetzen. Auch in schwierigen Zeiten – nicht immer nur dann, wenn es läuft . . .“

So ist es.

PS: Am Sonnabend wird im Volkspark um 15 Uhr (vielleicht auch erst um 15.30 Uhr) geübt.

19.13 Uhr