Tagesarchiv für den 22. Februar 2012

Mönchengladbach – das neue Vorbild

22. Februar 2012

„Wenn Jaro noch irgendwelche Probleme hat, spielt Gojko“, hatte Trainer Thorsten Fink vor dem Nachmittagstraining angekündigt. Ansonsten gab es keine großen Befürchtungen, dass ein Spieler passen müsste. Zumindest nicht, bis Jaroslav Drobny nach zehn Minuten Training wortlos den Platz verließ und gen Kabine stapfte. „I don’t talk to the press“, waren die einzigen Worte des grummelig schauenden Keepers bei dessen Abgang. Nun war es nichts Neues, dass er nicht mit uns Pressleuten sprechen will – aber ein wenig bange wurde mir dann trotzdem. Schließlich hatte ich am Montag das Testspiel gegen Kopenhagen gesehen und dabei feststellen müssen, dass der momentane Ersatztorwart Sven Neuhaus (Tom Mickel fehlt wegen Hand-OP) sicher noch kein annähernd adäquater Ersatz wäre. Und plötzlich rückt er in die Startelf. Ausgerechnet beim Top-Spiel in Mönchengladbach? Oha…

Aber, um fair zu bleiben, Neuhaus kann kein adäquater Ersatz sein. Wie auch? Dem Ersatzkeeper fehlt es bei gerade drei Einsätzen für die U23 an Spielpraxis – ganz klar. Und eben genau so deutlich zu sehen. Denn Neuhaus ließ Bälle fallen, spielte Fehlpässe und brachte seine Teamkameraden mit kurzen Abwürfen und Abschlägen immer wieder in Bedrängnis. „Sven wird auf jeden Fall auf der Bank sitzen“, stellte sich Trainer Thorsten Fink nach dem Training demonstrativ hinter Neuhaus und gab damit Entwarnung. „Dass Drobo so früh reingeht, war mit dem Torwarttrainer abgesprochen. Er wird in Gladbach spielen können.“ Trotz Kniereizung.

Klar ist aber auch, dass der HSV auf der Torwartposition Nachholbedarf hat. Eine gute Nummer eins und zwei Ersatzleute, die ihre Bundesligatauglichkeit nur bedingt (Mickel) oder gar nicht (Neuhaus) unter Beweis stellen konnten. Es herrscht ein Bedarf, der mit Leverkusens aussortiertem Torwart Rene Adler gedeckt werden könnte. Dass der ehemalige Nationalkeeper beim HSV hoch im Kurs steht, ist seit Monaten bekannt. Heute hieß es dann bei meinen zumeist sehr gut informierten Kollegen von der „Bild“, dass es plötzlich ganz schnell gehen könnte. Ich setzte nach und versuchte mein Glück beim HSV. Zunächst hieß es nur, es gebe nichts Neues. Auch im Aufsichtsrat war niemand beunruhigt, niemand in Alarmbereitschaft. Allerdings müssen die Kontrolleure auch erst acht Stunden vor einer möglichen Unterschrift informiert werden. Dennoch wurde mir gesagt, dass die Geschichte eher aus dem Leverkusener Raum lanciert sei. Allerdings, und das sagte niemand geringeres als der Sportchef Frank Arnesen meinem Kollegen Kai Schiller, könnte es tatsächlich schnell gehen. „Innerhalb der nächsten Woche kann es eine Entscheidung geben – innerhalb der nächsten Wochen wird es eine Entscheidung geben.“ So oder so.

Ich kann nur hoffen, dass sich Drobny von dieser Diskussion nicht beeinflussen lässt. Bislang konnte mich der Tscheche nach einer kurzen Schwächephase zu Saisonbeginn komplett überzeugen. Mehr noch, ich finde, Drobny ist zusammen mit Heiko Westermann der vielleicht konstanteste Spieler beim HSV. Selbst mit seiner Konsequenz, nicht mit uns Presseleuten zu sprechen, komme ich irgendwie klar. Er ist vielleicht etwas sensibler als sein Kollegen und diesem Fall nicht besonders professionell – aber menschlich ist seine Reaktion für mich nachvollziehbar. Immerhin hat Drobny am Anfang mächtig Kritik einstecken müssen. Teilweise wurde ihm sogar die Bundesligatauglichkeit abgesprochen. Dass er sich von den selben Leuten nicht feiern lassen will – absolut okay. Er weiß nur zu gut, dass es auch mal wieder schlechter werden kann.

Aber damit darf er sich noch Zeit lassen. Zumindest so lange, bis der HSV adäquaten Ersatz hat. Ob das ein Rene Adler ist? Wenn der 27-Jährige wieder richtig gesund wird und fit ist, bestimmt. Das hat Adler sowohl in Leverkusen als auch in der Nationalmannschaft bewiesen. Aber braucht der HSV neben Drobny eine zweite Nummer eins? Oder wird gar ohne Drobny geplant? Immerhin steht es so gut wie fest, dass zur neuen Serie mindestens ein junger deutscher und talentierter Keeper verpflichtet wird. Wenn nicht Adler, stünde zudem mit Kaiserslauterns Kevin Trapp ein zweiter Kandidat bereit, mit dem der HSV schon gesprochen hat. Und auch der hätte den Anspruch, wie bei seinem alten Klub als Nummer eins zu spielen.

Aber okay, zurück zur Hoffnung. Zu der Hoffnung, dass Drobny weiterhin so cool und unberührt mit der Diskussion um seine Person umgeht wie bisher. Denn nach einem etwas schwächeren Spiel gegen Bremen soll in Mönchengladbach wieder die Null stehen. Ausgerechnet bei dem Klub, über dessen gnadenlose Effektivität im Angriff derzeit bundesweit lobend gesprochen wird. Dennoch glaubt Fink an die von ihm immer wieder geforderte Dominanz seiner Mannschaft auch in Gladbach – und warnt zugleich: „Die Gladbacher haben eine Mannschaft, die sicherlich nicht unbedingt viel Ballbesitz hat, dafür aber enorm gefährlich ist bei Kontern. Sie stehen sehr kompakt und schalten blitzschnell um.“ Gut für den HSV: Mit Patrick Herrmann fällt ein wichtiger Baustein der Gladbacher Offensive aus. Für den 21-Jährigen rückt Shootingstar Marco Reus auf die rechte Seite. „Aber sie werden deswegen nicht ihr System umstellen“, warnt Fink, „sie haben spielerisch alle Facetten parat.“

Dennoch geht Fink auch in Gladbach von mehr Ballbesitz für seine Mannschaft aus. Wie zuletzt fast immer. Mit dem Unterschied, dass sich die Mannschaft diesmal nicht auskontern lassen will wie gegen Bremen. „Wir haben schlecht umgeschaltet“, sagt Abwehrchef Heiko Westermann, der heute nicht für das Länderspiel gegen Frankreich nominiert wurde. Ob er enttäuscht ist? „Natürlich ist man ein wenig enttäuscht“, so Westermann, der sich in der vergangenen Woche mit dem Bundestrainer unterhalten hatte. Dabei hatte ihm Joachim „Jogi“ Löw eröffnet, dass er sich durchaus noch berechtigt Hoffnungen auf eine Nominierung für die EM im Sommer machen dürfe. „Mir stehen die Türen offen, es liegt an mir“, so Westermann heute sichtlich enttäuscht. Auch er dürfte wissen, dass sich seine Chancen mit der Nichtnominierung auch nicht verbessert haben dürften.

Das wiederum kann der sympathische Mannschaftskapitän selbst am besten ändern. Mit weiterhin guten Leistungen. So ein Klops wie der Zusammenprall mit Slobodan Rajkovic wird ihm sicher nicht noch mal passieren. Drei Minuten habe es gedauert, da sei der Lapsus besprochen gewesen, sagte uns Westermann heute. „Wir haben einfach nicht miteinander gesprochen“, so Westermann, der auch in Gladbach mit Rajkovic die Innenverteidigung bilden wird, wie Fink verriet. Der Trainer plant insgesamt keine Umstellungen. „Die Mannschaft hat in den letzten Wochen nicht schlecht gespielt“, so Fink. „Wir müssen nur die individuellen Fehler abstellen und uns besser positionieren.“ Er würde genau die Ruhe bewahren, die Gladbach zum heutigen Erfolg geführt habe: „Wenn man die Entwicklung von Mönchengladbach sieht, zeigt das, dass es sich lohnt, wenn man ruhig bleibt. Wenn man die Mannschaft hat, die mitzieht, kann man was erreichen.“ Und genau eine solche Mannschaft habe er.

Dabei ist Mönchengladbach tatsächlich und ähnlich wie Borussia Dortmund ein sehr gutes Beispiel für den HSV. Denn auch die Gladbacher waren vor dem letzten Trainerwechsel Tabellenletzter. Das allerdings in einer vergleichsweise aussichtslosen Position. „Mich wundert der sensationelle Saisonverlauf der Gladbacher nicht wirklich“, hatte mit Ex-HSV-Coach Armin Veh vor kurzem gesagt. Und er hatte es auch gleich argumentiert. „Gladbach war, wenn man nur die Rückrunde gewertet hätte, Siebter – Tendenz steigend. Sie haben in der Rückrunde ganz stark gespielt und ihren Weg vom abgeschlagenen Tabellenletzten einfach konsequent und konstant fortgesetzt. Bis heute.“

Stimmt. Sollte dem HSV eine Fortsetzung der eigenen Auswärtsserie – seit dem fünften Spieltag in der Liga ohne Niederlage – gelingen, würde sich Fink seinem erklärten Ziel, den Top Ten, deutlich nähern. Und sollte er darüber hinaus sogar am Ende den siebten Tabellenplatz schaffen, wen stört es? Dann würde der HSV aller Wahrscheinlichkeit nach international dabei sein und hätte genau den Startplatz der Borussen. Und was daraus in der kommenden Serie werden könnte, haben Lucien Favre und Co. ja demonstriert.

In diesem Sinne, Träumen bleibt erlaubt – realistisch sein ist aber nach zuletzt immer wieder geplatzten Träumen angesagter. Deshalb zählt erst einmal nur das Spiel bei der Borussia. Und die drei Punkte dort. Mit Drobny -und ohne Adler. Mit weiterhin 14 fehlenden Punkten, um den Abstieg sicher zu vermeiden. Und mit David Jarolim, der wegen seiner Rückenprobleme bislang zwar passen musste, heute aber problemlos mittrainieren konnte. „Wenn nichts Schlimmeres passiert, kann ich spielen“, sagte der Tscheche heute und bietet seinem Trainer somit die Möglichkeit, seine Mannschaft zwei Spielen in Folge identisch aufzustellen. Das hatten wir auch lange nicht mehr. Mal sehen, was es bringt…

Bis morgen!

Scholle (18.53 Uhr)