Tagesarchiv für den 20. März 2012

HSV steigt nicht ab – weil drei Teams schwächer sind

20. März 2012

Carl Jarchow wirkte informiert. „Es ist mir alles recht, was zum Erfolg führt“, sagte der Klubboss uns heute am frühen Mittag über die zwischen Trainer und Mannschaft abgeschlossene Gegentorwette. Hintergrund: Trainer Thorsten Fink hatte am Montag angekündigt, der Mannschaft eine Wette vorzuschlagen, bei der die Spieler für jedes Spiel ohne Standard-Gegentor eine Sonderprämie bekommen sollte – andererseits aber auch für jeden Gegentreffer nach einem Standard aus der Mannschaftskasse bezahlen sollen. Eine gute Idee – sofern es hilft, dachte sich auch Jarchow. Und auch David Jarolim gefiel die Wette. „Ich hoffe, dass wir so einiges reinbekommen“, sagte der dienstälteste HSVer, der die Prämie nur zu gern an die Jugendabteilung weiterleiten würde. „Das wäre eine gute Sache! Allerdings schob ausgerechnet der Initiator der Wette selbiger einen (finanziellen) Riegel vor. „Es geht dabei nicht um Geld“, so Fink etwas überraschend für uns alle, „stattdessen werden wir uns als Trainerteam nach jedem Spiel, dass die Mannschaft ohne Standardgegentor bleibt, etwas für sie einfallen lassen.“

Gestern so – heute so…. Eben immer wieder Neues beim HSV.

Das gilt allerdings nicht für den bislang spektakulärsten potenziellen Zugang für die kommende Saison. „Wir haben uns auf Mitte April verständigt“, sagt HSV-Sportchef Frank Arnesen, angesprochen auf eine Entscheidung in dem sich schon sehr lang hinziehenden Entscheidungsprozesses beim Leverkusen-Torwart René Adler. Arnesen erklärte, dass die Entscheidung des neuen Torwarts natürlich auch an der ungewissen Zukunft des HSV hängen würde. „Er soll sich die Zeit nehmen“, so der HSV-Sportchef, „das haben wir bei Maxi Beister auch so gehandhabt. Aber bis Mitte April – nicht länger.“ Für den Fall, dass der HSV sich bis dahin noch nicht retten konnte, käme auch ein Vertrag mit Option in Frage. Dabei würde Adler nur dann zum HSV wechseln, sollte sich dieser anschließend für die erste Liga qualifizieren.

Kurios finde ich dabei, dass der HSV a: auf dieser Position am wenigsten Probleme hat, und b: dass sich Jaroslav Drobny (noch?) so ruhig verhält. „Wir haben alles mit seinem Berater besprochen“, so Arnesen, der erklärte, dass Drobny seinen bis 2013 laufenden Vertrag beim HSV erfüllen müsste, sollte der HSV absteigen. Seltsame Umstände.

Nicht wirklich klar wirken momentan die Analysen der HSV-Verantwortlichen. Da schwankt es immer wieder zwischen den altbekannten, und verklärend wirkenden Aussagen der Spieler „Wir haben zu viel Qualität, um abzusteigen“, über die des Trainers „die Spieler wissen, dass wir uns im Abstiegskampf befinden“ bis hin zum Sportchef, der „nicht alles schlecht machen will, weil es ja nur zwei schlechte Spiele“ zuletzt gewesen seien. Auf die Frage, was das Ergebnis der zweieinhalbstündigen (20.30 bis 23 Uhr) Fehleranalyse am Montag von Mannschaftsrat (Petric, Drobny, Jarolim, Aogo, Westermann), der Vorstand (Jarchow, Hilke, Arnesen) und die Trainer (Fink, Heinemann, Rahmen) sei, weicht Arnesen aus. „Wir wollten alle Fehler offen ansprechen – das haben wir gemacht. Aber manchmal ist es auch gut, wenn gewisse Dinge intern bleiben“, so der Sportchef, der sich heute stattdessen in Optimismus versuchte. Als ich wissen wollte, ob künftig eher das Kampfspiel oder das zuletzt immer wieder geforderte dominante Offensivspiel mit viel Ballbesitz vonnöten sei, antworte Arnesen: „Wir brauchen beides. Erst müssen wir alle kämpfen, dann können wir uns um den guten Fußball kümmern.“ Schon klar.

Wobei ich mir ernsthaft Sorgen mache. Das heute war für mich leider mal wieder ernüchternd. Arnesen, dem ich mal unterstellen will, dass er seine Spieler damit aufbauen will, versuchte sich mal in Optimismus – dann forderte er puren Kampfgeist, eher er plötzlich wieder wieder die ja bis auf Stuttgart und Freiburg – selbst das 1:3 auf Schalke bewertete er positiv – ach so gute Rückrundenverfassung beschwor. Er benutzte die Sätze, die er nach der Amtsübernahme von Fink schon Ende 2011 benutzt hatte. Allerdings bleiben heute nur noch acht Spiele, während es im Oktober 2011 noch stolze 25 Partien waren. Und wirklich greifbare Analysen scheint die Zusammenkunft der sportlich Entscheidenden am Montag nicht gebracht zu haben.

Deshalb wage ich heute mal einen Blick auf unsere Konkurrenz und das Restprogramm der im Abstiegskampf befindlichen Mannschaften. Angefangen mit dem Tabellenletzten FCK (18., 20 Punkte): Dem Heimatklub meines stellvertretenden Ressortleiters traue ich trotz des Trainerwechsels (Kurz wurde heute entlassen) und den frenetischen Fans auf dem Betzenberg den Klassenerhalt nicht mehr zu. Zumal dann nicht, wenn die Klubführung auf einen ihrer ehemaligen Profis hört, der sich mal wieder selbst ins Gespräch gebracht hat – Mario Basler: „Ich habe immer gesagt: Ich bin Pfälzer, das ist meine Heimat. Klar würde man helfen, wenn man gefragt wird.“ Fairerweise muss ich dazu sagen, das Basler im selben Interview betont hat, dass er in Oberhausen einen Vertrag hat und fest davon ausgeht, eh nicht gefragt zu werden. Aber ich glaube, aus HSV-Sicht sollten wir darauf setzen, dass sich Basler irrt. Das Restprogramm des FCK: Freiburg (A), HSV (H), Hoffenheim (H), Leverkusen (A), Nürnberg (H), Hertha (A), Dortmund (H), Hannover (A).

Kommen wir zu Hertha BSC (17., 23 Punkte): Die haben auswärts Mainz (A), dann Wolfsburg daheim(H), M’gladbach wieder auswärts, dann zu Hause Freiburg, Leverkusen auswärts, Kaiserslautern zuhause, Schalke auswärts und zum Schluss Hoffenheim im eigenen Stadion. Angesichts der aktuellen Form müsste sich schon sehr viel verändern, um die Alte Dame noch vor dem erneuten Gang in die Zweitklassigkeit zu bewahren. Trotz Rehhagel?, fragen jetzt hier wahrscheinlich die meisten. Ich sage: auch wegen Rehhagel.

Kommen wir zu unserem Trauma vom vergangenen Wochenende, dem erfahrensten „Abstiegskämpfer“, dem SC Freiburg (16., 25 Punkte). Wer das Spiel beim HSV gesehen hat, der weiß und die eigentlich vorhandene fußballerische Qualität der Breisgauer, die sich dennoch schlicht auf Standards und Konter verlassen. Sollten sie ihre Form konservieren können, dürfte sich der SC retten können. Trotz des schwierigen Restprogrammes: Kaiserslautern (H), Leverkusen (A), Nürnberg (H), Hertha (A), Hoffenheim (H), Hannover (A), Köln (H), Dortmund (A).

Kommen wir zum FC Augsburg (15., 26 Punkte), den ich von Saisonbeginn an eigentlich nicht zugetraut hatte, die Klasse zu halten. Allerdings scheinen die Mannschaft und etwas eigenwillig geltender Trainer Jos Luhukay inzwischen auf einer Wellenlänge zu liegen. Wer sich die Partien des Aufsteigers zuletzt angesehen hat, der weiß zumindest, dass der FCA das Team ist, dass mit Sicherheit die geringste spielerische Qualität im Kader hat – aber auf der anderen Seite auch den konsequentesten Abstiegskampf an den Tag legt. Gegen Mainz wurden vier Minuten lang hohe Befreiungsschläge gefeiert – was auch dafür spricht, dass der Druck von außen nicht zu groß ist. Dennoch, so nett das klingt, ich glaube, dass nach Hertha und dem FCK auch die Augsburger auf Ran16 oder schlechter einlaufen werden. Ihr Restprogramm: Bremen (A), Köln (H), Bayern (A), Stuttgart (H), Wolfsburg (A), Schalke (H), M’gladbach (A), HSV (H).

Ganz schnell wieder unten reinrutschen – weil es am Wochenende gegen den übermächtigen BVB wohl eher wenig zu holen gibt, während die Konkurrenz punkten kann – kann der 1. FC Köln (13., 28 Punkte), dem ich ansonsten das größte Potenzial aller Abstiegskandidaten attestieren würde. Und das nicht, weil sie die besten Fußballer haben – ganz im Gegenteil. Nein, die Kölner spielen seit Saisonbeginn nur darum, die 40 Punkte voll zu machen. Sie kennen „Abstiegskampf“, sie haben ihn angenommen. Und sie haben mit Stale Solbakken einen Trainer, dessen Handschrift deutlich zu erkennen ist. Der 1. FC Köln spielt diszipliniert, weiß um seine Schwächen und darum, wie man diese mit Einsatz, Laufbereitschaft und Kampf ausgleichen kann. Gleichwohl hat der 1. FC Köln das vielleicht schwerste Restprogramm aller Abstiegskandidaten: Dortmund (H), Augsburg (A), Bremen (H), Mainz (A), M’gladbach (A), Stuttgart (H), Freiburg (A), Bayern (H).

Meine drei vermeintlichen Absteiger habe ich genannt. Und ich glaube beim HSV schon deshalb an den Klassenerhalt, weil es (hoffentlich) drei schlechtere Klubs gibt. Das ist kein Kompliment, ganz klar. Aber so sehe ich es momentan. Und irgendwie hoffe ich zusätzlich noch auf die TSG Hoffenheim (12., 30 Punkte), die sich von Woche zu Woche schwächer präsentiert. Ich bin ganz sicher keiner, der Hopp für sein Engagement kritisieren will. Aber ich bin doch ein wenig fußball-romantisch. Soll heißen, ich halte mehr von über die Jahre gewachsenen Vereinsstrukturen, von Tradition. Diese neumodischen Retorteklubs der Scheichs und anderen Milliardäre sind mir suspekt, weil ich glaube, dass sie genauso schnell wieder verschwinden, wie sie (hoch)gekommen sind.

Ach ja, wo wir gerad statistisch sind: In der Hinrunde hat der HSV in den letzten acht Spielen übrigens mit zwölf Zählern die meisten aller hier aufgezählten Abstiegskandidaten geholt. Noch ein Grund, weswegen der HSV nicht absteigt…

In diesem Sinne, morgen wird um 10 Uhr für den Dreier beim VfL Wolfsburg an der Arena geübt. Bis morgen!

Scholle

P.S.: Im heutigen Training probierte Fink es mit einigen Veränderungen gegenüber der Freiburg-Pleite. Dabei agierte Tolgay Arslan wie bereits angekündigt im Abschlussspiel in der B-Elf. Für ihn stürmte Marcus Berg, den die Aussicht auf eine neue Chance offenbar beflügelt. Eher lustlos wirkte dagegen Gökhan Töre, der heute zwar wieder mittrainieren konnte, dessen Position aber Marcell Jansen einnahm. Allerdings wechselten sich Jansen und Ivo Ilicevic auf den Außenbahnen ab. Ebenfalls interessant werden dürfte die zweite Innenverteidigerposition. Heute hatte Michael Mancienne noch die Nase vorn. Glücklicherweise wieder mittrainieren konnte Jaroslav Drobny, wobei der am Oberschenkel angeschlagene Tscheche mit Torwarttrainer Markus Günther individuell trainierte.