Tagesarchiv für den 27. März 2012

Petric will seine Kritiker Lügen strafen

27. März 2012

Eigentlich war die Lage klar. Egal, was er gemacht hätte, es wäre ihm höchstwahrscheinlich negativ ausgelegt worden. Glaubt auf jeden Fall Mladen Petric – und ich persönlich auch. Denn von dem Moment an, an dem bekanntgegeben wurde, dass der HSV und der Kroate sich im Sommer trennen würden, befand sich der Kroate unter erhöhter Dauerbeobachtung. Hätte er plötzlich Top-Leistungen gezeigt, hätte man ihm unterstellt, sich im Gegensatz zu den Vorwochen für einen neuen Vertrag plötzlich wieder zerreißen zu können. Aber da dem nicht so war und Petric seiner Form weiter hinterherläuft, meinen nicht wenige, Petric habe mit dem HSV abgeschlossen und schone sich für seinen neuen Verein. Mir wäre das erste Szenario lieber gewesen, weil es zumindest den einen oder anderen Punkt mehr nach sich gezogen hätte – aber es wurde das zweite. Und dabei beneide ich Mladen nicht.

Dabei war und ist Petric schon seither der Typ Stürmer, der selbst eigene Fangruppen spaltet. Er ist kein Kämpfer, spielt elegant und wirkt manchmal zu lässig – allerdings wusste er immer wieder dadurch zu bestechen, viele Tore zu erzielen. Das Spiel ohne Ball war dagegen eher selten so, dass die Fans ihm übermäßigen Einsatz bescheinigen wollten. Dennoch, Petric hat in 193 Pflichtspielen für Basel, Dortmund und den HSV 86 Treffer erzielen können. Eine mehr als ordentliche Quote. Bis auf diese Saison. Petric durchläuft eine Formkrise, wie selten zuvor. Sechs Treffer in 20 Spielen, davon waren sogar zwei Elfmeter – das ist für ihn zu wenig. Und das weiß auch Mladen selbst. „Natürlich erwarte ich selbst viel mehr von mir. Es ist für mich das erste Mal seit vier Jahren beim HSV, dass ich so einen negativen Lauf habe. Da spielen etliche Faktoren rein – aber klar ist: ich muss mich selbst da rausholen. Und das werde ich. Ich gebe weiterhin alles für den HSV. Denn ich will hier einen positiven Abschied haben. Der Verein bedeutet mir eine Menge.“

Nun kommen hier sicher wieder Zweifler, die dem smarten Linksfuß diese Worte nicht abnehmen. Das Dumme daran ist, es ist sogar unmöglich, einen Gegenbeweis anzutreten. Und genau deswegen hat Petric lange geschwiegen. Fast täglich haben wir um einen Termin bei dem Torjäger gebeten. Wochenlang erfolglos. „Ich wollte nichts sagen, sondern auf dem Platz etwas zeigen“, sagt Petric, „denn dass so eine Situation auch an mir nicht spurlos vorbeizieht, ist klar. Ich saß oft zu Hause und habe mir den Kopf zerbrochen, weshalb es so schlecht läuft“, erzählte mir Mladen heute.

Auch an dem so erfahrenen, oft so abgeklärt wirkenden 31-Jährigen sind die Zweifel nicht spurlos vorbeigezogen. Extern durch Pfiffe und die Medien öffentlich gemacht, wurden auch intern Stimmen lauter, die an Petrics Einstellung zweifelten. Ich habe ihn heute gefragt, ob die Tatsache, dass man nicht mit ihm verlängern würde, ihn persönlich enttäuscht hätte. Und allein das lange Zögern bei der Antwort zeigte mir, dass dem so ist. Dennoch sagte er: „Wir haben viele Gespräche gehabt und gemeinsam eine Entscheidung getroffen. Ich mache mir über meine Zukunft keine Sorgen. Im Gegenteil, ich denke noch gar nicht daran. Ich habe auch noch nirgendwo einen vertrag unterschrieben, wie es mir von einigen unterstellt wurde. Nein, jetzt bin ich – jetzt sind wir alle in der Pflicht, das Ende positiv zu gestalten.“

Klingt gut – wird gut. Hoffe ich. Denn wie wichtig Mladen für die Mannschaft nach dem Ausfall von Paolo Guerrero ist, dürften nach den Versuchen mit Arslan und Son alle wissen. Selbst die bösesten Kritiker dürften nicht übersehen haben, dass Petric – vielleicht ja jetzt im Doppelpass mit dem vor dem Tor weiterhin bärenstarken Marcus Berg – den Unterschied machen kann. Mannschaftsintern hat der 31-Jährige allemal an Bedeutung gewonnen. Zuletzt im Spiel gegen Freiburg ergriff er in der Halbzeit das Wort. „Die Mannschaft saß da und keiner sagte ein Wort. Die Stimmung war am Boden. Da habe ich alle zusammengerufen und auf die zweite Halbzeit eingeschworen.“ Dass ausgerechnet er als ausgewiesener „Knipser“ anschließend in der zweiten Hälfte eine Hundertprozentige vergab – auch ein Ergebnis der Ereignisse in den letzten Wochen. „Den muss ich machen, da gibt es gar nichts“, so Petric, der zwar keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Auslassen der Großchance und seinen gescheiterten Vertragsverhandlungen zugeben wollte, der aber auch klar sagt: „Es wäre arrogant zu sagen, dass ich alles an mir abprallen lasse. Ich beschäftige mich auch mit den verschiedenen Situationen. Mir geht das alles hier ganz sicher nicht am Arsch vorbei. Ganz sicher nicht.“

Es ist erkennbar, dass auch Petric verletzt ist. „Natürlich hat das auch in mir gebrodelt. Wenn die Leute sagen, ich hätte woanders unterschrieben und mir sei die Situation beim HSV egal, dann ist das eine Frechheit. Dann wurden noch Sachen geschrieben, die absolut unwahr waren. Ich habe bis heute nirgendwo unterschrieben. Vielmehr wurde ein Sündenbock gesucht – und in mir gefunden. Doof war nur, dass alles in eine Phase fiel, die für uns nicht gut lief. Auch für mich nicht.“ Inzwischen aber, und das betont Mladen, habe er gelernt, damit umzugehen. „Das war nicht leicht, aber ich habe mich in den Griff gekriegt. Es ging und geht hier nicht ja auch nie um mich allein. Es hängt sehr viel mehr dran. Ich habe gelernt, diese Dinge für mich richtig einzuordnen.“

Auch, weil er wie seine Mannschaftskollegen inzwischen erkannt habe, was die Uhr geschlagen hat. Sein persönliches Schicksal ist nicht annähernd so wichtig, wie das des letzten Bundesliga-Dinos, der seinen Nimbus zu verlieren droht. Insbesondere die deutliche Ansprache von Trainer Thorsten Fink am Montag habe Klarheit gebracht, sagt Petric. „Ich glaube schon, dass die Trainerworte was bewirkt haben. Das war für den einen oder anderen, der die Situation bislang unterschätzt hat, der ultimative Weckruf.“ Dass damit insbesondere die jüngeren Spieler, wie beispielsweise die Zugänge des FC Chelsea gemeint seien wollte Petric nicht bestätigen – allerdings gilt es als offenes Geheimnis, dass unter anderen ein Gökhan Töre, ein Jacopo Sala, ein Jeffrey Bruma sowie auch ein Heung Min Son oder Ivo Ilicevic vom Trainer persönlich dazu aufgefordert wurden, sich der brenzligen Situation des Klubs bewusst zu werden und künftig mehr zu investieren. Und schon dieser Umstand lässt die erneuten Versuche Frank Arnesens, von Chelsea Leute aus der zweiten Reihe nach Hamburg zu holen, auf mich sehr unglücklich wirken – um es vorsichtig zu formulieren.

Wobei Arnesen schon einen nominell guten Transfer unter Dach und Fach gebracht hat. Sollte der HSV die Klasse halten – und nur aufgrund dieser noch unklaren Situation wurde der lange feststehende Transfer bislang noch nicht als perfekt vermeldet – kommt Stürmer Artjoms Rudnevs. Das haben wir heute bereits im Abendblatt vermeldet, aber für die, die nur hier im Blog unterwegs sind, noch mal: Der lettische Torjäger von Lech Posen, der auch von Dortmund und Borussia Mönchengladbach umworben gewesen sein soll, soll Mladen Petric im Angriff ersetzen. Der HSV, Posen und der 24-jährige Nationalspieler sind sich bereits seit Wochen einig. Der Angreifer, der es in dieser Saison in 21 Meisterschaftsspielen in Polens erster Liga auf 18 Treffer bringt, gilt als hoffnungsvolles Talent.

Apropos hoffnungsfroh, das durfte man heute nach dem Vormittagstraining auch sein. Nach den eher mageren Konsequenzen gestern (Besic und Castelen zur U23 runter), ließ Fink heute Vormittag seinen Worten Taten folgen und zog die Trainingsintensität an. Auf jeweils zwei kleine sowie zwei Fünf-Meter-Tore spielten jeweils fünf gegen fünf, ehe Fink eine intensive taktische Übung einstreute. Dabei musste sich die Abwehr (in wechselnden Formationen) einer Überzahl attackierender Spieler erwehren und sich unter Druck spielerisch befreien. Das gelang zwar nur bedingt – aber es sind ja noch ein paar Tage und zumindest die Laufintensität und der Einsatz der Spieler war sehr ordentlich. Zum Abschluss ließ Fink dann noch auf verkürztem Feld jeweils zwei gegen zwei spielen. Und jeder – nicht nur die, die selbst gekickt haben – kann erahnen, dass diese Übung sehr anstrengend war. Entsprechend ließ es Fink am Nachmittag etwas gemäßigter angehen.

In diesem Sinne, Mladens bestes Mittel gegen seine nicht leiser werdenden Kritiker waren, sind und bleiben seine Tore. Und die helfen auch gegen den Abstieg. Ergo: Mach et, Mladen! Für Dich, gegen Deine Kritiker – aber vor allem für den HSV!

Bis morgen! Da wird wieder um 10 und um 15 Uhr trainiert.

Scholle

P.S.: Heute gab es vormittags eine turnusmäßige Vorstandssitzung, auf der auch das Thema David Jarolim noch mal auf den Tisch kam. Gut möglich, dass der HSV die eigentlich schon als entschieden geltende Trennung von dem Tschechen noch mal aufschiebt und mit dem zuletzt formstärksten Hamburger trotz der zuletzt ebenso hartnäckigen wie wiederholten Dementis Frank Arnesens verlängert.