Tagesarchiv für den 17. März 2012

1:3 – Fußball zum Abgewöhnen!

17. März 2012

„Hamburger Sport-Verein, wir werden immer bei dir sein!“ Jetzt aber wird es hochdramatisch. Der HSV verlor auch sein so wichtiges Heimspiel gegen den Abstiegs-Mitkonkurrenten SC Freiburg mit 1:3 und steht am Abgrund. Die Vorstellung der Hamburger war grauenhaft, stümperhaft, ein einziges niveauloses Gestochere. Das hat mit Erster Liga nicht mehr viel zu tun, das ist ein fußballerischer Offenbarungseid. Wo war und ist die vielzitierte Qualität im Kader, von der immer wieder gesprochen wurde? Vor 52 414 Zuschauern war das Spiel des HSV über weite Strecken nur auf Zufall aufgebaut, der Ball wurde zu oft nur planlos und hoch nach vorne gedroschen, da war nichts, aber auch wirklich nicht von einer Spielkultur zu erkennen. Wer soll diesen HSV noch retten? Diese auf jung getrimmte Truppe wird es nicht schaffen . . . Der Dino geht ins Verderben und wurde mit einem riesigen Pfeifkonzert verabschiedet. So gehen in Hamburg bald sämtliche Lichter aus. „Wir ham die Schnauze voll“, wurde im Norden nach dem Schlusspfiff gesungen. Und: „Außer Jaro könnt ihr alle gehn . . .“ Völlig berechtigt.

Quo vadis, HSV?

Es begann mit Blumen. Lotto King Karl und Dirk Dröge überreichten Jubilar David Jarolim, der sein 250. Bundesliga-Spiel für den HSV absolvierte, einen wunderschönen Strauß mit Grünzeug. Und dann ging es munter los. Auf der Anzeigentafel im Nord-Westen prangte folgende Zahl: 48 Jahre, 205 Tage, 22 Stunden, 30 Minuten und 53 Sekunden, als der Anstoß erfolgte. Die Zeit, in der der HSV in der Bundesliga spielt, scheint wohl abzulaufen. Es ist so grausam. Dabei hatte der HSV die Möglichkeit, wunschgemäß in dieses Spiel zu starten, denn nach zwei Minuten und einer Sekunde hätte es 1:0 stehen müssen. Jawohl, müssen. Wie man eine solche tausendprozentige Chance auslassen kann – es ist mir ein Rätsel. Ein völliges Rätsel. Aber wenn man erst mal unten steht, dann kommt neben dem Pech auch eine gehörige Portion Unvermögen hinzu.

Erst war die Frage, warum Mladen Petric nach einem Zuckerpass von Ivo Ilicevic nicht sofort Richtung Tor des SC Freiburg abzog. Petric ließ es ruhig angehen, ließ sich einholen, eigentlich war die Möglichkeit schon dahin – und irgendwie kam die Kugel doch noch zu Tolgay Arslan. Doch der traf das leere Tor nicht. Er wollte sich auf Höhe Elfmeterpunkt einbuddeln, aber auch das gelang nicht. Was war das für eine Szene?! So etwas gehört ins Kuriositäten-Kabinett, aber nicht in die Erste Bundesliga. . . Tut mir leid, tut mir leid, aber das ist einfach nur unterirdischer Fußball.

Dabei war Freiburg 20 Minuten lang noch schlechter als der HSV. Die Mannen aus dem Breisgau hatten wahrscheinlich einen völlig entfesselnden HSV erwartet, der hier auf die Tube drückt, der hier kämpft und beißt, der allen zeigen will, wer der Herr im Volkspark ist. Aber so einschläfernd, wie die Freiburger zu Werke gingen, so spielte alsbald auch der HSV. Das war nur noch Fußball zum Abgewöhnen. Und ich muss an dieser Stelle noch einmal sagen: Ihr HSV-Fans im Norden und Nord-Westen, ihr seid einfach nur super. Wie ihr (unterstützt vom gesperrten Kapitän Heiko Westermann) eure Truppe angefeuert habt, wie ihr gesungen habt, wie ihr gegrölt habt, das war wirklich erstligareif. Solche Super-Fans hat eine so versagende Mannschaft eigentlich gar nicht verdient. Großartig, wirklich großartig, aber das war auch das einzig Gute an diesem Tag.
Als in der 20. Minute das 0:1 fiel, war das Ding schon so gut wie gelaufen. Wer sollte sich da noch aufbäumen? Die Mannschaft spielte schlecht, und kaum einer hatte Selbstvertrauen. Wovon auch? Wenn man von Minute zu Minute schlechter spielt, und niemand sagt dem Nebenmann, dass er den Kopf hochzunehmen hat, dann gehen eben alle gemeinsam unter.

Bis zum Freiburger Führungstor hatte es nie nach einer Heimniederlage ausgesehen, da spielte nur Not gegen Elend. Nie war das so passend wie diesmal. Aber dann: Freistoß von halblinks, ausgerechnet Jubilar Jarolim fälschte den Ball ab, die Kugel kam zu Flum (stand er im Abseits?), der aus halbrechter Position einschoss. Der Anfang vom Ende. Rosenthal hatte danach das 2:0 auf dem Fuß, zielte aber daneben – Glück für den HSV (37.). Aber das 0:2 ließ nicht lange auf sich warten. Flanke von recht von Mujdza, am langen Pfosten ließ Dennis Diekmeier seinen Gegenspieler Caligiuri aus den Augen – Tor. Unhaltbar für Jaroslav Drobny (43.). Pfiffe zur Pause, ein richtiges Pfeifkonzert. Natürlich. Und völlig verdient. Wer will denn ein solches Gekicke noch sehen?

Zum zweiten Durchgang brachte Trainer Thorsten Fink zwei neue Leute, er hätte eigentlich – bis auf die beiden Tschechen – neun Neue bringen müssen . . . Heung Min Son (für Töre) und Marcus Berg (für Robert Tesche) sollten für Schwung sorgen, aber dieser Plan ging nur unwesentlich auf. Zwar drückte der HSV auf das Anschlusstor, aber stand abgeklärt und meistens auch total sicher in der Defensive. Zumal der HSV ja auch offensiv nicht einen „Weltmeister“ in seinen Reihen hat. Aber wer weiß, wie es noch gekommen wäre, wenn Petric in der 59. Minute seine zweite „Hundertprozentige“ genutzt hätte? Son hatte den ball von links mustergültig zur Mitte gegeben, der Kroate lief am langen Pfosten in den Ball und brachte das Kunststück fertig, vorbei zu schießen. Aus drei Metern!

„Wir wollen euch kämpfen sehn“, skandierte in der 67. Minute die meisten Zuschauer – aber liegt es nur am fehlenden Kampf? Fehlt da nicht auch ein großes Stück an fußballerischer Klasse? Zumal dann, wenn so viele Leute fehlen: Westermann, Paolo Guerrero, Gojko Kacar, Jacopo Sala und Dennis Aogo. Und wenn sich dazu noch Gökhan Töre früh verletzt (hoffentlich fällt er nicht wieder länger aus!), dann geht kaum noch etwas nach vorne, denn dribbeln geht den meisten HSV-Profis ja ohnehin ab. Meistens wird die Verantwortung nur kommentarlos und auch gnadenlos dem Nebenmann in die Stiefel geschoben. Motto: Kamerad, mach du mal, ich hole Verpflegung . . .

Als Makiadi in der 72. Minute das 0:3 erzielt hatte, war die Messe gelesen. Da half auch das Anschlusstor von Ilicevic nichts mehr (75.). So spielt und verliert ein Absteiger.

Die Einzelkritik? Was soll das noch?

Jaroslav Drobny war schuldlos. Dennis Diekmeier bis zum 0:2 noch brauchbar, dann schlecht. Jeffrey Bruma – weit von guter Form entfernt. Michael Mancienne war bemüht, mehr aber auch nicht. Slobodan Rajkovic versuchte zu Beginn was, aber er ist nun mal kein Linksverteidiger. Marcell Jansen, der auf der Bank saß, zwar auch nicht, aber er hätte es wohl besser gemacht.

David Jarolim war noch der beste Mann im Hamburger Team, er hätte ein besseres Jubiläumsspiel verdient gehabt, denn er wehrte sich, er ging an seine Grenzen, er hielt dagegen, mischte auf und mit – aber er soll ja auch am Ende der Saison das Weite suchen, deswegen kann er sich hier noch mal so richtig reinhängen.
Nein, nein, liebe Leute, hier läuft etwas verkehrt, aber sowas von verkehrt, es ist kaum zum Aushalten . . .

„Jaros“ Nebenmann war diesmal Robert Tesche. Was macht der Mann eigentlich beruflich – wurde immer wieder bei uns auf der Tribüne gefragt, eine Antwort hatte ich nicht parat.

Gökhan Töre bei seinem Comeback? Nicht zu sehen. Ivo Ilicevic begann engagiert, ich rieb mir die Augen. Aber er brachte kaum ein Ding so richtig zu Ende. Dennoch würde ich ihm bescheinigen, dass er gewollt hat. Not drei.
Tolgay Arslan war ein Totalausfall, er hatte wohl unter der vergebenen „Tausendprozentigen“ zu leiden . . . Und Mladen Petric ist weit, weit von seiner besten Verfassung entfernt – er ist mir ein Rätsel, ich werde nicht mehr schlau draus. Aber es liegt vielleicht auch an der fehlenden Unterstützung – ich weiß es nicht. Die eingewechselten Berg und Son waren auf jeden Fall beide viel besser, auch wenn sie letztlich auch nichts bewirkt haben.

Dieser HSV ist so schlecht wie sein aktueller Tabellenstand – und geht ganz schweren Zeiten entgegen. Jetzt hilft nur noch beten . . . .

17.29 Uhr