Tagesarchiv für den 14. März 2012

Der DFB outet sich selbst – wie der HSV auf dem Platz

14. März 2012

Trainer Thorsten Fink will nicht allzu viel umbauen. Das hatte er gesagt, und daran hält er sich sicherlich. Von daher scheint sich Dieters Idee mit Gojko Kacar in der Innenverteidigung neben Jeffrey Bruma eher nicht zu bewahrheiten. Sehr zur Freude von Michael Mancienne, dem Fink bereits am Montag signalisiert hatte, dass er mit seinem Einsatz gegen Freiburg (Sa., 15.30 Uhr, Imtech-Arena) rechnen sollte. „Der Trainer hatte mir erklärt, dass es personell eng werden könnte“, so der sympathische Engländer, der seit November 2011 nicht mehr in der Startelf stand. Und das, obwohl Fink ihn immer wieder lobte. Uns Journalisten gegenüber – aber auch ihm persönlich: „Der Trainer hat häufiger mit mir gesprochen, mir die Situation erklärt und mir Mut gemacht.“ Und genau das hat den 24-Jährigen in seiner bislang schwierigsten Zeit als Fußballprofi über Wasser gehalten: „Ich wollte immer mithelfen, konnte aber nicht. Das tat weh, das war eine harte Zeit. Aber ich hatte gute Gespräche mit dem Trainer, der sehr motivierend ist. Deshalb habe ich immer an meine Chance geglaubt.“

Allerdings muss er seine Chance in seinem dann neunten Bundesligaspiel dieser Saison auch nutzen. Denn nur eine Woche später rückt Heiko Westermann nach abgesessener Gelbsperre wieder ins Team. Und dann dürfte, so stellt sich die Situation momentan zumindest dar, Mancienne wieder nur vierte Wahl hinter Westermann, Bruma und Rajkovic auf der Innenverteidigerposition sein. Ob er sich dessen bewusst ist und was er dagegen unternimmt? Noch nichts, sagt er, weist aber zugleich darauf hin, dass er in seiner Zeit bei den Wolverhampton Wanderers lange auf der Sechs gespielt hat und sich diese beim HSV nicht überdurchschnittlich gut besetzte Position durchaus zutrauen würde. „Ich kann es spielen“, sagt Mancienne, der darüber allerdings noch nicht mit dem Trainer gesprochen hat. Warum er sich nicht initiativ anbietet? „Ich bin mir sicher, das muss ich nicht. Der Trainer weiß, dass ich diese Position kenne.“

Nichts von seinem Einsatz am Sonnabend gewusst hatte indes Manciennes Familie. Seine Eltern und Schwester kommen am Wochenende nach Hamburg – allerdings erst am Sonntag. „Meine Schwester muss sich dafür einen Tag frei nehmen und das leider immer schon lange vorher ankündigen“, erklärt Mancienne sichtbar traurig, „daher schaffen sie es nicht mehr, den Flug umzubuchen.“ Ein Problem für ihn ist das alles allerdings nicht. „Ich freue mich schon genug darüber, endlich wieder zu spielen.“

Wobei, und das könnte ein Vorteil in der Interpretation seiner Rolle sein, Mancienne konnte von außen andere Eindrücke gewinnen, als die Feldspieler. Bessere. So hat er ein Problem erkannt, dass auch hier im Blog rauf und runter diskutiert wird: „Wir versuchen, schönen Fußball zu spielen, bevor wir den Kampf richtig angenommen haben. Dabei muss es genau andersrum funktionieren: Erst der Kampf, dann der schöne Fußball. Denn das Spiel gegen Freiburg hat nur einen Sinn, wenn wir es gewinnen. Und das wird nichts anderes als Kampf pur.“

Klingt gut. Allerdings muss sich dann gegenüber dem heutigen Testkick gegen eine Mischung aus eigener A-Jugend und U23 noch Wesentliches verbessern. Mit 2:1 konnten die Profis zwar gewinnen – allein zu überzeugen wussten sie nicht. Gerade auf der linken Seite, auf der Fink ohne Aogo sowie wohl auch Jansen planen muss und auf der heute größtenteils Rajkovic agierte, scheint noch keine optimale Besetzung gefunden zu sein. Allerdings, trotz des vorsichtigen Optimismus’ von Marcell Jansen, gegen Freiburg wird Rajkovic dort spielen müssen, auch wenn er sich heute in 21. Minute vom formstarken Amateur George Kelbel düpieren ließ. Kelbel schob nach einem Solo von der Mittellinie gekonnt zur Führung für den Nachwuchs ein. 0:1.

Der HSV konnte zwar fünf Minuten später durch Kacar egalisieren und durch Bergs Tor nach einem Torwartfehler (Stritzel zögerte beim Herauslaufen) in der zweiten Halbzeit noch den Sieg herstellen – dennoch dürfte dieser Test weniger eigene Stärken denn die Dinge gezeigt haben, die es zu verbessern gilt. Und das sind fast alle. Wobei ich der Meinung bin, dass der Auftritt von Gökhan Töre in der zweiten Halbzeit wenigstens einen kleinen Lichtblicke darstellte.

Zudem durfte der geneigte Zuschauer heute den Eindruck gewinnen, dass Fink für Sonnabend erstmals auf einen eigentlich gesetzten Spieler verzichten wird, obwohl dieser weder verletzt noch gesperrt ist: Tomas Rincon. Der Venezolaner wusste (wie so viele) in den letzten beiden Partien nicht zu überzeugen und könnte seinen Platz an Gojko Kacar verloren haben. Zumindest ließ Fink heute Kacar neben dem nach seiner Gelbsperre wieder einsatzbereiten und dem Vernehmen nach gesetzten David Jarolim auf der Doppel-Sechs spielen. Wechsel auf dieser Position scheinen beim HSV (oft auch aus der Not heraus, ganz klar!) nicht aus der Mode zu kommen.

Eine unangenehme Modeerscheinung scheint auch der blindwütige Gang zur Staatsanwaltschaft zu werden. Wie zuletzt immer wieder geschehen, schafften es auch diesmal einige empörte Landsleute, aus dem Foul Guerreros an Ulreich einen Grund für eine Anzeige abzuleiten. Fünf bis sechs Anzeigen sollen der Hamburger Staatsanwaltschaft vorliegen. Ein Witz, wie ich finde. Wobei ich aus meinem Studium noch rudimentäre erinnere, dass sich der Deutsche für wirklich nichts zu schade ist, wenn es um Anzeigen geht. „Bislang sind weder Paolo noch der HSV aufgefordert worden, dazu eine Aussage zu machen“, berichtet Mediendirektor Jörn Wolf. „Aber mittlerweile ist es leider so, dass Fußballer für Vergehen auf dem Platz von Unbeteiligten angezeigt werden. Das passiert ja in diesem Fall nicht das erste Mal“, so Wolf kritisch, dessen Einschätzung ich unbedingt teile. Zumal Ulreich selbst keine Anzeige erstattet hat und auch nicht erstatten wird, wie aus Stuttgart zu hören ist.

Erschüttert bin ich derweil, wie sich der Fall Pizarro darstellt. Ob auch Paolos Landsmann nach der vorsätzlichen Körperverletzung (Backpfeife gegen Hannovers Pogatetz) angezeigt wird? Ich wünsche den Bremern sportlich nicht viel Gutes, das gebe ich zu. Aber ich kann nur hoffen, dass sich nicht noch mehr Wichtigtuer wie im Fall Guerrero hervortun.

Wobei der Bremer Angreifer schon im Glück ist, denn der DFB, der auch die zu hoch angesetzte Acht-Wochen-Sperre für Guerrero als gerecht empfand, brummte Pizarro heute zwei Spiele Sperre auf. Lächerlich!! Da geht ein Spieler mit dem erkennbaren Vorsatz auf seinen Gegenspieler zu, um ihn verletzen, haut dem ne Backpfeife, wird dank Videobeweis einwandfrei überführt und bekommt nur „ein Viertel Guerrero“? Wie blind ist das denn? Immerhin ist Pizarro im Gegensatz zu Guerrero sogar noch deutlich häufiger (allein diese Saison durch den Ellenbogencheck in der Hinrunde gegen Münchens Badstuber) durch derartige Unsportlichkeiten aufgefallen. Ich muss Huub Stevens zu 100 Prozent zustimmen. Der hatte im Abendblatt-Interview vom Sonnabend gesagt, dass der DFB wieder ein gesundes Maß finden muss, weil sich die Schraube sonst nicht mehr stoppen ließe. Und deshalb kann ich nur hoffen, dass sich die Unterbeschäftigten mit dem Pizarro-Urteil demonstrativ wieder auf ein normales Maß bewegen wollten. Ansonsten ist die Verhältnismäßigkeit so gravierend unpassend, dass ich kot…. könnte. Auf jeden Fall dürften die DFB-Granden Justizias Waage mächtig ins Wanken gebracht haben. Und das ist nichts, worauf sie stolz sein sollten…

In diesem Sinne, Gerechtigkeit stellt sich auf längere Distanz ein. Daran glaube ich tatsächlich. Oder besser: darauf hoffe ich. Und deshalb gewinnt der HSV am Sonnabend gegen Freiburg. Punkt! Auch wenn es derzeit nur wenige Dinge gibt, die wirklich Hoffnung machen…

Bis morgen! Da wird übrigens um 10 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Obwohl verschiedene Medien berichtet haben, dass die komplette HSV-Führung beim Spiel der Bayern gegen Basel einen Termin mit der Baseler Führungsetage hatte, um über Granit Xhaka zu verhandeln, wurde das heute vom HSV dementiert.