Fink: “Wir nehmen den Kampf an”

18. März 2012

Der Schock sitzt noch immer ganz, ganz tief.
Und ich gebe zu, mir blutet das Herz.

Das ist auch schon ein bisschen Verzweiflung, denn ich weiß im Moment wirklich nicht, wie sich dieser HSV noch retten will? Ich sehe weit und breit keinen noch so kleinen Strohhalm, nach dem ich greifen könnte . . .

Es tut nur weh.

Auf dem Weg in die Arena hörte ich gestern (vor dem Anstoß) wieder überall: „Wenn wir gegen die nicht gewinnen, gegen wen dann?“

Und?
Haben wir gewonnen?

Auf dem Weg aus der Arena pöbelte mich dann ein HSV-Anhänger – vor allen Leuten – an: „Da ist ja der Herr vom Abendblatt. Schreiben Sie jetzt mal den Trainer weg, der kann gar nichts. Und dann auch den Sportchef weg, auch den ganzen Vorstand. Die müssen alle weg, diese Herren. Weg, weg, weg, denn die haben uns ins Verderben geführt, die können alle nichts. Die bringen den HSV in die Zweite Liga.“

Ich gebe das mal so wertfrei weiter.

Es gab auch wieder HSV-Fans, die sofort nach dem Spielschluss befanden: „Wir können gar nicht absteigen, denn Hertha und Kaiserslautern sind ja noch viel blinder als wir.“

Natürlich. Selbstverständlich. Die sind alle blinder. Viel blinder. Aber die gewinnen vielleicht doch mal aus Versehen gegen Freiburg.

Und diese ganzen Mannschaften, die viel blinder sind in der Bundesliga als der HSV, die ganz Blinden also, die haben immerhin so viel auf dem Kasten, dass sie wissen: „Wir müssen uns den Hintern aufreißen, wir müssen kämpfen, rennen, ackern, kratzen, beißen, kloppen, um zu unseren Punkten zu kommen.“ Und die machen das denn auch. Bestes Beispiel ist die No-name-Truppe des FC Augsburg.

Und? Hat der HSV auch diese Mentalität? Sollte jeder mal für sich im stillen Kämmerlein beantworten. Mein Tipp dazu: Ganz einfach mal die HSV-Bettwäsche vergessen, zudem das rosa HSV-Trikötchen ausziehen und sich fragen: „Gibt in dieser HSV-Truppe wirklich jeder alles für die Raute?“
Geht mal Mann für Mann durch und zählt dann zusammen – Ihr werdet erschrocken sein. Zutiefst erschrocken sein sogar.

Die Angst geht um. Ganz klar. Heute am Vormittag herrschte viel Betrieb im Volkspark. Die Medien hatten ihre Kamerateams geschickt, der Vorstands-Vorsitzende Carl-Edgar Jarchow war da (und stellte sich), Vorstandsmitglied Joachim Hilke war da, Supporters-Chef Ralf Bednarek ließ sich sehen – zudem waren auch reichlich viele Kiebitze da. Es wurde aber nicht gepöbelt. Ich habe nicht einen Fan pöbeln gehört. Die wirken alle in sich gekehrt, apathisch, geschockt, gelähmt. Weil die Angst einfach rasant um sich greift. Und wer jetzt immer noch keine Angst hat, dem seien einmal die letzten acht Erstliga-Spiele des HSV (dieser Saison) vor Augen geführt. Der Reihe nach:

In Wolfsburg.
In Kaiserslautern.
Ostersonntag (!) daheim gegen Leverkusen.
In Hoffenheim.
Im Volkspark gegen Hannover 96.
In Nürnberg.
In Hamburg gegen Mainz 05.
Das letztes Auswärtsspiel in Augsburg.

Wer es mag, der sollte mal tippen . . .

Zurück zu diesem 1:3-Desaster. Da saß ich bei der Pressekonferenz und es setzte sich ein altbekannter Freiburger Kollege neben mich. Er sagte dann: „Dieter, du solltest eines wissen: Freiburg hat heute schlecht gespielt. So schlecht habe ich die Mannschaft schon lange nicht mehr gesehen – aber sie gewinnt beim HSV. Dieter, das sollte dir zu denken geben, ich glaube, du musst dir große Sorgen um den Klassenerhalt des HSV machen . . .“

Und die mache ich mir auch. Ernsthaft.

Freiburgs Trainer Christian Streich bekannte – völlig emotionslos: „Wir hatten heute Glück. Der HSV hätte aufgrund von unseren Fehlern in Führung gehen müssen. Dann haben wir mit der ersten Chance ein Tor gemacht, und dann auch ein ordentliches Spiel. Der HSV hat viel Druck gemacht, das war schwierig für unsere Spieler, aber wir konnten das Spiel gewinnen . . .“

„Wir müssen alle wissen, dass wir in einer sehr schwierigen Situation und im Abstiegskampf sind.“ Das sagte HSV-Sportdirektor Frank Arnesen nach der Freiburg-Pleite. Wissen das aber auch tatsächlich alle beim HSV? Da kommen doch in mir starke Zweifel auf . . .

Trainer Thorsten Fink hatte nach dem Schlusspfiff gemeint: „Ich bin mir sicher, dass die Mannschaft die Qualität hat, in der Klasse zu bleiben. Das ist unser Ziel, und diesen Auftrag und den Kampf nehmen wir auch an.“ Fink sagte außerdem: „Wir wollen eine Einheit sein. Die Mannschaft ist eine Einheit, wir im Verein sind eine Einheit, ich habe inzwischen mit jedem aus der Führung gesprochen, wir sind eine Einheit und lassen keine Panik aufkommen, und ich glaube auch, dass die Fans hinter uns stehen. Wir werden versuchen, weiter Gas zu geben, zu kämpfen. Wenn wir das machen, dann kommen wir da unten auch wieder raus. Meine Qualität als Fußballer war immer die Kondition, das werde ich jetzt auch als Trainer beweisen, ich werde dran bleiben und weiter kämpfen.“

Das sind Durchhalteparolen. Natürlich sind das Durchhalteparolen. Klassische sogar. Aber was soll ein Trainer jetzt anderes sagen? Oder ein Sportchef? Sollen sie sagen, dass sie ihre Jungs für „zu blind“ halten? Sollen sie sagen, dass jetzt der Spielbetrieb eingestellt wird? Sollen sie sagen, dass der HSV doch besser in Liga zwei aufgehoben ist? Sollen sie ihren Spielern jegliche Qualitäten absprechen? Auf diese Art werden schon Kreisliga-Spieler nicht auf die Beine gestellt, das gilt selbstverständlich auch für Profis. Selbst diesen Herren muss man Mut zusprechen, man muss daran appellieren, was sie einst einmal alles gekonnt haben – in der Hoffnung, dass sich diese Jungs daran erinnern und es wieder einmal zeigen. Nur so geht es. Nur so. Also sollte keiner das verdammen, was in dieser schweren Phase der Trainer und der Sportchef so von sich geben. Sie sind dazu verdammt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wenn Fink und Arnesen nun selbst alles schlecht machen, dann man gute Nacht. Dann kann man den Laden dichtmachen und den Volkspark für eine spielfreie Zone erklären.

Fink hat die Einheit beschworen. Aber sind alle eine Einheit? Sollte sich (auch hier) jeder mal hinterfragen. Auch wenn, das weiß ich sehr wohl, jetzt in erster Linie die Mannschaft eine Bringschuld hat.

Am Montag wird um 15 Uhr wieder im Volkspark trainiert. Vorher trifft sich der Spielerrat, bestehend aus Jaroslav Drobny, Mladen Petric, Dennis Aogo und Heiko Westermann (ich hoffe ja, dass auch David Jarolim dazugeholt wird) zu einer Aussprache mit Thorsten Fink und Frank Arnesen. Später ist auch geplant, dass sich die Mannschaft intern (ohne Trainer und Sportchef) ausspricht, um die richtigen Lehren aus den letzten Pleiten zu ziehen. Ob es hilft? Auch da habe ich meine leisen Zweifel. Aber nichts darf in dieser Situation unversucht gelassen werden.

Von den Spielern sprach gestern nur David Jarolim. Weil der – rein zufällig – der Kapitän dieser Truppe war. Alle anderen HSV-Profis trugen (am Sonnabend und auch am Sonntag) einen Maulkorb und verweigerten jeden Kommentar. Was vielleicht auch besser war. Heute sagte „Jaro“ nur kurz und bündig: „Es ist, so glaube ich, alles gesagt . . .“
Das große Schweigen. Erst fehlte wieder einmal das Herz, jetzt fehlen die Worte. Das aber wäre alles egal, wenn es wenigstens Punkte geben würde, aber die fehlen eben auch – und das ist ganz entscheidend.

Thorsten Fink will in den restlichen acht Spielen („Wir haben noch alles selbst in den Händen, die Situation ist nichts aussichtslos“) auf die „Alten“ bauen. Der Coach sagt auch: „Wir müssen jetzt auf Erfahrung setzen, das ist klar. Uns haben diesmal auf Heiko Westermann und Dennis Aogo verzichten müssen, mussten viel umbauen – und wenn man viel umbauen muss, dann kriegt man natürlich ein bisschen Probleme. Aber ich will nichts beschönigen, das Spiel war schlecht, keine Frage, und wir sind alle enttäuscht.“ Und: „Die Mannschaft hat es ja schon gezeigt, dass sie es besser kann. Wenn sie es nicht gezeigt hätte, dann hätte ich den falschen Job angenommen, aber sie kann es ja, und ich weiß auch, dass sie es kann. Wir haben noch acht Spiele Zeit, und ich bin überzeugt, dass wir diese Zeit auch nutzen werden.“ Und gibt sich schon mal selbst eine Vorlage: „Es geht hier jetzt nicht ums Wollen, sondern wir müssen es auch tun.“
Richtig.

Ob Fink allerdings auch in Zukunft auf den “alten” Mladen Petric noch bauen wird? Da habe ich ebenfalls Zweifel. Es soll, so Sportchef Arnesen heute, ohne Rücksicht auf Namen aufgestellt werden. Wer könnte damit gemeint sein? Petric vergab zwei riesige Chancen und blieb wieder einmal vieles schuldig. Gut möglich, dass nun (erst einmal) auf ihn verzichtet werden soll. Nur, das muss ich ganz einfach fragen: Wer soll dann die HSV-Tore schießen, die benötigt werden?
Stellt euch diese Frage und beantwortet sie auch selbst.
Ich finde nämlich, wenn ich mich frage, kaum eine Alternative (zu Petric).

Der HSV-Trainer will in dieser Woche Einzelgespräche und Teamgespräche führen, um die niedergeschlagene Truppe wieder aufzubauen. Vielleicht wird dann ja auch ergründet, warum es so ist wie es ist. Als ich nach dem Spiel die lebende HSV-Legende Horst Eberstein traf, da zeigte er mir die Statistik des Spiels und sagte dabei: “Guck dir bitte mal die Gelben Karten an. Der HSV hat in einem so wichtigen Spiel nicht eine einzige Gelbe kassiert. Das spricht doch Bände.”
Stimmt.

Drei Personalien noch:

Dennis Aogo will, so sagte er mir, bis zum Freitag wieder fit sein, sodass er in Wolfsburg wieder spielen könnte. Gökhan Töre, der ausgewechselt wurde, hat sich (wohl) nicht schwerer verletzt, er hat lediglich einen Bluterguss im Oberschenkel. Und Jaroslav Drobny war leicht angeschlagen, aber es soll sich um nichts Schlimmes handeln. Wäre ja auch noch schöner . . .

16.59 Uhr (wenigstens auf Schalke ist Verlass!)

808 Reaktionen zu “Fink: “Wir nehmen den Kampf an””

  1. Jasmin sagt:

    Neuer blog

  2. randnotiz sagt:

    Dreipunkte,
    .
    dann habe ich dich falsch verstanden.

  3. Neuer sagt:

    vielleicht sollte man castelen auch noch mal ne chance geben , aber dafür bin ich definitiv zuweit weg, um das wirklich zu beurteilen…..!?

  4. Dreipunkte sagt:

    JU aus Qu sagt:
    19. März 2012 um 19:51

    ……Ju, es soll auch entzündete Augen geben.

  5. Martin Boisen sagt:

    wenn das stimmt, was Torsten Fink vorhin auf Sport 1 gesagt hat, das die Spieler bereits alle zufrieden wären, dann sollte man ihnen das Gehalt kürzen. Worüber sind die zufrieden? Die haben (noch) nichts erreicht! Gucken lieber zu, was der Gegner macht. Nach dem letzten Spieltag können sie gerne zufrieden sein

  6. Fred Bull sagt:

    Um mal auf andere Gedanken zu kommen kurz was OT zur aktuellen Schnick Schnack Schnuck-Diskussion aus dem Bayern-Spiel:
    .
    http://www.youtube.com/watch?v=6FdZuaWJY-A
    .
    Ausgerechnet Basler muss sich da ereifern! Dabei sitzt der Kerl doch im Glashaus, schon vergessen?

  7. BennoHafas sagt:

    Dylan der einzige Witz hier im Blog bist du, nur du merkst es nicht.
    Du kannst überall nur einen Scheißkommentar einfügen und du bist der widerlichste Typ der mir je über den Weg. gelaufen ist. Beim nächsten Mal werde ich deine Visage hier im Blog veöffentlichen, täglich mit Klarnamen.
    Idiot.

  8. AD1979 sagt:

    Natürlich gibt es solche Psycho-Experten, die davon ausgehen, dass man “einen Mann wiederholt für etwas loben soll, was er nicht kann und er wird es bald können”. Mich würde es auf die Dauer jedoch auch deprimieren, wenn mir ständig jemand sagt, dass ich etwas schwieriges beherrsche, ich das aber gar nicht tue. Von daher: Fink muss das System an die derzeitigen Möglichkeiten und Fähigkeiten anpassen und den Spielern sagen, dass sie laufen, laufen, laufen sollen und sie werden ihre Köpfe frei bekommen!