Monatsarchiv für Februar 2012

Mönchengladbach – das neue Vorbild

22. Februar 2012

„Wenn Jaro noch irgendwelche Probleme hat, spielt Gojko“, hatte Trainer Thorsten Fink vor dem Nachmittagstraining angekündigt. Ansonsten gab es keine großen Befürchtungen, dass ein Spieler passen müsste. Zumindest nicht, bis Jaroslav Drobny nach zehn Minuten Training wortlos den Platz verließ und gen Kabine stapfte. „I don’t talk to the press“, waren die einzigen Worte des grummelig schauenden Keepers bei dessen Abgang. Nun war es nichts Neues, dass er nicht mit uns Pressleuten sprechen will – aber ein wenig bange wurde mir dann trotzdem. Schließlich hatte ich am Montag das Testspiel gegen Kopenhagen gesehen und dabei feststellen müssen, dass der momentane Ersatztorwart Sven Neuhaus (Tom Mickel fehlt wegen Hand-OP) sicher noch kein annähernd adäquater Ersatz wäre. Und plötzlich rückt er in die Startelf. Ausgerechnet beim Top-Spiel in Mönchengladbach? Oha…

Aber, um fair zu bleiben, Neuhaus kann kein adäquater Ersatz sein. Wie auch? Dem Ersatzkeeper fehlt es bei gerade drei Einsätzen für die U23 an Spielpraxis – ganz klar. Und eben genau so deutlich zu sehen. Denn Neuhaus ließ Bälle fallen, spielte Fehlpässe und brachte seine Teamkameraden mit kurzen Abwürfen und Abschlägen immer wieder in Bedrängnis. „Sven wird auf jeden Fall auf der Bank sitzen“, stellte sich Trainer Thorsten Fink nach dem Training demonstrativ hinter Neuhaus und gab damit Entwarnung. „Dass Drobo so früh reingeht, war mit dem Torwarttrainer abgesprochen. Er wird in Gladbach spielen können.“ Trotz Kniereizung.

Klar ist aber auch, dass der HSV auf der Torwartposition Nachholbedarf hat. Eine gute Nummer eins und zwei Ersatzleute, die ihre Bundesligatauglichkeit nur bedingt (Mickel) oder gar nicht (Neuhaus) unter Beweis stellen konnten. Es herrscht ein Bedarf, der mit Leverkusens aussortiertem Torwart Rene Adler gedeckt werden könnte. Dass der ehemalige Nationalkeeper beim HSV hoch im Kurs steht, ist seit Monaten bekannt. Heute hieß es dann bei meinen zumeist sehr gut informierten Kollegen von der „Bild“, dass es plötzlich ganz schnell gehen könnte. Ich setzte nach und versuchte mein Glück beim HSV. Zunächst hieß es nur, es gebe nichts Neues. Auch im Aufsichtsrat war niemand beunruhigt, niemand in Alarmbereitschaft. Allerdings müssen die Kontrolleure auch erst acht Stunden vor einer möglichen Unterschrift informiert werden. Dennoch wurde mir gesagt, dass die Geschichte eher aus dem Leverkusener Raum lanciert sei. Allerdings, und das sagte niemand geringeres als der Sportchef Frank Arnesen meinem Kollegen Kai Schiller, könnte es tatsächlich schnell gehen. „Innerhalb der nächsten Woche kann es eine Entscheidung geben – innerhalb der nächsten Wochen wird es eine Entscheidung geben.“ So oder so.

Ich kann nur hoffen, dass sich Drobny von dieser Diskussion nicht beeinflussen lässt. Bislang konnte mich der Tscheche nach einer kurzen Schwächephase zu Saisonbeginn komplett überzeugen. Mehr noch, ich finde, Drobny ist zusammen mit Heiko Westermann der vielleicht konstanteste Spieler beim HSV. Selbst mit seiner Konsequenz, nicht mit uns Presseleuten zu sprechen, komme ich irgendwie klar. Er ist vielleicht etwas sensibler als sein Kollegen und diesem Fall nicht besonders professionell – aber menschlich ist seine Reaktion für mich nachvollziehbar. Immerhin hat Drobny am Anfang mächtig Kritik einstecken müssen. Teilweise wurde ihm sogar die Bundesligatauglichkeit abgesprochen. Dass er sich von den selben Leuten nicht feiern lassen will – absolut okay. Er weiß nur zu gut, dass es auch mal wieder schlechter werden kann.

Aber damit darf er sich noch Zeit lassen. Zumindest so lange, bis der HSV adäquaten Ersatz hat. Ob das ein Rene Adler ist? Wenn der 27-Jährige wieder richtig gesund wird und fit ist, bestimmt. Das hat Adler sowohl in Leverkusen als auch in der Nationalmannschaft bewiesen. Aber braucht der HSV neben Drobny eine zweite Nummer eins? Oder wird gar ohne Drobny geplant? Immerhin steht es so gut wie fest, dass zur neuen Serie mindestens ein junger deutscher und talentierter Keeper verpflichtet wird. Wenn nicht Adler, stünde zudem mit Kaiserslauterns Kevin Trapp ein zweiter Kandidat bereit, mit dem der HSV schon gesprochen hat. Und auch der hätte den Anspruch, wie bei seinem alten Klub als Nummer eins zu spielen.

Aber okay, zurück zur Hoffnung. Zu der Hoffnung, dass Drobny weiterhin so cool und unberührt mit der Diskussion um seine Person umgeht wie bisher. Denn nach einem etwas schwächeren Spiel gegen Bremen soll in Mönchengladbach wieder die Null stehen. Ausgerechnet bei dem Klub, über dessen gnadenlose Effektivität im Angriff derzeit bundesweit lobend gesprochen wird. Dennoch glaubt Fink an die von ihm immer wieder geforderte Dominanz seiner Mannschaft auch in Gladbach – und warnt zugleich: „Die Gladbacher haben eine Mannschaft, die sicherlich nicht unbedingt viel Ballbesitz hat, dafür aber enorm gefährlich ist bei Kontern. Sie stehen sehr kompakt und schalten blitzschnell um.“ Gut für den HSV: Mit Patrick Herrmann fällt ein wichtiger Baustein der Gladbacher Offensive aus. Für den 21-Jährigen rückt Shootingstar Marco Reus auf die rechte Seite. „Aber sie werden deswegen nicht ihr System umstellen“, warnt Fink, „sie haben spielerisch alle Facetten parat.“

Dennoch geht Fink auch in Gladbach von mehr Ballbesitz für seine Mannschaft aus. Wie zuletzt fast immer. Mit dem Unterschied, dass sich die Mannschaft diesmal nicht auskontern lassen will wie gegen Bremen. „Wir haben schlecht umgeschaltet“, sagt Abwehrchef Heiko Westermann, der heute nicht für das Länderspiel gegen Frankreich nominiert wurde. Ob er enttäuscht ist? „Natürlich ist man ein wenig enttäuscht“, so Westermann, der sich in der vergangenen Woche mit dem Bundestrainer unterhalten hatte. Dabei hatte ihm Joachim „Jogi“ Löw eröffnet, dass er sich durchaus noch berechtigt Hoffnungen auf eine Nominierung für die EM im Sommer machen dürfe. „Mir stehen die Türen offen, es liegt an mir“, so Westermann heute sichtlich enttäuscht. Auch er dürfte wissen, dass sich seine Chancen mit der Nichtnominierung auch nicht verbessert haben dürften.

Das wiederum kann der sympathische Mannschaftskapitän selbst am besten ändern. Mit weiterhin guten Leistungen. So ein Klops wie der Zusammenprall mit Slobodan Rajkovic wird ihm sicher nicht noch mal passieren. Drei Minuten habe es gedauert, da sei der Lapsus besprochen gewesen, sagte uns Westermann heute. „Wir haben einfach nicht miteinander gesprochen“, so Westermann, der auch in Gladbach mit Rajkovic die Innenverteidigung bilden wird, wie Fink verriet. Der Trainer plant insgesamt keine Umstellungen. „Die Mannschaft hat in den letzten Wochen nicht schlecht gespielt“, so Fink. „Wir müssen nur die individuellen Fehler abstellen und uns besser positionieren.“ Er würde genau die Ruhe bewahren, die Gladbach zum heutigen Erfolg geführt habe: „Wenn man die Entwicklung von Mönchengladbach sieht, zeigt das, dass es sich lohnt, wenn man ruhig bleibt. Wenn man die Mannschaft hat, die mitzieht, kann man was erreichen.“ Und genau eine solche Mannschaft habe er.

Dabei ist Mönchengladbach tatsächlich und ähnlich wie Borussia Dortmund ein sehr gutes Beispiel für den HSV. Denn auch die Gladbacher waren vor dem letzten Trainerwechsel Tabellenletzter. Das allerdings in einer vergleichsweise aussichtslosen Position. „Mich wundert der sensationelle Saisonverlauf der Gladbacher nicht wirklich“, hatte mit Ex-HSV-Coach Armin Veh vor kurzem gesagt. Und er hatte es auch gleich argumentiert. „Gladbach war, wenn man nur die Rückrunde gewertet hätte, Siebter – Tendenz steigend. Sie haben in der Rückrunde ganz stark gespielt und ihren Weg vom abgeschlagenen Tabellenletzten einfach konsequent und konstant fortgesetzt. Bis heute.“

Stimmt. Sollte dem HSV eine Fortsetzung der eigenen Auswärtsserie – seit dem fünften Spieltag in der Liga ohne Niederlage – gelingen, würde sich Fink seinem erklärten Ziel, den Top Ten, deutlich nähern. Und sollte er darüber hinaus sogar am Ende den siebten Tabellenplatz schaffen, wen stört es? Dann würde der HSV aller Wahrscheinlichkeit nach international dabei sein und hätte genau den Startplatz der Borussen. Und was daraus in der kommenden Serie werden könnte, haben Lucien Favre und Co. ja demonstriert.

In diesem Sinne, Träumen bleibt erlaubt – realistisch sein ist aber nach zuletzt immer wieder geplatzten Träumen angesagter. Deshalb zählt erst einmal nur das Spiel bei der Borussia. Und die drei Punkte dort. Mit Drobny -und ohne Adler. Mit weiterhin 14 fehlenden Punkten, um den Abstieg sicher zu vermeiden. Und mit David Jarolim, der wegen seiner Rückenprobleme bislang zwar passen musste, heute aber problemlos mittrainieren konnte. „Wenn nichts Schlimmeres passiert, kann ich spielen“, sagte der Tscheche heute und bietet seinem Trainer somit die Möglichkeit, seine Mannschaft zwei Spielen in Folge identisch aufzustellen. Das hatten wir auch lange nicht mehr. Mal sehen, was es bringt…

Bis morgen!

Scholle (18.53 Uhr)

Arslan: “Von nichts kommt nichts”

21. Februar 2012

Bevor ich zum heutigen HSV-Tag komme:
Hiermit entschuldige ich mich für die Falschmeldung mit den in Benzin getränkten Fahnen, die zwei HSV-Fans vor dem Werder-Spiel in der Arena versteckt haben sollten. Das stimmt nicht. Ein netter Kollege hatte dies von der Polizei aufgeschnappt, wir sollten – auch ich – gegen Nennung seiner Redaktion darüber berichten, ich hielt mich nicht daran – und stehe nun dumm da. Zumal es auch am Montag noch über die Agentur verbreitet worden war. Deshalb nahm ich das als verbrieft an – sorry, mein Fehler, es tut mir ehrlich leid. Diese beiden Fahnen sollen nicht mit Benzin in Berührung gekommen sein, sondern mit Verdünner. Genau das stank und löste den „Benzin-Alarm“ aus. Da ich nicht dabei war, habe ich dem Kollegen und der Agentur vertraut, das war mein Fehler – Entschuldigung. Und ich hoffe, dass diese Entschuldigung ausreichen wird, sie ist ehrlich gemeint.

Zum Sportlichen. Ungemütlich war es auch an diesem Dienstag im Volkspark, denn Schnee, Regen, Kälte und der pfiffige Wind sorgten für ein wenig „widrige Verhältnisse“ beim Vormittagstraining. Noch immer ohne Gökhan Töre – leider. Und ich gebe zu, dass ich nach einer Stunde die Nase voll von diesem neuerlichen Winter hatte. Auch deshalb, um Tolgay Arslan im Stadion nicht zu verpassen. Der Mittelfeldspieler stand uns heute zur Verfügung – und ich muss sagen, dass er auf mich einen richtig tollen Eindruck gemacht hat. Vor zwei Jahren war der aus Dortmund zum HSV gekommene Profi noch ein wenig verschlossen, aber heute saß ein junger, selbstbewusster Mann vor uns. Das hat mir gewaltig imponiert. Und auch deshalb glaube ich, dass wir alle von Arslan noch in dieser Saison einige gute Sachen sehen und hören werden.

Am Montag, im Testspiel gegen Kopenhagen (2:3), war der 21-Jährige der beste Mann auf dem Platz, schon bei seinem Kurz-Einsatz gegen Werder Bremen kassierte er viel Lob. Es läuft gut für ihn – endlich. Ein halbes Jahr lag Arslan auf Eis, nach einem üblen Tritt des Wolfsburgers Dejagah. „Jetzt bin ich nur froh, dass ich wieder spielen kann, ich habe mich über die 90 Minuten gegen Kopenhagen gefreut, da war es auch egal, wie dieses Spiel endete. Ich habe fast keine Schmerzen mehr gespürt“, sagt Arslan. Fast? Wieso fast? Tolgay Arslan: „Na ja, ein bisschen spüre ich immer noch, das wird wohl auch noch einige Zeit dauern – und ein bisschen spielt auch der Kopf dabei ein Rolle. Wenn man so lange verletzt war wie ich, dann ist das nicht so schnell abgehakt.“

Der HSV ist um eine Vertragsverlängerung mit seinem Talent bemüht, und eigentlich sollte diesem Bemühen nichts entgegenstehen: „Ich habe gut gearbeitet, komme gut rüber, zolle dem Verein auch Respekt – deswegen will man wohl mit mir verlängern. Und ich fühle mich jetzt viel weiter als noch vor zwei Jahren, da war ich noch nicht so weit wie jetzt, ich fühle mich wohl in der Mannschaft, bin auch angekommen und fühle mich akzeptiert, ich bin glücklich beim HSV – klar ist es mein Wunsch, hier zu verlängern.“

Blickt er im Zorn zurück auf Dejagah, der ihm ja ein halbes Jahr als Profi-Fußballer „weggetreten“ hat? Tolgay Arslan: „Ich denke nichts Schlechtes über ihn. Das ist halt passiert, so ist Fußball. Kann sein, dass es unnötig war, aber ich habe es abgehakt. Ich gucke jetzt nur noch nach vorne und stehe darüber.“ Zu Saisonbeginn hatte der HSV Arslan aus Aachen zurück nach Hamburg geholt, beim Zweitliga-Klub Alemannia hätten sie ihn gerne behalten, sie weinen ihm heute noch Tränen nach. Wäre er auch gerne in Aachen geblieben? Er sagt: „Daran denke ich nicht mehr. Wenn ich fít gewesen wäre, dann hätte ich sicherlich auch beim HSV meine Einsätze gehabt, denn ich bin ja gut in die Saison gekommen. Arslan hat die Ernsthaftigkeit des Profi-Lebens längst erkannt, er bedient sich eines Mental-Trainers und eines Fitnesscoaches. Der HSV-Spieler hat auch während der Sommerpause jeden Tag für sich (mit dem Fitnesscoach aus seiner Heimatstadt Paderborn) trainiert. Auch das imponiert mir gewaltig – der Mann hat es erkannt, dass man einiges und viel tun muss, um oben dran zu bleiben. Hut ab! Vornehmlich wurde an der Schnelligkeit und an der Spritzigkeit gearbeitet. Wenn doch viele, viele junge Profis mehr erkennen würden, dass sie auch selbst viel für sich tun können – statt sich nur und ausschließlich auf das Training im eigenen Verein zu verlassen.

Jetzt hofft Tolgay Arslan darauf, dass der HSV eine Siegsserie starten kann, um sich „endgültig von unten abzusetzen“, und für sich hofft er darauf, dass er Schritt für Schritt in die Mannschaft kommt: „Ich hoffe, dass ich in Mönchengladbach zum Kader gehören werde – und danke dem Trainer jetzt schon mal für das Vertrauen, das er mir geschenkt hat. Das ist für mich ganz wichtig, dass man das Vertrauen hat, dass man ein positives Signal vom Trainer bekommt, und das bekomme ich hier. Er ist in einer noch jungen Karriere der beste Trainer, den ich hatte, ich sehe, dass er mich voranbringen kann, und ich kann vielleicht auch bald die Mannschaft voranbringen. Mein Ziel ist es, auf Dauer Stammspieler zu werden – klar, sonst wäre ich nicht zum HSV zurückgekommen.“

Und auf welcher Position sieht er sich in der Mannschaft? Er sagt: „Ich bin da ganz flexibel, aber meine Lieblingsposition wäre hinter der Spitze zu spielen. Aber ich kann auch außen spielen, und ich bin ja auch zuletzt auf der Sechs ins Team gekommen – das war auch ganz okay.“ Ganz klar, Arslan ist reifer geworden, selbstbewusster – und er weiß, was von ihm verlangt wird, er weiß aber auch genau, was er will: „Ich hoffe, dass ich hier eines Tages eine große Rolle spielen werde, dass ich dann auch Führungsqualitäten habe, aber das geht nur über harte Arbeit. Und so muss ich auch weitermachen – von nichts kommt nichts.“ Und er ist ehrgeizig: „Ich bin ein Typ mit Emotionen, ich kann nicht verlieren. Ich will jedes Spiel gewinnen, egal ob im Training oder auf Playstation. Ich will gewinnen, und dafür gebe ich immer alles. Man kann sich auf dem Platz auch mal beleidigen, aber das muss nach dem Spiel vergessen sein – die Hauptsache sind die drei Punkte. Ich hasse es, zu verlieren.“

Das geht wohl vielen HSV-Profis – und nicht nur ihnen – so. Aber was wird es am Freitag geben, wenn der HSV in Mönchengladbach auf die Borussia trifft? Eine Hamburger Niederlage wäre wohl normal. Das sieht der ehemalige Gladbacher Marcell Jansen ähnlich: „Die Borussia hat einen sensationellen Lauf. Was auch an Trainer Lucien Favre liegt, dessen Konzept und Vorstellungen vom Fußball großartig und auch sensationell von der Mannschaft umgesetzt werden.“ Dann erklärt Jansen: „Fußball ist ja ein relativ einfacher Sport: Wenn alle im Team mit zurück arbeiten, wenn alle versuchen, den Erfolg der Mannschaft in den Vordergrund zu stellen, dann wir man auch Erfolg haben. Das hat Dortmund in den letzten Jahren hervorragend vorgemacht, dass hat Gladbach mit dieser Mannschaft, die im vergangenen Jahr fast abgestiegen wäre, nun ebenfalls super übernommen. So muss man Fußball spielen, um Erfolg zu haben, und dann braucht man natürlich auch etwas Glück dazu – und das hat Gladbach jetzt, hat es sich auch hart erarbeitet.“

Wobei Jansen auch noch hinzufügt: „Für mich ist es heute noch unbegreiflich, es auch immer sein wird, das ist die Tatsache, dass die Borussia 2011 nicht abgestiegen ist. Das ist Wahnsinn. Es war doch schon vorbei, die Mannschaft war abgeschlagen Tabellenletzter und für mich eigentlich schon abgestiegen. Und es ist für mich ein Kunstwerk, das der Trainer dann geschaffen hat, dass er mit diesem Team nicht abgestiegen ist. Das ist eine hervorragende Arbeit des Trainers, die jetzt mit der Spitzenposition belohnt wird.“

Zur Verletztenlage des HSV: David Jarolim hat „Rücken“, hat heute das Training ziemlich früh abgebrochen. Der Tscheche aber soll morgen schon wieder (um 15 Uhr im Volkspark) mit der Mannschaft am Start sein. Ebenso wie Jaroslav Drobny, der heute wegen kleinerer Knie-Beschwerden pausierte. Deshalb wurden heute zwei Nachwuchstorhüter von Torwarttrainer Ronny Teuber hart rangenommen: Florian Stritzel (18) und Tino Dehmelt (20). Der zurzeit zweite Mann, Sven Neuhaus, lief (wegen des Testspiels am Vortag gegen Kopenhagen) mit der gesamten B-Vertretung aus, ging nach 35 Minuten in die Kabine. Apropos: Neuhaus sah gegen die Dänen nicht besonders gut aus, müsste aber zwischen die Pfosten, falls Drobny einmal ausfallen sollte – weil Tom Mickel ja bekanntlich noch viele Wochen ausfallen wird. Was mich gerade beschleicht: Möge der Fußball-Gott verhindern, dass Drobny einmal nicht spielen kann, denn Neuhaus fehlt sämtliche Spielpraxis, es müsste in meinen Augen schon ein Wunder geschehen, wenn er – im Notfall – zwischen die Pfosten müsste – und trotz allem geht alles gut. Kann (dann) eigentlich nicht – nach dieser unsicheren Vorstellung gegen Kopenhagen.

Und noch einmal Kopenhagen: Marcus Berg mischte ja wieder mit, war aber von Bestform noch meilenweit entfernt. Und wird es wohl auch noch in den nächsten Tagen (und Wochen?) bleiben. Da fehlt zu viel, der Schwede meidet das körperliche Spiel, geht den ganz harten Zweikämpfen aus dem Weg – er wird noch tüchtig trainieren müssen, um ganz den Anschluss an die Kollegen zu schaffen.

Und noch ein Thema bewegt ja in diesen Tagen (viele Fans – auch hier): Dennis Aogo und die Standards. Ich gebe ja zu, dass der Nationalspieler zuletzt keinen besonders glücklichen Fuß bei seinen Schüssen und Flanken hatte, aber muss ein HSV-Fan dann einen HSV-Spieler, der noch dazu aktueller Nationalspieler ist (!) wirklich so hart kritisieren? Mir tut es weh, wenn ich so manchen Beitrag hier lese, dass hat nämlich kein HSV-Spieler (von einem HSV-Fan) verdient. Thorsten Fink wird schon wissen, was er in Sachen Standards unternehmen muss, damit es wieder besser wird. Deshalb bitte ich um Vertrauen, dass der Trainer diese Sache auch anpacken wird. Wenn ich meinen Senf noch kurz dazu geben darf: Ich finde es immer wieder befremdlich, wenn sich zwei oder drei Spieler „streiten“, bevor der Freistoß ausgeführt wird. Das verunsichert jeden Schützen, er wird dadurch nur noch zusätzlich unter Druck gesetzt. Deshalb sollte es – in den meisten Fällen – klare Ansagen geben, wer von wo aus welcher Position schießen sollte. Alles andere – so empfinde ich das – ist amateurhaft.

Wobei ich kurz bei mir gelandet bin (Verzeihung!), denn am 18. September 1965 durfte ich zum ersten Mal im Volksparkstadion spielen. Punktspiel der Jungmannen von BU gegen den HSV. Das Hauptspiel sahen später 49 000 Zuschauer, es ging gegen – na, wen? Klar, Mönchengladbach. Die Borussia war Aufsteiger damals, mit Spielern wie Berti Vogts, Herbert Laumen, Jupp Heynckes, Bernd Rupp, „Amigo“ Elfert und Günter Netzer. Der HSV gewann nach Toren von Bernd Dörfel, Manfred Pohlschmidt, Peter Wulf, Uwe Seeler und Holger Dieckmann mit 5:0. Diesmal würde mir schon ein 1:0-Sieg des HSV genügen . . .
Übrigens verloren wir damals mit BU 2:4 – und ich traf dabei gleich zweimal. Einmal ins eigene Tor, dann verwandelte ich einen Elfmeter. Für alle diejenigen, die sich nun mit „freuen“ (wegen des Eigentores): Wir wurden mit BU am Saisonende in der ersten Hamburger Klasse (mit HSV, St. Pauli, Altona 93, Concordia, Paloma, und, und, und) dennoch Staffelmeister. Auch weil wir den HSV im Rückspiel (in Ochsenzoll) 3:2 besiegen konnten – unter den Augen von Uwe Seeler. Das aber nur am Rande.

18.25 Uhr

HSV-B verliert gegen Kopenhagen 2:3

20. Februar 2012

Das Werder-Spiel gehört der Vergangenheit an, dieses 1:3 ist abgehakt: „Das muss doch ganz schnell gehen, denn das nächste Spiel steht ja bereits am Freitag auf dem Plan. Deswegen können wir uns mit der Niederlage doch nicht mehr so lange beschäftigen. Wir haben das per Video aufgearbeitet, und nun blicken wir der Partie gegen Mönchengladbach entgegen“, sagte Thorsten Fink am Mittag. Stunden später gab es aber zunächst das Testspiel gegen den FC Kopenhagen. Das heißt: Die Spieler, die gegen Werder spielten, die gingen auf einen 45-Minuten-Lauf im Volkspark (Fink: „Ein guter Lauf ist gesund“), zuvor wurde von allen im Kraftraum gearbeitet. Bis auf Mladen Petric, der einen Bluterguss im Oberschenkel hat und deshalb pausierte. Und die Reservisten durften dafür dann gegen die Dänen ran, verloren diese Partie aber mit 2:3.

Die B-Elf begann mit Neuhaus, Skjelbred, Bruma, Mancienne Sternberg; Tesche, Kacar; Son, Ilicevic; Arslan; Berg.
Kopenhagen ging in der 13. Minute in Führung. Vorausgegangen war ein kapitaler „Bock“ von Torwart Sven Neuhaus, der Jeffrey Bruma den Ball zentral 22 Meter vor dem Tor zu spielte, obwohl drei Dänen um den Niederländer herum standen. Prompt passierte das, was auch passieren musste – Bruma verlor die Kugel, einmal hielt Neuhaus noch, dann traf Pape Diouf.

Der HSV tat sich schwer, ins Spiel zu kommen, die Dänen waren in den ersten 25 Minuten besser, aber dann. Die erste Hamburger Chance hatte Ivo Ilicevic, der halbrechts allein auf das Tor zu, doch Torwart Christensen konnte abwehren. Vielleicht wäre ein kurzer Querpass zum mitgelaufenen Son angebrachter gewesen, als es allein zu versuchen – aber vorher hatte es eine solche Szene schon einmal umgekehrt gegeben, als Son eigensinnig schoss.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Nach einem Ilicevic-Freistoß (halbrechts, 30 Meter) kam Bruma frei zum Kopfball, traf die Kugel aber nicht richtig, sodass Christensen halten konnte (29.). Bei der folgenden Ecke kam Michael Mancienne zum Kopfball, wieder gehalten. Und 60 Sekunden später hieß es dann 1:1. Eckstoß Tolgay Arslan, Kopfball Gojko Kacar (war vor Christensen am Ball), der Ausgleich.

Marcus Berg hatte – nach einem sehr guten Pass von Robert Tesche – in der 36. Minute das 2:1 auf dem linken Fuß, schoss aber zu hoch; Eckstoß, weil Christensen noch eine Hand dran hatte. Der Ball hätte aber ohnehin nicht den Weg ins Tor gefunden. Kurz vor der Pause vergab Son nach einem sehenswerten Doppelpass mit Berg das 2:1, allein vor dem FCK-Tor blieb wieder Christensen der Sieger (42.). Zu lässig verschenkt.

Aus der Pause kamen wieder die Dänen etwas besser, aber die erste große Tormöglichkeit hatte der HSV: Ilicevic schickte Arslan, der umkurvte Torwart Christensen, traf aber nur das Außennetz. Trotz allem gab es großen (und verdienten) Beifall der (von mir geschätzt) 300 Zuschauern (54.).

In der 61. Minute gab es zwei Auswechslungen beim HSV: Kacar und Ilicevic, es kamen Zhi Gin Lam und Muhamed Besic. Letzterer ging auf die rechte Außenposition der Viererkette, die nach dem Seitenwechsel Tesche eingenommen hatte – Skjelbred ging dafür auf die Sechs. Letzter Wechsel beim HSV in der 79. Minute: Kevin Ingreso kam für Sternberg.

Für Besic begann das Spiel bravourös, denn auf Zuspiel von Janek Sternberg kurvte Besic fünf Meter vor dem FCK-Strafraum von rechts zur Mitte (wie weiland Helmut Rahn), es folgte ein Linksschuss – der in den Winkel flog. Um es mit Oskar Klose (eine ehemaliger und großer Radio-Reporter) zu sagen: „Das war ja ein Ball, den Christensen in seiner Gefährlichkeit ein wenig unterschätzt hatte . . .“ Der Keeper griff, griff und griff, so als wolle er Schmetterlinge fangen – Tor. Trotz allem: ein sehr schönes Tor.

2:1 für den HSV in der 64. Minute, doch vier Minuten später stand es auch schon 2:2. Kopenhagens Nordstrand (heißt tatsächlich so) hatte knallhart getroffen.

Auffällig beim HSV: Tolgay Arslan, der sich zeigen wollte (und es auch tat), dann auch Michale Mancienne, der kaum einen Fehler beging. Dazu hatten Gojko Kacar und Ivo Ilicevic einige gute Szenen mehr als andere Kollegen. Ab und an blitzte auch bei Heung Min Son etwas auf, aber er kann trotz allem mehr.

Sven Neuhaus im Tor sah nicht immer souverän aus, aber eines muss auch noch hinzu gefügt werden: mit dem Fuß ist er manchmal zu lässig. Wenn er seinen gedeckten Vorderleuten den Ball in die Füße spielte, brachte er sie mitunter arg in Bedrängnis. Muss ja nicht sein . . . Am 2:3 in der 81. Minute, wiederum von Nordstrand erzielt, war Neuhaus allerdings schuld- und machtlos.

Für Schiedsrichter-Fans sei am Rande gesagt: Das Spiel wurde von Harm Osmers geleitet. Der junge Mann ist nicht verwandt oder verschwägert mit dem früheren Bremer Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers (erinnert Euch an das Helmer-Phantom-Tor bei Bayern gegen Nürnberg), Harm Osmers trägt rein zufällig diesen Namen – und kommt aus Hannover.

Zurück zur ersten Mannschaft und damit zur Bundesliga-Saison.

Der HSV auf dem Weg zur grauen Maus? Viele haben anscheinend Angst davor, dass der HSV nur noch „austrudeln“ lässt . . . Weil es weder groß nach oben noch groß nach unten geht. Thorasten Fink aber sieht das etwas anders: „Ich sehe das anders, denn nach unten geht ja immer was. Wenn man nun verliert, dann steht man zu Hause gleich wieder unter Druck. Wir haben auch vor dem Bremen-Spiel schon gesagt, dass wir unten noch nicht ganz raus sind. Wir haben uns mal etwas Luft verschafft, aber wir wollen unter die Top Ten, und da sind wir noch nicht. Von daher haben wir noch große Ziele in den nächsten Wochen, ich auf jeden Fall mit der Mannschaft, denn sie hat das Potenzial, um noch weiter nach oben zu kommen.“

Dann rudert Thorsten Fink noch ein wenig zurück: „Das darf auch nicht so falsch rüberkommen, wenn ich mal sage, dass wir noch nicht reif für Europa sind. Ich sage mal, dass meine Mannschaft dazu nicht zu schlecht ist, nur müssen wir alles noch weiter einspielen. Solche Ziele anzupeilen geht nur, wenn man eingespielt ist, wenn man sicher ist, wenn man auch dann, wenn man zurück liegt, seine spielerische Linie durchzieht. Da braucht man gefestigte Leute, und das geht auch nur, wenn man lange mit den Leuten gearbeitet hat – oder es kann. Die Leute müssen vertrauen in das System haben, und das geht nicht innerhalb von ein paar Wochen. Die Mannschaft hat aber schon das Potenzial, höher zu spielen als jetzt. Es gibt aber immer wieder Kleinigkeiten zu verbessern, und daran werden wir arbeiten.“

Das beste Beispiel für Fink ist der kommende Bundesliga-Gegner. Borussia Mönchengladbach spielte in der vergangenen Saison gegen den Abstieg, steht nun aber vor dem Einzug in die Champions League. Fink: „Daran sieht man, dass sich alles erst entwickeln muss.“ Und: „Die Gladbacher spielen schnell, spielen immer schnell nach vorne, sind konterstark, können aber auch vorne das Spiel machen. Sie können defensiv gut spielen, die Spieler passen alle sehr gut zueinander, das Team hat einen guten Charakter. Und das reicht dann schon oft aus, vorne mit zu spielen, denn andere Mannschaften, die man vorne erwartet haben, schwächeln eben das eine oder andere Mal.“

Dass der HSV aber in Mönchengladbach „etwas holen“ kann oder auch wird, damit ist im Moment ja wohl nicht zu rechnen, denn erstens Ist die Borussia vom Kaliber her mit Dortmund, Bayern und auch ein wenig mit Bremen anzusiedeln, außerdem hat der Tabellenzweite derzeit ja einen sensationellen Lauf. Trotzdem denkt Thorsten Fink ein wenig anders über die kommende Partie: „Wir haben in Gladbach nichts zu verlieren, können da befreit aufspielen – wer rechnet schon damit, dass wir dort gewinnen? Das aber könnte unser Vorteil sein, wir können dort frech aufspielen, und wer weiß, was dann für uns dabei herausspringt? Wir haben ja, nur weil wir nun ein Spiel verloren haben, nicht unser Selbstvertrauen eingebüßt. Wir hatten davor doch dreimal super gespielt und schon Konstanz gehabt – das war ja schon ganz gut.“

16.59 Uhr

Nachbetrachtung zum 96. Nordderby

19. Februar 2012

Auch das ist Fußball: Otto Rehhagel ist neuer Hertha-Trainer, demnächst wird Udo Lattek seinen erfolglosen Kumpel Jupp Heynckes den beim schwer kriselnden FC Bayern München ablösen, falls Rehhagel dann doch nur so lange wie Michael Skibbe durchhalten sollte, dann stünde schon Erich Ribbeck in den Startlöchern, und Dr. Theo Zwanziger tritt die Wulff-Nachfolge an und wird neuer Bundespräsident. Irgendwie alles unfassbar, was sich so im Lande tut, es ist wirklich fix was los – aber was ist schon fassbar? Ich zum Beispiel kann es immer noch nicht fassen, dass der HSV gegen Werder Bremen verloren hat. Die Schaaf-Truppe hatte in diesem Jahr noch kein Bundesliga-Spiel gewonnen. Und dann waren bei den Bremern solche bekannten Fußball-Größen wie Florian Hartherz, Zlatko Junuzovic, Tom Trybull, Francios Affolter, Lukas Schmitz und Zlatko Ignjovski dabei. Natürlich ist es gegen Werder immer eine besondere Kiste, selbstverständlich ist ein Nordderby etwas Besonderes – aber diesmal standen die Vorzeichen doch eindeutig auf einen HSV-Erfolg. Und dann dies. Dieses erschütternde 1:3.

Zu dem der (äußerlich) gefasste HSV-Trainer Thorsten Fink befand: „Ich war mit der Gesamtleistung meiner Mannschaft sehr zufrieden. Wir haben gefightet, wir haben gekämpft, wir haben nach vorne gespielt, wir haben uns Chancen herausgespielt, wir haben alles getan – so muss eigentlich ein Derby aussehen. Leider haben wir aber einfache Fehler in der Vorwärtsbewegung gehabt, wir hatten einfache Ballverluste, die wir so in der Vorwoche in Köln nicht gehabt haben, und diese einfachen Ballverluste wurden sofort bestraft. Wenn man natürliche solche Fehler macht, dann kann man ein solches Derby nicht gewinnen, wir sind aber trotzdem mit der Leistung, mit der Gesamtleistung, zufrieden. Wir wollten fighten, wir wollten kämpfen, wir hatten einen guten Spielaufbau, haben viele Zweikämpfe gewonnen, das alles haben wir gemacht. Wir haben auch gesehen, dass unser Anspruch nicht der Uefa-Cup ist – ich habe immer wieder gewarnt. Unser Anspruch ist immer noch der gesicherte Mittelfeldplatz – den Unterschied haben wir heute gesehen.“ Später sagte der HSV-Coach auch noch: „Ich lasse mir von niemandem etwas aufschwatzen, wir haben drei, vier Fehler gemacht, aber die Gesamtleistung stimmte, wir haben ein rassiges Derby gesehen. Und Fehler passieren immer wieder, sonst würden wir ja in der Champions League spielen“ Und – auch das noch: „Wenn man ein Derby verliert, dann bin ich nicht glücklich, das ist auch klar.“

Ganz ehrlich: Ich bewundere Thorsten Fink dass er so die Ruhe behalten hat – oder auch immer und in jeder Situation die Contenance bewahrt. Das gilt übrigens für alle HSV-Verantwortlichen an diesem Sonnabend. Hut ab! Keine Panik, keine Hektik, keine Bitterkeit, keinen großen Ärger, keine übergroße Säuernis – der HSV akzeptierte diese verdiente Niederlage sportlich fair und in aufrechter Haltung. Vorbildlich, anerkennenswert, nachahmenswert.

Was aber soll Thorsten Fink nach einem solchen 1:3 schon sagen? Soll er seine Spieler nach allen Regeln der Kunst „zusammenfalten“? Dann würden sie völlig das Selbstvertrauen verlieren. Oder eventuell auch nur „bocklos“ werden und auf Dienst nach Vorschrift umschalten. Damit wäre dem HSV aber gewiss nicht gedient, denn noch sind 14 Punkte einzufahren, damit der Klassenerhalt gesichert ist. Sind jedoch erst einmal diese ominösen 40 Zähler (die zum Nicht-Abstieg berechtigen) auf Hamburger Seite, dann könnten wohl Fink als auch Sportchef Frank Arnesen jedes Mal dann die volle Wahrheit sagen, wenn ihnen danach ist. Bis dahin allerdings muss wohl oder übel „gepudert“ werden. Und das macht Thorsten Fink meisterhaft. Er hat eben das berühmte Gen dafür.

Wobei ich mir gerade vorstelle, wie Werder-Trainer Thomas Schaaf wohl reagiert hätte, wenn das Ergebnis umgekehrt gewesen wäre – und der Schiedsrichter nur zwei Minuten hätte nachspielen lassen. Das wäre ein Aufstand gewesen, aber hallo . . . Zwei Bremer lagen in der zweiten Halbzeit jeweils drei Minuten und länger am Boden. Von Marko Marin an der Eckfahne einmal abgesehen (dazu komme ich später). Und dazu gab es dann auch noch diverse andere Zeitverzögerungen der Bremer. Beim HSV aber nahm man all diese besonderen Umstände ganz gelassen hin. Sportlich fair eben. Und großartig. Allerdings, das ist wohl unbestritten, hätten an diesem Tag ja auch sechs Minuten Nachspielzeit nichts gebracht und am Spielausgang geändert, denn zwei oder drei Tore hätte der HSV an diesem Tag auch bis zum Beginn des Klitschko-Boxkampfes kurz vor Mitternacht nicht mehr geschossen. Was natürlich hypothetisch ist, zugegeben.
Und wenn ich schon dabei bin: Gegen Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer will ich damit nichts, rein gar nichts gesagt haben, denn das hat erstens schon der Herr Schaaf an der Seitenlinie und vor seiner Bank 90 Minuten lang recht ausgiebig getan, und zweitens hat Kinhöfer – das sage ich als (halbwegs) neutraler Beobachter – eine gute Leistung gebracht.

Kurz noch zu der statistischen Seite des 96. Nordderbys:
18:13 Torschüsse für den HSV, 3:2 Ecken für den HSV, 62:38 Prozent Ballbesitz für den HSV, 56:44 gewonnene Zweikämpfe für den HSV, 10:23 Fouls (da war Werder mal vorn), 4:1 Abseits für den HSV, Slobodan Rajkovic hatte die meisten Ballkontakte (99), Werders Bester war Fritz (55), Rajkovic hatte 62 Prozent gewonnene Zweikämpfe, Bremens Hartherz brachte es auf 64 Prozent, Dennis Aogo gab sechs Torschussvorlagen, für Werder war Marin der Führende (drei), Mladen Petric hatte als Hamburgs Bester fünf Torschüsse, Marin brachte es auf vier – und dann standen am Schluss 1:3 Tore für die Bremer zu Buche. Letzterer Wert dieser ansonsten wertlosen Statistik war und ist im Fußball ganz entscheidend.

Die Deutsche Presseagentur (DPA) schreibt heute übrigens:
In dieser Verfassung kann der HSV seine Träumereien von Europa beenden und muss nächsten Freitag bei Borussia Mönchengladbach aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.
Der DPA dann auch noch weiter:
Werder-Trainer Schaaf war während der 90 Minuten unter Hochspannung und kommentierte jede Schiedsrichterentscheidung lautstark. Dabei wird sein aus Verletzungs- und Finanznot geborener Jugendstil bei Werder immer ansehnlicher. Der Coach hatte die junge Garde um Trybull, Florian Hartherz (beide 18) und Zlatko Junuzovic (24) taktisch so gut eingestellt, dass sie mit temporeichem Passspiel durch die Reihen der Hamburger marschieren konnte.

So, zu den Vorkommnissen am Rande (außer der Pöbelei):

Ein Nachspiel könnte der Becherwurf aus der HSV-Fankurve an die Wade von Marko Marin bei einem Eckball haben. „Das ist eine Frechheit. Eigentlich aber sind die Hamburger Fans nicht so“, sagte der Bremer, „das ist trotzdem ärgerlich für den Fußball und ich hoffe, dass es nicht üblich wird, die Gegner auf diese Art zu verletzen“. Marin war bei diesem Eckstoß aufreizend langsam zur Eckfahne gegangen, das brachte einen HSV-Fan wohl zu sehr in Rage, aber aufreizend langsam gehen ist eben erlaubt – so lange es der Schiedsrichter nicht anders sieht. Deshalb ist diese Selbstjustiz wieder einmal blöde, denn sie wird dem HSV wieder einiges an Geld kosten. Wenn schon keine Bengalos in den HSV-Reihen (Werder-Anhänger zündelten sehr wohl), dann tut es eben auch ein mit einem Feuerzeug „gefüllter“ Becher – die Dummen sterben nie aus. PS: Dass Marin, dem in dieser Republik noch nie einer so etwas wie Fallsucht unterstellt hat (oder irre ich da?), von diesem „Treffer“ dann noch (kurz) zu Boden geht, das spricht eine ganz besondere Sprache. Im Prinzip aber muss das jeder Spieler mit sich selbst im stillen Kämmerlein ausmachen, ob er sich auf diese unrühmliche Art und Weise outen oder blamieren will. Es sei denn, die Offiziellen des Vereins reden diesem Spieler (oder diesen Spielern) mal ins Gewissen . . .

Und dann sorgten zwei vor der Partie festgenommene HSV-Anhänger noch zusätzlich für Aufregung. Beide hatten schon Tage (oder einen Tag?) vorher zwei mit Brandbeschleuniger getränkte Fahnen und Transparente in die Arena geschmuggelt und bestens versteckt (glaubten sie jedenfalls), diese beiden Utensilien wurden aber zeitig vor dem Spiel entdeckt – und bewusst in ihrem Versteck liegen gelassen. Als diese beiden Fußball-
Fans der besonderen Art dann kurz vor dem Anpfiff die (un-)sicher deponierten Sachen abholen wollten, griff die schon auf der Lauer liegende Polizei zu. Die Dummen sterben eben nie aus – Teil zwei. Das ist doch alles nur noch unterirdisch. Gehört wohl aber zum Fußballverständnis einiger Leute von heute dazu. Bin gespannt, was das für Strafen gibt . . .

Auch am Rande: Die „Schlagzeilen“ des aktuellen – und immer sehr, sehr gut gemachten (Kompliment, liebe Kollegen!) – Stadionheftes „HSVlive“ lautete diesmal: „Jaro – einer von uns“. Wie trügerisch!

Nicht mehr lange nämlich ist „Jaro einer von uns“, denn der Abschied des tschechischen Dauerläufers ist für den HSV beschlossene Sache. In der Halbzeitpause diskutierten wir (Kollegen fast aller Hamburger Zeitungen) über den HSV, über das Spiel, speziell über das Mittelfeld. Ein (mir bekannter) Kollege befand dann – nicht untypisch: „Der HSV wird sich zur neuen Saison gleich drei neue Sechser suchen müssen, denn so ist das doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Den einzigen Sechser jedoch, den du noch gebrauchen könntest, den, ausgerechnet den, den lassen sie laufen. Fußball verkehrt.“

Gemeint war mit dem Einzigen natürlich David Jarolim. Auch diesmal eine Stütze des HSV-Teams. Ich hatte ja gemeint, dass „Jaro“ schon mit gesenktem Kopf auf den Rasen gelaufen sei, weil ja in den Tagen zuvor in allen Zeitungen ausgiebig zu lesen war, dass am Saisonende Schluss ist für ihn, aber meine Vermutung stimmte nicht. „Ich war gut drauf, habe mich auch gut gefühlt. Und ich habe nicht mit gesenktem Kopf gespielt, ganz im Gegenteil, ich werde hier bis zum letzten Spiel alles für den HSV geben.“ Dann fügte der Tscheche noch hinzu: „Es ist für mich nach wie vor ein Traum, dass ich hier noch spielen darf, damit habe ich nämlich schon gar nicht mehr gerechnet.“ Und: „Keine Sorge, ich bin klar im Kopf, weiß meine Situation hier ganz genau einzuschätzen.“

Ganz, ganz am Rande hat er HSV – besser einer seiner Altmeister – an diesem Wochenende einen Rekord eingebüßt. Manfred „Manni“ Kaltz ist nicht mehr alleiniger Rekordhalter in Sachen Bundesliga-Eigentoren. Der Mainzer Noveski (der, an dem Eljero Elia bestimmt immer denken wird) zog im 1:1-Spiel gegen Hoffenheim mit seinem sechsten Eigentor in der Liga mit dem HSV-„Flankengott“ gleich.

So, und dann bin ich auch durch (das muss aber noch!): Tolgay Arslan, in der 72. Minute für Jacopo Sala eingewechselt, war für mich ein Lichtblick an diesem ansonsten sehr trüben 18. Februar 2012.

Morgen, am Montag, ist kein Training im Volkspark. Um 15 Uhr aber trifft der HSV auf dem Trainingsplatz auf den FC Kopenhagen.

16.25 Uhr

Aus allen Träumen gerissen – 1:3

18. Februar 2012

Aus allen Träumen gerissen! Wahnsinn. Wer hätte das vorher gedacht? Der HSV verliert sein Heimspiel gegen den ewigen Nordrivalen Werder Bremen mit 1:3 – völlig verdient. Das war zu wenig, was der HSV diesmal bot, die guten Leistungen und Punktgewinne der letzten Wochen sind der Mannschaft offenbar überhaupt nicht bekommen. Pizarro schoss diesmal zwar kein Tor gegen den HSV, aber es sprangen eben andere für ihn ein. Der HSV war dem defensiv und nur auf Konter eingestellten Bremer Team vor 56 553 Zuschauern schön auf den Leim gegangen. . . Die Realität hat uns alle wieder: die Fans, die Mannschaft, die Verantwortlichen – ganz Hamburg. Wunder dauern eben immer etwas länger. „Die Nummer eins im Norden sind wir“, sangen die Werder-Anhänger, niemand konnte ihnen etwas erwidern. Auch so ist Fußball.

Die Stimmung war super. Vor dem Anpfiff, auch noch in den Anfangsminuten. Alles wunderbar. Hüben wie drüben Fan-Gesänge – so muss Fußball sein. Aus Hamburger Sicht stand einem Fußball-Fest nichts entgegen. Bis auf die fußballerischen Defizite. Oder war es nur die pure Überheblichkeit? In der neunten Minute „verdaddelte“ der „Zehner“ des HSV einen Ball an der Mittellinie. Arrogant. Das war nur arrogant. Rincon, der bis dahin schon einige Male den Ball wunderschön mit der Sohle gestreichelt hatte, leistete sich den Luxus, quasi als letzter Mann einen völlig überflüssigen Zweikampf zu suchen. Und verlor prompt die Kugel. Was für ein fataler Anfängerfehler. Alle Hamburger noch in der Vorwärtsbewegung – und der Konter lief. Und keiner konnte die Bremer stoppen. Marin schließlich legte die Kugel in die kurze Ecke – an guten Tagen hält Jaroslav Drobny diesen nicht besonders scharfen Schuss. 0:1 – die kalte Dusche.

Werder danach in der eigenen Hälfte. Elf Mann. Die warteten auf den HSV, wohlwissend, dass dieser HSV noch gar nicht in der Lage ist, eine solche Defensive auseinander zu spielen. Die Bremer lauerten auf Konter, und sie bekamen sie natürlich – frei Haus geliefert, denn von hinten heraus spielte der HSV mit unendlichen Fehlern nach vorne. Werder musste eigentlich nur danke sagen. Ganz, ganz bitter, diese Vorführung. So spielt man mit Studenten . . .

Und auf diese Art und Weise fiel prompt auch das 0:2. Marcell Jansen, der bis dahin gar nicht mitgespielt hatte, verlor den Ball auf der rechten Seite – aber wie! Unfassbar. Das war ganz sicher anfängerhaft. Der Konter lief. Und wieder kam Marin zum Abschluss, doch diesmal hielt Drobny den Schuss aus 15 Metern noch (sehr gut!). Eckstoß. Und den köpfte Trybull, den Dennis Aogo wohl aus den Augen verloren hatte, zum zweiten Tor für die Bremer ein. Wenn Drobny den ersten Treffer an guten Tagen gehalten hätte, so hätte er diesen Kopfball an guten Tagen wahrscheinlich mit dem Fuß gestoppt, hoch genommen und per Fallrückzieher nach vorne befördert. Diesmal tauchte der Tscheche wie eine Blei-Ente ab. Ende. Halbzeit. Unfassbar. Vor dem Spiel hatten 84 Prozent auf einen HSV-Sieg getippt – und dann eine solche erbärmliche Vorstellung.

Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn in der 48. Minute gleich der Anschlusstreffer gefallen wäre. Flanke Dennis Diekmeier, Mladen Petric direkt – genau auf Wiese – nur Eckstoß. Im Gegenzug hätte es 0:3 stehen müssen. Marin, um den sich niemand in der Hamburger Truppe so richtig zu kümmern schien, legte zur Mitte, dort hatte Diekmeier schön geschlafen, er ließ Rosenberg aus den Augen, doch der Bremer verfehlte freistehend aus sieben Metern das HSV-Tor. Ein Kunststück. Und großes Glück für den HSV.

Und es hielt die „Finken“ weiter im Spiel. Der HSV wurde doch noch besser, spielte druckvoller, wollte die Wende. Ivo Ilicevic traf aus spitzem Winkel mit einem Volleyschuss den Pfosten, dann traf Petric per abgefälschtem Freistoß zum 1:2 (76.) – Hoffnung keimte noch einmal auf . . .

Diese aber wurde in der 86. Minute begraben. Ein ganz „langes und hohes Ding“ in den Werder-Angriff, Slobodan Rajkovic und Heiko Westermann liefen ineinander, Arnautovic sagte danke und schoss mühelos ein. Dieses Tor passte an diesem verregneten Sonnabend genau zur HSV-Vorstellung . . .

Die Einzelkritik:

Jaroslav Drobny hat zuletzt immer gut gehalten, das war mal wieder ein schwächerer Tag – Note fünf.

Dennis Diekmeier – nicht Fisch, nicht Fleisch. Nach vorne kaum etwas, nach hinten unaufmerksam und unkonzentriert. Das war gar nichts.

Heiko Westermann begann fahrig wie zuletzt in Köln. Diesmal aber hielt diese Phase viel, viel länger an. Er kann es besser. Obwohl er sich auch diesmal in Halbzeit zwei steigern konnte, so dass er noch eine große, vielleicht sogar die Stütze des Teams wurde.

Slobodan Rajkovic bot eine solide Partie, obwohl auch er längst nicht so souverän war wie zuletzt.

Dennis Aogo hatte, so schien es, sein Hauptaugenmerk auf die Offensive gelegt. Nach hinten gelegentlich unkonzentriert, nach vorne ohne die rechte Durchschlagskraft.

David Jarolim bemüht wie immer, eroberte auch einige Bälle, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, als sei er schon mit gesenktem Kopf auf den Rasen gelaufen. Das endgültige Aus, dass er nun noch einmal aus allen Hamburger Zeitungen erfahren und lesen musste, schien ihn doch etwas zu lähmen. So jedenfalls mein Eindruck. „Jaro“ war okay, aber mehr auch nicht.

Tomas Rincon war ein Ausfall. Brotlose Kunst nennt man so etwas – aber warum soll er nicht auch einmal solche Tage erleben? Hoffentlich bleibt es bei diesem Ausrutscher. Und hoffentlich sagt ihm mal jemand, dass er ganz sicher kein genialer „Ballstreichler“ ist, Rincon muss über den Kampf zu seinem Spiel finden, aber nicht in der Rolle des Spielmachers . Ich kann mich nur wiederholen: Bitte, bitte, liebe Leute vom HSV, sagt es ihm. Für Rincon kam nach der Pause Ivo Ilicevic, der Gas gab und eine Belebung für das HSV-Spiel war, auch wenn er sich gleich einen ganz katastrophalen Fehlpass erlaubte. Aber ihn hatte Werder auf dem Zettel, ihm wurde Respekt entgegengebracht.

Jacopo Sala fand schwer ins Spiel, fand letztlich gar nicht so richtig hinein – ich hätte ihn spätestens zur Pause vom Rasen genommen. Aber da es in diese Richtung ja noch mehrere Kandidaten gab, bremste sich Thorsten Fink wahrscheinlich. Zur Pause, spätestens zur Pause, hätte er fünf Mann zum Duschen schicken können – wenn nicht müssen. Sala wurde erst
in der 72. Minute „erlöst“, für ihn kam Tolgay Arslan.

Marcell Jansen wäre auch ein Kandidat für einen Pausen-Wechsel gewesen Ein ganz heißer sogar. Der ehemalige Nationalspieler war ein Totalausfall. Er spielte gar nicht mit – bis auf diese Szene in der 45. Minute. Als er in der 71. Minute endlich (gegen Heung Min Son) ausgewechselt wurde, dann bekam er von Stadionsprecher Dirk Dröge noch einen netten Spruch mit auf den Weg in die Kabine: „Gute Besserung für den Oberschenkel.“ Ja, dem möchte ich mich anschließen.

Mladen Petric war in den ersten 30 Minuten nie zu sehen, und wenn, dann nur durch Fehlpässe. Aber dann bekam er noch die Kurve, taute auf und war um Leben bemüht. Akzente konnte er aber auch nicht setzen. Immerhin aber sorgte er mit einem abgefälschten Freistoß (Werders Fritz lenkte den Ball ab) noch für das 1:2 (76.).

Ganz vorne stand Paolo Guerrero diesmal allein auf weiter Flur, total allein. Und hatte es schwer, denn die Werder-Defensive nahm ihn hart ran, mitunter recht, recht hart sogar. Damit wurde ihm frühzeitig der Zahn gezogen, Guerrero bemühte sich ohne Ende, aber es kam nichts dabei rum. Gegen Ende der Partie war der Peruaner total ausgepumpt, alle, leer.

Ein Wort am Rande. Der arme Herr Schaaf. Er muss nach diesem Spiel Tennisarme haben. Jede, wirklich jede Schiedsrichter-Entscheidung des guten Unparteiischen Thorsten Kinhöfer kommentierte er mit hoch erhobenen Armen, mit wildem Gestikulieren und mit einigen Kommentaren. Der Mann (Schaaf) hatte an diesem Tag eben keine anderen Sorgen, fußballerisch lief es ja mit seiner Truppe nach Plan . . .

17.27 Uhr

Kapitänsangelegenheit: Pizarro rausnehmen – dann klappt’s auch mit dem Derbysieg…

17. Februar 2012

„Wir spielen im Moment das, was die Mannschaft kann“, lobte HSV-Trainer Thorsten Fink sein Team nach dem 1:0-Sieg in Köln. Selbiger hatte hier im Blog mehrheitlich positive Stimmen hervorgerufen. Allerdings gab es auch noch viele, die mit der Art und Weise nicht zufrieden waren. Dazu zähle ich mich nicht. Im Gegenteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich diese Mannschaft stabilisiert hat, taktisch wie in Köln sensationell diszipliniert spiel und dabei immer am eigenen Leistungslimit agiert. Das ist bei zunehmender Eingespieltheit noch um Nunacen steigerbar – aber für den Moment sollten wir zufrieden sein. Obwohl, nein – zufrieden dürfen wir nicht sein, das ist das falsche Wort. Aber wir sollten immer einen Blick haben auf das, was wir zu Saisonbeginn sahen und wo wir jetzt sind.

Denn: Unter Fink wurde es besser. Das ist kein Geheimnis, das sagen Punkte und Tabellenplatz klar aus. Allein die ersten vier Spiele der Rückrunde zeigen das schon deutlich. Und ich beziehe da bewusst das 1:5 gegen Dortmund mit ein, damit hier keiner die Daten anzweifeln oder deren Auswahl als willkürlich bezeichnen kann. „Wir haben uns defensiv gefestigt“, sagt HSV-Abwehrchef Heiko Westermann. Im Trainingslager in Marbella sowie in den letzten sieben tagen vor Rückrundenbeginn hatte sich Fink der eigenen defensiven verschrieben. Und damit lag er goldrichtig. Zwar gab es zu Beginn gegen übermächtige und von HSV-Fehlern profitierende Dortmunder eine bittere 1:5-Lehrstunde, allerdings zeigte sich anschließend, dass der HSV seine immer wieder proklamierte Schwachstelle Nummer eins in den Griff bekommen hat: die Defensive. Allerdings ist diese neue Stärke nicht allein der Viererkette zuzuordnen, sondern der allgemein besser werdenden Defensivarbeit als Team. „Die besten Beispiele waren Bayern und Köln. Beide Male haben wir sehr kompakt gestanden, mit allen elf gut gegen den Ball gearbeitet.“ Soll heißen: der HSV hat endlich eine ballorientiert verteidigende und aggressive Defensive. Daher verwundert es auch nicht, dass der HSV in den ersten vier Rückrundenspielen nur die Hälfte der Gegentore kassiert hat, die er gegen die gleichen Gegner in der Hinrunde eingeschenkt bekam. Trotz der fünf Gegentore zum Rückrundenauftakt.

Wie die umfangreichen, detaillierten Daten der Castrol Edge deutlich machen, hat es Fink geschafft, seiner Mannschaft ein gesundes Maß Defensivdenken einzuimpfen. Die Hälfte der Gegentore, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe (257 jetzt gegenüber 243 nach vier Hinrundenspielen) sind erste Indizien. Und die Tatsache, dass der HSV in der Rückrunde 84 Foulspiele verursachte und zum gleichen Zeitpunkt in der Hinrunde erst 65 Fouls auf dem Kerbholz hat, spricht für die neue Aggressivität, die Fink immer wieder fordert. Dass es sich hierbei um eine zielführende, so genannte „gesunde Aggressivität handelt, unterstreichen die gerade erst fünf Gelben Karten in der Rückrunde. Zum Vergleich: In der Hinrunde hatte der HSV bereits elf Gelbe nach vier Spielen – und trotzdem nur einem Punkt gegenüber aktuell sieben. Apropos Gelbe, da ist doch was: Neben Michael Mancienne droht mit Heiko Westermann und Dennis Aogo ausgerechnet den wahrscheinlich konstantesten zwei Abwehrspielern bei der nächsten Verwarnung ein Spiel Sperre. Das wäre im Übrigen dann die Partie am kommenden Freitag gegen und in Mönchengladbach. Ob das belastet? „Nein“, antworten beide unisono, „wir können es ja nicht ändern.“ Aber es würde eben auch nichts an ihrer Spielweise ändern. Und das ist gut so.

Was mich an der Statistik von CastrolEdge besonders freute, ist die Tatsache, dass der HSV bei allem Defensivdenken auch offensiv stärker wird. Zwar wurden bislang erst 5 Tore erzielt (in der Hinrunde waren es 6 zu diesem Zeitpunkt), allerdings kommt der HSV in der Rückrunde deutlich häufiger zum Abschluss. Genau genommen waren es aktuell 42 Torschüsse gegenüber 27 in der Hinrunde. Ein Resultat der dominanteren Spielweise, die sich im durchschnittlichen Ballbesitz zeigt. Denn da hat der HSV 51,6 Prozent Ballbesitz gegenüber 44,5 Prozent zu Saisonbeginn. Besonders bemerkenswert ist, dass der HSV durchschnittlich mehr am Ball ist als der Gegner, obwohl die bemessenen Spiele zweimal auswärts und zu Hause gegen niemand geringeren als die absoluten Top-Teams Bayern und Dortmund waren.

Aber okay, genug gelobt. Morgen kommen die Unaussprechlichen. Da gilt es, die Form zu bestätigen. Und ich gebe zu, gegen die Lieblingsmannschaft meines im Moment karnevalsbedingt delirierten Kollegen Lutz Wöckener (er musste in der verbotenen Stadt aufwachsen) schmerzen Niederlagen doppelt. Zumal, weil sie meistens so vermeid- oder zumindest zu oft vorhersehbar waren. Dennoch, und damit endet auch schon der Mini-„was-ist-wenn?“-Teil“, dieses Nordderby hat andere Vorzeichen. Bei den Spielern herrscht nicht mehr der zu große Respekt vor den Grünweißen wie so oft in den vergangenen Jahren. Die meisten Spieler sind hier nicht einmal bekannt. „Das muss ich zugeben“, sagt Dennis Aogo, „aber wir werden uns wie immer gut auf alle vorbereiten. Aber nicht mehr als auf die vorigen Gegner.“ Warum auch? Die Mannschaft glaubt an sich.

In der verbotenen Stadt jedenfalls, diese Erfahrung hat mein korrekt-fußballgepolter Kollege Kai Schiller am Mittwoch bei seinem Abenteuer in der Weserstadt gemacht, glaubt niemand an einen Sieg der Grünweißen. Weder die begleitenden Journalisten/-innen noch die Einwohner. Und das, obwohl unser Lieblingsgegner (bis heute Abend) fünf Ränge höher platziert ist. „Aber weil wir ein Heimspiel haben, dürfte es ein Duell auf Augenhöhe werden“, glaubt Aogo, nicht wissend, dass er bislang jedes Bundesliga-Heimspiel gegen den morgigen Gegner gewonnen hat. „Ist das so?“, fragt der Linksverteidiger verwundert und schiebt nach: „Dann wollen wir das mal so belassen.“

Ja, das wollen wir. Und auf dem Weg dahin dürfte die größte Aufgabe sein, Claudio Pizarro zu stoppen. 14 Buden knipste der Torjäger in 19 Bundesligaspielen gegen den HSV. So auch die beiden im Hinspiel. „Ein großer Faktor in deren Spiel ist ganz sicher Pizarro“, sagt Westermann, der sich hauptverantwortlich für die Beschattung des Peruaners zeichnet. „Ich werde aus dem Spiel heraus sicher am meisten mit ihm zu tun haben“, so der Abwehrchef, der großen Respekt vor seinem Gegner hat: „Seine Tore zeigen sein Qualität. Er ist 80 Minuten nicht zu sehen, und trotzdem ist er im entscheidenden Moment da. Er weiß, wo er hin muss. Und er ist brutal gefährlich bei Standards, weil er nur auf den kleinsten Fehler wartet und nutzt. Dazu ist er sehr ball- und spielsicher. Wenn er nicht dabei ist, hat seine Mannschaft Probleme. Er macht einfach den Unterschied.“

Allerdings nicht in diesem Nordderby. „Daran muss ich mich messen lassen“, sagt Westermann, der sich für diese Hercules-Aufgabe gewappnet sieht. „Pizarro wird uns nicht mehr weglaufen, die Schnelligkeit hat er nicht mehr. Und ich freue mich auf die Duelle, weil er ein Heißblut ist auf dem Platz. Und darauf bin ich heiß. Das werden richtige Duelle. Er lässt sich nichts gefallen. Und vielleicht lässt er sich ja wieder zu einer undurchdachten Aktion verleiten.“ Ob er sich die von seinem Teamkollegen Paolo Guerrero versprochenen Tipps schon eingeholt hat? „Nein“, sagt Westermann, „ich habe auch schon oft genug gegen ihn gespielt. Ich kenne seine Qualitäten. Und ich bin gewarnt.“ Pizarro jetzt auch.

Dabei ist Pizarro für Westermann ein echter Prüfstein. Auch in Hinblick auf die bevorstehende EM. Vor einer Woche hatte ausgerechnet Westermann in Köln im Mannschaftshotel ein nettes Gespräch mit Hansi Flick, dem Cotrainer von Jogi Löw in der DFB-Auswahl. Und dieser hat dem HSV-Kapitän Positives in Aussicht gestellt. „Er hat mir nur gesagt, dass er genauso wie Jogi Löw weiß, was ich kann. Für mich steht die Tür weiter offen.“ Und wenn er Pizarro ausschaltet, sogar schon für das Spiel gegen Frankreich in Bremen? „Eher nicht“, sagt Westermann, der nach der Verletzung von Per Mertesacker noch größere Chancen auf die EM-Teilnahme haben dürfte. Ob er sich selbst nominieren würde? Ob er es verdient hätte? „Ich glaube schon, dass ich es verdient hätte. Allemal. Aber es sind auch viele neue, junge Leute dazugekommen, die spielen können. Jetzt liegt es an mir.“ Stimmt! Sollte er tatsächlich Pizarro ausschalten können, dürfte das ein weiteres, nachhaltiges Bewerbungsschreiben für ihn sein. Und allemal Grund zur Freude für uns.

Im Nachmittagstraining beschränkte sich Fink heute auf knapp 40 Minuten mit Kreisspiel, leichten Laufübungen und ein Abschlussspiel, in dem er Blöcke auf beide Mannschaften verteilte. Und für alle die, die hier unken, der HSV spiele immer dann schlecht, wenn das Training gelobt wird: Insbesondere der zentrale Defensivblock mit Rajkovic, Westermann, Jarolim und Rincon patzte und verlor das Spiel 0:4. Torschützen: 3x Guerrero, 1x Petric.

Mir würde gegen die Anderen schon ein 1:0 reichen. Meinetwegen auch noch unspektakulärer als der Sieg in Köln.

In diesem Sinne – bis morgen! Da wird gewonnen. Ich lege mich fest.

Scholle

So könnten sie spielen:

HSV: Drobny – Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo – Sala, Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, Guerrero.
Werder Bremen: Wiese – Fritz, Affolter, Sokratis, Hartherz – Bargfrede – Ignjovski, Trybull – Junuzovic – Arnautovic, Pizarro

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne)
Assistenten: Detlef Scheppe (Wenden), Christian Fischer (Hemer)
Vierter Offizieller: Harm Osmers (Hannover)

Die Statistik von Castrol Edge:

Die Anspannung vor dem Nordderby steigt sicht- und hörbar

16. Februar 2012

Der „Oha-Effekt“ blieb nicht aus. Auf die Frage, ob er in der Kabinenansprache vor dem Nordderby ein besonderes Stilmittel benutzen wolle, um die Brisanz der Partie noch mal zu verdeutlichen, antwortete HSV-Trainer Thorsten Fink zunächst ganz langsam. Er reihte Buchstabe an Buchstabe und brauchte eine gefühlte Stunde für den satz. „Ich kann natürlich nicht langsam sprechen und sagen: ‚Hey Jungs, das ist ein Derby’, und dass wir gewinnen wollen“, so Fink betont langsam und langweilend, ehe er mit der Handkante auf das Podium im Presseraum der Imtech-Arena schlug und mit roter werdendem Kopf und ansteigender Lautstärke brüllte: „Nein, wir wissen, wie wichtig das Spiel ist, das Derby. Und wir geben Gas.“ Und, lasst es Euch gesagt sein, was in Schriftform schwer rüberkommt, wirkte in Echtzeit tatsächlich beeindruckend. Zumindest ließ es erahnen, mit welcher Intensität Fink seine motivierenden Ansprachen vor der Mannschaft hält.

Und das wird auch am Sonnabend nötig sein. Denn da kommt es zum Nordderby gegen die Nordost-Delmenhorster (als Kompromiss, denn die verbotene Stadt liegt weder genau östlich noch nördlich). Und da das Hinspiel 0:2 verloren gegangen ist, sinnen die HSV-Profis auf Revanche. Selbst die an sich schmerzhafte Rückenprellung bei Gojko Kacar konnte ihn nicht davon abhalten, heute im Training um seine Chance auf einen Platz in der Startelf zu kämpfen. Dass es nicht reichen wird – es war ihm egal. Und das zeugt von zwar durchaus zu erwartender, aber eben auch gesunder Motivation. „Man merkt im Training deutlich, dass es heißer wird. Die Anspannung steigt, es geht richtig zur Sache“, sagt Mladen Petric.

Und genau diese Portion gesunde Aggressivität verlangt auch Thorsten Fink. „Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie genau da weitermacht, wo sie in den letzten Spielen aufgehört hat.“ Soll heißen: dominantes Spiel mit viel Ballbesitz. Schon deshalb wird er aller Voraussicht nach nichts an der Startelf der Köln-Partie verändern. Einzige Ausnahme: der für Fink weiterhin gesetzte Tomas Rincon löst nach abgesessener Gelbsperre den am Rücken noch leicht angeschlagenen Kacar ab.

Und so sicht- und hörbar heiß auch Fink auf das Derby ist („Ich weiß, was so ein Nordderby bedeutet. Verliert man, kann man es nicht gleich wiedergutmachen und man wird gehänselt. Es ist ein besonderes Spiel“), der HSV-Coach findet dennoch eine Lücke für einen kleinen, aber feinen Appell: „Ich werde nicht mit Sprüchen das Spiel anheizen, weil ich keine Randale drumherum will, sondern Feuer auf dem Platz. Dort soll sich der Wettkampf abspielen. Mit fairen Mitteln.“ Worte, die ein Tim Wiese so sicher auch unterschreiben würde…


Aber egal, der HSV braucht sich auch nicht in markigen Sprüchen verrennen. Die Form spricht für sie. Werder hat zuletzt viermal in Folge remis gespielt, der HSV hat aus den letzten vier Spielen zwei Siege und ein Remis gegen den FC Bayern geholt. „Wir haben uns eine gute Ausgangsposition verschaffen“, sagt Mladen Petric, „bis auf ein Spiel gegen Dortmund haben wir gut losgelegt und uns viel Selbstvertrauen geholt.“ Insbesondere der Köln-Sieg habe noch mal nachhaltig Wirkung. Petric: „Das war ein Bigpoint, weil wir nicht wie so oft versucht haben, das Spiel schon in den ersten 15 Minuten zu entscheiden. Wir hatten Geduld, haben an uns geglaubt und konnten mit dem 1:0 sehr gut leben.“ Zumal der HSV so am Sonnabend das erste Mal mit positivem Druck ins Spiel gehen kann. Der Abstiegskampf ist bei acht Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz in vorerst sicherer Entfernung. Petric: „Und natürlich können wir den Anschluss herstellen – aber dafür müssen wir am Sonnabend unsere vergangenen Wochen bestätigen.“

Das Wort Europa scheint indes auf dem Index zu stehen, nachdem es kurz vor und in der Winterpause immer wieder ausgesprochen und mit einem bitteren 1:5 zum Auftakt gegen Dortmund bestraft wurde. Allerdings, und das ist genau die richtige Temperierung, der Blick nach oben bleibt: „Sollten wir uns weiter vorarbeiten können, werden wir ganz sicher nie sagen, dass wir mit Platz acht oder neun zufrieden sind“, kündigt Petric an. Und mehr sollte er auch nicht sagen. Wir alle wissen nur zu gut, wie oft gerade beim HSV die Ansprüche der Leistung voraus waren…

Nein, bei der am häufigsten gespielten Bundesligapartie (zum 96. Mal gibt es dieses Nordderby am Sonnabend) treffen zwei Mannschaften aufeinander, die in der Tabelle zwar fünf Ränge auseinander liegen, aber eine sehr ähnliche Entwicklung nehmen. Denn nachdem der HSV zwangsläufig im Sommer den Umbruch eingeläutet hatte, ist dieser inzwischen auch beim nächsten Gegner angekommen. Derzeit versuchen es Schaaf und Allofs sogar mit der jüngsten Mannschaft aller Zeiten. Zuletzt wurden teure Spieler wie Almeide, Frings, Jensen, Pasanen und Mertesacker verkauft. Wobei Letztgenannter sich am Wochenende bei seinem neuen Klub Arsenal London so schwer verletzt hat, dass ihm jetzt sogar das EM-Aus drohen könnte. Eine Nachricht, die Heiko Westermann – dafür ist er vorbildlicher Sportsmann genug – alles andere als freuen wird, die ihm allerdings die Aussicht auf einen Nominierung für die Endrunde in Polen und der Ukraine im Sommer verbessern könnte.

Aber schnell wieder zurück zur Aktualität. Mit den zumeist Grünweiß-Gekleideten kommt am Sonnabend eine Mannschaft, die schwer einzuschätzen ist. „Die spielen von Weltklasse bis weniger gut alles“, sagt Jansen und betont: „Aber am Ende haben sie irgendwie Erfolg. Wir sind auf jeden Fall gewarnt.“ Wobei alle (auch Fink) auf die Frage, ob sie alle Spieler aus der momentan Startelf der Weserstädter kennen, ausweichend antworten. Und das zurecht. Oder sind Euch Namen wie Florian Hartherz, Francois Affolter oder auch Tom Trybull nachhaltig bekannt?

Eher nicht. Klar ist aber, dass sie Fußball spielen können und ihr Trainer Thomas Schaaf an der Ausrichtung und am Spielsystem der vergangenen Monate und Jahre festhält. Dabei agieren sie immer mit Raute und immer mit zwei Stürmern. Ihre Mannschaft hat keinen ausgewiesenen Zehner, vor dem sich die Konkurrenz fürchtet. Statt eines Özils oder Diegos kümmert sich inzwischen ein Zlatko Junuzovic um die Kreativität im Spiel. Da sich nach sechs Champions-League-Teilnahmen in sieben Jahren die Erwartungen der Anhänger nicht der Kaderveränderung angepasst haben, sprach Allofs zuletzt immer wieder von „erschreckendem Anspruchsdenken“. Was das betrifft, steht es 1:0 für den HSV. Denn der hat es besser gemacht. Dort wurden schon vor Saisonende 2010/2011 die Ansprüche für 2011/2012 wiederholt kleingeredet. Dazu kam ein Saisonstart, der auch den letzten verträumten Optimisten derart erschrecken ließ, dass seither der Minimum Klassenerhalt als Ziel ausgegeben und erwartet werden konnte. Sollte sich dieses Ziel (Arnesen: „Und das ist erst, wenn wir 40 Punkte sicher haben“) vorzeitig realisieren lassen, würde weitergedacht. „Die Fans nehmen die Situation an“, sagt Mladen Petric, der auch in Berlin einen besonderen Support vernommen hat. „Eine geile Stimmung!“ Und die soll es auch am Sonnabend geben. Auch wenn bislang noch 3000 Tickets im freien Verkauf sind, das Stadion überraschend noch nicht ausverkauft ist.

Apropos Petric: der Kroate steht trotz seiner im März anstehenden Vertragsverhandlungen mit dem HSV momentan ein wenig im Schatten des formstarken Paolo Guerreros. „Es ist eigentlich ganz schön, mal etwas mehr Ruhe zu haben“, scherzt Petric und fügt an: „Paolo hat einen top Lauf im Moment, und der ist für uns alle gut. Auch für mich. Ich verstehe mich mit Paolo auf und neben dem Platz super.“ Zuletzt bewiesen beim 1:0 in Köln. Und genau darin dürfte eine der größten Stärken des HSV im Moment liegen: der Gegner muss sich auf zwei Topstürmer konzentrieren – nicht nur auf einen. „Mladen spielt sehr gut mit Paolo zusammen“, lobt auch Fink, „dass der eine weniger trifft als der andere ist nicht wichtig. Es ist generell nicht wichtig, wer die Tore macht, sondern nur, dass das System funktioniert. Und dafür arbeiten beide gut mit. Wenn das so bleibt, werden sie eh beide auf ihre Torquote kommen.“

Am besten schon mit Treffern im Nordderby. Gutes Omen: gegen den Torwart der Grünweißen erzielte Petric seinen ersten Bundesligatreffer. Besser noch: „Wir haben mit Dortmund damals 3:0 gewonnen und ich habe zwei Tore erzielen können.“ Und das gegen den damaligen Torwart Tim Wiese, der auch am Sonnabend in der Imtech-Arena das Tor der Unaussprechlichen hüten wird.

In diesem Sinne, bis morgen.

Da findet leider kein öffentliches Training statt.

Scholle (18.45 Uhr)

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