Tagesarchiv für den 19. Februar 2012

Nachbetrachtung zum 96. Nordderby

19. Februar 2012

Auch das ist Fußball: Otto Rehhagel ist neuer Hertha-Trainer, demnächst wird Udo Lattek seinen erfolglosen Kumpel Jupp Heynckes den beim schwer kriselnden FC Bayern München ablösen, falls Rehhagel dann doch nur so lange wie Michael Skibbe durchhalten sollte, dann stünde schon Erich Ribbeck in den Startlöchern, und Dr. Theo Zwanziger tritt die Wulff-Nachfolge an und wird neuer Bundespräsident. Irgendwie alles unfassbar, was sich so im Lande tut, es ist wirklich fix was los – aber was ist schon fassbar? Ich zum Beispiel kann es immer noch nicht fassen, dass der HSV gegen Werder Bremen verloren hat. Die Schaaf-Truppe hatte in diesem Jahr noch kein Bundesliga-Spiel gewonnen. Und dann waren bei den Bremern solche bekannten Fußball-Größen wie Florian Hartherz, Zlatko Junuzovic, Tom Trybull, Francios Affolter, Lukas Schmitz und Zlatko Ignjovski dabei. Natürlich ist es gegen Werder immer eine besondere Kiste, selbstverständlich ist ein Nordderby etwas Besonderes – aber diesmal standen die Vorzeichen doch eindeutig auf einen HSV-Erfolg. Und dann dies. Dieses erschütternde 1:3.

Zu dem der (äußerlich) gefasste HSV-Trainer Thorsten Fink befand: „Ich war mit der Gesamtleistung meiner Mannschaft sehr zufrieden. Wir haben gefightet, wir haben gekämpft, wir haben nach vorne gespielt, wir haben uns Chancen herausgespielt, wir haben alles getan – so muss eigentlich ein Derby aussehen. Leider haben wir aber einfache Fehler in der Vorwärtsbewegung gehabt, wir hatten einfache Ballverluste, die wir so in der Vorwoche in Köln nicht gehabt haben, und diese einfachen Ballverluste wurden sofort bestraft. Wenn man natürliche solche Fehler macht, dann kann man ein solches Derby nicht gewinnen, wir sind aber trotzdem mit der Leistung, mit der Gesamtleistung, zufrieden. Wir wollten fighten, wir wollten kämpfen, wir hatten einen guten Spielaufbau, haben viele Zweikämpfe gewonnen, das alles haben wir gemacht. Wir haben auch gesehen, dass unser Anspruch nicht der Uefa-Cup ist – ich habe immer wieder gewarnt. Unser Anspruch ist immer noch der gesicherte Mittelfeldplatz – den Unterschied haben wir heute gesehen.“ Später sagte der HSV-Coach auch noch: „Ich lasse mir von niemandem etwas aufschwatzen, wir haben drei, vier Fehler gemacht, aber die Gesamtleistung stimmte, wir haben ein rassiges Derby gesehen. Und Fehler passieren immer wieder, sonst würden wir ja in der Champions League spielen“ Und – auch das noch: „Wenn man ein Derby verliert, dann bin ich nicht glücklich, das ist auch klar.“

Ganz ehrlich: Ich bewundere Thorsten Fink dass er so die Ruhe behalten hat – oder auch immer und in jeder Situation die Contenance bewahrt. Das gilt übrigens für alle HSV-Verantwortlichen an diesem Sonnabend. Hut ab! Keine Panik, keine Hektik, keine Bitterkeit, keinen großen Ärger, keine übergroße Säuernis – der HSV akzeptierte diese verdiente Niederlage sportlich fair und in aufrechter Haltung. Vorbildlich, anerkennenswert, nachahmenswert.

Was aber soll Thorsten Fink nach einem solchen 1:3 schon sagen? Soll er seine Spieler nach allen Regeln der Kunst „zusammenfalten“? Dann würden sie völlig das Selbstvertrauen verlieren. Oder eventuell auch nur „bocklos“ werden und auf Dienst nach Vorschrift umschalten. Damit wäre dem HSV aber gewiss nicht gedient, denn noch sind 14 Punkte einzufahren, damit der Klassenerhalt gesichert ist. Sind jedoch erst einmal diese ominösen 40 Zähler (die zum Nicht-Abstieg berechtigen) auf Hamburger Seite, dann könnten wohl Fink als auch Sportchef Frank Arnesen jedes Mal dann die volle Wahrheit sagen, wenn ihnen danach ist. Bis dahin allerdings muss wohl oder übel „gepudert“ werden. Und das macht Thorsten Fink meisterhaft. Er hat eben das berühmte Gen dafür.

Wobei ich mir gerade vorstelle, wie Werder-Trainer Thomas Schaaf wohl reagiert hätte, wenn das Ergebnis umgekehrt gewesen wäre – und der Schiedsrichter nur zwei Minuten hätte nachspielen lassen. Das wäre ein Aufstand gewesen, aber hallo . . . Zwei Bremer lagen in der zweiten Halbzeit jeweils drei Minuten und länger am Boden. Von Marko Marin an der Eckfahne einmal abgesehen (dazu komme ich später). Und dazu gab es dann auch noch diverse andere Zeitverzögerungen der Bremer. Beim HSV aber nahm man all diese besonderen Umstände ganz gelassen hin. Sportlich fair eben. Und großartig. Allerdings, das ist wohl unbestritten, hätten an diesem Tag ja auch sechs Minuten Nachspielzeit nichts gebracht und am Spielausgang geändert, denn zwei oder drei Tore hätte der HSV an diesem Tag auch bis zum Beginn des Klitschko-Boxkampfes kurz vor Mitternacht nicht mehr geschossen. Was natürlich hypothetisch ist, zugegeben.
Und wenn ich schon dabei bin: Gegen Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer will ich damit nichts, rein gar nichts gesagt haben, denn das hat erstens schon der Herr Schaaf an der Seitenlinie und vor seiner Bank 90 Minuten lang recht ausgiebig getan, und zweitens hat Kinhöfer – das sage ich als (halbwegs) neutraler Beobachter – eine gute Leistung gebracht.

Kurz noch zu der statistischen Seite des 96. Nordderbys:
18:13 Torschüsse für den HSV, 3:2 Ecken für den HSV, 62:38 Prozent Ballbesitz für den HSV, 56:44 gewonnene Zweikämpfe für den HSV, 10:23 Fouls (da war Werder mal vorn), 4:1 Abseits für den HSV, Slobodan Rajkovic hatte die meisten Ballkontakte (99), Werders Bester war Fritz (55), Rajkovic hatte 62 Prozent gewonnene Zweikämpfe, Bremens Hartherz brachte es auf 64 Prozent, Dennis Aogo gab sechs Torschussvorlagen, für Werder war Marin der Führende (drei), Mladen Petric hatte als Hamburgs Bester fünf Torschüsse, Marin brachte es auf vier – und dann standen am Schluss 1:3 Tore für die Bremer zu Buche. Letzterer Wert dieser ansonsten wertlosen Statistik war und ist im Fußball ganz entscheidend.

Die Deutsche Presseagentur (DPA) schreibt heute übrigens:
In dieser Verfassung kann der HSV seine Träumereien von Europa beenden und muss nächsten Freitag bei Borussia Mönchengladbach aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.
Der DPA dann auch noch weiter:
Werder-Trainer Schaaf war während der 90 Minuten unter Hochspannung und kommentierte jede Schiedsrichterentscheidung lautstark. Dabei wird sein aus Verletzungs- und Finanznot geborener Jugendstil bei Werder immer ansehnlicher. Der Coach hatte die junge Garde um Trybull, Florian Hartherz (beide 18) und Zlatko Junuzovic (24) taktisch so gut eingestellt, dass sie mit temporeichem Passspiel durch die Reihen der Hamburger marschieren konnte.

So, zu den Vorkommnissen am Rande (außer der Pöbelei):

Ein Nachspiel könnte der Becherwurf aus der HSV-Fankurve an die Wade von Marko Marin bei einem Eckball haben. „Das ist eine Frechheit. Eigentlich aber sind die Hamburger Fans nicht so“, sagte der Bremer, „das ist trotzdem ärgerlich für den Fußball und ich hoffe, dass es nicht üblich wird, die Gegner auf diese Art zu verletzen“. Marin war bei diesem Eckstoß aufreizend langsam zur Eckfahne gegangen, das brachte einen HSV-Fan wohl zu sehr in Rage, aber aufreizend langsam gehen ist eben erlaubt – so lange es der Schiedsrichter nicht anders sieht. Deshalb ist diese Selbstjustiz wieder einmal blöde, denn sie wird dem HSV wieder einiges an Geld kosten. Wenn schon keine Bengalos in den HSV-Reihen (Werder-Anhänger zündelten sehr wohl), dann tut es eben auch ein mit einem Feuerzeug „gefüllter“ Becher – die Dummen sterben nie aus. PS: Dass Marin, dem in dieser Republik noch nie einer so etwas wie Fallsucht unterstellt hat (oder irre ich da?), von diesem „Treffer“ dann noch (kurz) zu Boden geht, das spricht eine ganz besondere Sprache. Im Prinzip aber muss das jeder Spieler mit sich selbst im stillen Kämmerlein ausmachen, ob er sich auf diese unrühmliche Art und Weise outen oder blamieren will. Es sei denn, die Offiziellen des Vereins reden diesem Spieler (oder diesen Spielern) mal ins Gewissen . . .

Und dann sorgten zwei vor der Partie festgenommene HSV-Anhänger noch zusätzlich für Aufregung. Beide hatten schon Tage (oder einen Tag?) vorher zwei mit Brandbeschleuniger getränkte Fahnen und Transparente in die Arena geschmuggelt und bestens versteckt (glaubten sie jedenfalls), diese beiden Utensilien wurden aber zeitig vor dem Spiel entdeckt – und bewusst in ihrem Versteck liegen gelassen. Als diese beiden Fußball-
Fans der besonderen Art dann kurz vor dem Anpfiff die (un-)sicher deponierten Sachen abholen wollten, griff die schon auf der Lauer liegende Polizei zu. Die Dummen sterben eben nie aus – Teil zwei. Das ist doch alles nur noch unterirdisch. Gehört wohl aber zum Fußballverständnis einiger Leute von heute dazu. Bin gespannt, was das für Strafen gibt . . .

Auch am Rande: Die „Schlagzeilen“ des aktuellen – und immer sehr, sehr gut gemachten (Kompliment, liebe Kollegen!) – Stadionheftes „HSVlive“ lautete diesmal: „Jaro – einer von uns“. Wie trügerisch!

Nicht mehr lange nämlich ist „Jaro einer von uns“, denn der Abschied des tschechischen Dauerläufers ist für den HSV beschlossene Sache. In der Halbzeitpause diskutierten wir (Kollegen fast aller Hamburger Zeitungen) über den HSV, über das Spiel, speziell über das Mittelfeld. Ein (mir bekannter) Kollege befand dann – nicht untypisch: „Der HSV wird sich zur neuen Saison gleich drei neue Sechser suchen müssen, denn so ist das doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Den einzigen Sechser jedoch, den du noch gebrauchen könntest, den, ausgerechnet den, den lassen sie laufen. Fußball verkehrt.“

Gemeint war mit dem Einzigen natürlich David Jarolim. Auch diesmal eine Stütze des HSV-Teams. Ich hatte ja gemeint, dass „Jaro“ schon mit gesenktem Kopf auf den Rasen gelaufen sei, weil ja in den Tagen zuvor in allen Zeitungen ausgiebig zu lesen war, dass am Saisonende Schluss ist für ihn, aber meine Vermutung stimmte nicht. „Ich war gut drauf, habe mich auch gut gefühlt. Und ich habe nicht mit gesenktem Kopf gespielt, ganz im Gegenteil, ich werde hier bis zum letzten Spiel alles für den HSV geben.“ Dann fügte der Tscheche noch hinzu: „Es ist für mich nach wie vor ein Traum, dass ich hier noch spielen darf, damit habe ich nämlich schon gar nicht mehr gerechnet.“ Und: „Keine Sorge, ich bin klar im Kopf, weiß meine Situation hier ganz genau einzuschätzen.“

Ganz, ganz am Rande hat er HSV – besser einer seiner Altmeister – an diesem Wochenende einen Rekord eingebüßt. Manfred „Manni“ Kaltz ist nicht mehr alleiniger Rekordhalter in Sachen Bundesliga-Eigentoren. Der Mainzer Noveski (der, an dem Eljero Elia bestimmt immer denken wird) zog im 1:1-Spiel gegen Hoffenheim mit seinem sechsten Eigentor in der Liga mit dem HSV-„Flankengott“ gleich.

So, und dann bin ich auch durch (das muss aber noch!): Tolgay Arslan, in der 72. Minute für Jacopo Sala eingewechselt, war für mich ein Lichtblick an diesem ansonsten sehr trüben 18. Februar 2012.

Morgen, am Montag, ist kein Training im Volkspark. Um 15 Uhr aber trifft der HSV auf dem Trainingsplatz auf den FC Kopenhagen.

16.25 Uhr