Tagesarchiv für den 25. März 2012

Die Qualität – jetzt muss sie sich zeigen

25. März 2012

Statt Osterhasen gibt es in diesem Jahr in Hamburg nur Angsthasen. Und davon laufen in diesen Tagen schon weit vor dem heiligen Fest sehr, sehr viele durch die Stadt. Man erkennt sie an den gesenkten Blicken, am genervten Gesichtsausdruck und an der Dünnhäutigkeit, wenn über das Thema Bundesliga-Abstieg im Zusammenhang mit dem HSV philosophiert und diskutiert wird. Alles nicht mehr so ganz normal in dieser schweren Zeit. Aber, und das ist vielleicht ein kleiner Trost, das wunderschöne Vorsommer-Wetter ist wenigstens wunderschön . . . Wenn’s nur nicht alles so traurig wäre. Geht’s euch nicht auch so: Das nächste Spiel ist viel zu lange weg. Der Dino geht am Stock, schlimmer noch, er kämpft fast schon verzweifelt ums Überleben – man möchte so gerne helfen, aber man kann nicht. Das ist doch alles absolut entsetzlich.

Und dann noch diese Bundesliga. Spielt auf einmal wie im wilden Westen. Als ob es alles gegen den HSV gehen muss. Sogar Werders A-Jugend lässt sich in der dreiminütigen Nachspielzeit noch einen von Augsburg einschenken. Das ist doch alles Mist – ist das doch.
Nun gut, der HSV wird sich am eigenen Schopfe aus dem Schlammassel ziehen müssen, und müsste damit am besten schon am Sonnabend auf dem „Betze“ anfangen. Dann mit der Einstellung von Wolfsburg, vielleicht noch mit dem einen oder anderen Prozent mehr, dann könnte es tatsächlich etwas werden.

Wenn dazu dann auch noch das Offensivspiel etwas verbessert werden könnte, dann wäre das sicher ganz hilfreich. 15:4 Torschüsse in Wolfsburg, das ist doch echt zu dürftig. Obwohl Trainer Fink und Sportchef Frank Arnesen damit leben können, denn beide erklärte unisono: „Wir haben auswärts gespielt, da ist eine solche Bilanz ganz normal.“ Na ja. Bei solchen Aussagen ertappe ich mich immer mehr, in der Vergangenheit zu forschen. Bin in den 80er-Jahren gelandet. Bei der unglaublich Siegesserie des HSV. Damals, als der HSV auch nach 30 Bundesliga-Spielen nicht verloren hatte, erfand der damalige Abendblatt-Sportchef eine Zeile, die heute noch Kreise zieht (in der Redaktion): „Wer will diesen HSV noch siegen sehen?“ Was ich damit sagen will: Bei diesen über 30 unbesiegten Spielen waren sicher auch zwei, drei Auswärtssiege dabei. Und zwar nicht immer nur 1:0. Da muss damals also durchaus doch mehrmals auf das gegnerische Tor (und in jenes hinein) geschossen worden sein – damals wahrscheinlich auch völlig normal. So wie es heute eben völlig normal ist, dass man nur viermal . . . Zumal ja, das wird uns Woche für Woche von verantwortlicher Seite bestätigt, die Qualität innerhalb des HSV-Teams ja durchaus gut oder sogar sehr gut sein soll.

Was sie natürlich nicht ist. Das wird uns in spätestens zehn Jahren auch in einer privaten Unterhaltung bestätigt werden, nur offiziell eben noch nicht. Weil es dieser Kader ja richten soll, richten muss – drin zu bleiben.

Ich bin mal gespannt, ab es personelle Veränderungen im Hinblick auf das Lautern-Spiel am Sonnabend geben wird. Sehr gespannt. Marcell Jansen und Ivo Ilicevic zum Beispiel – werden sie erneut spielen dürfen? Von beiden Profis kam null Wirkung. Null. Wieder einmal. Und ich sage (schreibe) es höchst ungern, aber ich schreibe es heute: bei Ilicevic gebe ich meine Hoffnung auf. Ich habe ihm eine große Zukunft beim HSV vorhergesagt, ich war begeistert, als er vom HSV verpflichtet worden ist – und bin jetzt so was von enttäuscht. Da kommt ja gar nichts. Bei Jansen kommen ja wenigstens tolle Erklärungen, warum da nichts kommt – aber Ilicevic? Wie gesagt, keine Hoffnung mehr. Jetzt muss Gökhan Töre helfen – bitteschön. Der Deutsch-Türke wurde am Ende der Hinrunde als bester Nachwuchsmann der Liga ausgezeichnet, daran darf er nun gerne wieder mal anknüpfen. Bitte, bitte.

Gespannt bin ich auch, wie es sich mit Mladen Petric entwickelt. Ich habe meine Meinung zu ihm schon in Wolfsburg geschrieben – ich würde ihn (natürlich) auch auf dem Betzenberg bringen. Ganz klar. Auch schon deshalb, weil es ja gar keine großen Alternativen mehr gibt. Aber immerhin hat sich Marcus Berg (mit seinem sehr schönen Tor) ja wieder in Erinnerung gebracht – mit einer durchaus guten Leistung. Habe ich ihm gar nicht zugetraut, gebe ich zu, aber man ist eben nie vor Überraschungen gefeit. Und das ist ja auch gut so.

Gefragt wurde ich im Blog auch nach Per Ciljan Skjelbred. Er war nicht im Kader für das Wolfsburg-Spiel. Thorsten Fink hat so entschieden. Obwohl ich denke, dass es nun mal an der Zeit wäre, dass der Norweger endlich mal zeigt, was ihn einst in den internationalen Fußball gebracht hat. Im Training, so finde ich, macht Skjelbred durchaus mal die eine oder andere gute Sache, aber insgesamt macht er einfach zu wenig. Dennoch glaube ich, dass er ja seine Erfahrungen gesammelt hat, und die könnten doch eventuell noch einmal ganz hilfreich sein – so hoffe ich mindestens. Vielleicht erhört er mich ja mal und reißt sich nun und ab jetzt zusammen.

So, um nicht zu lang zu werden, denn es kommt zum Schluss ja noch einiges, beende ich diesen Sonntags-Beitrag.

Vom SID, Sport-Informations-Dienst, kommt der heutige Bundesliga-Kommentar:

Reif fürs Museum

Von Kristof Stühm

Sechs Euro kostet beim HSV eine Reise in die glorreiche Vergangenheit. Im klubeigenen Museum kann jeder Besucher auf 700 Quadratmetern die erfolgreiche Geschichte der Hamburger atmen, die Trophäen bestaunen, ein Meistertrikot von Uwe Seeler bewundern und die großen Triumphe immer und immer wieder auf bewegten Bildern anschauen. Sieben Spieltage vor Saisonende ist es längst nicht mehr ausgeschlossen, dass Direktor Dirk Mansen im Mai für ein weiteres historisches Exponat einen Platz finden muss – die legendäre Bundesliga-Uhr.

Zwar tickt sie noch und zählt die Jahre, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden, die der HSV in der Bundesliga spielt – seit Gründung der Eliteliga 1963 als einziger Klub ununterbrochen. Doch nach vier Pleiten in Serie taumeln die Hamburger immer schneller in Richtung
2. Liga. Und während die Konkurrenten aus Augsburg, Freiburg und Berlin den brutalen Existenzkampf längst angenommen haben und ihre viel bescheideneren Mittel leidenschaftlich in die Waagschale werfen, üben sich die Hanseaten weiter in Schönfärberei. Motto: Wir sind zu gut für den Abstieg!

Trainer Thorsten Fink überraschte erneut mit seiner sehr eigenen Analyse: „Wir müssen nichts ändern.“ Vergangene Woche hatte er noch gesagt, der HSV sei „kein Abstiegskandidat“. Und Sportdirektor Frank Arnesen behauptete nach der Niederlage in Wolfsburg: „So werden wir noch unsere Punkte holen.“

Doch Punkte holen längst nur noch die anderen. In Freiburg hat Trainer Christian Streich eine verschworene Elf geformt, die Augsburger haben sowieso nichts zu verlieren, weil ihnen schon vor Saisonbeginn klar war, dass sie bis zum Schluss unten drinstecken würden. Und plötzlich gewinnt sogar die Hertha aus Berlin mit Otto Rehhagel.

In der wichtigsten Phase der Saison spricht der Trend klar gegen den HSV. Die Abwehr leistet sich regelmäßig Aussetzer – vor allem bei Standardsituationen. Dem Mittelfeld fehlt es an Ideen und Esprit. Bezeichnend: Bester Mann in der für den Spielaufbau so wichtigen Zentrale ist der eigentlich schon ausgemusterte David Jarolim.

Der Angriff verbreitet auch nicht gerade Angst und Schrecken. Paolo Guerrero darf nach seinem Kung-Fu-Tritt gegen Stuttgarts Sven Ulreich erst in den letzten beiden Spielen wieder mitmachen. Marcus Berg hat zwar in Wolfsburg getroffen, ein Torjäger ist er aber nicht. Und Mladen Petric hat am meisten mit sich selbst zu tun. Dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert wird, trägt sicher nicht dazu bei, dass sich der Kroate über das Mindestmaß hinaus bewegt.

Und so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende der Saison zwei eigentlich in Stein gemeißelte Fußball-Serien enden: Die Unaufsteigbaren aus Fürth steigen auf. Und die Unabsteigbaren aus Hamburg steigen ab.

 

Zu diesem brisanten Thema gab natürlich auch bei uns wieder zahlreiche Kommentar. Pro und kontra. Drei Meinungen davon einmal exemplarisch veröffentlicht.

„Bubi Hönig“ am 25. März 2012 um 10:15:


Guten Morgen, ich möchte nicht in die Diskussion einsteigen, weil aus meiner Sicht die Zeit dafür vorbei ist. Es geht nicht um den Trainer, den VV,
den Sportchef und nicht um einzelne, oder besser alle Spieler. Es geht nur noch ums Überleben!! Ich will mal Dieters Absatz zum Publikumsvergleich
herausgreifen, weil er damit aus meiner Sicht einen wichtigen Punkt anspricht. Aus meiner Erinnerung gab es die wildeste Stimmung beim HSV (natürlich
neben den Meisterjahren) in den bedrohlichsten Phasen, z.B. 1972. Die Leidenschaft der Zuschauer war für jeden in ihrer gesteigerten Form spürbar,
ganz sicher auch für die Spieler. sogar unsere Geliebte Presse rief zur Unterstützung auf! Mir kommt es vor, als wenn heute eher über zu hohe Ablösen
diskutiert wird, oder um zu hoch stehende AV. Vielleicht verhindern diese fehlenden % bei den Fans auch den Abruf derselben bei den Spielern. In WOB
fand ich die Mannschaft OK und am Rande ihrer Möglichkeiten. Fehlende Klasse lässt sich eben nicht so einfach wettmachen.
Guten Tag.

Von Eisenwilli:

ich hatte es vor monaten schon geschrieben, selbst wenn herr mourinho
persönlich auf der trainerbank sitzen würde, oder van gaal oder sonst wer,
die situation wäre vermutlich die gleiche.

es liegt an der einkauf- und verkaufsspolitik der letzten jahre. kein
einziges “talent” hat sich beim HSV entwickelt oder durchgesetzt. komisch,
daß ein choupo woanders plötzlich trifft, es war für all die jungen leute
die beste entscheidung, den verein zu verlassen und woanders ihr glück zu
suchen.

und dieter, ich fand es damals schon unmöglich, für rohzenal 7 mios
auszugeben, für berg gar 10. die spirale hatte ihre spitze erreicht, es
war der pure wahninn! doch wer wagte es, dies zu stoppen? die
transfersummen beim HSV hatten eine atemberaubende dimension erreicht, die
kaum mehr nachzuvollziehen war. man city war daran nicht ganz unbeteiligt,
will ich an dieser stelle anmerken.

dass nun eine rückkehr zur politik der sparsamkeit eingekehrt ist, das war
uns ALLEN klar, birgt auch ein großes risiko. dass es nun gegen den
abstieg geht, tja, auch damit hätte man rechnen können, spätestens in der
letzten winterpause, doch hochmut kommt vor dem fall! die erspielten
punkte gegen bayern und gladbach halten uns nun noch mit der nasenspitze
über wasser, mehr aber auch nicht.

 

Und dann auch der Kommentar von “HSV seit 1981″:

Absolut korrekt: Verantwortlich für die Mieserensaison 2011/2012 ist diese
Vereinsführung und diejenigen, die sie ins Amt gehievt haben.
Nur dagegen zu sein, hilft nicht. Man muss auch ein Konzept haben, dass
über Umbruch (oder war es Abbruch) hinaus geht.
Wer einen Verein mit Amateuren und wie einen Amateurclub führen will, der
wird auch bald mit solchen spielen.
Unter Hoffmann haben wir wenigstens – wenn es eine Saison schlecht lief –
um den letzten Qualiplatz für die Europa League mitgespielt und nicht um
die Relegation.

Drei kleinere Dinge noch.

1.) Der Beitrag von Thorsten Bettin, den ich hier gestern veröffentlichte, fand bei Freunden, Bekannten, Usern und Fans sehr viel Zuspruch. Danke dafür. Der Altenwerder-Trainer hatte ja viele Punkte kritisch hinterfragt, auch das Trainingspensum eines Profis allgemein – und das des HSV-Profis ganz speziell. Ich möchte zu diesem Thema nur sagen, dass so etwas immer wieder diskutiert wird auch von Amateurtrainern, die gelegentlich beim HSV zusehen. Ich habe mich in meinen über 30 Jahren beim HSV oft genug mit dieser Problematik befasst, und ich bin es, ehrlich gesagt, Leid, darüber zu schreiben. Ich kann nur sagen: So, wie dieser HSV jetzt unter der Regie von Thorsten Fink trainiert, so wurde er auch unter Michael Oenning, Armin Veh, Bruno Labbadia, Martin Jol, Huub Stevens, Thomas Doll, Frank Pagelsdorf, Kurt Jara, Klaus Toppmöller, Martin Wilke und Co trainiert. Da gibt es keine großen Unterschiede. Und deswegen schreibe ich auch nicht mehr drüber.

Mir ist das, auch das gebe ich zu, viel zu wenig. Und viel zu wenig individuell. Aber auch das ist schon oft von mir geschrieben worden. Die Profis trainieren eben so, ob sich darüber ein Matz aufregt oder nicht. Und nun könnte ich diese ganzen Namen, die ihr eben gelesen habt, erneut runterbeten – sie haben alle so trainiert. Und so ist es offenbar Sitte. Und ein Trainer-Guru wie Otto Rehhagel, dem wird ja nachgesagt, dass er meistens nur spielen lässt, ansonsten soll sein Training antiquiert sein. Und? Was soll’s? Es ist so, wie es ist. Er wird sich nicht mehr ändern, kein Trainer in Deutschland (und in der Ersten Bundesliga) wird sich mehr ändern. Die ziehen ihr Ding so durch. Ende.

Eine kleine Nuance aber, das muss ich doch noch zugeben, gab es mal. Tatsache! Als Oenning von Veh übernahm, also der Co-Trainer seinen Chef beerbte, da zog Oenning kurz vor dem Ende der Saison das Trainingspensum doch noch einmal an. Im krassen Gegensatz zu allen ansonsten üblichen Aussagen aller oben aufgezählten Bundesliga-Trainer, die immer Stein und Bein schworen: „Gegen Ende der Saison bringt das überhaupt nichts mehr, den Grundstein für Ausdauer, Kraft und Kondition muss man in der Vorbereitung legen . . .“ Super. Dann legt mal schön weiter . . .
Und wenn ich schon dabei bin: Ich habe schon seit Monaten ganz einfach das Gefühl, dass sich Mannschaften wie Freiburg oder vor allem auch Augsburg ganz anders den Arsch aufreißen (können), als unser HSV. Aber das mag ja noch kommen . . .

Um das Thema abzuschließen: Lieber Thorsten Bettin, ich kann verstehen, dass Du skeptisch bist, wenn Du das alles siehst, aber ich kann Dir versichern, Du bist nicht der erste (Hamburger) Amateurtrainer, der ein solches Aha-Erlebnis im Volkspark hat, und Du wirst nicht der letzte sein. Ganz sicher Aber das ist alles ganz normal – wie in der ersten Bundesliga eben.

Wobei, und das muss schnell noch erlaubt sein, da fällt mir doch gerade noch ein kleines Nähkästchen ein: Unter Frank Pagelsdorf waren wir mal im Trainingslager an der Algarve. Da haben die Spieler während des Trainings auch oft im Gras und in der Sonne gelegen. So viel und so oft, dass wir uns draußen fragten, ob das noch „gesund“ ist? Irgendwann sprachen wir am Ende des Trainings auch darüber mit HSV-Boss Werner Hackmann und Sportchef Holger Hieronymus. Letzterer gab dann zu: „Komisch, das sehen wir genau so wie ihr – ich werde mal mit dem Trainer reden.“ Das tat er dann auch, was dazu führte, dass Pagelsdorf völlig sauer auf uns war. Irgendwann sprachen wir in großer (Presse-)Runde darüber, und der HSV-Coach sagte: „Holger Hieronymus hat mir gesagt, dass ihr euch bei ihm über mein zu lasches Training beklagt habt – und das finde ich einfach eine riesige Sauerei . . .“ So viel zum Thema: „Ich werde mal mit dem Trainer darüber reden.“ Und nun tatsächlich Ende mit diesem leidigen Thema.

2.) Heute um 21.45 Uhr gibt es bei beim TV-Sender „HH 1“ die Hamburger Presserunde zum Thema HSV, mit von der Partie ist „Lotto King Karl“.

3.) Und dann gibt es in der jetzigen Situation ja, Ihr werdet es gemerkt haben, unglaublich viele Witze über den angeschlagenen HSV. Ich sage immer: „Man muss auch über sich selbst lachen können. Und wer zuletzt lacht, lacht am besten.“

Hier ein Witz, über den ich lachen kann, schickte mir Bernd F. zu, auch dafür vielen Dank:

Die Fee gewährt dem Mann einen Wunsch.

Der Mann: „Ich möchte gerne unsterblich sein!”

Die Fee: „Tut mir leid, aber das ist der einzige Wunsch, den ich dir nicht erfüllen kann!”

Der Mann: „Okay, dann möchte ich erst dann sterben, wenn der HSV mal wieder – Deutscher Meister – wird!”

Die Fee: „Du raffinierter Kerl . . .”

PS: Training am Montag im Volkspark, wahrscheinlich um 15 Uhr, aber gesichert ist das nicht.

17.36 Uhr