Tagesarchiv für den 2. April 2012

Wer ersetzt Diekmeier? Eine Woche mit vielen Fragezeichen…

2. April 2012

Er ist zumindest noch die erste Alternative für den Sturm. Dennoch ist Heung Min Son derzeit eher hinten dran. Bei namhafter Konkurrenz wie Mladen Petric und dem effektivsten Stürmer Marcus Berg zwar kein Wunder, dennoch rankten sich zuletzt Gerüchte darum, dass der Südkoreaner einer derjenigen war, die Trainer Thorsten Fink auf dem Zettel hatte, als er mehr Disziplin und Hingabe eingefordert hatte. „Das glaube ich nicht“, sagte mir Sons Berater Thies Bliemeister heute, „Sonni zählt zu den Fleißigeren. Aber er muss sich im Moment hintenanstellen, weil andere Dinge zuerst gefragt sind.“

Womit Bliemeister die Erfahrung meint. Was anderes fällt mir da nicht ein. Wobei doch: Härte. Denn die geht dem Nachwuchsstürmer leider noch immer ab. Im Training ist der Rechtsfuß immer agil, versucht viel, ackert und verfügt über einen hervorragenden Schuss (beidfüßig!) sowie hohes Tempo. Das allerdings nicht mit, sondern nur ohne Ball. Gerät Son in einen direkten Zweikampf, verliert er ihn und prallt zu oft am Gegenspieler ab, dem dafür schon ein halbwegs vernünftiges Stellungsspiel reicht. „Er hatte ein Tal“, sagte Fink vor ein paar Wochen und fügte (s)einen Hauptkritikpunkt hinterher: „Sonni muss noch effektiver werden, zielstrebiger agieren.“ Denn Tore machte Son bislang immer in den Vorbereitungen – in den Pflichtspielen jedoch nicht mehr. Dennoch: ohne Tore sind Stürmer nicht viel Wert. Das weiß ein Petric – und ein Son allemal. Denn trotz seiner eigenen vorzeitigen Vertragsverlängerung wurde Son mit Artem Rudnev, der im Falle des Klassenerhaltes für rund drei Millionen Euro zum HSV wechseln wird, bereits ein Angreifer für die neue Saison vor die Nase gesetzt. Und mindestens ein weiterer soll noch folgen. „Ich bin selbst nicht mit mir zufrieden“, hatte Son am vergangenen Freitag, vor dem Lautern-Spiel gesagt. Drei Tore bei 22 Einsätzen (davon allerdings 20-mal ein- oder ausgewechselt) in 934 Spielminuten – das macht alle 311 Spielminuten ein Tor – zu wenig für einen Stürmer, der laut Dortmund-Trainer Jürgen Klopp und Sportchef Frank Arnesen „alles mitbringt, um mal ein Großer“ zu werden. Wobei, Sonst Daten hochgerechnet das hochgerechnet auf die bisher gesamt gespielten 2520 Bundesligaminuten würde acht Treffer bedeuten – mehr als jeder andere beim HSV aktuell hat.

Was allerdings nur wieder beweist, dass der HSV zu wenig Tore macht. Und da er auf der Gegenseite zu viele fängt heißt es Abstiegskampf. Klingt logisch – und das ist es auch.

Nicht allein mit Logik erklärbar ist für mich, warum Gökhan Töre so gar nicht mehr eingeplant scheint. Klar ist, dass der Deutsch-Türke nicht der Typ Zweikämpfer im defensiven Sinne ist. Töre ist kein Abstiegkämpfer. Allerdings ist das der ihm vorgezogene Konkurrent Ivo Ilicevic ganz sicher auch nicht.

Jetzt kommt zusätzliche Brisanz in die Personalie Töre, weil Trainer Thorsten Fink am Sonntag gegen Bayer Leverkusen denden bisher gesetzten Dennis Diekmeier (zwei Bänder angerissen, drei Wochen Pause) ersetzen muss. Da kein gelernter Rechtsverteidiger zur Verfügung steht, wird es auf dieser Position eine Notlösung geben. Und das wird schwer. Immerhin ist kein Spieler so schnell wie Diekmeier – zudem hatte der ansonsten defensiv häufiger getadelt denn gelobte Rechtsverteidiger auf dem Betzenberg satt 81 Prozent gewonnene Zweikämpfe – Topwert auf Hamburger Seite. Obwohl sein Ersatz beim Sieg gegen den FCK, Jacopo Sala, seine Sache respektabel erledigte. Er gewann prozentual zwar nur halb so viele Zweikämpfe, schaltete sich aber spielerisch immer wieder ein und zeigt erneut, dass er als gelernter Stürmer jede Position spielen würde, um reinzukommen. Sehr gut möglich, dass Fink den Italiener auf der Position lässt.

Sollte sich der HSV-Trainer aber an Michael Mancienne und dessen Rechtsverteidiger-Erfahrung (in England spielte er häufiger auch außen) erinnern, könnte es auch sein, dass der Engländer nach rechts wechselt, während Slobodan Rajkovic oder der – sofern einsichtig und im Training engagierter als zuletzt – aussortierte Jeffrey Bruma neben Westermann die Innenverteidigung bildet. Übrigens: Bruma soll dem Vernehmen nach auch als Rechtsverteidiger gespielt haben. Er soll die Position selbst zwar überhaupt nicht mögen – aber sie passabel spielen können…

Und obwohl beim HSV die meisten davon sprechen, man könne das neue und „sehr gut funktionierende“ Innenverteidiger-Duo Westermann/Mancienne jetzt nicht wieder sprengen, in der Formation mit Bruma zentral und Mancienne rechts wäre wieder Platz für Töre. Denn der scheint nach vorn kreativer als Ilicevic – obgleich dieser in Kaiserslautern bei seinem Ex-Klub so lauffreudig wie selten war. Mit 12,1 Kilometern war er der fleißigste Läufer auf dem Platz. Allerdings würde Mancienne die defensive Sicherheit bedeuten können, um Töres Offensivdrang abzusichern.

Fleißigster und sicherster Ballverteiler beim HSV ist zum Glück David Jarolim. Warum zum Glück? Weil er der einzige Sechser (Robert Tesche ausgenommen) ist, der gesund und nicht gesperrt ist. Knapp 95 Prozent seiner Pässe brachte der Ballschlepper, der für sein zu langsames Tempo ebenso kritisiert wie für seine Ballsicherheit gelobt wird, an den eigenen Mann. „Wir haben einen Sieg errungen, der wichtig war. Aber erreicht haben wir noch gar nichts“, sagt der Tscheche, der extern immer mehr Befürworter für eine Vertragsverlängerung hat – intern aber mit seinem Wunsch gegen Wände läuft und ihn deshalb schon gar nicht mehr öffentlich formulieren mag.

Klar ist aber, dass Gojko Kacar gelbgesperrt gegen Bayer ausfallen wird und Tomas Rincon (er hat eine Knochenhautentzündung, keine Absplitterung auf dem Schienbein) höchstwahrscheinlich ausfallen wird. Da Per Skjelbred bei Fink momentan nicht die besten Karten zu haben scheint, deutet sich hier das größte Fragezeichen bis Sonntag an. Es sei denn, Fink macht es sich einfach und bleibt seinem Motto, möglichst positionsbezogen zu wechseln, treu und nimmt Tesche. Den Mann, der alles kann – aber irgendwie nichts richtig. Zumindest nichts so auffällig besser als andere, als dass er sich einen Stammplatz verdienen konnte. Zumindest wirkt der Rechtsfuß im Training oft vielversprechend, was er in den letzten gefühlt 15 Einsätzen nicht einmal ansatzweise unter Beweis zu stellen wusste.

Ihr seht, der trainingsfreie Montag liefert viele Fragezeichen, die sich im Laufe der Trainings-Woche klären werden, klären müssen. Denn klar ist nach dem Sieg beim FCK, dass die Konkurrenz fleißig mitpunktet. Denn der nächste Spieltag bietet paarungstechnisch eine große Chance. Denn, da lege ich mich fest, Augsburg wird beim FC Bayern ebenso nichts holen wie Hertha bei Gladbach. Zudem spielen Freiburg gegen Nürnberg sowie Lautern gegen Hoffenheim und nehmen sich gegenseitig Punkte.

Egal wie, wir werden noch eine ganze Weile rechnen müssen. Leider. Obgleich ich nicht ganz so pessimistisch bin wie der eine oder andere hier, denn dabei bleibe, dass der HSV sicher längst keinen zufriedenstellenden Fußball spielt – aber es gibt in dieser Liga diese Saison glücklicherweise noch mindestens drei schwächere Teams. Und das werden wir tabellarisch am Saisonende unter Bewies gestellt sehen.

Zum Ende noch ein (typisches) HSV-Schmankerl aus den Abteilungen. Denn das Amtsgericht hat die Auflösung des Ochsenzoll e.V. nach den chaotischen Wahlen für ungültig erklärt. Somit muss die Versammlung erneut zusammenkommen und erneut abstimmen.

Trainiert wird am Dienstag um 15 Uhr an der Arena. Danach sprechen wir Fink.

Bis morgen,
Scholle