Tagesarchiv für den 5. April 2012

Skelbred, Bruma und Neuhaus in der Startelf?

5. April 2012

Das klingt nicht sonderlich optimistisch. Im Gegenteil. Nach zwei, drei ausweichenden Sätzen spricht Trainer Thorsten Fink deutlich: „Normalerweise muss man sagen, es sieht nicht gut aus.“ Gemeint ist Jaroslav Drobnys Chance auf eine ausreichende Geneseung seines Sehnenanrisses am linken Daumen bis zum Spiel gegen Bayer Leverkusen am Sonntag (17.30 Uhr, Imtech-Arena). „Aber“, fügt Fink hinzu, „er hat gesagt, dass er versuchen wird zu spielen. Dafür steigt er am Freitag ins Training ein. Sollte er durchhalten können, spielt er auch. Wenn nicht, steht Sven Neuhaus im Tor. Und Sven ist in einer super Verfassung. Er hat ganz stark trainiert und ich vertraue ihm.“

Fink redet Neuhaus stark. Obwohl er weiter auf Drobny hofft, wie er selbst sagt und wie es viele andere auch hoffen. Unter ihnen im übrigen auch Neuhaus selbst, der trotz der verlockenden Aussicht auf seine Erstligapremiere mit 34 Jahren extrem fair bleibt. „Drobo hat ja schon seit drei Wochen immer wieder Probleme gehabt. Daher ist diese Situation jetzt nicht neu für mich. Trotzdem wären wir ganz sicher alle am glücklichsten, wenn wir am Sonntag gewinnen – und Drobo gesund ist.“

Neuhaus ist ein extrem sympathischer Typ. Loyal, wie man sich einen Ersatzkeeper nur wünschen kann. Vor der Saison als Nummer drei zum HSV gekommen, gibt der 34-Jährige immer Vollgas. Dass er sportlich Defizite hat, wurde dabei ebenso deutlich wie die Tatsache, dass der zweifache Familienvater seit Saisonbeginn erkennbare Fortschritte macht. „Ich bin aus finanziellen Gründen – das gebe ich zu – zu Red Bull nach Leipzig gewechselt. Und es war ein Fehler. Dort habe ich in der fünften und vierten Liga gespielt, wo nicht annähernd der Zug drin war, den ich vorher kannte – und den ich jetzt brauche. Daher habe ich sicher ein halbes Jahr beim HSV gebraucht, um mich zu akklimatisieren.“ Seit der Wintervorbereitung jedoch, so sieht es Neuhaus, sei er endlich angekommen. „Die Mannschaft hat mich von Beginn an gut aufgenommen. Und seit der Wintervorbereitung bin ich auch sportlich wieder da, wo ich hin will.“

Vielleicht sogar noch weiter. Denn nach seiner Beförderung zur Nummer zwei im Tor (die eigentliche Zwei Tom Mickel wurde an der Hand operiert und fällt noch immer aus) steht er jetzt vor der vielleicht größten Herausforderung seiner Karriere: einem Erstligaspiel. 153 Zweitliga- und 38 Regionalligaspiele, das letzte Davon im Dezember 2012, hat Neuhaus auf dem Buckel. Am Sonntag könnte das erste Erstligaspiel folgen. Ob er aufgeregt ist? „Ich habe einen sensationell guten Torwarttrainer. Und wenn ich hier als nominelle Nummer drei plötzlich ins kalte Wasser geschmissen werden sollte, werde ich mich freischwimmen und der Mannschaft helfen können.“ Selbst eine derartige Kulisse wie die zu erwartenden am Sonntag kennt er schon. „Ich habe mit Augsburg dreimal in der Allianz-Arena gegen 18060 München vor 69000 Zuschauern gespielt – und wir haben alle drei Spiele gewonnen. Mehr muss ich dazu doch nicht sagen, oder?“, so die rhetorische, nicht ernst gemeinte Frage des auch heute wieder sehr humorvollen Drobny-Backups, das einen erstaunlich entspannten Eindruck macht. „Ich bin einfach ein lockerer Vogel, warum sollte ich das jetzt noch ändern?“

Sollte er nicht. Zumindest so lange nicht, wie es leistungsfördernd ist.

Relativ entspannt präsentiert sich derzeit auch Per Skjelbred. Zum einen, weil der Norweger die anhaltenden Schienbeinprobleme auskuriert hat. Eine kleine Narbe ist auf dem linken unteren Schienbein zwar noch zu sehen. Aber die Schwellungen sind raus. „Nach einem Schlag im Trainingslager in Marbella bildete sich immer wieder neu Flüssigkeit auf dem Schienbein, die nicht richtig ablaufen wollte. Erst eine Operation hat geholfen.“ Das festsitzende Blut sei dickflüssig wie Ketchup gewesen, als man ihn schlussendlich operiert hatte, erzählte mit der norwegische Mittelfeldmann mehr, als ich hören wollte. Zum anderen ist Skjelbred glücklich, weil er momentan auf der Position des zweiten Sechsers neben David Jarolim die Nase vorn zu haben scheint. Zumindest spielt Skjelbred die Position n den Trainingsspielen. „Ich habe ein ganz gutes Gefühl“, sagt Skjelbred, „ich bin gut drauf und der Trainer scheint das zu sehen. Gut möglich, dass es am Sonntag schon losgeht.“ Er jedenfalls ist bereit. „Mehr als das. Ich hatte Ewigkeiten mit meiner Verletzung zu tun, das hat massiv genervt.“ Dadurch habe er immerhin so lange auf einen Einsatz warten müssen, wie seit seinem ersten Jahr als Profifußballer nicht mehr. „Es war nicht immer leicht, von außen sehen zu müssen, wie die Mannschaft spielt. Besonders dann nicht, wenn wir verloren.“ Wobei ich Euch bitte, die Wortwahl zu beachten, denn Skjelbred spricht zwar von der Mannschaft, die gespielt hat – aber von „wir“, die verloren haben.

Der Norweger ist – und diese Parallel ziehe ich zu Neuhaus – ein guter, teamorientierter Typ. Auch bei ihm steht die Mannschaft und der Verein – zumindest sportlich – über allem. Beide begeistern mit ihrer Art. Allerdings bleibt abzuwarten, inwieweit sie ihren guten Worten auch gute Leistungen folgen lassen zu können. Dass ich da skeptisch bin, hatte ich gesagt. Dieser HSV hat eine gute erste Elf. Aber Ausfälle sind nur schwer zu kompensieren. Das hat man bei Aogo gesehen, das sieht man aktuell bei Guerrero (obwohl Berg zweifellos und lobenswert effektiv spielt) und das befürchte ich bei einem Ausfall Drobnys. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und würde mich nur zu sehr freuen, mich am Sonntag nach dem Spiel hier korrigieren zu müssen…

Das hoffe ich übrigens auch vom Mannschaftsrat. Denn der hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, Michael Mancienne in die Startelf zu nehmen und auf den niederländischen Nationalspieler Jeffrey Bruma zu verzichten. Jetzt scheint Bruma wieder in die Startelf zu rücken. Zum einen, weil er den Schuss vor den Bug verstanden zu haben scheint. Und zum andren, weil Fink großen Respekt vor der Kopfballstärke der Leverkusener hat. „Wir brauchen einen kopfballstarken Spieler mehr im Team“, sagt Fink, der sich nach eigener Aussage noch nicht auf eine erste Elf festgelegt hat. Ob Bruma beginnen wird? Fink: „Es schaut so aus. Wir haben in der vergangenen Woche einen positiven Schub bekommen und wollen auch diese Woche hinten sicher stehen und vorn die Chancen nutzen.“ Denn klar ist, dass der HSV am Sonntag einen riesigen Schritt nach vorn machen kann. Wie große der sein wird, werden alle schon vor dem Anpfiff wissen – immerhin beschließt der HSV gegen Bayer den Spieltag.

Ebenso wie ich an dieser Stelle diesen Blog. In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder mit Dieter. Und hoffentlich mit positiven Neuigkeiten im Thema Drobny. Obwohl mal wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert wird.

Ich drücke unserer Nummer eins auf jeden Fall die Daumen. Und das ist nicht als dummes Wortspiel gedacht.

Scholle

P.S.: Hier im Blog wird das Thema Besic sehr kontrovers diskutiert. Ich kann nur aus eigener Erfahrung beisteuern, dass Besic schon unter Beiersdorfer Verfehlungen hatte, die ihm nachgesehen wurden und mit Ermahnungen endeten. Besic ist alles andere als einfach. Wobei das allein auf andere HSVer auch zutrifft. Der Unterschied zu Kollegen wie Paolo Guerrero, mit dem ich ein langes, ehrliches und aus meiner Sicht auch sehr interessantes Gespräch hatte, ist, dass Besic für den HSV noch nicht(s) viel geleistet hat. Zumindest nicht für die Profis. Umso erstaunter war ich, als er sich selbst als zu gut für die eigenen Zweite bezeichnete. Da er selbst den hier immer wieder als Rechtfertigungsgrund angeführten körperlichen Angriff Finks stark relativierte, hat sich der Bosnier mit seiner despektierlichen Art meiner Meinung nach beim HSV dauerhaft disqualifiziert. Vielleicht ja sogar ganz bewusst, um so seine Freigabe zu erzwingen.