Tagesarchiv für den 28. Februar 2012

Ruhe im Umfeld – aber im Training knallt es

28. Februar 2012

Ich weiß, dass hier ob der Trainingsberichte zweierlei Meinungen vorherrschen. Zum einen haben diese selten bis nie etwas über die darauf folgende Leistung in der Bundesliga ausgesagt. Das ist Fakt. Deshalb freue ich mich immer über gute letzte Trainingseinheiten, bewerte sie aber äußerst vorsichtig. Andererseits wird hier verständlicherweise großen Wert darauf gelegt, möglichst viel über das sportliche Geschehen unter der Woche zu erfahren. Und dem möchte ich heute aus einem bestimmten Anlass nachkommen. Denn, und das ist nicht mehr aber auch nicht weniger als eine Zustandsbeschreibung für heute, im Training ist richtig Dampf drin.

Auffällig viele Spieler waren heute im Training, trotz Länderspielwoche – was nicht zwingend für die Kaderqualität spricht, aber eben auch nicht zwingend gegen sie sprechen muss. Denn immerhin hat der HSV mit seinem Umbruch im Sommer genau davon Abstand genommen, teute arrivierte Spieler verkauft oder abgegeben und sich den jungen Talenten verschrieben, die irgendwann zu Nationalspielern reifen sollen. Wie beispielsweise Jacopo Sala, der von der italienischen U21 kurzfristig ausgeladen worden war und dementsprechend heute voll mittrainierte. Und das mit mächtig Adrenalin im Blut. Denn im Abschlussspiel auf vier kleine Tore war es der Italiener, der seinen Gegenspieler per Notbremse am Torschuss hinderte. Pikant: Sala trat ausgerechnet Ivo Ilicevic von hinten um. Jenen Mannschaftskameraden, der ihn am Sonnabend beim Heimspiel gegen Stuttgart ersetzen soll. Ein paar italienische Flüche hinterhergeschickt entwickelte sich nach dieser Szene ein hitziges Duell. „Ich war am Anfang nur sauer, weil der Tritt von hinten kam“, erklärte Ilicevic anschließend, „ich hatte anfangs gar nicht mitbekommen, wer das war. Oder besser gesagt: ich habe den Zusammenhang mit Sonnabend nicht hergestellt.“ Daran glaube er auch nicht. Stattdessen gab es nach Trainingsende ein faires, wenn auch nur sehr kurzes, gezwungen wirkendes Shakehands. „Sowas gehört im Training einfach mal dazu“, so Ilicevic, „da lässt man sich dann mal von den Emotionen treiben. Aber am Ende ist alles wieder gut.“

Zumindest für ihn. Denn er wird am Sonnabend spielen. Ob er überrascht war, dass sich Trainer Thorsten Fink schon am Montag auf den Wechsel von Sala zu ihm festlegte? „Nicht wirklich überrascht. Ich habe immer Kontakt mit dem Trainer gehabt. Er hat sehr viel mit mir gesprochen und mir immer ein Feedback gegeben, was er von mir erwartet.“ So sei es ein wenig leichter gewesen, die Reservistenphase zu überstehen. „Er macht das schon richtig gut“, lobt Ilicevic Fink, „gerade mit denen, die nicht berücksichtigt sind, spricht er viel und gibt ihnen das Gefühl, wichtig zu sein.“ Selbst er, der bei seinem Wechsel nach Hamburg mit allem gerechnet hatte, nur nicht mit so wenig Einsatzzeiten, sei irgendwann damit klar gekommen. „Es war aber nicht leicht. Gerade nachdem ich nach dem Berlin-Spiel eigentlich durchgehend schmerzfrei trainieren konnte, war es schwer auszuhalten. Allerdings musste ich auch realistisch bleiben und konnte sehen, dass die Mannschaft gut gespielt hat. Da war es auch für den Trainer nicht leicht, etwas zu verändern.“ Deshalb habe er auf seine Chance mehr oder weniger geduldig gewartet und freue sich umso mehr auf das Spiel am Sonnabend gegen Stuttgart.

Und für diese Partie hat sich Ilicevic eine Menge vorgenommen. Er will seine Schwächen bearbeiten („Ich muss defensiv noch deutlich besser werden, dort mehr Laufwege annehmen“) und vor allem seine Stärken zeigen. Und dabei legt er die eigene Messlatte mächtig hoch. Was sein persönliches Ziel sei? „Viel spielen und gut spielen“, so die normale Antwort, der er dann aber doch ambitionierte Ziele hinzufügt: „Mein Anspruch ist, dass ich in jedem Spiel treffe oder einen Assist mache. Am liebsten beides“, so der 25-Jährige, der noch immer darauf hofft, im Sommer für sein Heimatland Kroatien bei der EM aufzulaufen. „Es war schon sehr überraschend für mich, dass ich diese Woche beim Länderspiel in Kroatien gegen Schweden nicht dabei bin. Und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mir deshalb im Hinblick auf die EM keine Gedanken machen würde.“ Dennoch, er habe sein Glück jetzt endlich wieder selbst in der Hand: „Ich habe jetzt mit dem HSV noch elf Endspiele. Und ich weiß, wenn ich hier Fuß fasse und der Mannschaft mit guten Leistungen helfe, dann sieht es gut aus. Für den HSV zum einen, für mich und die EM-Teilnahme auf der anderen Seite.“ Und trotz aller Rückschläge (Ilicevic: „Es ist schon eine kleine Seuchensaison“) blickt der dribbelstarke Offensivmann optimistisch nach vorn: „Ich setze auf das große Happy-End.“ Was noch für den HSV zu holen ist? „Wenn wir von Spiel zu Spiel schauen, ist nach oben noch alles möglich. Wir müssen geduldig sein, dann ist nichts unmöglich. Aber auch nur dann…“

Klingt logisch. Und gut. Allerdings, und das weiß auch Ilicevic, muss der HSV dafür schnell seine Heimbilanz von bislang erst elf Punkten (auswärts haben sie 16 geholt) deutlich verbessern. Trainer Fink plant gegen Stuttgart den noch offensiveren Gang, und die Mannschaft setzt auf die momentane Form: „Dazu die Zuschauer im Rücken, die uns noch den einen oder anderen Prozent mehr herauskitzeln – das muss gut werden. Wir wollen endlich wieder eine Macht im eigenen Stadion werden“, fordert Ilicevic – und spricht dem allergrößten Teil der HSV-Fans wohl aus der Seele.

Heute mal nichts Neues gibt es rund um das Thema René Adler. Der Keeper hatte am Montag im Universitätsklinikum Eppendorf seinen Medizincheck absolviert und soweit alles bestanden. Aktuell stehen nur noch die Blutuntersuchungen aus, die in München ausgewertet werden. Die Aufsichtsratssitzung, die für Mittwoch unter Vorbehalt angesetzt worden war, ist verschoben. Ich habe dazu heute mit dem Chefkontrolleur Otto Rieckhoff gesprochen, der die ganze Angelegenheit etwas entspannter angeht, als es im gestrigen Blog offenbar rübergekommen ist. „Bisher gibt es keine Aktivitäten“, so Rieckhoff, der mir erklärte, dass zunächst der Vorstand dem Aufsichtsrat bitten muss, zur Abstimmung eines bevorstehenden Transfers zusammenzukommen. Das ist bisher nicht geschehen. Auch, weil Rieckhoff den verständlichen Wunsch äußerte, bei der entscheidenden Sitzung Arnesen dabei haben zu wollen – der allerdings kehrt erst am Freitag nach Hamburg zurück.

Wobei der gesamte Adler-Transfer eher entspannt angegangen werden kann. Immerhin hat der HSV mit Jaroslav Drobny einen guten Keeper im Kasten unter Vertrag. Zudem sind sich der HSV und Adler einig und auch die Kontrolleure, die den Deal noch scheitern lassen könnten, sind grundsätzlich überzeugt. Zumal sich, und dieses Bild scheint sich hier im Blog fälschlich festgesetzt zu haben, die Aufsichtsräte nicht in sportliche Entscheidungen einmischen wollen. Vielmehr geht es nur darum, über das Gesamtpaket ausführlich informiert zu werden und die eine oder andere Frage beantwortet zu bekommen. Es geht eben darum, ihrem Amt nachzukommen und als Kontrolleure zu kontrollieren. Das ist ihr Job. Insofern sollten wir in diesem Fall fair bleiben.

Warum auch Vorwürfe machen, es ist momentan alles im Rahmen. Der HSV entwickelt sich mit jungen Leuten immer besser und verjüngt sich bei den bisherigen Zugängen weiter. Adler und auch Maximilian Beister kommen nahezu sicher zur neuen Saison. Wenn es Arnesen jetzt noch schafft, einen kreativen Mittelfeldspieler nach Hamburg zu holen, wäre ein großer Schritt getan. Allerdings, und dabei bleibe ich, der HSV hat im zentral-defensiven Mittelfeld ein größeres Problem. Mit Rincon und Jarolim stehen momentan nur zwei geeignete Spieler bereit, wobei der Vertrag des Letztgenannten aus verschiedenen und durchaus nachvollziehbaren Gründen wohl nicht über den Sommer hinaus verlängert wird. Insofern bräuchte der HSV hier aktuell drei Neue, sofern er jede Position doppelt besetzt haben will. Aber okay, noch ist ein wenig Zeit. Und Kacar und Tesche wären nicht die Ersten, die uns in dieser Saison positiv überraschen…

In diesem Sinne, alles wird – zumindest langsam – besser. Ruhig ist es nur im Umfeld – die Mannschaft gibt mächtig Gas. Und das ist gut so. Bis morgen! Da wird übrigens um 10 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle