Tagesarchiv für den 11. März 2012

Der HSV spielt, Schalke schießt die Tore

11. März 2012

Es geht weiter nach unten. Der HSV verliert mit 1:3 auf Schalke und ist dem Abgrund wieder ein kleines Stückchen näher gekommen. Dennoch behaupte ich, dass sich der HSV in Gelsenkirchen durchaus gut präsentiert hat, denn er hatte weitaus mehr Spielanteile als der Sieger, zeigte phasenweise richtig guten Fußball, spielte endlich auch wieder mit Herz und Leidenschaft, zeigte Biss und gelegentlich auch fußballerische Klasse. All das wurde zuletzt beim 0:4 gegen Stuttgart vermisst, offenbar aber ist es Trainer Thorsten Fink gelungen, seine Mannen wieder „in Schuss“ zu bringen. Der HSV hat auf Schalke wieder einmal Leben gezeigt, und genau so muss es nun weitergehen. Auch einmal in einem Heimspiel, denn das nächste wird schwer und auch richtungsweisend. Es kommt Mit-Konkurrent Freiburg – da muss dann auch einmal so gespielt und gekämpft werden, wie diesmal im Westen. Es steht nämlich viel auf dem Spiel.

Seit gefühlt 28 Jahren hatte der HSV auf Schalke nicht mehr verloren, dazu pfiff dann auch noch der „Glücksbringer“ Wolfgang Stark – da kann doch überhaupt nichts passieren. Was das aber alles vor einem Spiel wert ist, das hat die Partie in Gelsenkirchen eindrucksvoll gezeigt. Nichts. Null. Zero. Wieder was gelernt . . .
Der HSV spielte gut – nach vorne. Das sah teilweise richtig gut aus. Das machte mir, das sage ich offen und ehrlich, Mut für die nächsten HSV-Auftritte. Die jungen Finken traten im Spiel nach vorne wie eine Heimmannschaft auf. So gut – auch spielerisch – sah das lange nicht mehr aus. Aber was hilft es, was nützt es? Dafür gibt es keine Punkte. Und die benötigt der HSV nun einmal ganz dringend. Nach dem 0:4 gegen Stuttgart hatte ich geschrieben: „So spielt ein Absteiger.“ Heute schreibe ich das nicht, denn diese HSV-Mannschaft wollte, sie biss, sie war überlegen – und spielte dennoch wie eine Knaben-Mannschaft. Der HSV bettelte quasi um die Gegentore. Und wenn Jaroslav Drobny nicht so gut gehalten hätte, dann wäre das Spiel schon weit vor dem Halbzeitpfiff entschieden gewesen.
Als hätten sich die Schalker darauf spezialisiert. Die Mannschaft von Huub Stevens stand tief, wartete auf den HSV, wartete auch auf die Abspielfehler – und dann wurde gnadenlos gekontert. Und da erwies sich die HSV-Defensive als nicht nur anfällig, sondern auch oft als nicht existent. Und ich frage mich (ernsthaft), was besser ist? Fußball spielen, schön spielen, engagiert spielen, den Gegner scheinbar im Griff haben, „nach Punkten“ führen – und verlieren? Oder so spielen wie zum Beispiel der FC Augsburg (gegen Dortmund)? Der Aufsteiger beißt, kratzt, spuckt, steht dabei aber hinten massiv, kompakt, wehrt sich gemeinsam, da kämpft einer für den anderen, da motiviert auch einer den anderen. Dortmund hatte kaum eine Hundertprozentige, Schalke aber (gegen den großartig spielenden HSV) aber etliche mehr. Das ist der Unterschied. Der HSV kann anscheinend kein Abstiegskampf, und er hat sich auch noch nicht so richtig und voll und ganz darauf eingestellt. Das wird noch spannend. Und ich bin gespannt, ob man tatsächlich auch spielerisch die Erste Bundesliga halten kann.
Bereits nach vier Minuten und zehn Sekunden lag der Ball im HSV-Tor. Weil Schalke die linke Hamburger Seite aufgemischt hatte. Die linke Seite – mit gütiger Hilfe der Mitte, das darf nicht übersehen werden. Denn eigentlich hätte der Japaner Uchida nach dem Doppelpass mit Höger im Abseits stehen müssen, stand er aber nicht. Weil in der Mitte Jeffrey Bruma so tief stand, dass er dieses Abseits aufhob. Wer zudem in der Mitte für den Finnen Pukki zuständig war, das müssen die Herren Bruma und Heiko Westermann untereinander klären. Beide standen jedenfalls meterweit weg vom Kopfballschützen – 1:0. Schon das war ein äußerst amateurhaftes Defensivverhalten des HSV.
Wie auch beim 2:0. Eckstoß für Schalke von rechts, in der Mitte bemühen sich drei Hamburger um den Ball (Mladen Pteric, Gojko Kacar, Heiko Westermann), aber der kommt zum ehemaligen Nationalspieler Metzelder – Tor (26.). Da hätte es allerdings schon längst mindestens 1:1 stehen müssen. Jawohl, müssen. Westermann köpfte nach einem Arslan-Freistoß überweg (14.), Ivo Ilicevic schießt aus 14 Metern, der Ball wird abgeblockt – nur Eckstoß (18.). Danach traf Marcell Jansen nur das Außennetz (22.), Tolgay Arslan schoss aus zwölf Metern zu schwach, Hildebrand hielt ohne große Mühe (24.).
Amateurhaft ging es dann auch in der 32. Minute im HSV-Strafraum zu. Schiedsrichter Stark ermahnte die sich „zupfenden“ Westermann und Huntelaar, dieses Ziehen zu unterlassen – und Eckstoß. Und Pfiff. Und Elfmeter. Weil Westermann den davoneilenden Huntelaar am Trikot festgehalten hatte. Auch wenn Heiko Westermann danach von Tomas Rincon „gebändigt“ werden musste, dieser Pfiff war vertretbar. Wenn ich weiß, dass der Unparteiische diese Szene beobachten wird (könnte), dann lasse ich dieses Trikotvergehen. Westermann ließ es nicht, Huntelaar verwandelte den Elfmeter zum 3:0 (32.). Fußball verkehrt. Der HSV spielt schön, der HSV spielt druckvoll und endlich auch einmal schnell und zügig nach vorne – aber Schalke schießt die Tore. Bitter, bitter, meine Herren HSV-Profis, bitter, bitter.
Hoffnung keimte noch einmal auf, als Gojko Kacar mit dem Halbzeitpfiff (Vorarbeit Jansen) auf 1:3 verkürzte. Geht da vielleicht doch noch was?
Nach 59 Minuten wechselte Thorsten Fin Heung Min Son und Gökhan Töre ein, es gingen Jacopo Sala und Ivo Ilicevic. Beide konnten sich nicht in Szenen setzen, wobei Sala noch die etwas besseren Situationen für sich hatte. Ilicevic war erneut nur eine Enttäuschung, obwohl er in der Woche im Training ganz brauchbare Szenen gehabt hatte. Ich frage mich nun, nach der x-ten Chance, wann Ilicevic wirklich mal kommt, ob er überhaupt noch einmal kommt. Bislang ist das alles sehr, sehr kümmerlich. Dabei hat dieser Spieler eine so großartige Veranlagung – warum wird das nichts? Warum?
Der HSV hatte trotz aller Fragezeichen in seinem Team auch im zweiten Durchgang das meiste im Griff. Es klingt paradox, aber bis auf die Tore hatte diese 04-Truppe nicht viel zu bieten. Aber Tore sind nun einmal entscheidend. Nicht die Überlegenheit und die hohe Führung nach Punkten.

Kurzer Abstecher zu den Standards: Auch die waren diesmal (überwiegend) gut. Nur die erste Ecke (von rechts), die Marcell Jansen zur Mitte brachte, kam schlecht – weil flach auf den ersten Schalker. Die zweite Ecke von Jansen war gut, die drei Eckstöße von Tolgay Arslan (von links) ebenfalls, zudem auch die Freistöße aus dem Halbfeld. Nichts zu meckern diesmal, obwohl Töre seinen ersten Eckstoß ebenfalls auf den ersten Schalker (am kurzen Pfosten stehend) zirkelte und damit einen Konter einleitete.

Die Einzelkritik:

Jaroslav Drobny war ganz stark, der Tscheche macht in diesen Wochen beste Eigenwerbung. Und in dieser Form ist er sogar auch ein Mann für den FC Bayern.
Dennis Diekmeier diesmal sehr unternehmungslustig, viel auf Achse, gut in der Defensive – eine glatte Drei. Jeffrey Bruma spielte solide und gut, das war okay. Hätte Westermann diesen Elfmeter-Aussetzer nicht gehabt, so wäre auch seine Vorstellung besser als nur gut gewesen. Ohne dieses Zupfen wäre Westermann mein bester Mann des HSV geworden. Marcell Jansen auf links, zuletzt oft von mir gescholten, bot endlich, endlich mal wieder eine beherzte Leistung. Hinten nicht schlecht, vorne immer gefährlich – Note zwei. Gratulation. Zumal der Ex-Nationalspieler ziemlich oft und böse und brutal gefoult worden war. Das war Fußball mit Herz, Herr Jansen, weiter so!

Tomas Rincon stellte sich verbessert (gegenüber Stuttgart) vor, rackerte wieder enorm, leistete viel für das Team. Nebenmann Gojko Kacar bot seine vielleicht beste Saisonleistung, war oft auch vorne zu finden, spielte mit Auge und stopfte einige Löcher. Geht es nun tatsächlich wieder aufwärts mit ihm?
Jacopo Sale begann vielversprechend, tauchte dann aber schnell ab. Links trat Ivo Ilicevic gar nicht erst beherzt und engagiert auf, der ehemalige Lauterer ging gleich unter.

Tolgay Arslan hatte durchaus gute Szenen, aber er übertrieb mitunter das lange Ballhalten und die Dribblings, das schmälert seine Leistung. Er ist eben noch jung, es gibt in diesem Alter immer wieder mal Schwankungen, dennoch glaube ich, dass ihm die Zukunft gehören wird. Er muss nur weiter wollen und auch „beißen“.
Vorne war in Halbzeit eins nichts von Mladen Petric zu sehen, das war alles zu harmlos. Im zweiten Durchgang kam der Kroate denn ein wenig (besser), aber er wird wissen, dass das insgesamt zu wenig ist. Vielleicht klappt es ja im Heimspiel demnächst (gegen Freiburg) wieder besser – wie gesagt, er ist nach wie vor mein Hoffnungsträger, denn wer soll sonst die Tore schießen?
Son und Töre, die eingewechselt wurden, belebten das Spiel, wobei ich hoffe, dass Töre am Sonnabend von Beginn an spielen wird – er kann es ganz einfach, er spielt reihenweise Gegenspieler aus und schafft so Räume. Und wer diese Spielweise nicht mag (davon soll es ja auch den einen oder anderen Experten geben), dem sei gesagt: Töre versucht sich wenigstens im Dribbling, andere (und die meisten) wagen es nicht einmal in 90 Minuten. Weil sie es nicht können.

Erfreut war in, dass ich in der 82. Minute endlich einmal Per Ciljan Skjelbred auf einem Bundesliga-Rasen sah. Der Norweger kam für Rincon – und dürfte trotz der HSV-Niederlage durch diese Einwechslung ein wenig Selbstvertrauen getankt haben.

“Der HSV war besser, aber wir haben die Tore geschossen”, gab Schalkes Trainer Huub Stevens zu. Und Thorsten Fink gab zu: “Wir müssen weiter arbeiten, die Punkte auf Schalke hatten wir nicht unbedingt eingerechnet – wir müssen gegen Freiburg gewinnen.” Wohl wahr.

Jetzt gilt es, HSV! Es muss gegen Freiburg Punkte geben. Es muss!

Ganz zum Schluss noch eine Berichtigung. Die A 7, die Autobahn um Stellingen herum, wird nicht am kommenden Sonnabend, wenn der HSV gegen den SC Freiburg ums Überleben in der Bundesliga kämpft, gesperrt. Ich habe mich geirrt (weil die Brücke schon so fertig und „drohend“ neben der Fahrbahn liegt) und bedanke mich für die vielen „Matz-abber“, die mich auf den (meinen) Fehler aufmerksam machten. Sehr aufmerksam. Dankeschön.

19.25 Uhr