Tagesarchiv für den 21. März 2012

Genug geredet – Westermann: “Es ist fünf vor zwölf”

21. März 2012

Was soll er auch noch sagen? Irgendwie ist tatsächlich alles gesagt. Immer und immer wieder die gleichen Inhalte. Immer wieder muss der Trainer betonen, dass seine Mannschaft fußballerische Qualität hat, die sie in den letzten Wochen nicht auf den Platz bringen konnte. Und so verwundert es auch nicht, dass er irgendwann versucht, dem Ganzen Gefrage mit einer Antwort ein Ende zu bereiten. „Bis auf die letzten 17, 18 Tage haben wir hervorragende Spiele gezeigt. Aber die ganzen Durchhalteparolen bringen nichts. Es zählt nur die Leistung auf dem Platz. Denn für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun.“

Zumal in dieser Woche schon mehr als genug gesprochen wurde. Fink mit dem Vorstand, Vorstand und Fink mit dem Mannschaftsrat, Fink mit einzelnen Spielern, die Führungsspieler mit den jungen Spielern – und am Dienstag auch noch der Aufsichtsrat mit dem Vorstand. Frank Arnesen sprach bei den zwölf Kontrolleuren über die sportliche Situation. Er analysierte die (hoffentlich kurzweilige) Talfahrt und zeichnete die Vorgehensweise der sportlichen Leitung auf, um den Abstieg zu vermeiden. „Bei unserer turnusmäßigen Sitzung stand die sportliche Situation natürlich im Vordergrund. Und wir wurden vom sportlichen Konzept vollkommen überzeugt“, zeigte sich Chef-Aufsichtsrat Ernst-Otto Rieckhoff begeistert vom Vortrag Arnesens, „wir werden nicht absteigen.“

Allerdings, da halte ich es gern mit Fink, auch das waren wieder nur Worte. Es geht jetzt darum, die Worte in die Tat umzusetzen. So, wie es Trainer Thorsten Fink auch von seinen Führungsspielern erwartet. „Wir haben alles angesprochen, alles versucht. Ich erwarte ein gutes Spiel. Eines, wo die Leute anschließend nach Hause gehen und sagen, dass das sehr ordentlich von uns war. sehen jetzt am Freitag, ob die Mannschaft es kapiert hat.“ Und als ein Reporterkollege die These äußerte, dass vor diesem Spiel gegen die formstarken Wolfsburger nichts für den HSV sprechen würde, reagierte Fink wieder wie immer – Kämpferisch und die Mannschaft schützend: „Warum nicht?“, fragte er, „ich sehe das komplett anders. Ich halte nichts von Tendenzen. Die gab es bei unseren Spielen auch schon andersrum und wir haben verloren. Nein, wir müssen am Freitag gewinnen. Und das wird ein neues Spiel. Ich habe dabei ein gutes Gefühl.“

Weil er auf Erfahrung setzt. Wieder mit Westermann, mit Aogo sowie mit David Jarolim (mit Rincon auf der Doppelsechs), Jaroslav Drobny, Marcell Jansen links, Ilicevic rechts und Mladen Petric. Wobei gerade bei Letzterem das Wolfsburg-Spiel eine Schlüsselrolle spielen könnte. Denn nachdem der Kroate zunächst seinen Vertrag nicht verlängert bekam waren alle Augen auf die Leistungen des Linksfußes gerichtet. Heraus kamen Spiele, nach denen sich viele insbesondere über Petric aufregten. Zum Teil wurde sich da zu sehr über seine „ausbaufähige“ Laufleistung aufgeregt, wie ich finde. Denn Petric war immer der Typ Stürmer, der sich durch Tore auszeichnet. Allerdings auch teilweise zurecht, denn Petric hat eben nicht mehr getroffen. Im Gegenteil, er vergab Riesenchancen in einer für ihn tatsächlich völlig untypischen Art kläglich. Grund genug, sich Sorgen zu machen?

Absolut! Intern steht Petric unter besonderer Beobachtung, das Spiel in Wolfsburg wird ein Prüfstein für den Linksfuß. Immerhin ist Mladens Bilanz insgesamt nicht gerade berauschend mit gerade sechs Toren. Wobei davon zwei Treffer Elfmeter waren, ein Freistoß und nur drei Tore aus dem Spiel heraus. Eine Bilanz, die Mladen, wie ich ihn kenne, selbst am meisten ärgert. Mladen ist ein sehr stolzer Stürmer, der bis zu dieser Saison eine immer sehr gute Torquote hatte. Und wer sonst soll die Tore machen? Außer Ivo Ilicevic fällt einem zunächst nichts ein, deshalb setze ich hier mal meine (Hoffnungs-)Flagge: Marcus Berg. Der Schwede ist vor dem Tor noch immer eiskalt. Problem dabei war bisher: er kam nie in solche Situationen. Weil er nicht spielte. Und das tat er nicht, weil er bessere Stürmer vor sich hatte, weil er schlecht trainierte. Oder, weil er verletzt war.

Das soll jetzt vorbei sein. Und so sehr ich Berg immer wieder kritisiert habe, er verdient eine echte Chance. Auf jeden Fall darf der Schwede jetzt ran. Und allein das scheint ihn zu beflügeln. 36 (zumeist nur Teil-)Einsätze hatte Berg bislang für den HSV. Dabei erzielte er vier Treffer. Und so wahrscheinlich er jetzt weiterhin Ersatz wäre, wenn Guerrero nicht gesperrt wäre, so sehr hoffen die HSV-Verantwortlichen (wie wir alle wahrscheinlich) darauf, dass Berg aus der Not eine Tugend macht und endlich trifft. „Marcus trainiert sehr gut“, lobt Fink und erklärt damit seine Entscheidung für den Schweden in der Startelf gegen Wolfsburg: „Wir haben ligaweit die meisten Großchancen vergeben – deshalb hoffe ich, dass Marcus sie nutzt. Denn er ist ein Torjäger.“ Warum auch nicht?

Klar ist, dass der HSV neben der Abschluss- auch eine deutliche Schwäche bei Standards hat. Offensiv wie defensiv. Deshalb wurden heute Standards aus allen Positionen geübt. Zumeist trat sie Dennis Aogo – und das ziemlich gut, wie ich fand. Auch wenn das zwei sehr sympathische Blogger anders sahen, waren die Bälle scharf und gut getreten. Allein die Verwertung selbiger war deutlich ausbaufähig. Als dann Gökhan Töre die Standards übernahm, wurde es sogar noch ein wenig gefährlicher. Aber auf jeden Fall könnte da etwas gehen gegen die VWler.

Apropos gehen – damit hat der HSV keine Probleme. Dafür aber mit dem Laufen. Zumindest könnte man so die Statistik werten, die den HSV mir durchschnittlich 111,3 Kilometern in dieser Kategorie auf Rang 14 im Bundesligavergleich sieht. Ob der HSV in dieser Hinsicht Nachholbedarf hat? Gerade jetzt, wo endlich auch der Letzte erkannt hat, dass sich der HSV im Abstiegskampf befindet? „Nein“, kontert Fink, „Barcelona ist Champions-League-Sieger und auch nicht am meisten gelaufen. Es geht nicht um die Laufleistung an sich, sondern darum, die richtigen Wege zu laufen.“ Dennoch, „vielleicht können wir ja trotzdem den einen oder anderen Schritt mehr machen“. Das sollten sie. Angefangen im heutigen, leider nicht öffentlichen Training und bis hin zum 5. Mai, dem Saisonende. „Wir wissen, dass wir uns der Verantwortung stellen müssen“, gibt auch Westermann wieder, was schon hundertfach gesagt wurde. Westermann, dem ich das mehr abnehme als dem einen oder anderen sonstigen HSV-Profi: „Ich werde weiter vornewegmarschieren und die Truppe zusammenhalten“, so der Kapitän etwas martialisch, „denn es ist kurz vor zwölf.“ Stimmt.

Mehr gibt es tatsächlich nicht zu sagen. Zumindest nichts, was nicht schon tausendfach zu hören und lesen war. Wolfsburg wird zeigen, wie ernst es die HSV-Profis meinen.

In diesem Sinne, bis morgen,

Scholle