Tagesarchiv für den 6. März 2012

Der HSV rotiert – bringt Arnesen Neue aus London mit?

6. März 2012

Maximilian Beister ist da, Petric ist bald und Paolo Guerrero zumindest acht Spiele lang weg. Zudem befindet sich Fank Arnesen mal wieder in London beim FC Chelsea, um die personellen Möglichkeiten für den HSV abzuklopfen. Kurzum: es rotiert beim HSV. Aber der Reihe nach.

Heute regte sich noch mal der Cheftrainer mächtig auf. Die Acht-Spiele-Sperre für Paolo Guerrero wurde trotz HSV-Einspruchs vom DFB-Sportgericht bestätigt – und der HSV akzeptierte sie. Dies allerdings mit einigem Zähneknirschen. „Es war ein sehr hartes Foul, das bestraft werden muss. Auch etwas härter, was beispielsweise fünf oder sechs Wochen gewesen wären. Aber acht? Das ist zu hart.“ Eine Meinung, der ich mich anschließe. Denn, betrachtet man mal die Historie von Strafen in der Bundesliga, wird Guerrero hier auf einmal mit dem Ex-Profi Kruse auf eine Stufe gestellt, der den Schiedsrichter nach einer Entscheidung tätlich angegangen ist. Oder nehmen wir doch mal die „Nicht-Strafen“ von einem Gerald Asamoah, der gerade einem Bochumer bei einem üblen Tritt das Bein gebrochen hat. Oder das uns allen bekannte Beispiel mit Ivica Olic, der von Tim Wiese übel umgetreten wurde und nur Gelb bekam. Eine Reihe von Vergehen, die sich problemlos fortführen lässt. Und auch wenn es eigentlich nicht meine Art ist, einen Fehler am anderen zu relativieren, so glaube ich, dass bei Paolo längst nicht nur die sportliche Komponente fürs Sportgericht den Ausschlag gab. „Paolo hat ein hartes Foul gespielt – aber er hat niemanden bewusst verletzt, niemanden geschlagen. Das war also auch keine Tätlichkeit. Und es war das erste Rot-Foul von ihm – was man berücksichtigen sollte. Gerade im letzten Jahr hat sich Paolo sehr gut entwickelt, sehr viel gelernt, Führung übernommen. Er ist reifer geworden. Aber wahrscheinlich will man an ihm ein Exempel statuieren. Hätte er auf Unschuldslamm gemimt und netter ausgesehen, nicht den Beinamen „der Krieger“ und die eine oder andere Narbe im Gesicht – vielleicht wären es dann nur vier, fünf Wochen geworden“, schimpfte sich Fink in einen kleinen Rausch.

Aber okay, auch Fink weiß, dass das Urteil nicht mehr zurückgenommen wird und er neu planen muss. Planen mit Mladen Petric, dem der HSV gerade am Montagabend eröffnet hatte, dass er kein neues Angebot vom HSV bekommt. Ob Fink glaubt, dass es Probleme in Sachen Einstellung bei Petric geben könnte? „Nein. Ich kenne Mladen als charakterlich einwandfreien Typen. Ich sehe da keine Brisanz. Er bringt seine Leistung. Noch geht es ja auch für ihn um einen neuen Vertrag bei einem anderen Klub. Aber in erster Linie ist er charakterlich gefestigt und will hier mit einer guten Performance gehen.“ Dafür allerdings, da sind sich eigentlich alle einig, bedarf es einer deutlichen Steigerung beim Kroaten. Ob Fink vor der Bekanntgabe noch mit seinem Stürmer gesprochen hatte? „Ja, aber nicht so sehr darüber. Ich hatte ihm nur gesagt, dass ich seinen Wunsch akzeptiere, dass schnell eine Entscheidung her sollte.“ Die ist gefällt. Und heute schnappte sich Fink seinen Angreifer noch vor dem Training zum persönlichen Gespräch und beide kamen letztlich nett plaudernd als Letzte auf den Trainingsplatz.

Im Training selbst war nichts von Enttäuschung bei dem Kroaten zu erkennen. Er trainierte wie immer – ohne große Ausschläge nach oben oder nach unten. Gleiches galt für Paolo Guerrero, der sich sehr darüber geärgert hat, dass sein letzter Satz im langen Interview am Sonntag so hervorgehoben wurde. Denn nachdem er sich knapp fünf Minuten lang immer und immer wieder entschuldigt hatte und sein Bedauern ausgesprochen hatte, sagte er, dass er nicht verstehen könne, warum jetzt eine derartige Panik gemacht würde. Und dieser Satz wurde von TV- und Radiosendern einzeln herausgefiltert zitiert und klang natürlich alles andere als reumütig – was das allgemein sehr schlechte Bild des Peruaners bei den Kritikern bestätigte. Zu denen zählte die große Gruppe Kinder heute nicht, die sich explizit von Guerrero nach dem knapp zweistündigen Training heute Autogramme holte.

Aber kommen wir wieder zum Sportlichen. Da geht es vor dem Spiel am Sonntag beim FC Schalke natürlich vorrangig darum, wer Guerrero ersetzt. Und natürlich, wer für David Jarolim auflaufen wird. Zwei Fragen, die Fink heute erstaunlich klar und festgelegt beantwortete. „Offensiv hat nach den Trainingseinheiten, den Freundschaftsspielen und Spielen Tolgay Arslan die Nase vorn.“ Zumindest solange Marcus Berg den Zweikämpfen aus dem Weg geht und Heung Min Son noch nicht wieder in Topform ist. Und auch im defensiven Mittelfeld ist die Entscheidung quasi gefallen: „Tomas Rincon ist gesetzt und hat in der Hinrunde schon häufiger mit Gojko Kacar zusammengespielt. Die beiden haben zusammen schon gute Spiele gemacht, deshalb sieht es danach aus.“

Offen ließ Fink jedoch, wer hinten spielen wird. Das musste er allerdings auch, nachdem Dennis Aogo noch immer leicht angeschlagen ist und morgen im Test beim SC Victoria nicht zum Einsatz kommt. „Ich werde im Test Heiko Westermann mal links spielen lassen“, kündigte Fink ein Experiment an. Denn diese Position hatte der HSV-Kapitän zuletzt beim FC Schalke gespielt. Dies allerdings sehr ungern. „Ich habe schon mit Heiko darüber gesprochen. Er ist gesetzt bei mir.“ Doch in der Innenverteidigung? Fink grinst: „Ich geh davon aus, dass Dennis bis Sonntag fit wird und links spielen kann.“

Womit Fink immer noch nicht beantwortet hatte, wer neben Westermann den zweiten Innenverteidiger spielen wird, nachdem Slobodan Rajkovic gegen Stuttgart einen – vorsichtig formuliert: ziemlich gebrauchten Tag erwischt hatte. „Ich werde mir genau ansehen, wie die Jungs das Spiel verkraftet haben und den aufstellen, der sich im Training aufgedrängt hat“, macht Fink auch den zuletzt nur als Reservisten aufgeführten Jeffrey Bruma und Michael Mancienne (Fink: „Er trainiert fast durchgehend gut“) neuen Mut. Zur Entscheidungsfindung sollen auch Einzelgespräche gehören – insbesondere mit Rajkovic, der durchaus als etwas feinfühliger tituliert werden darf.

Klar ist, dass Gökhan Töre am Sonntag noch nicht dabei sein wird. „Er wird garantiert nicht von Beginn an spielen“, sagt Fink, „und wahrscheinlich wird er sogar noch gar nicht dabei sein, sollte nicht noch etwas Schlimmeres passieren und wir noch mehr Ausfälle haben.“ Dennoch, morgen beim Testspiel gegen Victoria soll der Deutsch-Türke das erste Mal seit seiner Knie-OP im Januar wieder eine Halbzeit lang spielen. „Er hat noch keine ganze Woche voll mitgemacht“, erklärt Fink die vorsichtige Heranführung des Linksfußes, „aber er kommt langsam.“

Was bei allem auffällt: der HSV behält seinen Kurs im Blick. Alt geht, jung kommt. Petric bekommt keinen neuen Vertrag, Drobny soll trotz guter Leistung und viel Sympathien ebenso wie der Comebacker David Jarolim für einen jüngeren Spieler ausgetauscht werden. Auch deshalb weilt Sportchef Frank Arnesen seit heute in London. Dort trifft er sich bekanntermaßen mit Chelsea-Präsident Bruce Bock, hat aber „eine ganze Menge Termine vereinbart“, wie er selbst ankündigte. Dazu soll auch ein Termin mit Chelseas Sportchef Michael Emenalo, um über potenzielle Verstärkungen für den HSV zu sprechen. Zuletzt wurde der in Hamburg seit seinem 17. Lebensjahr auf dem Wunschzettel stehende Angreifer Romelu Lukaku hoch gehandelt. Der Stürmer kam bislang erst auf sechs Teileinsätze bei den Blues und soll auf Leihbasis abgebeben werden. Genau das, was Arnesen Chelseas Präsident Bruce Bock bereits vor Monaten erfolglos vorgeschlagen haben soll. „Luku ist eine Entdeckung von meinem Sohn, der ihn als 14-Jährigen gescoutet hat. Romelu ist ein riesiges Talent“, schwärmt Arnesen von dem Mann, der mit dem bummeligen Marktwert von 15 Millionen Euro (Transfermarkt.de) unterwegs ist und der laut seinem Berater „aus ganz Europa Angebote vorliegen“ haben soll.

Und während offiziell ist, dass Arnesen in London den Verbleib von Jeffrey Bruma für ein weiteres Jahr auf Leihbasis erreichen will, soll sich der HSV-Sportchef laut belgischen Zeitungsberichten auch um einen weiteren Chelsea-Youngster für die Verteidigung interessieren: Tomas Kalas (http://www.transfermarkt.de/de/tomas-kalas/profil/spieler_148657.html). Wie Lukaku ist auch der 18-jährige Tscheche eine Entdeckung von Arnesens Sohn Sebastian. Momentan spielt der 1,84-Meter-Mann bei Vitesse Arnheim – ist allerdings vom FC Chelsea nur bis Saisonende ausgeliehen.

Auffällig: beide genannten Spieler sind noch sehr jung. Und obwohl ich mich gern als Freund der Talentförderung oute, fehlen mir zwei, drei Führungsspieler. Noch ist zwar Zeit, aber etwas beunruhigt bin ich schon. „Ich nicht“, kontert Fink, „klar ist, dass wir mit Westermann und auch Aogo schon Führungsspieler haben. Aber klar ist auch, dass wir die Saison nicht mit 20 20-Jährigen angehen werden. Es wird auch in die Richtung Erfahrung noch was passieren.“

Zu der Kategorie ist Maxi Beister sicher nicht zu zählen. Am späten Montagabend habe ich mit Maxi telefoniert und ihm zwischen Tür und Angel in einem wirklich sehr netten Gespräch – seine Freude und Erleichterung ist durchaus spürbar – ein paar wenige Fragen stellen können. Das Ergebnis stelle ich Euch, obwohl auch der HSV natürlich ein Interview unter www.hsv.de online hat, hiermit ans Ende des Blogs.

Matz Ab: Maxi, es hat nun doch etwas länger gedauert, bis Du Deinen Vertrag unterschrieben hast. Was genau hat so lang gedauert?
Maximilian Beister: „Eigentlich nichts. Es waren immer sehr positive und ehrliche Gespräche mit dem HSV. Und für stand von Anfang an fest, dass ich zum HSV zurückgehen möchte.“

Matz Ab: Du hattest dem Vernehmen nach etliche Angebote vorliegen. Darunter auch Vereine, die Dir die Champions League oder zumindest das internationale Geschäft bieten konnten. Weshalb hast Du Dich gegen die und für den HSV entschieden?
Beister: „Es stimmt, andere Angebote gab es. Aber ich bin mir sicher, den richtigen Schritt zu gehen. Es ist der richtige Moment für mich, die Zeit bei der Fortuna hat mir sehr gut getan. Das Leihgeschäft war absolut das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte die Chance mich langsam zu entwickeln – jetzt will ich mich zeigen. Der HSV, zu dem ich in all der Zeit immer einen sehr guten Kontakt hatte, hat sich sehr um mich bemüht. Und der Umbruch beim HSV ist ein guter Moment für mich als junger Spieler. Fink setzt verstärkt auf junge Leute und gibt ihnen die Chance, sich zu zeigen. Das war für mich auch einer der Hauptgründe, zum HSV zu gehen und hier Erfolge zu feiern.“

Matz Ab: Obwohl Du noch keine großen Erfahrungen in der Ersten Liga sammeln konntest, wirst Du in Hamburg schon als eine Art Hoffnungsträger gesehen. Ist die Erwartungshaltung zu hoch?
Beister: „Nein, es belastet mich nicht besonders, was die Leute erwarten. Wenn man in der Ersten Liga spielen will, muss man immer mit Druck leben. Zumindest mit dem von außen. Ich selbst werde mir keinen Druck machen, weil ich weiß, dass ich noch etwas Zeit brauche. Und ich weiß, dass der HSV sie mir geben wird.“

Matz Ab: Und wenn es mal nicht so läuft, hast Du endlich wieder Deine Familie quasi um die Ecke lebend…
Beister: „Meine Familie lebt in Lüneburg, und es ist schön, wieder in ihrer Nähe zu sein. Aber ich bin seit meinem 14. Lebensjahr in Hamburg gewesen. Hamburg ist meine Heimat und ich will wieder für meinen Heimatverein spielen.“

In eine WG mit Tolgay Arslan, wie früher schon mal, wirst Du wahrscheinlich nicht mehr ziehen. Inwieweit hat Dich Tolgay zum Wechsel nach Hamburg animiert?
Beister: „Mit Tolgay habe ich einige Male telefoniert. Er hat mir immer davon berichtet, wie in Hamburg gearbeitet wird. Und obwohl er eine schwierige Zeit hatte, hat er mir immer wieder unbedingt dazu geraten, nach Hamburg zu gehen.“

Matz Ab: Jetzt hast Du Deinen ersten richtig großen Vertrag unterschrieben und Dein Konto weist schon bald das vermutlich erste Mal eine siebenstellige Summe Plus auf. Wie wichtig ist Dir diese finanzielle Absicherung? Kribbelt es in Dir, wenn Du Dir darüber Gedanken machst, plötzlich „reich“ zu sein?
Beister: „Die Frage wird mir oft gestellt. Aber ganz ehrlich, das Geld ist mir im Moment tatsächlich egal, das stand nie im Vordergrund. Für mich zählt die sportliche Entwicklung. Alles andere steht und stand für mich nie zur Debatte. Wirklich nicht. Ich bin von mir überzeugt genug, um zu wissen, dass ich noch einige Jahre Gelegenheit habe, mit guten Leistungen auch entsprechend zu verdienen. Aber wie der Satz es schon zeigt: erst die guten Leistungen, dann der Rest. Und jetzt bin ich einfach erst einmal nur froh, wieder in der Heimat zu sein. Ich bin wieder da.“

In diesem Sinne, ich freue mich auf und über Beister ebenso sehr wie auf den Anblick, wenn Dieter im Prinzessinnen-Kleidchen zur Arbeit erscheinen muss.

Bis morgen! Da wird übrigens um 10 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle (19.13 Uhr)