Tagesarchiv für den 4. April 2012

Um Drobny darf gebangt werden

4. April 2012

Den meisten Applaus der Trainingskiebitze erhielt Heung Min Son. Der Südkoreaner drosch eine Eingabe von links vehement unter die Torlatte des von Nachwuchskeeper Alexander Meyer gehüteten Tores. Da waren vor allem die 70 Mädchen und Jungs der HSV-Fußballschule begeistert – und völlig aus dem Häuschen. Son hatte noch einige gute Szenen dieser Art, aber er hatte auch Aktionen dabei, die an seinen Kurzauftritt in Kaiserslautern erinnerten – als er in der Schlussphase gute und beste Konterchancen verstolperte. Applaus gab es heute auch für Ivo Ilicevic. Der ehemalige Lauterer spielte und dribbelte heute auf, als sei er erst heute in Hamburg angekommen. Das war Spielfreude pur. So, genau so habe ich mir Ilicevic von Anfang an beim HSV gewünscht und erhofft. Wobei ich natürlich weiß, dass er zu beginn seiner Zeit in Hamburg verletzt war – und später auch. Und ich weiß sehr wohl auch, dass ich vor einigen Tagen hier geschrieben habe, dass ich die Hoffnung darauf, dass bei Ilicevic doch noch der Knoten platzt, schon begraben habe. Aber: seit heute lebt sie doch wieder. Trumpft der Mann aus der Pfalz endlich einmal auch so am Sonntag, im Spiel gegen Bayer Leverkusen (17.30 Uhr) auf, dann könnte er in der Tat (doch) noch ein ganz wichtiger HSV-Spieler in der Schlussphase der Saison werden. Ich drücke beiden die Daumen – dem HSV und ihm.

Ilicevic wäre auch deshalb schon wichtig, weil dem HSV so ganz allmählich die Spieler ausgehen. Nach Tomas Rincon (Schienbeinentzündung) und Dennis Diekmeier (Bänderriss) fällt nun auch Jacopo Sala aus. Der Italiener hat im Dienstag-Training einen Bänderanriss erlitten und dürfte auf jeden Fall für die nächsten drei Spiele, die innerhalb einer Woche ausgetragen werden (Leverkusen, in Hoffenheim, gegen Hannover 96), ausfallen. Bitter genug.

Aber es kommt noch viel schlimmer. Um Torwart Jaroslav Drobny wird gebangt. Ausgerechnet um den Mann, der den HSV zuletzt am Leben hielt. Der Tscheche hat sich im Training am Dienstag einen Anriss eines Haltebandes des linken Daumens zugezogen, der Einsatz des HSV-Torhüters gegen Bayer Leverkusen ist stark gefährdet. Auch das noch! Da sein nomineller Stellvertreter Tom Mikkel seit Jahresbeginn wegen einer Handfraktur nicht zur Verfügung steht, müsste die Nummer drei, Sven Neuhaus zwischen die Pfosten.

„Der dritte Mann“ wurde heute 34 Jahre alt – oder jung. Als er vom Training kam, hielt er eisern ein Geschenk in seinen Händen – ein Päckchen von Franziska und Anja. Wie nett. Ja, in Hamburger werden sogar die Ersatztorhüter von den Fans verwöhnt . . . Und vielleicht gibt Neuhaus am Sonntag (und darüber hinaus) auch wieder etwas zurück – mit Leistungen. Allerdings: Vor Wochen, in einem Testspiel gegen Kopenhagen, stellte er unter Beweis, wiesehr ein Torwart doch von einer gewissen Spielpraxis abhängig ist. Wir erinnern uns: Zu Saisonbeginn war (und ist ja immer noch) Jaroslav Drobny die Nummer eins, nachdem er ein Jahr hinter Frank Rost auf der Bank gesessen hatte. Es dauert, ehe Drobny seine frühere Form wiedergefunden hatte. So könnte es auch mit Neuhaus laufen. Könnte – muss aber nicht. Gegen Kopenhagen allerdings sah man ihm seine mangelnde Spielpraxis schon an.

Sein letztes Spiel hat Neuhaus in der Regionalliga für den HSV absolviert. Am 3. Dezember 2011, beim 0:1 gegen Cottbus II. Drei Einsätze hatte der Keeper in der Zweiten des HSV (5:2 gegen Meppen, 0:1 gegen Wilhelmshaven). Zuvor, in der vergangenen Saison, stand Sven Heuhaus bei RB Leipzig unter Vertrag, absolvierte dort am 28. Mai 2011 sein letztes Spiel (gegen den TSV Havelse).

„Erst einmal abwarten, was mit Drobo ist. Er war ja schon häufiger mal angeschlagen, hat dann aber doch immer gespielt. Wenn er am Freitag trainiert, dann wird er ja auch am Sonntag spielen können, und dann werde ich im die Daumen drücken, dass er ein gutes Spiel macht und der HSV gewinnt“, sagt Sven Neuhaus zu seiner Situation, die „Nummer eins auf Abruf“ zu sein. Trainer Thorsten Fink wirkte ob der offenen Torwart-Frage noch ganz entspannt. Er wartet ebenfalls auf den Freitag: „Wenn Drobo dann trainiert, Freitag und am Sonnabend, dann spielt er auch . . .“ Und wenn nicht? Fink: „Einmal sollte er trainieren.“ Also vielleicht erst am Sonnabend (wenn um 15.30 Uhr trainiert wird, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so ist es geplant). Keine Panik, Drobny hat zuletzt – wegen einer Oberschenkelverletzung – immer mal wieder mit dem Training ausgesetzt, und dennoch hat er seine Leistungen gebracht. Noch ist also alles im Lot. Unangenehm wird es nur, wenn die Schmerzen am Daumen einen Einsatz dann doch nicht zuließen.

Dann muss es Neuhaus richten. Und der ist darauf gefasst: „Wenn man Fußball-Profi ist, dann will man natürlich auch spielen. Man hat ja auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel, dann will man spielen, dann freut man sich auch darauf, zu spielen, keine Frage. Gerade zu Hause, gerade für den HSV, der Klub ist ja nicht irgendein Verein in der Bundesliga – das wäre schon etwas Besonderes für mich. Ganz klar.“ Und er sagt über sich: „Ich fühle mich ganz fit, bin gut trainiert, habe viel gearbeitet im letzten halben Jahr, habe einen sehr guten Torwarttrainer – ich hoffe, dass ich der Mannschaft dann helfen kann.“

Der 1,94 Meter große Keeper hat einst für den FC Augsburg, für Greuther Fürth und für Fortuna Düsseldorf gespielt. Er sagt: „Ich habe tatsächlich nicht so viel Spielpraxis, denn ich kam ja nicht so oft zum Einsatz, aber ich habe zehn Jahre in der Zweiten Liga gespielt – da haben wir ja auch nicht nur auf Hinterhöfen gespielt, da hatten wir auch ab und zu einige Zuschauer gehabt, hatten auch immer wieder Druck. Ich glaube, dass wenn das Flutlicht an ist, wenn die Kameras da sind, wenn alles da ist, dass man dann seine Rituale abruft, seine Erfahrung abruft, dass dann alles von allein kommt. Mit viel Nachdenken ist da dann nicht, weil die Bälle ja meistens viel zu schnell kommen . . .“

Sven Neuhaus, Vater zweier Kinder, gibt zu, dass er sich bei seiner letzten Station (RB Leipzig) ein wenig „verzockt“ hat. Zum Regionalliga-Klub ging er eher aus wirtschaftlichen denn aus sportlichen Gründen. Heute sagt er: „Das hat aber dort alles nicht so hingehauen, denn der Klub ist mehr ein Wirtschaftsunternehmen als ein Fußball-Verein. Dann war ich zufrieden, dass ich im November zum HSV konnte, und ich kann sagen, dass ich hier wirklich sehr, sehr glücklich bin. Die Jungs haben mich, obwohl ich vom Alter her hier eher der Papa bin, sehr gut aufgenommen, so dass ich mich immer noch ganz jung fühle, wenn ich mit den ganz jungen Burschen zusammen bin.“

Wie sieht er seine Zukunft? Beim HSV? Sven Neuhaus sagt: „Darüber mache ich mir keine Gedanken. Jedes Jahr habe ich mir diese Gedanken gemacht, und dann kam es am Ende doch immer ganz anders. Was soll ich mir jetzt Gedanken machen? Wir sehen jetzt erst einmal, was am Wochenende passieren wird, wir wollen den HSV retten, da sind wir alle hoch konzentriert, wir wollen, dass hier alles in ruhigen Gewässern ist – wie es persönlich weitergeht, das wird sich dann zeigen. Ich kann nur sagen, dass es beim HSV sensationell ist, hier könnte ich noch zehn Jahre bleiben.“

Er wäre dann weiterhin der Zimmergenosse von Marcell Jansen (wenn der HSV sich auf seine Spiele vorbereitet). Der ehemalige Nationalspieler sagt über den Ersatzkeeper: „Falls Drobo ausfallen sollte, dann vertraue ich ganz klar auch Sven Neuhaus. Der hat sich von seinem Tag eins beim HSV sehr gut eingefügt hier, und er hat sich in den letzten Wochen immens gesteigert. Er hat 200 Zweitliga-Spiele absolviert, diese Erfahrung merkt man ihm an – wenn er denn am Sonntag spielen sollte, so vertrauen wir ihm alle.“

Klar. Was sollen sie denn auch anderes machen? Obwohl die personelle Situation ganz sicher nicht besser geworden ist, sondern eher schlechter. Trainer Fink muss wieder umbauen und dabei auf Spieler zurückgreifen, die in seinen Planungen zuletzt nur eine untergeordnete Rolle spielten. Hinten rechts dürfte der Niederländer Jeffrey Bruma zum Einsatz kommen, der zuletzt in Kaiserslautern (auf Wunsch des HSV-Mannschaftsrates) nicht einmal im Kader stand. Für den Posten im defensiven Mittelfeld wäre der Norweger Per Ciljan Skjelbred ein Kandidat, der in Hamburg bislang noch seiner Form hinterher läuft.

Es bleibt spannend. Und es bleibt brisant.

Marcell Jansen ist davon überzeugt, dass die Mannschaft durch den 1:0-Erfolg in Kaiserslautern wieder gefestigter ist: „Im Gegensatz zu den Spielen gegen Freiburg und Stuttgart haben wir zuletzt einen Schritt nach vorne gemacht. Ob wir es geschafft haben, eine Einheit zu werden, das werden die nächsten drei Spiele zeigen. Wir sind aber auf einem besseren Weg. Nicht dass wir sagen, dass wir wieder zu uns gefunden haben, dass wir schon wieder den Fußball spielen, den wir gegen Bayern München und in Mönchengladbach gezeigt haben, auch gegen Köln und gegen Hertha – das nicht. Aber im Abstiegskampf zählen andere Regeln, und das haben wir in Kaiserslautern ganz gut befolgt. Wir haben es begriffen, haben auch einige Fehler abgelegt, da müssen wir nun dran bleiben und so weitermachen. Wenn wir das kapieren, dann werden wir es auch schaffen . . .“

Nämlich nicht abzusteigen.

Hoffen wir es gemeinsam.

Nur der HSV!

PS: Morgen, am Donnerstag, soll zweimal im Volkspark trainiert werden, und zwar um 10 Uhr und um 15 Uhr.

19-25 Uhr