Tagesarchiv für den 10. März 2012

Auf Petric ruhen die Hoffnungen

10. März 2012

Die Bälle rollten und rollten. Sie flogen nicht, sie rollten. Obwohl sie eigentlich liegen bleiben sollten, aber der stürmische Wind hatte etwas dagegen. Es war unangenehm im Volkspark, keine Frage, der kalte Wind pfiff den wenigen Kiebitzen um die Ohren. Dass die wenigen Fans überhaupt beim Abschlusstraining zusehen konnten, das war eine Überraschung, denn eigentlich sollte es ja ein Geheimtraining in der Arena geben sollen – doch das Programm wurde kurzfristig umgestoßen. Weil es nicht so sehr viel geheime Dinge mehr gibt. Die Aufstellung steht so, wie ich sie gestern geschrieben habe, es hat sich heute keiner verletzt. Obwohl die Einheit lange und intensiv war.

Erst wurde im Kraftraum trainiert, dann kam die Mannschaft um 11.50 Uhr aus der Kabine. Erster und einige Sekunden einziger HSV-Profi Heiko Westermann, der allein Richtung Trainingsplatz ging. Fast eine Minute später dann die gesamte Truppe. Erst wurde gelaufen, dann wurde „im Kreis“ gespielt, es folgte nach einer halben Stunden Flanken von beiden Seiten und Torabschlüsse. Das erste Tor erzielte Marcus Berg, aber es half dem Schweden nicht viel, denn er blieb als 19. Spieler zurück in Hamburg. Im Kader sind diesmal: Sven Neuhaus, Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic, Robert Tesche, Per Ciljan Skjelbred, Gökhan Töre und Heung Min Son.

Gut drauf bei den Torschüssen: Gojko Kacar, der einige Male traf. Und auch Per Ciljan Skjelbred, der ja nun langsam mal kommen müsste, wirkte wieder einmal unternehmungslustiger und sehr motiviert. Dazu gefiel mir auch Ivo Ilicevic, der ehemalige Lauterer sprühte vor Lust – und auch er müsste ja nun bald mal über 90 Minuten zeigen, dass die Vorschusslorbeeren, die es mit seinem Wechsel zum HSV gab, nicht zu Unrecht gab. Immerhin zeigte er heute mal ein wenig mehr „Leben“ als sonst – ein gutes Zeichen für morgen? Schön wäre es ja.
Es folgte ein kleines Spielchen, in dem Trainer Thorsten Fink seine Mannen bunt durcheinander gewürfelt hatte. Ein Team spielte mit Drobny, Diekmeier, Bruma, Rajkovic, Rincon, Skjelbred, Töre, Arslan, Ilicevic und Son. Also recht bunt, obwohl diese „Zehn“ einheitlich in grünen Hemdchen spielte. Auffällig dabei: Jeffrey Bruma, der vorher im Training recht unauffällig agierte, dirigierte zu Beginn „seine“ Defensive recht lautstark. Zuvor hatte er noch relativ wortkarg gewirkt, aber vielleicht blüht der Niederländer, der zuletzt mit seiner Reservistenrolle unzufrieden war (natürlich!), ja jetzt wieder ein wenig auf.

Spaßig wurde es zum Ende des Trainings (13.20 Uhr!). Da gab es ein „Preisschießen“ aus 18 oder 19 Metern. Wer (zuerst) gegen Neuhaus traf, durfte sich verabschieden. Erster war dabei Marcell Jansen, es folgten Heiko Westermann und Robert Tesche. Letztere trafen mit ihrem schwächeren linken Fuß. Letzter Feldspieler, der noch nicht getroffen hatte, war Mladen Petric. „Verlierer“ war Torwarttrainer Ronny Teuber, der zuletzt nur noch gegen Co-Trainer Patrick Rahmen schoss – und verlor. Teuber musste einige Häme der Profis, die sich lautstark bemerkbar machten, einstecken – natürlich alles im Spaß.

Ernster – oder reservierter – war eigentlich nur Thorsten Fink, der beim Verlassen des Platzes nach dem Kader gefragt wurde und nicht so „sonnig“ und mitteilsam war wie sonst. Die enorme Anspannung vor einem sehr schweren und auch wichtigen Spiel? Wird wohl so gewesen sein. Der HSV fuhr (oder fährt noch – zurzeit) mit dem Zug in den Westen. Und wo ich gerade bei „fahren“ bin. Schon jetzt möchte ich die Fans aus dem Norden Hamburgs und aus Schleswig-Holstein darauf aufmerksam machen, dass die A 7 am nächsten Wochenende rund um Stellingen voll gesperrt sein wird. Es wird dort eine neue Eisenbahnbrücke installiert, deswegen drei Tage kein Auto Richtung Volkspark (und natürlich auch umgekehrt). Bis Pinneberg und dann mit der S-Bahn – das wäre eine Alternative, aber jeder sollte auf jeden Fall einplanen, dass er nicht so wie sonst mit dem Auto an die Arena kommt (gilt auch für mich).

Gespannt bin ich, das gebe ich zu, auf die Vorstellung von Mladen Petric. Er spielt ein letztes Mal als HSV-Profi in Gelsenkirchen, und ich hoffe, dass er sich bewusst ist, dass viele Hoffnungen der HSV-Fans auf seinen Schultern ruhen. Der Kroate hat in 17 Saisoneinsätzen sechs Treffer erzielt – davon zwei Elfmeter. Eine für ihn (und seinen Torjäger-Qualitäten) ziemlich bescheidene, mäßige Statistik, um es einmal nett zu formulieren. Aber es liegt wohl auch daran, dass beim HSV ja höchst selten einmal effektiv in die Spitze gespielt wird. Und ob das jetzt noch besser wird? Ich habe da meine leichten Zweifel. Es wird noch ganz haarig in dieser Saison, denn die, die da unten stehen, die wehren sich kräftig und beeindruckend (einzige Ausnahme Hoffenheim, und die haben auch erst 30 Zähler!). So zum Beispiel der 1. FC Kaiserslautern, der beim VfB Stuttgart (zuletzt immerhin 4:0-Sieger in Hamburg, wir erinnern uns!) zwar nicht schön spielte, aber auf jeden Fall mal ein 0:0 und damit ein Pünktchen ertrotzte. Was auffällig ist dabei: Kaiserslautern rannte und kämpfte 90 Minuten lang, da riss sich jeder Spieler den Hintern auf. Jeder. Das Spiel sah gewiss nicht schön aus, aber um Schönheitspreise geht es ja auch in der jetzigen Phase der Saison und im Abstiegskampf nicht mehr, und ich hoffe sehr, dass das auch jedem Hamburger bewusst ist – auf Schalke. Ich höre in diesen Tagen so oft von HSV-Fans, dass zum Glück die Konkurrenz von dort unten ja „so blind“ ist, dass der HSV gar nicht absteigen kann – hoffen wir, dass sich das bis zuletzt bewahrheitet.

Was für die Schalke-Partie auf jeden Fall Mut machen sollte: auswärts ist der HSV seit dem 10. September unbesiegt. Das ist ja eine eigentlich tolle Serie, auf die sich aufbauen ließe.

Zumal es auf Schalke zuletzt (in der Bundesliga) ja auch nicht gerade berauschend lief. Viel wird wohl davon abhängen, ob die „Knappen“ wieder auf Klaas-Jan Huntelaar werden zurückgreifen können. Meine Informationen dazu aus Gelsenkirchen (Stand heute) sind die, dass Schalke immer noch um den Niederländer bangt. Die Entscheidung, ob er spielen kann, fällt wohl erst morgen am frühen Nachmittag. Auch um Flügelflitzer Jefferson Farfan soll es noch ein kleines Fragezeichen geben.

Ein ehemaliger Hamburger auf Schalker Seite wird aber auf jeden Fall dabei sein: Huub Stevens. Der knorrige Trainer, vor dem Hinspiel (2:1 für Schalke) noch als neuer HSV-Coach gehandelt, hat Schalke den Weg nach oben gezeigt. Stevens war einst auch Mitspieler von HSV-Sportchef Frank Arnesen, und der lobte den Niederländer: „Er ist ein Trainer mit viel Charakter – so war er auch einst als Spieler. Er war schon ein harter Hund – als Spieler.“ Wir alle kennen ihn ja auch so als Trainer in Hamburg . . . Und dann träumte Frank Arnesen noch ganz kurz: „Es wäre schön, wenn wir in Gelsenkirchen etwas bewegen könnten, wenn wir dem Huub etwas in den Weg legen könnten – das wäre wirklich schön.“

Kein HSV-Fan hätte etwas dagegen.

Bei der Gelegenheit. Ich habe in diesen Tagen einen Brief in die Redaktion bekommen. Ich finde ihn so interessant, dass ich ihn gerne veröffentlichen möchte:


„Hamburg-Fans, Hamburg-Fans, nehmt euch montags frei,
denn da läuft im DSF die Bundesliga zwei.“

Warum schreibe ich das? Ich war in der Saison 2006/07 beim Heimspiel des HSV gegen Werder Bremen. Damals haben die Werder-Fans diesen Fan-Gesang angestimmt, und das hat mir als eingefleischtem HSV-Fan sehr wehgetan.
In nächster Zukunft wird unser HSV 125 Jahre alt. Wollen wir, dass unser Verein absteigt und nächste Saison gegen Cottbus und Aue spielt? Nein? Dann sollten wir alle gemeinsam unseren HSV unterstützen. In diesem Sinne – jetzt erst recht. Bitte nicht falsch verstehen . . .
Auch ich war nach dem Spiel gegen Stuttgart natürlich sehr enttäuscht und bin es jetzt noch. Ich habe mich wie zu Saisonbeginn unter Oenning gefühlt. Die HSV-Mannschaft hat mutlos auf mich gewirkt. Jetzt habe ich echt wieder richtig Angst, dass meine Befürchtungen sich bewahrheiten könnten. Nun gewinnen sogar schon die Berliner. Hoffentlich die Werder-Fans diesen Fangesang nicht auch nach dieser Saison.

Ich bin wie gesagt trotzdem der Meinung, dass es nichts bringt, unsere Mannschaft auszupfeifen und zu beschimpfen. Das macht die Verunsicherung nur noch größer. Ich kann mir leider auch nicht erklären, warum die Heimbilanz so schlecht ist. Vielleicht sollten wir unsere Heimspiele zu Auswärtsspielen machen (HSV-fans in den Gäste-Block, kein Hamburg meine Perle, mal Auswärtstrikots tragen . . .). Bitte nicht so ernst nehmen, aber irgendetwas muss sich doch ändern.

Thorsten Fink macht für mich einen richtig guten Job. Ich bin schon fast 20 Jahre HSV-Fan, aus meiner Sicht ist er jetzt der beste Trainer. Man muss auch immer bedenken, wo der HSV herkommt. Nach dem sechsten Spieltag hatte unser Verein nur ein mageres Pünktchen auf dem Konto und war nicht bundesligatauglich.

„Wir“ sollten uns vor dem Rückfall in alte Zeiten aber nicht unnötig verunsichern lassen. Aus meiner Sicht ist der HSV eigentlich auf einem guten Weg. Wenn man realistisch ist, konnte man mit einer schwierigen Saison rechnen (neue Verantwortliche, neues System, viele junge Spieler . . .). Mein Brief wäre auch gar nicht zustande gekommen, wenn der HSV gegen Stuttgart gewonnen hätte. Ich weiß – hätte, hätte! Ich möchte damit aber nur sagen, dass diese Saison nicht nur an diesem Spiel gegen Stuttgart hängt. Das zeigt auch, wie schnell es im Sport gehen kann. Mit einem Heimsieg hätte der HSV Stuttgart in der Tabelle überholen können, nun sind es plötzlich nur noch fünf Punkte auf Platz 16.

In diesem Sinne – jetzt erst recht. Denn das nächste Spiel ist immer das schwerste. Bitte, lieber Gott, mach dass unserem HSV solche Fan-Gesänge der Werderaner erspart bleiben – bitte, bitte, bitte!

In diesem Sinne:
Wir sind die Könige des Nordens.
Wir werden niemals untergeh’n
Der HSV ist eine Religion
Das müsst ihr doch versteh’n.

Alles Gute für Euch und für diesen Sonntag!

17.24 Uhr