Tagesarchiv für den 16. März 2012

Die Punkte 36 bis 38 müssen her – Kacar droht auszufallen

16. März 2012

Heute ist alles gut. „Ist ja auch noch nicht Spieltag“, schmetterte mir ein offensichtlich grundoptimistischer Fan entgegen. Dabei ist wirklich einiges gut. Auf jeden Fall das Wetter. Und Gökhan Töre spielt von Beginn an und macht von Trainingseinheit zu Trainingseinheit einen besseren Eindruck. Und Marcell Jansen ist im Kader. Gut möglich, dass Letztgenannter am Sonnabend gegen Freiburg sogar beginnt. Dann würde uns zumindest der doch etwas wagemutig wirkende Versuch mit Slobodan Rajkovic auf der linken Seite erspart bleiben. Auch heute im Abschlussspiel offenbarte der gelernte Innenverteidiger extreme Schwächen auf der Außenbahn und ließ sich von Muhamed Besic, der nicht zwingend für seine Offensivstärke bekannt ist, düpieren. Dabei mache ich Rajkovic – und das betone ich für die Verschwörungstheoretiker, die glauben, ich hätte was gegen den Ex-Chelsea-Profi, absolut keinen Vorwurf. Woher soll er seine so spezielle Position auch spielen können? Dennoch, obwohl ich mir sicher bin, dass der Serbe wie immer alles geben würde – es scheint nicht zu reichen. Mal sehen, wie Fink das Ganze beurteilt. Zumindest im Training schien die Viererkette mit Rajkovic links, Bruma und Mancienne sowie Diekmeier rechts wie zuletzt erwartet.

Unerwartetes könnte sich dagegen auf der Sechserposition ergeben. Dort schien alles klar zu sein, David Jarolim und Gojko Kacar waren als neues Pärchen auf der Doppelsechs von Fink bestimmt. Allerdings bekam Kacar beim Testkick am Mittwoch gegen die eigene U23 und A-Jugend einen Schlag auf en Oberschenkel, der ihn heute zur vorzeitigen Aufgabe zwang. Gleich zu beginn der Einheit musste Kacar sam Mannschaftsarzt Dr. Wolfgang Schillings zurück in die Kabine, um sich dort behandeln zu lassen. „Ich kann nicht sagen, was das für Freiburg bedeutet“, so der Serbe, „aber ich habe Schmerzen.“ Gut möglich also, dass Kacar durch Tomas Rincon ersetzt wird.

Auf den Außenbahnen agierten heute wie erwartet Gökhan Töre (rechts) und Ivo Ilicevic links, davor waren Tolgay Arslan und Mladen Petric aktiv. Wobei dieser Begriff diesmal tatsächlich auch in Verbindung mit dem im Sommer wechselnden Kroaten Gültigkeit hatte. Nach knapp zehn Minuten Anlaufzeit im Abschlussspiel war es Petric, der sein unterlegenes A-Team gegen die Reservisten mit zwei Treffern binnen weniger Minuten wieder heranführte. Dass seine Mannschaft am Ende trotzdem verlor – es lag an Besic. Um es von der positiven Seite zu betrachten…

Mehr passierte in dem knapp 90 Minuten langen Training (zu den Pausen kamen 15 Minuten Aufwärmen, 30 Minuten Kreisspiel, 10 Minuten kurze Läufe und 20 Minuten Torschüsse) heute nicht. Marcell Jansen wirkte mit und das ganz passabel. Zumindest schien er mit seinem Kapseleinriss im Knöchel keine Probleme zu haben. Obwohl, eine Sache gabs dann doch noch: Marcus Berg steht morgen im Kader. Ganz sicher auch, weil er zu den wenigen gehört, die fit sind. Aber sollte er zu morgen noch mal einen solchen Leistungssprung machen wie von den letzten Wochen zu heute – es könnte reichen. Zumindest dafür, seine Kadernominierung zu rechtfertigen.

Berg profitiert dabei auch von der Konsequenz seines Trainers. Denn Thorsten Fink hat den Satz „ich vertraue meiner Mannschaft“ zuletzt mit Leben gefüllt und auch deshalb auf jegliche Unterstützung aus der U23 verzichtet. Und das, obwohl nach der Roten Karte und der acht Wochen Sperre für Guerrero sowie der Formschwäche der anderen HSV-Stürmer der Name George Kelbel immer wieder fiel. Auch ich hatte ihn schnell auf dem Radar, nachdem er in den letzten Spielen für die Regionalligaelf getroffen hatte. Ich hatte ihn (wie alle anderen auch) am Mittwoch sogar als Torschützen für die U23/-A-Jugend-Auswahl ausgemacht, lag aber falsch. Dabei war es Reagy Ofosu, der getroffen und Rajkovic vor eine Menge Probleme gestellt hatte.

Ich glaube allerdings, dass Fink den richtigen Weg geht. Er verweigert die Jugend nicht – im Gegenteil: er fördert die Jugend im eigenen Kader, setzt weiterhin auf die eigenen Leute und hält sie so bei Laune, denn er bleibt ihnen gegenüber glaubwürdig. Spieler aus den Amateuren hochzuziehen kann ganz sicher klappen und sollte auch langfristig das Ziel sein, aber es ist nicht selten – wie zuletzt bei Zhi Gin Lam – von kurzer Dauer. Und seien wir mal ganz ehrlich, wir alle können nicht sagen, ob ein Kelbel, ein Ofosu oder ein Kocabas wirklich in der Bundesliga Fuß fassen können. Wir wissen nicht mal, ob sie besser sind als ein Heung Min Son, ein Berg oder ein Petric. Vielmehr ist es bei denen die Hoffnung auf einen Glückstreffer, die uns dazu verleitet, sie zu fordern. Und genau diese Ungewissheit umgeht Fink und nimmt das, wo er weiß, was er hat.

Für mich eine große Unbekannte bleibt Ivo Ilicevic. Der Mann ist mit Vorschusslorbeeren angetreten wie kaum ein andere. Er hatte einen Top-Einstand mit dem Siegtreffer in Freiburg und trainierte auch heute wieder absolut passabel. Der Typ ist ein Guter – und deshalb hoffe ich darauf, dass er vielleicht ausgerechnet gegen die Breisgauer das zeigt, was wir von ihm erwarten: Leistung in einem Bundesligaspiel

Ihre Erwartung erfüllt haben dagegen Carl Jarchow und Joachim Hilke. Sagen sie zumindest heute, genau ein Jahr nachdem die beiden das Ruder von den beurlaubten Bernd Hoffmann und Katja Kraus übernommen hatten. Ein Jahr in dem sehr viel passiert ist. Aber auch ein Jahr mit 33 Spielen in denen wir nur 35 Punkte feiern konnten. Wodurch das Fazit nicht besonders positiv ausfällt. Allerdings müssen wir auch beachten, dass dieser Umbruch nicht innerhalb eines Jahres zu großen Erfolgen führen konnte. Im Gegenteil, es gilt vielmehr, einzelne Schritte zu beurteilen.

Dennoch wage ich einen kleinen Rückblick und zitiere aus den Antrittsreden (zumindest einem Zitat daraus) der beiden vom 16. März 2011:
Damals sagte Jarchow: „Ich habe Respekt vor dieser Aufgabe, weil ich einen großen Respekt vor dem HSV und vor dem, was der HSV bedeutet, habe. Ich glaube, dass der HSV eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt ist. Die Perspektive für den Verein ist ungebrochen gut. In den letzten Jahren wurde sehr viel Gutes getan. Ich habe die Entwicklung stets verfolgt. In vielen Dingen sind wir unvergleichlich besser aufgestellt als vor vielen Jahren. Jetzt gilt es, den nächsten Schritt zu machen. Darauf hinzuarbeiten, das ist unsere Aufgabe.“
Und Hilke: „Man muss sich der Situation immer stellen und man muss mit Leuten reden. Wie man intern redet, muss man auch nach extern reden. Man muss Kritik ernst nehmen, aufnehmen und am Ende als Team die Leute abholen und mitnehmen.“

Schöne Worte, die ich so stehen lasse und von denen ich hoffe, dass sie in den nächsten 365 Tagen mit noch mehr Leben gefüllt werden als im letzten Jahr. Am besten schon am Sonnabend gegen Freiburg mit den Punkten 36 bis 38. In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

P.S.: Wenn wir aber schon das Thema Talente auf dem Plan haben, möchte ich hier einen nennen, von dem ich am Mittwoch besonders begeistert war: Matti Steinmann. Dem Jungen U-19-Mittelfeldmann wird fehlendes Tempo nachgesagt – das allerdings macht er mit einer hohen Handlungsschnelligkeit wieder wett. Im Test ggen die Profis war der dribbelstarke Junior von Westermann und Co. oft nur Foulspiel zu bremsen…