Tagesarchiv für den 24. März 2012

Die Trainer-Frage stellt sich nicht

24. März 2012

Um das einmal klar zu sagen: Auch nach der vierten HSV-Pleite in Folge ist ein Trainerwechsel kein Thema. Für mich nicht, für die Verantwortlichen nicht. Thorsten Fink bleibt, keine Frage, es ist in erster Linie die Mannschaft gefragt – und die zeigte sich ja trotz der 1:2-Niederlage in Wolfsburg ein wenig erholt, zeigte den Willen und zeigte auch endlich einmal so etwas wie Geschlossenheit. Nur so geht es nämlich noch.

Aber auch das Verhältnis Mannschaft/Fans zeigte sich in der Volkswagen-Arena intakt. Ich will nicht sagen, dass die Spieler nach dem Schlusspfiff, als sie in die „Hamburger Kurve“ gingen, begeistert gefeiert wurden, aber sie erhielten viel Beifall und immer wieder auch aufmunternde Zurufe. Wobei ich mich gefragt habe, ob das vielleicht auch deshalb etwas üppiger als sonst nach Niederlagen ausgefallen ist, weil sich ansonsten „ganz Wolfsburg“ in den Armen lag und so feierte, als wäre gerade die zweite Deutsche Meisterschaft unter Dach und Fach geschossen worden. „Oh, wie ist das schön“, sangen die VfL-Fans immer wieder, und auch dieses schlimme „Lied“: „Zweite Liga, Hamburg ist dabei, Zweite Liga, Hamburg ist dabei . . .“ Mal abwarten. Aber soweit ist es schon gekommen, dass sich der HSV solche Schmähungen nun auch schon in Wolfsburg gefallen lassen muss.

Deswegen kann ich nur daran appellieren, dass nun alle Hamburger und alle HSV-Fans zusammenhalten. Niedermachen? Vernichten? Das machen doch schon die anderen Fans, warum sollten das in dieser schlimmen, in dieser hochdramatischen Situation auch noch die „eigenen“, die HSV-Fans machen? Um hinterher, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, noch mehr über den Klub herzufallen? Ich kann außerdem immer wieder nur sagen: Wer jetzt pöbelt, wer jetzt aus der Haut fährt, weil die Ergebnisse nicht mehr stimmen, weil der Klub in größter Abstiegsgefahr schwebt, der sollte sich selbst einmal hinterfragen. Vielleicht nur diese eine Frage stellen: „Wo war ich, als damals ein Marcus Berg für elf Millionen Euro verpflichtet wurde, wo war ich, als damals – ist ja noch gar nicht so lange her – ein David Rozehnal für sieben Millionen Euro eingekauft wurde? Und habe ich etwas dagegen gehabt, als Paolo Guerreros Vertrag nach dem ominösen Flaschenwurf nicht nur verlängert wurde, sondern das Gehalt auch gleichzeitig um eine Million Euro angehoben wurde?“

Wer hat da gepöbelt? Vielleicht noch gerade im Falle Guerrero, aber weder bei Berg noch bei Rozehnal (nur zum Beispiel) haben die Fans protestiert. Trotz dieser Wahnsinns-Summen! Und heute fragen sich viele HSV-Anhänger, warum der Klub nicht in der Winterpause noch reagiert hat, warum nicht noch ein, zwei, drei neue Spieler verpflichtet wurden?

Ja, warum wohl nicht?

Alle, die damals geschwiegen haben, die dürften jetzt ganz sicher nicht herumpöbeln, nicht vernichten, nicht kritisieren.

Und sie sollten hoffen. Auf die Rettung, die ja immer noch möglich ist. Der HSV hat in diesem Jahr schon 1:1 gegen Bayern München und Borussia Mönchengladbach gespielt. Also bewiesen, dass er es kann – es könnte. Jetzt wurde zwar das erste von acht Abstiegsendspielen verloren, aber es gibt noch immer sieben Abstiegsendspiele. Sieben. Und in denen geht es nicht gegen die ganz Großen von oben, sondern gegen durchaus schlagbare Mannschaften. Der HSV muss jetzt nur, da bin ich ganz auf der Seite von Thorsten Fink, eine Einheit werden. Und zwar nicht nur die Mannschaft, die es auf dem Rasen richten soll, sondern alle. Das gesamte Umfeld. Die Lage ist äußerst prekär, aber deswegen nun in Panik verfallen? Das wäre wenig hilfreich.

So, das musste ich mir mal von der Seele schreiben. Ich gebe es doch zu, ich zitterte doch mit euch, mit dem HSV. Ist doch klar. Ich gehe seit August 1959 zum HSV, ich habe den HSV immer oben erlebt und gesehen, deswegen will auch ich den HSV nicht in Liga zwei sehen. Im 125. Geburtstagsjahr darf die Raute nicht untergehen – aber eine Rettung kann meines Erachtens nur dann gelingen, wenn alle gemeinsam dagegen angehen. Alle.

Und das scheint die Mannschaft nun endlich kapiert zu haben. Endlich, endlich, endlich. Natürlich wurde es Zeit, aber nun scheint es zu funktionieren. In Wolfsburg war einer für den anderen da, es wurde gekämpft, gebissen und enorm viel gelaufen, es wurde sich gegenseitig geholfen. Auch deshalb, weil die erfahreneren Spieler wie Mladen Petric, Heiko Westermann, Dennis Aogo und David Jarolim mit bestem Beispiel voran gingen bzw. liefen. Und weil sie, auch sie (neben den Verantwortlichen im Trainerstab), in der Woche zuvor schon verbal auf die jungen Leute eingewirkt hatten. Auch das war natürlich längst überfällig, aber es ist immerhin nun geschehen. Besser spät als nie.

Um noch einmal auf die Trainer-Situation zu kommen. Der Vorstands-Vorsitzende des HSV, Carl-Edgar Jarchow, war heute beim Training, er sagte klar und unmissverständlich: „Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir mit Thorsten Fink den richtigen Trainer haben, und ich bin davon überzeugt, dass wir auch den richtigen Trainerstab haben.“

Dass Thorsten Fink seine Mannschaft nach dem Spiel in Wolfsburg lobte – wer will es ihm verdenken? Soll er seine Mannen unangespitzt in den Boden klopfen? Dann darf er am nächsten Sonnabend in Kaiserslautern selbst ran. Vielleicht mit Frank Arnesen . . . Nein, der Coach muss seine Spieler aufbauen und aufrichten, denn er hat keine anderen, er muss auf sie bauen – und sie müssen diesen HSV vor dem Abstieg bewahren. Fink fand deshalb (fast) nur lobende Sätze für sein Team: „Der Auftritt meiner Mannschaft war heute sehr, sehr gut, sehr engagiert, zweikampfbetont, sehr konzentriert. Mit dieser Leistung kann man zufrieden sein, wir haben unglücklich verloren – durch eine blöde Standardsituation. Das war höchst unglücklich, dass dieser Ball den Weg ins Tor fand. Aber wir haben gut gefightet, wenn wir das auch in Zukunft so machen, mit dieser Energie-Leistung, dann wird sich auch in Kürze ein Sieg einstellen.“

Thorsten Fink sagte weiter: „Die Tabellensituation macht mir im Moment natürlich auch Sorge, aber ich bin zuversichtlich, dass wir da unten rauskommen, denn die Mannschaft hat gezeigt, dass sie es kann. Wir haben auswärts ein Tor geschossen, dass muss reichen, um einen Punkt mit zu nehmen oder auch zu gewinnen. Insgesamt aber war ich von der Spielanlage schon zufrieden, die Mannschaft hat alles gegeben. Sie hat den Abstiegskampf angenommen, sie weiß, um was es geht. Das ist Abstiegskampf pur, aber wir haben die Zweikämpfe angenommen, die Mannschaft hat kaum Torchancen des Gegners zugelassen, wir haben das Spiel eigentlich kontrolliert, ganz klar, das stimmt mich optimistisch. Mit dieser Einstellung werden wir die Klasse halten.“

Dieses Spiel muss oder sollte der HSV-Mannschaft, trotz der Niederlage, neues Selbstvertrauen geben. Fink blickte schon einmal optimistisch voraus: „Wir haben noch das direkte Duell mit Kaiserslautern, auch noch mit Augsburg – da kann man schon seinen Grundstein setzen . . . Kaiserslautern steht ganz unten drin, die müssen am Sonnabend im Spiel gegen uns gewinnen, sie müssen also kommen – und das sollten wir dann für Konter nutzen. Ich werde meiner Mannschaft sagen, dass wir nur so weiter machen müssen wie jetzt, dann kommt das Glück auch zurück.“

Kurz einmal zu der Spiel-Statistik. 15:4 lautete das Torschuss-Verhältnis für den VfL. 56:44 Prozent Ballbesitz für den HSV. 51:49 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Wolfsburg. 10:3 Ecken für den Sieger, 24:16 Fouls – auch da führte der VfL. Der beste Wolfsburger Zweikämpfer war Felipe (69 Prozent gewonnen), beim HSV war es Dennis Diekmeier (79.). Hasebe war mit fünf der beste Flankengeber seines Teams, beim HSV war es der eingewechselte (!) Gökhan Töre – mit zwei. Hasebe hatte die meisten Ballkontakte (64), beim HSV war es Heiko Westermann mit 96. Mandzukis schoss fünf Mal auf das HSV-Tor, vier HSV-Spieler versuchten sich in dieser Disziplin jeweils (nur) einmal – und das ist natürlich viel zu kümmerlich. Für Thorsten Fink aber völlig normal: „Das ist auswärts so.“ Muss aber, das ist meine Meinung, auswärts nicht so sein. Man darf und sollte sich nie mit zu wenig (so wenig) zufriedengeben. Aber das ist natürlich auch eine Frage von Anspruch und Wirklichkeit.

Zufrieden mit dem Auftreten des HSV war in Wolfsburg auch der Sportchef. Frank Arnesen befand: „Diesmal stand eine ganz andere HSV-Mannschaft auf dem Rasen. Das war eine Einheit, und diese Einheit hat der guten Wolfsburger Mannschaft wenige Chancen gelassen. Und nun haben wir ein ganz großes Finale vor der Brust. Wenn wir da so auftreten wie heute, dann haben wir die Chance, dort Punkte zu holen.“

Wenn.

Aber das liegt nun in erster Linie an der Mannschaft. Und von der hat sich am Freitag in Wolfsburg niemand so verletzt, als dass er am nächsten Sonnabend ausfallen müsste. Auch Heiko Westermann nicht. Der ging ja in der Schlussphase bei einem Kopfballduell zu Boden, dort wurde er dann wohl mit einer Stiefelspitze knapp unter dem Auge getroffen. Sah böse aus. Und weit nach dem Schlusspfiff sah der Kapitän dann wie einer aus, der gegen Klitschko geboxt hat. Aber Westermann ist hart im Nehmen: „Es ist nichts gebrochen. Es war schon oftmals etwas gebrochen, deswegen weiß ich jetzt, dass nicht gebrochen ist. Aber diese Verletzung ist nicht so schlimm, wie die verlorenen drei Punkte . . .“ Drei Punkte? War es nicht nur der eine? Westermann: „Wir standen sehr kompakt, haben nicht viel zugelassen – die beiden Gegentore mussten nicht sein. Wie sie gefallen sind, das sagt doch alles.“ Der Kapitän war am 1:2 beteiligt: „Ich musste raus, auf die linke Seite, und da konnte ich nur noch foulen. Der Wolfsburger hätte bereits vorher an der Mittellinie gestellt werden müssen, eventuell auch gefoult werden. Dass nach diesem Foul ein Tor fällt, das ist natürlich bitter.“ Insgesamt stellte Heiko Westermann fest: „Diese Niederlage macht es natürlich nicht leichter für uns.“
Wie wahr.

„Lautern wird ein schönes Kampfspiel“, sagt Heiko Westermann, und der ehemalige HSV-Spieler Roy Präger, schon seit Jahren Angestellter des VfL Wolfsburg, sagte: „Kaiserslautern gegen den HSV, das kein Sechs-Punkte-Spiel, das ist ein Zwölf-Punkte-Spiel.“

Auf dem Betzenberg wird die Luft brennen. Und die Teufel-Fans werden wie die Teufel hinter ihrem Team stehen. Nachahmenswert. Und für Hamburger ein Punkt zum Nachdenken. Zusammenhalten, das ist es jetzt – in der allergrößten Not. Denn die Tabellensituation ist dramatisch schlecht geworden. Klar, wenn man nichts mehr gewinnt.

So, ganz zum Schluss (morgen, Sonntag, ist trainingsfrei) noch ein besonderer Beitrag bei Matz ab. Geschrieben hat ihn Thorsten Bettin, er war einst ein glänzender Amateurfußballer in Hamburg und ist nun Trainer (Altenwerder, früher HTB, Süderelbe). Er schrieb heute (vielen Dank dafür, lieber Thorsten):


Liebe HSV-Gemeinde,

schon Monate verfolge ich eure Kommentare in diesem Blog und muss feststellen, dass viele hervorragende Kommentare gerade im Bereich der sportlichen Analyse getroffen werden, andererseits auch viele unsachliche Kommentare zur sportlichen Leitung des Vereins.

Ich für meinen Teil möchte mich gerne aufs Sportliche beschränken, alles andere sind Themen für eine Mitgliederversammlung.

Nehmen wir mal die Fakten von gestern:
Eine Viererkette (incl Torwart), die große Probleme in der Spieleröffnung hat, zudem in der Rückwärtsbewegung über die Außenbahn viel zu anfällig ist. Die Vorstöße sowohl über rechts oder links werden nicht bis zur Grundlinie gespielt, zudem fast ohne Tempo insofern ohne Wirkung. Aogo und Diekmeier sind nicht die Langsamsten, aber ohne jegliches Durchsetzungsvermögen.

Warum, Herr Diekmeier, immer denselben Ansatz, außen am Gegner vorbei anstatt mal mit dem Ball im höchsten Tempo nach innen ziehen und in den Strafraum rein!!! Das Gleiche gilt für den Kollegen links.

Auf den 6er-Positionen sowie im Halbfeld fehlt jegliche Kreativität, um dem Gegner spielerisch Paroli bieten zu können, gegebenenfalls überlegen zu sein. Bei so hoch verteidigenden Wölfen wie gestern, wo man mit schnellem Passspiel oder einen einfachen Doppelpass oder vielleicht mal mit einem mutigen Dribbling hinter die Abwehr kommen kann, fehlt uns einfach die geistige Frische – aber auch die Qualität.

Die Stürmer machen die Bälle nicht fest und fordern die Laufwege nicht ein. Denn nicht der Spieler, der den Ball führt ist entscheidend, sondern die Spieler die den Ball haben wollen müssen das durch ihren Laufweg vorgeben. Dies alles begleitet uns seit Monaten. Und über ein probates Mittel wie Standards müssen wir uns, glaube ich, nicht mehr unterhalten. Da nützt es auch nichts, wenn man unter Ausschluss der Öffentlichkeit es “einmal” trainiert und der Ertrag nicht eingefahren wird.

Ich habe mir letzte Woche das Training und den Trainingsplan mal angeschaut und ich muss sagen, es wirft viele Fragen auf. Mo, Di, Mi einmal Training Donnerstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und das in dieser prekären Lage. Hinzu kommt, dass die Intensität einer Amateurmannschaft doppelt so hoch ist. Das gibt mir schon zu denken.

Gestern der 21. Gegentreffer nach einer Standardsituation, vielleicht sollte man nicht nur drüber sprechen, sondern bis zum Erbrechen daran arbeiten.

Ich kann nur hoffen, dass uns der Supergau erspart bleibt, und ich mir meinen Frust ein bisschen mit euch teilen konnte und wünsche mir das die “6 Trainer” die richtigen Lösungen beim Training finden und der Mannschaft, wenn sie denn eine ist, klar machen können um was es hier für Hamburg und sein tolles Publikum bedeutet, wenn der Schalter nicht umgelegt wird.

In diesem Sinne
Nur der HSV

So, in der Liga spielten sie heute überhaupt nicht für den HSV, die Raute steht jetzt auf Rang 16, dem Relegationsplatz. Es wird hochdramatisch, es wird ganz, ganz bitter.
Haltet durch, haltet zusammen – nur so geht es jetzt noch.
Bitte.

17.26 Uhr