Tagesarchiv für den 26. März 2012

Fink zieht die Zügel an!

26. März 2012

Es wird personelle Veränderungen geben. Beim HSV. Und die nahmen bereits heute ihren Lauf. Ab sofort nehmen Romeo Castelen und Muhamed Besic nicht mehr am Training der Profis teil. Das ist Teil eines gewissen Entschlackungsprozesses. Trainer Thorsten Fink will mit weniger Leuten übersichtlicher und komprimierter trainieren, um die Mannschaft noch effektiver auf die letzten sieben Endspiele – hoffentlich nicht wörtlich gemeint – vorbereiten zu können. Wenn es denn hilft. Und bei der Gelegenheit: Fink wird wohl auch die Aufstellung für das Kaiserslautern-Endspiel ein wenig verändern. Er möchte einen Tick offensiver werden, deshalb könnte es wohl sein, dass Tomas Rincon wieder zurück auf die Bank muss, und dass seinen Platz Gojko Kacar einnehmen wird. Ziel dieser Umstellung ist, dass wieder ein wenig mehr nach vorne gedacht und gespielt wird, was ja auch für die Partie am Sonnabend nicht verkehrt wäre, denn: Kaiserslautern wird die letzte Chance haben, durch einen Heimsieg doch noch Anschluss an das Mittelfeld gewinnen zu können. Also muss Lautern stürmen – und der HSV wird Lücken vorfinden. Und wenn es diese Lücken tatsächlich geben sollte, dann muss es natürlich auch HSV-Spieler geben, die in diese gehen bzw. laufen und bestenfalls sogar sprinten können. Um so die nötigen Treffer für den dringend benötigten Auswärtssieg zu schießen. Hoffen wir das Beste.

Festhalten wird Thorsten Fink (wohl) weiterhin an Marcell Jansen und auch an Mladen Petric. Bei Jansen ist es so, dass der Coach das „gute Verständnis“ mit Dennis Aogo auf der linken Seite lobt. Und dass Jansen mit schnellen Schritten in die (freien) Räume auf der linken Seite laufen kann, wird und soll. Ich habe davon zuletzt herzlich wenig gesehen, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich auch beim HSV zuletzt. Zur Entscheidung „pro Petric“ sagt Thorsten Fink: „Für ihn spricht die Erfahrung, und dass er schon so viele Tore für den Verein geschossen hat. Auch wie er sich gibt im Moment, wie er der Mannschaft helfen will, dass er mal was sagt, dass er auch anspricht, wenn etwas nicht gut ist, dass er sich gut im Spielerrat gibt – ich finde das ist alles in Ordnung, wir brauchen ihn für die kommenden harten Wochen. Und wenn man im Abstiegskampf ist, dann braucht man schon Erfahrung, um damit auch umgehen zu können.“

Da Jansen und Petric „drin“ bleiben werden, was ist dann mit Ivo Ilicevic? Für ihn spricht, so hat es Thorsten Fink ausgemacht, dass er gegen Freiburg (relativ) gut gespielt hat. Was in meinen Augen auch für ihn sprechen könnte ist die Tatsache, dass er ja einst auf dem Betzenberg daheim war, und dass er es genau dort seinen Freunden und Feinden zeigen will, dass er mit seinem Wechsel zum HSV alles richtig gemacht hat. Das wäre zum Beispiel meine (letzte) Hoffnung – im „Fall Ilicevic“.

Thorsten Fink zieht die Zügel an. Die Mannschaft kam 27 Minuten nach 15 Uhr erst auf den Trainingsplatz, weil es zuvor eine eindringliche und auch gelegentlich lautstarke Ansprache des Trainers gegeben hatte. Fink nahm sich dabei einige seiner „Sorgenkinder“ zur Brust – und forderte von allen 100 Prozent ein. Eine Forderung, die meinen Wünschen entsprechen würde und der ich mich anschließen könnte.

Aufwachen, Jungs, es ist fast schon zu spät!

„Wir wollen in Kaiserslautern gewinnen, wir werden dort alles geben wir werden auch Gas geben – und dann schauen wir, was da hinterher rauskommen wird. Es könnte ja auch sein, dass wir dort einen Punkt mitnehmen, aber es könnte ja auch weiter sein, dass dieser Punkt uns wieder über den Strich bringt. Es wird ein harter Abstiegsfight bis zum Ende. Wir können jetzt nicht davon ausgehen, dass wir nun alles gewinnen, und dass wir dann in drei, vier Spielen da unten raus sind. Das wird ein harter Fight, und es wird hart bleiben, wir müssen uns, das ist ganz klar, auf sieben harte Spiele einstellen und vorbereiten, es gibt jetzt nicht nur das eine Endspiel in Kaiserslautern für uns“, sagt Thorsten Fink. Er hat es auf jeden Fall verinnerlicht, was die Stunde jetzt geschlagen hat. Was die Stunde für den HSV, den letzten Dino der Liga, geschlagen hat.

Und das muss und wird er seinen Männern vermitteln. Und wenn die es dann auch kapieren, dann wird es doch laufen. Oder? Mensch, der HSV, dieser HSV hat doch vor Wochen noch ein 1:1 gegen die Bayern geschafft, und ein 1:1 in Gladbach geholt. Und zwar nicht mit Glück, sondern mit Können. Fink predigt seinen Jungs jetzt bestimmt (und mitunter kommt er mir tatsächlich wie ein Wanderprediger vor!) täglich folgende Sätze: „Ich glaube an meine Mannschaft, ich vertraue ihr – und dann werden wir es schaffen. Wir haben die Lage erkannt, wir wissen, dass es eine heikle Lage ist, wir wissen, dass die Leistungen in den letzten Wochen nicht immer gut waren, und das werden wir ändern. Jeder, der hier jetzt nicht mitzieht, der darf dann einfach nicht mehr dabei sein in unserem Kader. Wer jetzt nicht hundertprozentig bei der Sache ist, der wird am Wochenende auch nicht dabei sein – ich werde diese Woche ganz genau hinschauen, wer da nicht so mitzieht wie wir es wollen.“ Und weiter sagt der Coach: „Wir müssen hart arbeiten, wir müssen unser Ziel hartnäckig verfolgen, wir müssen unsere kleinen Fehler abstellen, wir müssen konzentrierter spielen, wir müssen lernen, auch Kleinigkeiten besser machen zu wollen, wir müssen weiter dranbleiben. Diese Kleinigkeiten können einen Punkt bedeuten, und ein Punkt kann am Schluss den Nicht-Abstieg bedeuten.“

Thorsten Fink lässt in den nächsten beiden Tagen jeweils um 10 Uhr und um 15 Uhr trainieren, legt also auch im Trainingspensum zu, aber er wird ansonsten seine Linie beibehalten. Soll heißen, dass er jetzt nicht die Knute rausholen wird, um auf die Spieler einzuprügeln. Er sagt: „Es hilft nichts, auf die Mannschaft einzuhauen, und dann zu glauben, sie würde deshalb am Wochenende besser spielen. Wenn die Spieler den entsprechenden Einsatzwillen nicht zeigen, dann werde ich natürlich reagieren, aber wir reagieren schon jede Woche – das muss nur nicht immer an die Öffentlichkeit gelangen. Wir werden durchaus schon mal lauter, aber das geschieht intern. Trotz allem muss es doch so sein, dass man seiner Mannschaft Vertrauen schenkt. Draufhauen, und ich bin ja auch schon ein paar Jahre im Profi-Geschäft dabei, bringt nichts. Wir müssen positiv denken, wir müssen wissen, dass wir es besser können – wir haben es doch schon gezeigt.“

Natürlich hat er das, der HSV. Aber er hat es auch oft genug schon bewiesen, dass er es nicht so richtig kann. Wer von 14 Heimspielen lediglich zwei gewinnt, der kann so viel Qualität eigentlich nicht in der Mannschaft haben – oder liege ich da falsch? Nur was soll Thorsten Fink dazu sagen? Er hat ja keine andere Mannschaft. Er muss genau diesen Leuten vertrauen, dass sie die Kastanien aus dem Feuer holen – und die Raute weiterhin ganz oben am Leben erhalten. Später, viel, viel später können die Verantwortlichen sicher mal (im privaten Kreis) zugeben, dass es ein heißer Tanz auf der Rasierklinge war, das Unternehmen „HSV 2011/12“.

Zumal es ja noch viele außergewöhnliche Widrigkeiten dazu gab – quasi als Zugabe. Dass sich der HSV von Mladen Petric trennen will, wollte und muss – ausgerechnet jetzt. Ja, ausgerechnet jetzt. Das ist zwar äußerst dumm gelaufen, aber der HSV kann doch jetzt nicht nur deshalb, weil er auf die Tore von Mladen Petric hofft, seine Planungen umstoßen und sagen: „Gut, es geht eben nicht anders, dann verlängern wir mit Petric eben um die nächsten zwei, drei Jahre – für einige Millionen. . .“ So geht es doch wirklich nicht.

Dumm gelaufen ist es natürlich auch im Fall Jaroslav Drobny. Jeden Tag war etwas über die Verpflichtung des ehemaligen Nationaltorwarts Rene Adler zu lesen. Die Offenheit ist dumm gewesen, aber sie soll aus Leverkusen lanciert worden sein. Zum Glück ist es ja inzwischen ein wenig ruhiger in diesem Thema geworden. Ob das aber wirklich noch hilfreich ist? Ich weiß es wirklich nicht. Anstelle von Drobny wäre ich, Profi hin oder her, schon echt verunsichert – und auch sauer. Quintessenz: Dieser Fall ist für mich schon echt dumm gelaufen, das wäre vermeidbar gewesen. Wie wohl auch der „Fall Jarolim“. Da wird ein Mann, der sich Verdienste um den HSV erworben hat, im Herbst auf das Abstellgleis geschoben – und nun soll er der „Held im Abstiegskampf“ werden. Plötzlich und unerwartet. Und „Jaro“ gibt ja auch tatsächlich Gas ohne Ende, zweigt sich als Vorbild-Profi. Aber ob es noch hilft? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass David Jarolim ganz sicher kein Großverdiener ist, als dass man ihn von der Gehaltsliste kriegen muss. Und ich weiß, dass man einen so vobildlichen Spieler eigentlich immer noch brauchen könnte. Sogar für etwas weniger Geld (Gehalt), wenn es denn sein müsste – denn der HSV hat „Jaro“, dem schon ausrangierten „Jaro“ ja schon weit vorher in Aussicht gestellt, weiter für den Klub arbeiten zu können – im Nachwuchsbereich. Was wäre es wohl gewesen, wenn er dann einen abgespeckten Vertrag erhalten hätte, praktisch als „Stand-by-Profi“? Aber gut, ich bin nicht der, der dem HSV diese Philosophie verordnet (hat), aber es ist schon so – auch diese Baustelle wäre eigentlich nicht nötig gewesen.

Diese drei Widrigkeiten haben dem HSV sicherlich nicht in die Karten gespielt, sie haben sicherlich auch dabei „geholfen“, dass der Klub nun so steht, wie er steht. Und dann gibt es ja auch noch die Personalie Paolo Guerrero. Wie sehr fehlt dieser Mann denn nun? Unheimlich sehr – behaupte ich, denn er war vorher der beste Stürmer des HSV. Und das ist Punkt vier, der in dieser schlimmen Misere seine negative Bedeutung hat. Und darunter hat nun der gesamte Klub und sein Umfeld zu leiden. Leider, leider.

Nun soll es plötzlich Marcus Berg richten. Marcus Berg! Einer, den kaum einer auf dem Zettel hatte. Wer den Schweden zuletzt im Training gesehen hat, der kann es ganz sicher nicht glauben, dass auf ihn nun die Offensiv-Hoffnungen des HSV ruhen sollen. Über diesen Marcus Berg hatte Thorsten Fink noch in der Woche vor dem Freiburg-Spiel (völlig zu recht) gesagt, dass er „jedem Zweikampf aus dem Wege geht“. Jetzt sagt der Trainer: „Bei ihm hat man das Gefühl, dass er nicht viele Chancen braucht, um ein Tor zu machen. Ich kann über Marcus Berg nur Gutes sagen, wir besitzen in ihm nun einen guten Torjäger. Ich habe mich immer gefragt, warum er so sehr in der Kritik stand, er war ja auch öfter mal verletzt, aber ich habe ihn eigentlich immer sehr, sehr gut gesehen. Ich freue mich, dass er jetzt gerade im richtigen Moment seine Form findet, und von einem Torjäger erwarte ich Tore – das hat der Marcus in Wolfsburg gleich gemacht.“

Hoffen wir also auf den Berg-Affekt auf dem Betzenberg.

Bei der Gelegenheit: Es wird ja immer gefragt, warum der HSV in der Winterpause keine weiteren Spieler verpflichtet hat? Zu diesem Thema hatte am Wochenende ein ganz besonderer Mann eine ganz dezidierte Meinung. Ich habe dies live im Fernsehen gesehen, aber ich wurde darauf per Mail noch einmal explizit aufmerksam gemacht, deswegen nun die Mail dazu:


Hallo Herr Matz,

diese Aussage von Clemens Tönnies auf Sport 1/Doppelpass zum HSV sollte nicht untergehen:
„Dieses ständige Gerede beim HSV, man müsse die Personalkosten reduzieren, ist für einen so großen Verein völlig unverständlich. Ich glaube, dass man beides tun muss: die Ausgaben harmonisieren, aber auch die Einnahmenseite aktivieren. Ich sehe den Verein ein bisschen sich kaputt sparen. So kriegen Sie kein Unternehmen saniert, wenn Sie nur auf sparen setzen.”

Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender Schalke 04 am 25.03. auf Sport 1

Ich bin übrigens HSV-Mitglied und leide wie Sie vermutlich auch unter der aktuellen Situation.
Mit freundlichen Grüssen
André A.

PS: Dienstag um 10 und um 15 Uhr Training im Volkspark.

18.41 Uhr