Tagesarchiv für den 23. Februar 2012

Adler kommt – und Fink plant den Punkteraubzug mit Drobny

23. Februar 2012

Es waren zwar nur drei Kamerateams vor Ort, aber die hielten allesamt auf Jaroslav Drobny, als der langsam nebst Gojko Kacar gen Trainingsplatz trottet. Denn inzwischen ist klar, dass Rene Adler zum HSV wechseln wird. „Spätestens Mitte nächster Woche wird es eine Entscheidung geben“, sagte Frank Arnesen heute und fügte hinzu: „Und ich bin sehr positiv, dass es klappt.“ Das wiederum würde für den heute von den Kameras eingefangenen Drobny bedeuten, dass er seine Rolle als Nummer eins höchstwahrscheinlich einbüßen würde. Ob er das schon weiß? „Wir reden miteinander“, versichert Arnesen, „und wir werden auch weiter reden. Es ist kein Problem. Zumal, Konkurrenz tut ja auch gut.“ Allerdings, und da wollte auch der dänische HSV-Sportchef auch niemanden täuschen, „wenn es klappt, werden wir mir Drobo natürlich reden. Unsere Priorität ist immer der respektvolle Umgang mit unseren Spielern.“

Und während Drobny in Hamburg bei der 70-Minuten-Einheit auf dem Platz stand, trainierte Adler in Leverkusen nach seiner Verletzung wieder auf dem Platz mit der Mannschaft. Letzte vertragliche Details seien noch zu klären, eine grundsätzliche Einigung ist aber bereits getroffen. Für vier Jahre soll der ehemalige Nationaltorwart an die Elbe wechseln. Was mit Drobny geschieht? Offen. Wobei heute durchsickerte, dass es eine durchaus überraschende Entscheidung bei Drobny geben könne. Da wird von einem Vereinswechsel bis zum freiwilligen Karriereende des Tschechen alles spekuliert. Deshalb lassen wir das hier mal aus.

Zumal ich mir sicher bin, dass der HSV die ganze Personalie gern noch ein wenig unter dem Deckel gehalten hätte. Und so sehr Fink und Co. auch bemüht sind, Drobny eine völlig unbelastete Gemütslage zuzuschreiben, sie wissen, dass erneute Patzer des Keepers eine Diskussion auslösen könnten. Ist Drobny dem Druck gewachsen? War es nötig, diese Personalie so früh zu veröffentlichen? „Das kann man dann ja immer sagen“, versucht Arnesen, ein wenig Brisanz aus der Sache zu nehmen, „aber letztlich ist das eine völlig normale Vereinsentscheidung. Sowas gehört im Profifußball dazu. Und Jaro geht fantastisch damit um. Er ist sehr professionell.“

Das ist auch Adler. Ich habe heute mal mit Jörg Butt gesprochen, der damals den Karrierestart des jungen Adler live miterlebt hat. Und obwohl ihm der damalige Youngster unerwartet vor die Nase gesetzt wurde, findet Jörg nur gute Worte für den bevorstehenden Zugang des HSV. „Ich will mich nicht ausgiebig über ihn äußern“, sagt Butt zunächst, kann sich dann aber doch nicht ganz zurückhalten: „Rene hatte als junger Torwart schon ein außergewöhnlich großes Talent. Das hatte ich so noch nie gesehen. Er sollte damals bei Bayer mein Nachfolger werden, verletzte sich dann aber unglücklich. Daraufhin hatte der Verein Bedenken und gab mir noch mal einen neuen Einjahresvertrag.“ Dennoch, ein Platzverweis in der Bundesliga eröffnete Adler die große Chance – und er nutzte sie, legte eine steile Karriere hin bis zur Nummer eins im deutschen Kasten. „Rene hat alles, was ein Torwart braucht“, lobt Butt, „er ist ein außergewöhnlich befähigter Torwart.“ Und einer, der demnächst nach Hamburg wechselt. Zu dem Verein, bei dem auch Butt spielte. „Ein gesunder, fitter Adler könnte dem HSV ganz sicher helfen“, versichert Butt.

Einzig die Frage, ob das frühe Bekanntwerden dieses Transfers zu großen Druck auf Drobny ausüben könnte, bleibt abzuwarten. Normal gesehen, müsste Drobny dem standhalten. Und daran glaube ich tatsächlich, dafür ist der Tscheche ansonsten zu cool und kümmert sich ’nen feuchten Dreck um das, was andere sagen, denken und machen. Siehe den Umgang mit der Öffentlichkeit. Und auch beim HSV glauben alle an ihre Nummer eins. Die Spieler, der Sportchef – und der Trainer? Wie Fink das sieht? Kein Kommentar. Der Trainer wollte sich nicht zu dem Thema äußern, bevor es vertraglich fixiert ist.

Verständlich. Ebenso wie die Tatsache, dass der HSV-Trainer Jeffrey Bruma wieder nominierte. Für den zuletzt formschwachen Niederländer blieb Per Skjelbred in Hamburg. Der Norweger habe zwar gut trainiert, allerdings sei auswärts ein Defensivspieler mehr die bessere Lösung, sagte Fink nach dem Training, das für ein Abschlusstraining erstaunlich kurzweilig war. Zunächst wurde mit verschiedenen Bällen Handball gespielt. Wobei Zweikämpfe in aller Form erlaubt waren – und das führte zu zeitweise harten (aber nie gesundheitsgefährdende) Tacklings. Immer mittendrin: David Jarolim. Der Tscheche hat seine Rückenprobleme auskuriert und wird am Freitag im Borussia-Park in der Startelf stehen. „Ein bisschen Schmerz muss schon sein“, scherzte der eigentlich schon aussortierte Mittelfeldspieler vor dem Training, „dann weiß man, dass man noch lebt.“

Nicht viel wusste Jacopo Sala. „Mönchengladbach ist der Gegner“, so der italienische Youngster, „viel mehr weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal, wo Gladbach liegt.“ Soweit, so gut. Oder eben auch nicht. Denn als er uns dann offenbarte, dass er auch nicht wüsste, ob die U21-Nationalelf, für die er auflaufen soll, für die Olympischen Spiele qualifiziert sei, musste ich schon schlucken. Sind die Profis tatsächlich so abgestumpft, dass sie sich mit ihrem Job nur noch soweit befassen, wie es sie höchstpersönlich betrifft? Einer meiner HSV-Reporter-Kollegen hatte dazu eine These, die ich nicht ausschließen will. Er glaubt, unter den Spielern gebe es nicht einen Profi, der sich so viel mit der Bundesliga beschäftigt, wie wir Journalisten und ein großer Teil der deutschen Fußballfans. Wobei das kein landesspezifisches Phänomen sei, also auch für die anderen Fußballnationen gelten würde. Und ich muss sagen, diese These ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Aber was soll’s, sie sollen gut Fußball spielen. Dafür werden sie bezahlt. Und das macht Sala. Auch wenn er in unserer Runde heute irgendwie genervt wirkte, im Abschlusstraining war er wieder voll da. Dass ihm mit Ivo Ilicevic und auch dem voraussichtlich am Montag wieder ins Mannschaftstraining einsteigenden Gökhan Töre zwei schwere Kaliber den Platz auf der rechten Außenbahn streitig machen wollen – für ihn kein Problem. „Ich kann es eh nicht ändern. Das sind beides richtig gute Jungs, die auf den Platz gehören. Aber ich gebe alles, ich will da auch nicht weg.“ Im gegenteil, Sala würde sich sogar wünschen, einmal zusammen mit seinem Freund aus Chelsea-Zeiten Töre im Mittelfeld zusammenzuspielen. „Wir kennen uns, mögen uns und wissen, was der andere macht. Das könnte passen.“

Sala wirkt auf den Fußball angesprochen erstaunlich klar. Er beansprucht keinen Status, er sieht sich selbst noch am Anfang, in der Bringschuld. Dass er sich ansonsten nicht intensiver mit seinem Arbeitsumfeld auseinandersetzt – es ist nunmal so. Heute muss man sich einfach davon lösen, dass es noch Idealisten unter den Kickern gibt. Eine Begleiterscheinung der steigenden Löhne im Millionenbusiness. Und bis wir uns wieder über derartige Dinge Gedanken machen sollten, müssen erst einmal Punkte her. Damit beende ich hier eine selbst inszenierte Diskussion, die mich deprimiert.

Fink plant den Punkteraubzug mit der Startelf der Vorwoche:
Drobny – Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo – Rincon, Jarolim – Sala, Jansen – Petric, Guerrero.
Weiter im Kader stehen Neuhaus (Tor), Arslan, Bruma, Ilicevic, Kacar, Mancienne, Son, Tesche. Gelbsperre droht: Aogo, Mancienne, Westermann (je vier Gelbe).
Die Borussia könnte mit folgender Elf auflaufen: ter Stegen – Jantschke, Brouwers, Dante, Daems – Nordtveit, Neustädter – Reus, Arango – Hanke, de Camargo. Gelbsperre droht: Jantschke, Nordtveit (jeweils vier Gelbe Karten).

Klingt nach einem spannenden Spiel. Zumal ich mir sicher bin, dass die Mannschaft auswärts geduldiger und defensiv wieder disziplinierter auftreten wird als zuletzt gegen Werder. Da hatte man als Zuschauer das Gefühl, die Mannschaft wolle sich zerreißen, möglichst schnell entscheidende Treffer landen. Umso schmerzlicher war für uns das 0:1 nach der gefühlt ersten Ballstafette der Gäste – und für die Spieler war es ein Schock. Als das 0:2 fiel, schien alles vorbei, trotzdem kam die Mannschaft in der zweiten Hälfte noch mal auf. Dieser Einsatz, den Fink anschließend als eigentlich gut lobte und lediglich die individuellen Fehlern anprangerte, gepaart mit der Ruhe und Abgeklärtheit des Spiels in Köln und wir dürfen uns ernsthafte Hoffnungen machen. Auch wenn das bedeuten würde, dass Dieter und ich im nächsten Video unsere hässlichen Stumpen auf dem Axel-Springer-Dach entblößen müssen…

In diesem Sinne, auf ein gutes Spiel in Mönchengladbach. Ich freue mich auf die Partie.

Bis morgen,
Scholle (19.31 Uhr)