Tagesarchiv für den 1. April 2012

„Wir haben weiter das Messer am Hals“

1. April 2012

Nun haben wir den Salat. Bayer Leverkusen hat Trainer Robin Dutt entlassen. Nach fünf Pflichtspiel-Niederlagen in Folge zog der Werks-Klub die Reißleine, Dutts Nachfolger wird der frühere finnische Nationalspieler Sami Hyypiä als Teamchef, er wird unterstützt von U19-Trainer Sascha Lewandowski. Zum Heimspiel am Ostersonntag, Anstoß um 17.30 Uhr, kommt das nicht gerade gut, aber Bundesliga ist kein Wunschkonzert. Da muss der HSV jetzt auch noch durch – wenn er die Klasse halten will. Und er will ja. Und kann ja auch. Wie Trainer Thorsten Fink nach dem 1:0-Sieg in Kaiserslautern erfreut festgestellt hat: „Wir haben gezeigt, dass wir Abstiegskampf können.“ Jawoll! Allerdings, das sei als ganz kleine Einschränkung gestattet, gezeigt beim Schlusslicht. Und, auch das sei erlaubt, beim einem Absteiger in spe, der in 28 Bundesliga-Spielen ganze 17 Tore erzielen konnte. Natürlich spielt es überhaupt keine Rolle, wie der HSV diese drei Punkte eingetütet und nach Hamburg gebracht hat, im Abstiegskampf ist kein Schönheitspreis gefragt, aber: Als die Pfälzer in der zweiten Halbzeit stürmten und drückten, da hätte ich mir doch schon gewünscht, dass der HSV dies sich bietenden Konterchancen cooler und klüger ausgespielt hätte. Da fehlte mir dann doch die Qualität, von der so oft gesprochen wird.

Aber gut, die meisten Spieler verkrampfen eben auch ein wenig, denn die Nerven sind im Abstiegskampf noch mehr strapaziert. Das gilt auch für Hamburger Spieler. Wobei Sportchef Frank Arnesen aus diesem 1:0-Sieg eine besondere Hoffnung schöpft: „Selbstvertrauen bekommt man nicht durch gute Spiele, Selbstvertrauen bekommt man durch Punkte. Man kann gut spielen, man kann schlecht spielen – wenn du am Ende immer null Punkte hast, dann bekommst du natürlich kein Selbstvertrauen, und das braucht man für das nächste Spiel.“ Thorsten Fink befand in diesem Zusammenhang: „Wir haben diesmal nicht so gut gespielt, wie eine Woche zuvor in Wolfsburg, aber von dort haben wir keine Punkte mitgenommen. So wie heute ist es mir aber lieber. Diesmal haben wir viele Dinge richtig gemacht.“

Aber eben auch nicht alle. Was in dieser Situation jedoch auch ganz normal ist. Immerhin wissen die Spieler jetzt aber mal wieder, wie sich ein Sieg anfühlt. Wie Mladen Petric bestätigte: „Es ist eine riesige Erleichterung und ein geiles Gefühl, endlich mal wieder gewonnen zu haben. Es ist so wichtig, vor allem für den Kopf, aber es geht weiter, wir haben noch sechs Spiele. Aber hier, das war ganz wichtig. Wir haben keine Torchancen aus dem Spiel heraus zugelassen, wir haben endlich mal wieder zu null gespielt, das ist positiv. Ich hoffe, dass dieser Sieg ein Brustlöser war, und dass wir nun darauf aufbauen können. So konsequent wie heute in den Zweikämpfen, so müssen wir auch in Zukunft agieren.“

Ähnlich erleichtert wie Petric zeigte sich auch Dennis Aogo, der nach dem Spiel wie ein Mann aussah, der einen Tennisball verschluckt hat. Die Wange war aufgeblasen wie bei einem trompetenden Frosch – „dank“ eines der vielen Ellenbogenschläge, die es in diesem Spiel wieder einmal gegeben hatte. Aogo sagte aber nichts Böses (über den Gegner), sondern freute sich diebisch: „Ich bin unheimlich glücklich. Wir standen unter einem enormen Druck, wir wussten ganz genau, was auf dem Spiel steht, aber wir haben richtig hart gekämpft und können stolz darauf sein, dass wir hier gewonnen haben. Wir haben nicht gut gespielt, aber man konnte bei dieser Konstellation auch keinen fußballerischen Leckerbissen erwarten.“

Dennis Aogo ist in meinen Augen einer derjenigen Spieler, die schon seit Wochen genau wissen, was die Stunde für den „Dino“ hat. Er lebt es in jeder Minute vor, dass es für die raute um alles geht – auch nach diesem Sieg: „Wir müssen weiter konzentriert und kämpferisch spielen, alles andere interessiert in dieser Phase nicht. Dieser Sieg zwar sehr wichtig, aber es war nur ein kleiner Schritt für uns – wenn man sich die Ergebnisse der Konkurrenz ansieht. Immerhin aber haben wir die Bestätigung erhalten, dass wir es noch können.“

Nach dem Spiel jubelte die Mannschaft noch lange mit ihren (ganz treuen) Fans, da wurden Emotionen pur ausgelebt, getanzt, gesungen, geherzt und getobt. 6000 Hamburger waren mit in die Pfalz gekommen, sie hatten während der Partie wieder einmal richtig Alarm gemacht – auf diese Fans kann der ganze Klub stolz sein. Erst spät in der Nacht waren die meisten von ihnen wieder in Hamburg, aber umso erstaunlicher war, dass 500 von ihnen schon am Sonntagmorgen wieder beim Training waren, um ihre Lieblinge zu unterstützen: „Wir für Euch – Ihr für uns. Nur der HSV!“
Toll. Einfach nur toll. Kompliment an diese HSV-Fans, ein ganz dickes Kompliment sogar. Weiter so!

Das sieht auch Dennis Aogo so: „Die Feier danach war sehr emotional. Die Fans haben eine enorm weite Strecke bis nach Kaiserslautern zurückgelegt, wir sind sehr froh, dass wir sie mit einem Sieg wieder auf die Heimreise schicken konnten.“

Ende gut, alles gut. Auch Trainer Fink zog (fast nur) Positives aus dem fünften Auswärtserfolg der Saison: „Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie mit der Situation umgehen kann, sie hat sehr konzentriert verteidigt und selbst zugeschlagen, als sich die Gelegenheit für das 1:0 bot. Das war Abstiegskampf pur, aber dabei zählen nur die Punkte, alles andere ist uninteressant. Jetzt können wir mal kurz durchatmen, aber dann geht es auch schon weiter.“ Der Coach sagte auch noch weiter: „Wir hatten sechs Spiele in Folge nicht gewonnen, da ist es klar, das man an sich zweifelt, aber wir müssen nicht an uns zweifeln, denn wir haben die nötige Qualität, um in dieser schwierigen Situation bestehen zu können. Wir haben zu null gespielt, ein Tor gemacht, 1:0 gewonnen und drei Punkte geholt – mehr kann sich ein Trainer nicht wünschen.“

Thorsten Fink zur angespannten Lage: „Die Situation bleibt prekär, das sage ich ganz deutlich – auch ich habe das kapiert. Auch wenn der eine oder andere da anderer Meinung ist. Es bleibt eng, ganz klar, aber wenn wir an unsere Leistung, die wir in Kaiserslautern gebracht haben, anknüpfen, dann werden wir die Punkte auch einfahren. Es ist normal, dass wir nicht frei und fröhlich aufspielen können in einer solchen Situation, das ist auch klar. Das geht mir an der Linie ja auch so. Zumal eine 1:0-Führung nicht gerade beruhigend ist. Dennoch sage ich, dass das die schönsten Siege sind, weil man sich so richtig und ganz besonders darüber freuen kann.“

Richtig freuen konnte sich auch Marcell Jansen, der sein fünftes Saison-Tor erzielen konnte – ein enorm, nein, ein ganz enorm wichtiger Treffer. Er sagte: „Völlig egal, dass ich dieses Tor geschossen habe, wichtig war, dass wir mal wieder in Führung gegangen sind, endlich einmal wieder. Und dass wir den Kampf angenommen haben. Wir haben uns gut bewegt, immer nachgesetzt, oft den zweiten Ball erobert. Das war bestimmt kein Zauberfußball von uns, aber wir haben Charakter gezeigt.“ Und: „Es tut richtig gut, dieses Spiel gewonnen zu haben, aber es gibt noch sechs Spiele, deswegen war dieser Sieg nur ein Anfang – mehr nicht. Da muss man nur auf die Tabelle schauen, denn die anderen Vereine, die unten stehen, gewinnen ja auch alle. Nur Erfolgserlebnisse bringen aber Stabilität und Selbstvertrauen, nun ist es an der Zeit, dass wir auch im eigenen Stadion ein Zeichen setzen. Es gibt keinen Grund, sich nun zurückzulehnen, es geht weiterhin um alles.“
Dann ergänzte Jansen auch noch: „Ich hoffe, dass uns dieses Spiel Mut machen wird, dass wir als Mannschaft noch enger zusammenwachsen. Wir haben das Messer weiter am Hals, und daran hat sich nichts geändert.“

Was mir an dieser HSV-Vorstellung in der Pfalz gefallen hat: Die überragenden Leistungen von Jaroslav Drobny, Heiko Westermann, David Jarolim – und die gute Leistung von Marcus Berg. Letzterer verblüfft mich besonders, denn – ich schrieb es bereits – eine solche Leistungsexplosion habe ich ihm nicht (mehr) zugetraut. Der Schwede nach dem Spiel: „Ich bin gleich zu Beginn mit meinem Gegenspieler zusammengeprallt und hatte eine blutende Kopfwunde, ich war drei- oder viermal draußen. Ich hatte aber keine Schmerzen, das war schon okay, ich habe mich gut gefühlt.“ Offenbar auch fußballerisch, denn Berg sagte auch: „Ich habe hart gekämpft, ich habe mich stark gefühlt, ich habe auch gemerkt, dass ich den Ball gut verteidigen konnte – dieses Spiel hat mir Spaß gemacht.“ Hervorragend war seine Vorarbeit beim 1:0. Berg hätte nach der Aogo-Flanke selbst schießen können, aber er tat es nicht: „Ich hatte Ivo Ilicevic schon rufen gehört, deshalb habe ich den Ball zu ihm abgelegt. Nachdem er geschossen und ein Lauterer Spieler den Ball mit der Hand abgewehrt hatte, zeigte der Schiedsrichter Vorteil an, sonst hätte er einen Elfmeter gegeben – das hat er uns später gesagt.“

Zu seiner augenblicklichen Form befand Marcus Berg: „Ich bin immer ruhig geblieben, ich weiß, dass es sich lohnt, wenn man hart arbeitet. Der Trainer vertraut mir, das spüre ich, und die Mitspieler vertrauen mir auch – das gibt mir insgesamt ein gutes Gefühl. Jetzt kommt meine Zeit.“
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Comeback!

Bei der Gelegenheit: Kürzlich schrieb ich über jene Spieler, die den HSV im Sommer 2011 verlassen hatten. Und ich behauptete, dass sich kaum einer von ihnen bei seinem neuen Arbeitgeber durchgesetzt hätte. Das nehme ich heute in einem Fall zurück. Eric-Maxim Choupo-Moting hat für Mainz nun bereits zehn Saisontreffer erzielt, das verdient Anerkennung, das ist eine großartige Leistung – auch dazu herzlichen Glückwunsch. Und (m)eine Entschuldigung, dass ich „Choupo“ viel zu früh abgeschrieben habe.
Zu diesem Thema passt: Beim Regionalliga-Spiel Berliner AK – Hertha BSC (1:1) schoss Tunay Torun das Tor der Profi-Reserve. Und wo ich gerade dabei bin: Die Zweite des HSV gewann gegen Hannover 96 2:0, die Tore erzielten George Kelbel und Sören Bertram. Auch dazu herzlichen Glückwunsch!

So, und nun wird es ernst – die Verletztenliste:

Der HSV muss im Abstiegskampf wahrscheinlich satte drei Wochen auf Dennis Diekmeier verzichten. Der Rechtsverteidiger, der in Kaiserslautern zur Halbzeitpause ausgewechselt werden musste, hat einen Bänderriss im Sprunggelenk erlitten. Auf der HSV-Verletztenliste steht auch weiterhin Tomas Rincon, der mit einer Entzündung am Schienbein vorerst ausfällt.

Ganz zum Schluss gibt es noch gemeinsam mit Frank Arnesen einen Blick in die Zukunft: „Es kommen noch sechs Endspiele für uns, mit Leverkusen beginnt nun eine Periode von drei Spielen innerhalb von sechs Tagen, da müssen wir wieder alles geben. Fußball ist aber in unserer Situation nicht das Wichtigste, sondern arbeiten, kämpfen, diszipliniert auftreten, und diese Einstellung erwarte ich in jedem Spiel. Das ist extrem notwendig, wir schauen nicht nach links und nicht nach rechts, sondern richten die Konzentration auf uns selbst.“ Der Sportchef zu den letzten (erfolglosen) Wochen: „Wenn du nach einer Niederlage am nächsten Tag aufwachst, dann tun die ersten Sekunden richtig weh. Jetzt sollten wir die ersten Stunden nach dem Sieg genießen, aber ab Dienstag, so habe ich das gelernt, gibt es nur noch das nächste Spiel – und nichts anderes.“

Das gilt für alle. Für die Spieler und die Fans

PS: Trainiert wird im Volkspark am Montag nicht, erst am Dienstag geht es weiter.

18.04 Uhr