Tagesarchiv für den 22. März 2012

Hrubesch kritisiert den HSV – Aogo glaubt an die Wende

22. März 2012

Er würde so viel Probleme lösen können. Beide könnten das. Zumindest dann, wenn sie sich noch mal in ihre formstärkste Karrierephase zurückversetzen könnten. „Ich habe Horst schon ins Trainingslager geschickt, damit er sich richtig fit macht und die letzten vier Spiele noch für uns aufläuft“, scherzte HSV-Sturmlegende Uwe Seeler heute bei einem Pressetermin – und der angesprochene ehemalige Weltklassestürmer Horts Hrubesch lachte laut.

Dabei scheint gerade dem heutigen DFB-U19-Trainer Hrubesch beim Thema HSV die gute Laune schnell zu vergehen. Ich hatte schön häufiger die große Freude, mit dem einstigen Bundesligatorschützenkönig und Deutschen Meister mit dem HSV sprechen zu dürfen. Manchmal ging es um den DFB und die Nachwuchsförderung des Verbandes, allerdings meistens um den HSV. Und wenn ich mal zufällig keine Frage mit HSV-Bezug hatte, hat Hrubesch sie einfach mir gestellt. Denn Hrubesch ist zweifellos sehr interessierter HSV-Fan, oder besser: er leidet sehr stark mit seinem Ex-Klub. So sehr, dass er sich heute einige knackige, ehrliche Worte in Richtung HSV-Spieler und –Führung nicht verkneifen konnte. „Den Spielern mangelt es an Ehrlichkeit und Charakter. Ich sehe, dass da nicht alle gewinnen wollen. Vielmehr herrscht so ein wenig der Olympische Grundgedanke, ‚dabei sein ist alles’, glaube ich. Und das darf nicht sein.“

Harter Tobak – sogar ein handfester Vorwurf! Und Hrubesch ging noch weiter, attackierte auch die Klubführung. Während Seeler eher moderat ausschließlich die Spieler kritisierte („Einen schlechten Tag haben alle mal, aber dann sollten alle trotzdem kämpfen und laufen“), weitetet Hrubesch seine Kritik noch aus. Ganz sicher auch ein wenig ob seines verletzten Stolzes – immerhin hat ihn bislang noch keine HSV-Führung als Bundesligatrainer angefragt. Aber durchaus fundiert. Denn die HSV-Führungen haben ihn nicht nur nie als Bundesligatrainer angefragt, sie haben ihn auch selten bis nie ob der Talente in Deutschland kontaktiert. Dabei gilt Hrubesch als einer der am besten vernetzten Nachwuchsförderer. Sogar als einer mit dem besten Überblick über die 17-, 18- und 19_jährigen Nachwuchskicker. Ob er dem HSV nicht mal einen Tipp geben könnte? „Nein, das funktioniert doch andersrum. Ich hätte gedacht, dass der HSV bei mir mal nachfragt – aber das hat in den letzten zehn Jahren keiner gemacht. Und das verstehe ich nicht.“

Ehrlich gesagt, ich auch nicht. Denn obwohl Hrubesch heute wirklich ordentlich feuerte, ist er ein ehrlicher Typ, der es gut mit dem HSV meint. Dass er noch nie als erster Trainer angefragt wurde, finde ich legitim, denn da müssen wir auf die HSV-Führungen und deren Urteilsvermögen vertrauen. Schließlich haben die sich intensiver und fundierter mit Trainerkandidaten auseinandergesetzt als wir es hier annähernd können. Aber in seiner Funktion als Junioren-Nationaltrainer hätte sich der HSV nichts gebrochen, wenn man mal nachgefragt hätte und sich vielleicht den einen oder anderen Tipp für die eigene Jugendförderung geholt hätte. „Der HSV hat da sehr viel verschlafen“, sagt Hrubesch, der betont, dass es wohl auch kein Zufall sei, dass er in seiner aktuellen U-19-Nationalelf nicht einen HSVer hat. „Mir wäre es lieb, wenn es anders wäre.“

Dem HSV auch. Aber daran werden Arnesen und Co. sicher schon fleißig arbeiten. Zumindest wurde mit dem Schweizer Paul Meier hierfür extra ein erfahrener Koordinator eingestellt – der allerdings als sehr eigen gilt. Soll heißen: Meier setzt zumeist auf seine Kenntnisse und setzt diese auch rigoros durch. Das führte bislang zumindest schon mal dazu, dass die aktuelle HSV-A-Jugend bis ins Pokalhalbfinale vorrückte und in der A-Bundesliga momentan den zweiten Rang einnimmt – allerdings bei gewonnenen Nachholspielen wieder an die Spitze vorrücken kann. Ob sich dieser positive Trend hält, werden wir aber erst in einem oder zwei Jahren sagen können.

Nun denn, schon morgen geht’s in der Bundesliga zur Sache. Mit 20 Mann (Drobny, Neuhaus, Stritzel, Diekmeier, Westermann, Mancienne, Bruma, Rajkovic, Aogo, Jansen, Rincon, Petric, Ilicevic, Jarolim, Töre, Son, Berg, Arslan, Kacar, Sala) reiste Trainer Thorsten Fink heute in die VW-Stadt. Wobei Amateur-Keeper Stritzl als Ersatzmann für den Fall dabei ist, dass Drobnys Leistenprobleme nicht vollständig ausgeheilt sind und Sven Neuhaus in den Kasten müsste.

Ansonsten gab es heute für die Fans nichts zu sehen und für mich nichts Gesehenes, worüber ich inhaltlich berichte. Es sollte das erste Mal seit ewig langer Zeit ein Geheimtraining werden – und daran halte ich mich. Schon für den Fall, dass hier ein Wolfsburger mitliest.

Wobei es auch nicht nur um die heute geübten Dinge geht im Moment. Die funktionierten zwar gut und könnten am Freitagabend in Wolfsburg tatsächlich zur brauchbaren Waffe werden. Aber die grundsätzlichen Probleme sind auch bekannt. Defensiv stand der HSV zuletzt nicht nur bei Standards schlecht. „Es gab insgesamt einige Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie sie müssten“, sagt Rückkehrer Dennis Aogo, der nach überstandenen Wadenproblemen auf der linken Seite in der Viererkette wieder in die Startelf rückt und der sich in den letzten zwei Spielen von außen einen Überblick über die Gründe für das sportliche Scheitern machen konnte. Sprechen möchte er darüber jedoch nicht, obgleich er sich selbst wundert. „Vor drei Wochen war noch alles gut. Da bin ich bei der Nationalelf sogar von den Mannschaftskollegen darauf angesprochen worden, dass wir spielerisch richtig gut geworden seien und dass es unangenehm wäre, gegen uns zu spielen“, so Aogo. Das sei in den letzten 19 Tagen nicht mehr zu sehen gewesen.

Dennoch, auch Aogo hat den Rückblick abgehakt. Dafür hat es in dieser Woche auch genug analytische Aussprachen gegeben. „Wir gehören ganz sicher zu den Mannschaften, die nach unten schauen müssen. Aber ich halte auch nichts von Schwarzmalerei. Wir dürfen uns auch nichts einreden lassen“, so Aogo für mich etwas verwunderlich, ehe er klarstellte: „Die Lage ist ernst – ganz klar. Aber das Spiel in Wolfsburg ist noch nicht DAS Finalspiel. Es ist eine von acht Chancen, die wir nutzen müssen. Denn wir haben es zum Glück noch immer selbst in der Hand, uns aller Sorgen zu entledigen.“ Allerdings könnte das am Wochenende schon anders aussehen. Bei einer Niederlage und Siegen von Augsburg sowie Freiburg wäre der HSV erstmals wieder auf einem Abstiegs-, in diesem Fall auf dem Relegationsplatz.

Wobei, ich halte es da einfach mal mit Aogo. Ist irgendwie angenehmer. In unserer Tipprunde beim Abendblatt tippe ich seit nunmehr zwölf Jahren jedes Spiel auf Sieg – nicht selten wider den eigenen Verstand.

Mit Dennis Aogo kehrt ein Spieler in die Startelf zurück, der wichtiger ist, als es viele gedacht haben – mich eingeschlossen. „Wie wichtig Dennis für die Mannschaft auf und neben dem Platz ist, ist den meisten gar nicht bewusst“, hatte Mannschaftskapitän Heiko Westermann am Mittwoch noch groß gelobt – und damit recht gehabt. Zumindest was mich betrifft. Ich gebe zu, ich hatte gedacht, dass ein Jansen diese Rolle auch ausfüllen könnte…. Jetzt ist Aogo wieder da – und das ist auch gut so. „Ich freue mich über solche Komplimente“, sagt Aogo, der daraus sofort auch eine Verantwortung ableitet: „Ich will und muss dazu beitragen, dass wir stabiler werden. Das ist meine Aufgabe. Ich will Verantwortung übernehmen, Einfluss nehmen.“ Um sich selbst nicht zu sehr beeinflussen zu lassen, hat Aogo in den letzten Wochen Zeitungen und Sportsendungen gemieden. „Für mich zählt nur, was der Trainer intern vorgibt. Ich konzentriere mich auf das, was wir wollen. Nicht auf das, was Außenstehende fordern.“ Schließlich habe die Mannschaft – und da ist dann doch endlich wieder jener beim HSV schon inflationär zitierter Satz – „ausreichend Qualität bewiesen. Wir müssen wieder dahin kommen, so aufzutreten, wie vor dem Stuttgart-Spiel.“

Und dafür kann die Devise nur lauten, beim VfL noch mehr zu investieren – ohne aktionistisch zu werden. Denn bei allen berechtigten Forderungen nach Kampf, Einsatz- und Laufbereitschaft – es ist ein schmaler Grat zwischen hoher Motivation und blindem Aktionismus. Gerade ein Gegner wie der VfL Wolfsburg mit dem erfahrenen Meistertrainer Felix Magath dürfte jede kleine Schwäche zu nutzen wissen.

In diesem Sinne, beim VfL werden einfach mal über die gesamten ca. 95 Spielminuten keine Schwächen gezeigt. Klingt einfach – ist schwer – aber möglich.

Bis morgen! Da meldet sich der zum Glück wieder gesunde Dieter live aus Wolfsburg. Mit einem Dreier. Hoffe ich.

Scholle

Voraussichtliche Aufstellungen:

VfL Wolfsburg:
Benaglio – Träsch, Russ, Felipe, Rodriguez – Polak, Jiracek – Dejagah, M. Schäfer – Helmes, Mandzukic.
HSV: Drobny . Diekmeier, Mancienn, Westermann, Aogo – Jarolim, Rincon – Ilicevic, Jansen – Petric, Berg.
Schiedsrichter: Dr. Felix Brych (München)
Assistenten: Mark Borsch (Mönchengladbach), Dirk Margenberg (Wermelskirchen)
Vierter Offizieller: Thomas Metzen (Mechernich