Tagesarchiv für den 21. Februar 2012

Arslan: “Von nichts kommt nichts”

21. Februar 2012

Bevor ich zum heutigen HSV-Tag komme:
Hiermit entschuldige ich mich für die Falschmeldung mit den in Benzin getränkten Fahnen, die zwei HSV-Fans vor dem Werder-Spiel in der Arena versteckt haben sollten. Das stimmt nicht. Ein netter Kollege hatte dies von der Polizei aufgeschnappt, wir sollten – auch ich – gegen Nennung seiner Redaktion darüber berichten, ich hielt mich nicht daran – und stehe nun dumm da. Zumal es auch am Montag noch über die Agentur verbreitet worden war. Deshalb nahm ich das als verbrieft an – sorry, mein Fehler, es tut mir ehrlich leid. Diese beiden Fahnen sollen nicht mit Benzin in Berührung gekommen sein, sondern mit Verdünner. Genau das stank und löste den „Benzin-Alarm“ aus. Da ich nicht dabei war, habe ich dem Kollegen und der Agentur vertraut, das war mein Fehler – Entschuldigung. Und ich hoffe, dass diese Entschuldigung ausreichen wird, sie ist ehrlich gemeint.

Zum Sportlichen. Ungemütlich war es auch an diesem Dienstag im Volkspark, denn Schnee, Regen, Kälte und der pfiffige Wind sorgten für ein wenig „widrige Verhältnisse“ beim Vormittagstraining. Noch immer ohne Gökhan Töre – leider. Und ich gebe zu, dass ich nach einer Stunde die Nase voll von diesem neuerlichen Winter hatte. Auch deshalb, um Tolgay Arslan im Stadion nicht zu verpassen. Der Mittelfeldspieler stand uns heute zur Verfügung – und ich muss sagen, dass er auf mich einen richtig tollen Eindruck gemacht hat. Vor zwei Jahren war der aus Dortmund zum HSV gekommene Profi noch ein wenig verschlossen, aber heute saß ein junger, selbstbewusster Mann vor uns. Das hat mir gewaltig imponiert. Und auch deshalb glaube ich, dass wir alle von Arslan noch in dieser Saison einige gute Sachen sehen und hören werden.

Am Montag, im Testspiel gegen Kopenhagen (2:3), war der 21-Jährige der beste Mann auf dem Platz, schon bei seinem Kurz-Einsatz gegen Werder Bremen kassierte er viel Lob. Es läuft gut für ihn – endlich. Ein halbes Jahr lag Arslan auf Eis, nach einem üblen Tritt des Wolfsburgers Dejagah. „Jetzt bin ich nur froh, dass ich wieder spielen kann, ich habe mich über die 90 Minuten gegen Kopenhagen gefreut, da war es auch egal, wie dieses Spiel endete. Ich habe fast keine Schmerzen mehr gespürt“, sagt Arslan. Fast? Wieso fast? Tolgay Arslan: „Na ja, ein bisschen spüre ich immer noch, das wird wohl auch noch einige Zeit dauern – und ein bisschen spielt auch der Kopf dabei ein Rolle. Wenn man so lange verletzt war wie ich, dann ist das nicht so schnell abgehakt.“

Der HSV ist um eine Vertragsverlängerung mit seinem Talent bemüht, und eigentlich sollte diesem Bemühen nichts entgegenstehen: „Ich habe gut gearbeitet, komme gut rüber, zolle dem Verein auch Respekt – deswegen will man wohl mit mir verlängern. Und ich fühle mich jetzt viel weiter als noch vor zwei Jahren, da war ich noch nicht so weit wie jetzt, ich fühle mich wohl in der Mannschaft, bin auch angekommen und fühle mich akzeptiert, ich bin glücklich beim HSV – klar ist es mein Wunsch, hier zu verlängern.“

Blickt er im Zorn zurück auf Dejagah, der ihm ja ein halbes Jahr als Profi-Fußballer „weggetreten“ hat? Tolgay Arslan: „Ich denke nichts Schlechtes über ihn. Das ist halt passiert, so ist Fußball. Kann sein, dass es unnötig war, aber ich habe es abgehakt. Ich gucke jetzt nur noch nach vorne und stehe darüber.“ Zu Saisonbeginn hatte der HSV Arslan aus Aachen zurück nach Hamburg geholt, beim Zweitliga-Klub Alemannia hätten sie ihn gerne behalten, sie weinen ihm heute noch Tränen nach. Wäre er auch gerne in Aachen geblieben? Er sagt: „Daran denke ich nicht mehr. Wenn ich fít gewesen wäre, dann hätte ich sicherlich auch beim HSV meine Einsätze gehabt, denn ich bin ja gut in die Saison gekommen. Arslan hat die Ernsthaftigkeit des Profi-Lebens längst erkannt, er bedient sich eines Mental-Trainers und eines Fitnesscoaches. Der HSV-Spieler hat auch während der Sommerpause jeden Tag für sich (mit dem Fitnesscoach aus seiner Heimatstadt Paderborn) trainiert. Auch das imponiert mir gewaltig – der Mann hat es erkannt, dass man einiges und viel tun muss, um oben dran zu bleiben. Hut ab! Vornehmlich wurde an der Schnelligkeit und an der Spritzigkeit gearbeitet. Wenn doch viele, viele junge Profis mehr erkennen würden, dass sie auch selbst viel für sich tun können – statt sich nur und ausschließlich auf das Training im eigenen Verein zu verlassen.

Jetzt hofft Tolgay Arslan darauf, dass der HSV eine Siegsserie starten kann, um sich „endgültig von unten abzusetzen“, und für sich hofft er darauf, dass er Schritt für Schritt in die Mannschaft kommt: „Ich hoffe, dass ich in Mönchengladbach zum Kader gehören werde – und danke dem Trainer jetzt schon mal für das Vertrauen, das er mir geschenkt hat. Das ist für mich ganz wichtig, dass man das Vertrauen hat, dass man ein positives Signal vom Trainer bekommt, und das bekomme ich hier. Er ist in einer noch jungen Karriere der beste Trainer, den ich hatte, ich sehe, dass er mich voranbringen kann, und ich kann vielleicht auch bald die Mannschaft voranbringen. Mein Ziel ist es, auf Dauer Stammspieler zu werden – klar, sonst wäre ich nicht zum HSV zurückgekommen.“

Und auf welcher Position sieht er sich in der Mannschaft? Er sagt: „Ich bin da ganz flexibel, aber meine Lieblingsposition wäre hinter der Spitze zu spielen. Aber ich kann auch außen spielen, und ich bin ja auch zuletzt auf der Sechs ins Team gekommen – das war auch ganz okay.“ Ganz klar, Arslan ist reifer geworden, selbstbewusster – und er weiß, was von ihm verlangt wird, er weiß aber auch genau, was er will: „Ich hoffe, dass ich hier eines Tages eine große Rolle spielen werde, dass ich dann auch Führungsqualitäten habe, aber das geht nur über harte Arbeit. Und so muss ich auch weitermachen – von nichts kommt nichts.“ Und er ist ehrgeizig: „Ich bin ein Typ mit Emotionen, ich kann nicht verlieren. Ich will jedes Spiel gewinnen, egal ob im Training oder auf Playstation. Ich will gewinnen, und dafür gebe ich immer alles. Man kann sich auf dem Platz auch mal beleidigen, aber das muss nach dem Spiel vergessen sein – die Hauptsache sind die drei Punkte. Ich hasse es, zu verlieren.“

Das geht wohl vielen HSV-Profis – und nicht nur ihnen – so. Aber was wird es am Freitag geben, wenn der HSV in Mönchengladbach auf die Borussia trifft? Eine Hamburger Niederlage wäre wohl normal. Das sieht der ehemalige Gladbacher Marcell Jansen ähnlich: „Die Borussia hat einen sensationellen Lauf. Was auch an Trainer Lucien Favre liegt, dessen Konzept und Vorstellungen vom Fußball großartig und auch sensationell von der Mannschaft umgesetzt werden.“ Dann erklärt Jansen: „Fußball ist ja ein relativ einfacher Sport: Wenn alle im Team mit zurück arbeiten, wenn alle versuchen, den Erfolg der Mannschaft in den Vordergrund zu stellen, dann wir man auch Erfolg haben. Das hat Dortmund in den letzten Jahren hervorragend vorgemacht, dass hat Gladbach mit dieser Mannschaft, die im vergangenen Jahr fast abgestiegen wäre, nun ebenfalls super übernommen. So muss man Fußball spielen, um Erfolg zu haben, und dann braucht man natürlich auch etwas Glück dazu – und das hat Gladbach jetzt, hat es sich auch hart erarbeitet.“

Wobei Jansen auch noch hinzufügt: „Für mich ist es heute noch unbegreiflich, es auch immer sein wird, das ist die Tatsache, dass die Borussia 2011 nicht abgestiegen ist. Das ist Wahnsinn. Es war doch schon vorbei, die Mannschaft war abgeschlagen Tabellenletzter und für mich eigentlich schon abgestiegen. Und es ist für mich ein Kunstwerk, das der Trainer dann geschaffen hat, dass er mit diesem Team nicht abgestiegen ist. Das ist eine hervorragende Arbeit des Trainers, die jetzt mit der Spitzenposition belohnt wird.“

Zur Verletztenlage des HSV: David Jarolim hat „Rücken“, hat heute das Training ziemlich früh abgebrochen. Der Tscheche aber soll morgen schon wieder (um 15 Uhr im Volkspark) mit der Mannschaft am Start sein. Ebenso wie Jaroslav Drobny, der heute wegen kleinerer Knie-Beschwerden pausierte. Deshalb wurden heute zwei Nachwuchstorhüter von Torwarttrainer Ronny Teuber hart rangenommen: Florian Stritzel (18) und Tino Dehmelt (20). Der zurzeit zweite Mann, Sven Neuhaus, lief (wegen des Testspiels am Vortag gegen Kopenhagen) mit der gesamten B-Vertretung aus, ging nach 35 Minuten in die Kabine. Apropos: Neuhaus sah gegen die Dänen nicht besonders gut aus, müsste aber zwischen die Pfosten, falls Drobny einmal ausfallen sollte – weil Tom Mickel ja bekanntlich noch viele Wochen ausfallen wird. Was mich gerade beschleicht: Möge der Fußball-Gott verhindern, dass Drobny einmal nicht spielen kann, denn Neuhaus fehlt sämtliche Spielpraxis, es müsste in meinen Augen schon ein Wunder geschehen, wenn er – im Notfall – zwischen die Pfosten müsste – und trotz allem geht alles gut. Kann (dann) eigentlich nicht – nach dieser unsicheren Vorstellung gegen Kopenhagen.

Und noch einmal Kopenhagen: Marcus Berg mischte ja wieder mit, war aber von Bestform noch meilenweit entfernt. Und wird es wohl auch noch in den nächsten Tagen (und Wochen?) bleiben. Da fehlt zu viel, der Schwede meidet das körperliche Spiel, geht den ganz harten Zweikämpfen aus dem Weg – er wird noch tüchtig trainieren müssen, um ganz den Anschluss an die Kollegen zu schaffen.

Und noch ein Thema bewegt ja in diesen Tagen (viele Fans – auch hier): Dennis Aogo und die Standards. Ich gebe ja zu, dass der Nationalspieler zuletzt keinen besonders glücklichen Fuß bei seinen Schüssen und Flanken hatte, aber muss ein HSV-Fan dann einen HSV-Spieler, der noch dazu aktueller Nationalspieler ist (!) wirklich so hart kritisieren? Mir tut es weh, wenn ich so manchen Beitrag hier lese, dass hat nämlich kein HSV-Spieler (von einem HSV-Fan) verdient. Thorsten Fink wird schon wissen, was er in Sachen Standards unternehmen muss, damit es wieder besser wird. Deshalb bitte ich um Vertrauen, dass der Trainer diese Sache auch anpacken wird. Wenn ich meinen Senf noch kurz dazu geben darf: Ich finde es immer wieder befremdlich, wenn sich zwei oder drei Spieler „streiten“, bevor der Freistoß ausgeführt wird. Das verunsichert jeden Schützen, er wird dadurch nur noch zusätzlich unter Druck gesetzt. Deshalb sollte es – in den meisten Fällen – klare Ansagen geben, wer von wo aus welcher Position schießen sollte. Alles andere – so empfinde ich das – ist amateurhaft.

Wobei ich kurz bei mir gelandet bin (Verzeihung!), denn am 18. September 1965 durfte ich zum ersten Mal im Volksparkstadion spielen. Punktspiel der Jungmannen von BU gegen den HSV. Das Hauptspiel sahen später 49 000 Zuschauer, es ging gegen – na, wen? Klar, Mönchengladbach. Die Borussia war Aufsteiger damals, mit Spielern wie Berti Vogts, Herbert Laumen, Jupp Heynckes, Bernd Rupp, „Amigo“ Elfert und Günter Netzer. Der HSV gewann nach Toren von Bernd Dörfel, Manfred Pohlschmidt, Peter Wulf, Uwe Seeler und Holger Dieckmann mit 5:0. Diesmal würde mir schon ein 1:0-Sieg des HSV genügen . . .
Übrigens verloren wir damals mit BU 2:4 – und ich traf dabei gleich zweimal. Einmal ins eigene Tor, dann verwandelte ich einen Elfmeter. Für alle diejenigen, die sich nun mit „freuen“ (wegen des Eigentores): Wir wurden mit BU am Saisonende in der ersten Hamburger Klasse (mit HSV, St. Pauli, Altona 93, Concordia, Paloma, und, und, und) dennoch Staffelmeister. Auch weil wir den HSV im Rückspiel (in Ochsenzoll) 3:2 besiegen konnten – unter den Augen von Uwe Seeler. Das aber nur am Rande.

18.25 Uhr