Tagesarchiv für den 23. März 2012

Gekämpft! Aber 1:2 in Wolfsburg

23. März 2012

Der HSV hat es nicht gepackt. Trotz einer engagierten und auch couragierten Leistung gab es in Wolfsburg die von vielen vorher schon erwartete Niederlage. Dieses 1:2 hätte aber nicht sein müssen, denn der HSV wehrte sich diesmal, er war in etlichen Phasen ebenbürtig, traf aber letztlich auf einen Gegner, der auch alles gab, geben wollte und musste, um noch weiter nach oben und ins internationale Geschäft zu kommen. Der HSV hat in Wolfsburg sicher einen kleinen Rückschlag erlitten, aber die Moral der Truppe stimmte – und genau die stimmt mich für den Rest der Saison auch optimistisch. Da geht noch was. So spielt kein Absteiger. Obwohl ich auch sagen muss: Die erste HSV-Torchance des zweiten Durchgangs erst in der 82. Minute, das ist und bleibt nicht in Ordnung. Die Offensive muss dringend verbessert werden. Nur wie? Thorsten Fink wird zaubern müssen. Aber es muss ihm gelingen, sonst geht der Dino tatsächlich baden.
Hamburger, wehrt euch!
Gemeinsam. Jetzt geht es nur noch gemeinsam. Und nicht gegeneinander.

Vor 30 000 Zuschauern, unter ihnen der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer (als TV-Co-Kommentator), gab es diesmal endlich kein schnelles Gegentor – endlich mal nur 0:0 zur Pause, endlich einmal beim Halbzeit-Tee keinem Rückstand gedanklich hinterher hecheln. Es war nicht schön, aber das ist es ja schon lange nicht mehr. Und diesmal war es gut, dass es nicht schön war. Der HSV war hellwach, es gab keine lange Abtastphase, es ging zur Sache, jeder Spieler hat es offenbar jetzt und nun kapiert. Es ging aggressiv in die Zweikämpfe (machte auch der VfL), es ging mit Biss und dem nötigen Willen zur Sache, und es wurde offenbar auch mit Verstand gespielt. So heißen: Das, was der Trainer vorher angesprochen und gefordert hatte, dass wurde auch tatsächlich auf dem Rasen (versucht) umzusetzen. Das war, wie bereits geschrieben, nicht schön, aber so geht Abstiegskampf.

Es wirkte sich positiv aus, dass beim HSV in der Defensive die beiden Stabilisatoren Heiko Westermann und Dennis Aogo wieder dabei waren. Das gab Halt. Und auch die Maßnahme, Michael Mancienne in die Innenverteidigung zu stellen, und die zuletzt als Unsicherheitskandidaten auftretenden Jeffrey Bruma sowie Slobodan Rajkovic draußen zu lassen, zahlte sich aus. Mancienne spielte in Halbzeit eins abgeklärt und mit Übersicht. Und fast fehlerfrei. Das ist schon was . . .

Dabei hätte es nach einer Minute und 39 Sekunden schon 1:0 für Wolfsburg stehen können, doch Mandzukic schoss aus vier Metern und spitzem Winkel kläglich daneben. Ich hatte vorher so viel Angst vor dem Angriff der Niedersachsen, überall hatte ich erzählt: „Die haben zwei sehr gute Stürmer mit Killerinstinkt, die werden den Unterschied ausmachen.“ Denkste. So kann man sich täuschen. Von der HSV-Offensive war zwar kaum etwas zu sehen, aber die war mindestens genauso gefährlich – bzw. ungefährlich. Erschütternd, was für ein „Schlumpfschütze“ Helmes geworden ist. Ich kann Felix Magath verstehen, dass er ihn im Sommer zum Verkauf anbieten wird – das ist ja gar nichts mehr. Jedenfalls diesmal gegen den HSV. Zum Glück für den HSV.

Das Spiel, der Abstiegskampf, wurde hauptsächlich im Mittelfeld ausgetragen. Dort hatte der HSV zuletzt immer wieder Defizite, weil dort entscheidende Zweikämpfe verloren gingen – weil zu brav. Wie selbst die Spieler zugaben. Diesmal wurde dagegengehalten. Endlich einmal. Obwohl der ungekrönte „Treter“ rund um den Mittelkreis VfL-Spieler Josue war, der 30 Minuten lang bei Schiedsrichter Dr. Felix Brych vergeblich um Gelb bettelte – ehe ihn der Münchner (nach einem kräftigen Tritt Josues gegen David Jarolim) „erhörte“ und den gelben Karton zückte – endlich zückte.

Torchancen gab es für den HSV in den ersten 45 Minuten nicht, aber das war auch kaum möglich – denn der Ball wurde in den meisten Momenten gar nicht oder auch viel zu spät nach vorne gespielt. Dort mühte sich Marcus Berg als vorderste Spitze, dahinter lauerte Mladen Petric. Ich sage es gleich: Petric hat mir in dieser Rolle gefallen, weil er Biss zeigte. Jawohl, und dabei bleibe ich, er hat Biss gezeigt. Er lief viel, diesmal auch viel nach hinten. Dass er nach vorne kaum Akzente setzte, setzen konnte, das liegt doch auch, seien wir alle mal ehrlich, an den kaum verwertbaren Bällen, die nach vorne gelangen. Das meiste davon ist nicht zu verarbeiten, weil hoch und ungenau, aber genau das ist das Dilemma. Wenn der HSV da die Ruhe (und die Qualität) hätte, die Dinge sauber auszuspielen, dann wäre auch in der HSV-Offensive mehr möglich. Ganz sicher. Man solle als nicht immer alles Petric in die Schuhe schieben wollen, er allein kann keine Wunderdinge vollbringen, auch er ist darauf angewiesen, dass er bedient wird.

Eine ganz symptomatische Szene dazu. 41. Minute, Freistoß von halblinks, Dennis Aogo. Vollversammlung im und am VfL-Strafraum. Petric hofft, Petric lauert, Petric wittert und sucht seine Chance – und der Ball landet in den Armen von Wolfsburgs Keeper Benaglio. Petric atmet tief durch – und läuft (wieder einmal) enttäuscht zurück.

In der Schlussphase der ersten Halbzeit geht mir eines nicht aus dem Kopf: „Wir sind zu brav.“ Das scheint, so denke ich, auch für die Hamburger Fans (die wieder super waren, tolle Gesänge, großartige Stimmung – keine Frage) zu gelten. Ich denke an die 0:4-Partie gegen Stuttgart zurück. Zwei Elfmeter gegen den HSV – und niemand pfeift. Hier pfiffen alle, weil sich Felix Brych zwei- dreimal erlaubte, gegen den VfL zu entscheiden. Oder nicht für den VfL. Was war dann hier los!? Das wünschte ich mir auch mal im Volkspark. Dass man dann von Heimvorteil sprechen kann, weil das Publikum der zwölfte Mann ist. Auch Schiedsrichter haben ein Empfinden, was nun gut für sie ist – und was nicht. Und Brych hatte wohl das Empfinden, dass es mal besser für ihn ist, mal nicht für den HSV zu pfeifen. Deswegen protestierten zwar Westermann und Tomas Rincon heftig beim Schiedsrichter, weil sie zwei- dreimal auf Pfiffe für den HSV gewartet hatten, aber wären diese Pfiffe gekommen, hätte es einen wahren Proteststurm der Wolfsburger gegen den Unparteiischen gegeben. Der war klug beraten, es so zu machen, wie er es gemacht hat. Auch wenn sicher der eine oder andere Pfiff mehr für den HSV nicht verkehrt gewesen wäre.

Nach dem Seitenwechsel wurde es turbulent. 15 Sekunden nach Wiederanpfiff lag der Ball im HSV-Netz. Dejagah hatte sich gegen Aogo durchgesetzt (alles regelgerecht?), Flanke von rechts – und Mandzukic schoss am langen Pfosten ein. Auch weil Mancienne zu spät kam. Der Anfang vom Ende? Diesmal nicht. Diesmal zeigte der HSV gleich Zähne. Im Gegenzug schon. Westermann schickte (mit links!) Marcus Berg, der nahm den Ballgeschickt an und mit, lupfte dann die Kugel über den hinauslaufenden Banaglio ins Tor. Ein Klasse-Treffer! Fast würde ich ihm das Prädikat „sensationell“ geben. Das Tor wurde von der gesamten Truppe begeistert gefeiert, und auch Thorsten Fink stürzte sich voll mit ins Jubel-Getümmel. Großartig. Dieses 1:1 muss dem Berg endlich wieder (mehr) Selbstvertrauen geben. Muss.

Hoffentlich.

Nach diesen beiden Blitztreffern hatte der HSV das Spiel gut im Griff. Und das Publikum wurde mit jeder weiteren Gelben Karte für Wolfsburg ungemütlicher: „Schieber, Schieber, Schieber.“ Hier war was los. Da kann sich Hamburg als Heim-Publikum aber mal einen ganz große Scheibe von abschneiden. Aber das hatten wir ja schon . . .

Als es dann auch mal Gelb für den HSV gab, da klingelte es auch gleich im HSV-Kasten. Westermann hatte sich den Karton hinten links abgeholt, den fälligen Freistoß schoss Schäfer um die Zwei-Mann-Mauer listig auf den kurzen Pfosten – und Tor. Plötzlich war der Ball – zum Entsetzen der Hamburger – drin. Jaroslav Drobny sah dabei nicht gerade glücklich aus. Den hätte er halten dürfen, wenn auch die Mauer bestimmt nicht so ganz richtig stand (75.). „Zweite Liga, Hamburg ist dabei“, skandierten die VfL-Fans, die bis dahin ganz sicher in Sachen Lautstärke nicht die Oberhand im Stadion gehabt hatten. Die Hamburger Fans forderten dann: „Wir woll’n euch kämpfen seh’n . . . .“

Heung Min Son kam in dieser 75. Minute für Marcell Jansen. Der ehemalige Nationalspieler hatte sich zuvor nach Kräften bemüht, aber irgendwie reicht es nicht mehr. Drei gute oder auch nur mittelprächtige Szenen hatte ich mir in Halbzeit eins für Jansen notiert – nur drei. Einmal ein Pass flach zur Mitte, der war gut für Berg gedacht, wurde aber geklärt (10.). Dann ein 25-Meter-Schuss weit über das VfL-Tor (19.), es folgte zwei Minuten später eine Linksflanke, die besser auf Petric gekommen wäre, aber am langen Pfosten Berg erreichte – Gefahr vorbei. Das war insgesamt zu wenig, in Halbzeit zwei kam nichts mehr von Jansen.

Die Einzel:

Jaroslav Drobny bekam nicht viel zu tun, hielt gut – aber das 1:2 muss er wohl auf seine Kappe nehmen. Mit auf seine.
Dennis Diekmeier? Das war nicht viel. Oder anders gesagt, viel zu wenig. Michael Mancienne eine Halbzeit gut, dann hatte er so manchen „Kinken“ drauf und baute stark ab. Wieso? Mangelnde Spielpraxis? Heiko Westermann? Insgesamt okay, wenn auch nicht fehlerfrei. Dennis Aogo? Gute erste Halbzeit, dann bekam er leichte (und größere) Schwierigkeiten mit dem bulligen Dejagah. So auch beim 0:1.

Tomas Rincon wehrte sich, biss, zeigte seine Zähne – das war okay, auch wenn spielerisch einige Wünsche (mehr) offen blieben. David Jarolim rackerte, rieb sich auf, gab wieder alles, aber diesmal schlichen sich auch einige Fehler in sein Spiel ein. Verständlich, er ist seit Wochen der einzige Hamburger der immer 100 Prozent gegeben hat, irgendwann scheint dann auch sein Akku mal am Ende.

Ivo Ilicevic war nicht zu sehen. Weder rechts noch links. Er bleibt mir ein Rätsel. Wie Marcell Jansen.

Zu Mladen Petric ist alles gesagt, und Marcus Berg muss ich in diesem Zusammenhang auch loben. Er hat alles gegeben. In der 84. Minute kamen Gojko Kacar und Gökhan Töre (für Jarolim und Ilicevic) – zu spät, sie rissen es nicht mehr herum. Bitter, dass sich in der Nachspielzeit Heiko Westermann am Kopf verletzte, er muss behandelt werden und ging dann angeschlagen in die Kabine.

Es wird jetzt wohl insgesamt noch bitterer für den HSV. Aber diese Prognose ist nicht neu.

Ein Trost: Noch gibt es sieben Spiele.

22.38 Uhr