Tagesarchiv für den 25. Februar 2012

Arslan der Gewinner von Gladbach

25. Februar 2012

Altersmilde? Oder schlicht keine Ahnung (mehr) vom Fußball? Ich frage mich in diesen Tagen tatsächlich, ob es mit dem fortgeschrittenen Alter zusammenhängt, denn: Einige – oder viele – von Euch haben am Freitag ein schlechtes Spiel des HSV in Mönchengladbach gesehen, auch ein schlechtes Spiel der Borussia. Ich aber nicht. Wieso? Ich war auch schon mit der ersten Halbzeit zufrieden, mit der vielen hier nicht einverstanden waren, mit der auch Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen nicht so zufrieden waren. Fink hatte ausgemacht: „Im ersten Durchgang waren wir viel zu passiv, wie können viel mehr – und das haben wir in Halbzeit zwei gezeigt.“ Arnesen befand: „Ich bin stolz auf die zweite Halbzeit von uns.“ Und Kapitän Heiko Westermann sagte: „In Halbzeit eins waren wir zu behäbig, dann aber ganz stark, da wäre sogar ein Sieg für uns verdient gewesen.“

Ich aber war schon mit dem ersten Durchgang zufrieden – und will das auch erklären. Die Gladbacher haben in dieser Saison einen unglaublichen Lauf, sie haben daheim und in der Fremde schon so viele Mannschaften vor sich her gespielt, sie haben so manchen Gegner aus dem Stadion geschossen. Davor hatte ich große, große Angst. Aber dem HSV passierte das nicht. Weil der Ball klug gehalten wurde, weil die Räume klug eng gemacht worden sind, weil früh attackiert wurde, weil viel, viel gelaufen wurde, weil alle mit Leidenschaft und dem nötigen Willen bei der Sache waren – weil ganz einfach die Handschrift von Trainer Thorsten Fink zu erkennen war. Natürlich hatte der HSV wieder viel Rückpässe auf Torwart Jaroslav Drobny im Repertoire, aber – und das ist das Wunderbare an diesem Freitag gewesen: Auch die Gladbacher Überflieger spielten immer wieder zu Torwart Ter Stegen zurück. Ich glaube sogar, dass die Borussen in diesen 90 Minuten so oft zurückgespielt haben, wie in der gesamten Saison nicht. Und das ist doch ein dickes Kompliment an den HSV.

Dieser HSV war – nach der 1:3-Niederlage gegen Werder – nicht nach Mönchengladbach gefahren, um den Spitzenklub schwindelig zu spielen. Es ging nur darum, die Borussen nicht zu ihrem Spiel finden zu lassen, und dieses Konzept ist großartig aufgegangen. Dass die „Fohlen“ dennoch die eine oder andere Chance hatten, ist gar nicht zu vermeiden, aber es waren doch nur wenige. Glück hat auf Dauer nur der Tüchtige, und der HSV war an diesem Abend tüchtig. Sehr tüchtig sogar. Auch wenn im ersten Durchgang kaum einmal nach vorne gespielt wurde. Gut Ding will Weile haben. Und Wunder dauern eben auch beim HSV etwas länger. Ich hatte nie geglaubt, dass der HSV diese jungen Himmelsstürmer so gut im Griff haben würde. Aber das hatten sie. Wo war Reus? Und wie schlecht war Hanke – trotz seines Abseitstors? Und – auch wenn es in diesem Zusammenhang unwichtig ist – ich habe mich während des Spiels immer wieder gefragt, ob die Bayern, der große FC Bayern, inzwischen auch altersmilde geworden ist, denn: Wie kann ein Uli Hoeneß tatsächlich an einen Dante denken? Dann könnte er auch Heiko Westermann, Jeffrey Bruma oder Slobodan Rajkovic angreifen, ich war von Dante ebenso enttäuscht wie von Hanke und Reus. Aber das lag doch vor allem am HSV, weil der diese Spieler super beschattete. Man spielt immer nur so gut, wie es der Gegner zulässt, und dieser gute HSV (der in meinen Augen besser war als beim 1:0-Sieg in Köln) ließ eben nicht viel zu.

Wobei ich niemanden, der dem HSV ein schwaches Spiel attestierte, auf meine Seite ziehen will. Jeder soll und darf seine eigene Meinung haben, selbstverständlich, aber ich habe eben auch meine. Und die teile ich Euch mit. Jeder darf natürlich anderer Meinung sein, denn – auch das ist Fußball.

Der HSV blieb mit diesem 1:1 auswärts unter Thorsten Fink weiter ungeschlagen (und ist auch seit dem 10. September 2011 auswärts unbesiegt!). Das ist doch etwas. Ich habe es eben schon geschrieben, ich muss mich aber ausdrücklich auch wiederholen: Ich erkenne eine Handschrift des Trainers. Die Mannschaft spielt immer mehr (natürlich gibt es auch Ausnahmen) das, was der Coach sehen will, was er seinen Spielern mit auf den Rasen gegeben hat. Und das möchte ich ausdrücklich auch einmal loben, Kompliment Herr Fink! Sie haben schon viel aus dem einstigen Abstiegskandidaten HSV gemacht. Und wie toll sah denn am Freitag und am frühen Sonnabend Tabellenplatz acht schon aus!? Super. Herzlichen Glückwunsch, denn ich gehöre zu jenen Pessimisten, die damit gerechnet haben, dass es diese Saison nicht nur ganz eng werden könnte, sondern dass es auch eventuell mal nach unten gehen könnte. Die Situation war schon prekär, und das ist sie jetzt nicht mehr. Weil sich der HSV unter Fink „berappelt“ hat. Oder, Frank Arnesen brachte es in Mönchengladbach auf den Punkt: „Wir haben heute bewiesen, dass wir auswärts mit allen mithalten können.”
Stimmt, Herr Arnesen, stimmt ganz genau. Und eben das hatte ich, das gebe ich zu, vor diesem Spiel (und im Rückblick auf Bremen) in Mönchengladbach stark bezweifelt.

Ohne jeden Zweifel gab es an diesem späten Freitag einen überraschenden Gewinner im HSV-Team: Tolgay Arslan. Der junge Bursche hatte in der Woche gegen Kopenhagen schon sehr schön aufgezogen, und diesmal mischte er wie ein „Alter“ mit. Sehr gut anzusehen. Da kommt einer. Und: Arslan ist nach Jacopo Sala der zweite überraschende (und überzeugende) “Neuzugang” während dieser Saison – ungeahnte Möglichkeiten für Thorsten Fink . . .
Ich hatte das ja schon in der Woche bereits geschrieben (Dienstag), Tolgay Arslan ist bei und mit dem Leihgeschäft in Aachen gereift, er ist klar im Kopf, er weiß nun wie der Hase zu laufen hat – und er richtet sich auch danach. Wie gesagt, er ist der Gewinner.
Und Mladen Petric? Ist er deswegen der Verlierer? Sicher nicht. Aber er wird die Zeichen erkennen. Thorsten Fink hatte in Mönchengladbach gesagt: „Mladen ist leicht angeschlagen, hätte spielen können, wenn Not am Mann gewesen wäre, aber er ist nicht hundertprozentig fit.“ Deswegen Arslan. Und es würde mich nicht wundern, wenn der Deutsch-Türke auch am Sonnabend gegen den VfB Stuttgart in der HSV-Startformation stehen würde. Was nicht automatisch zu bedeuten hätte, dass Petric nicht . . . Aber der Kroate wird eben nur dann spielen, wenn er auch wirklich topfit ist. Und, das ist meine Meinung dazu: Der HSV wäre klug beraten, weiter auf Mladen Petric zu bauen, denn niemand ist vor dem gegnerischen Tor so kaltschnäuzig wie Petric. Seine Treffer werden wir alle noch dringend benötigen – und dann auch entsprechend bejubeln. Was aber dann am Saisonende sein wird, das vermag ich heute noch nicht zu prognostizieren – ich tippe jedoch, dass es eher auf eine Trennung hinauslaufen wird.

So, zum Abschluss dieses spannenden Bundesliga-Sonnabends möchte ich mich auf diesem Wege noch für die vielen Zuschriften bedanken, die ich deshalb erhielt, weil ich von (m)einem Vorspiel vor HSV – Mönchengladbach im Jahre 1965 berichtet hatte. Eine Mail möchte ich exemplarisch herausstellen, sie kam aus dem fernen Ausland. Los geht es – im O-Ton:


Moin Herr Matz.

Ganz wehmuetig wurde mir zumute, als ich (bedingt durch den 7-stuendigen Zeitunterschied, der uns trennt – Hong Kong-Hamburg – ) heute morgen im Blog Ihre Zeilen zu Ihrem ersten Spiel im Volkspark – mit der BU-Jungmann – las. Ich werde den Nachmittag nie wieder vergessen, denn fuer mich war es als 12-jaehriger Buttje das allererste mal, dass ich im Volksparkstadion war. Ich kann mich auch noch gut an das Vorspiel erinnern (sorry, aber wir waren so ungeduldig und wollten, dass das Spiel gegen Gladbach nun endlich los gehen sollte). Mein Kumpel und ich hatten uns auch fuerchterlich HSV-Fan maessig aufgetakelt, mit Fussball-Bildern und HSV Wimpel verzierte Pappmelone auf dem Kopf und ausgeruestet ner Militaertroete aus dem 1. Weltkrieg, die ich auf dem Dachboden meines Grossonkels gefunden hatte.

Wir waren sehr aufgeregt, war es doch das erste Mal, dass wir bei einem Bundesligaspiel live dabei sein durften. Natuerlich in der Westkurve fuer ein paar Mark. Ploetzlich tauchten zwei schon ziemlich angesaeuselte Gladbach-Fans vor uns auf, die sich wohl die falsche Karte gekauft hatten, denn die Gegner
waren ja eigentlich im “Osten”. Die beiden hatten sich ein Plakat aus Pappe gebastelt, mit 3 Tigern drauf (aus der damaligen Esso-Werbung “Pack den Tiger in den Tank”). Unter jedem Tiger stand ein Name, naemlich: Rupp, Netzer und Heynckes. Und dann groehlten die beiden auch immer wieder lauthals: “Rupp, Netzer und Heynckes gehoeren in die Nationalmannschaft!!!” Wir Butjes hatten keine Angst vor den Grossen und fingen an sie zu veraeppeln: “Ihr geht hier heute mit ner 5:0-Packung nach Hause, pass man auf!” Und das war vorm Spiel… Tja, und so kam es dann ja auch. Und mein Kumpel und ich waren maechtig stolz. Die mittlerweile sehr besaeuselten Rupp-Netzer-Heynckes Fans taten uns beinah ein bisschen leid, war doch unsere etwas provokative Voraussage tatsaechlich eingetroffen. Aber immerhin hatten die beiden ja recht behalten: Rupp, Netzer und Heynckes gehoerten dann ja bald zur Nationalmannschaft und waren da nicht mehr wegzudenken.

Ich schreibe Ihnen diese Zeilen aus meiner seit 32 Jahren “neuen” Heimat Hong Kong, wo es mich im zarten Alter von 27 hinverschlagen hat. Bin nach wie vor bei jedem HSV Spiel so aufgeregt wie damals, ob vor dem Fernseher in Hong Kong oder bei Hamburg Besuchen im Volkspark. Und Ihr Blog gehoert jeden Morgen zur Pflichtlektuere, auch wenn ich eher selten (als “hongkichris” – aber noch nicht neu registriert) mal selbst den einen oder anderen kleinen Beitrag geschrieben habe.

Nun wuensche ich mir, dass Sie und Scholle naechste Woche in kurzen Hosen auf dem Dach des Axel Springer Hauses stehen werden, einen Tip (schon gar nicht so einen wie im September 1965) moechte ich aber heute nicht abgeben…

Viele Gruesse aus dem nasskalten Hong Kong

Vielen Dank nach Hong Kong (und an alle anderen User, die mir schrieben) für diese Zeilen aus der Ferne; und ein wunder Punkt ist dabei (für mich) ja die „Kurze-Hosen-Geschichte“ auf dem Dach. Dazu habe ich heuet noch eine Mail bekommen, aus der Schweiz. In Bern wohnt seit Jahrzehnten der frühere St.-Pauli-Kapitän Rolf Höfert, und der ist von Beginn an ein ganz treuer Matz-ab-Fan und –Mitleser. Rolf Höfert ist mein Jahrgang, er spielte in der Jugend bei Paloma, wir also immer gegeneinander, kennen uns also um die 50 Jahre – und der gute Rolf schrieb mir heute: „Moin, mein Dieter, 1:1 in Mönchengladbach ist wie ein Sieg für den HSV, also erwarte ich dich und Scholle in dieser Woche in kurzen Hosen . . .“
Mal sehen.

Noch eine andere Kleinigkeit am Rande:
Am Freitag waren Frau M. und ich bei unserem Matz-ab-Moderator Andre (mein Sohn) zum Kaffeetrinken. Und dabei bemerkten wir, dass aus einem nostalgischen HSV-Becher getrunken wurde – auf dem das gemalte Volksparkstadion zu sehen ist. „Würdest du die für das Museum spenden?“, so fragte ich, und Andre nickte. Spontan rief ich bei Museums-Direktor Dirk Mansen an, fragte ihn, ob er eine solche Tasse bereits habe, er verneinte – und nun wird das gut oder bestens erhaltene Stück in der kommenden Woche in Museum wandern.

Von mir sind bereits zwei Dinge dort zu sehen: Das WM-Endspiel-Trikot von Felix Magath aus dem Jahr 1986 (dem Argentinien-Spiel), das mir der gute Felix einst schenkte, und ein ganz kleines Teil: HSV-Streichhölzer vom HSV-Restaurant Lindenhof in Norderstedt. Und noch ein Teil ging von mir ins Museum: Ein Freund meines Sohnes (Markus F.) brachte mir aus Brasilien einen ganz besonderen Becher mit. Auf dem ist die Mannschaft von Gremio Porto Alegre zu sehen. Und? Was ist das Besondere daran? Man erkennt es erst nach dem vierten oder fünften Hinsehen: der Kapitän der Brasilianer hält einen HSV-Wimpel in der Hand! Das Foto wurde am 11. Dezember 1983 vor dem Weltpokal-Finale aufgenommen, der HSV verlor damals mit 1:2 nach Verlängerung.

Bei der Gelegenheit, das schlug mir Andre vor, stelle ich mal die Frage: Wer von Euch hat ähnliche Stücke aus der ruhmreichen HSV-Vergangenheit (und würde sie dem Museum auch eventuell zur Verfügung stellen – ich würde es vermitteln).

So, nun wünsche ich allen Matz-abbern und Ihren Lieben noch ein schönes Wochenende – ohne zu zittern, wie schön dass der HSV schon gespielt hat (und in Mönchengldabach nicht mehr verlieren kann) . . .

16.52 Uhr