Tagesarchiv für den 18. Februar 2012

Aus allen Träumen gerissen – 1:3

18. Februar 2012

Aus allen Träumen gerissen! Wahnsinn. Wer hätte das vorher gedacht? Der HSV verliert sein Heimspiel gegen den ewigen Nordrivalen Werder Bremen mit 1:3 – völlig verdient. Das war zu wenig, was der HSV diesmal bot, die guten Leistungen und Punktgewinne der letzten Wochen sind der Mannschaft offenbar überhaupt nicht bekommen. Pizarro schoss diesmal zwar kein Tor gegen den HSV, aber es sprangen eben andere für ihn ein. Der HSV war dem defensiv und nur auf Konter eingestellten Bremer Team vor 56 553 Zuschauern schön auf den Leim gegangen. . . Die Realität hat uns alle wieder: die Fans, die Mannschaft, die Verantwortlichen – ganz Hamburg. Wunder dauern eben immer etwas länger. „Die Nummer eins im Norden sind wir“, sangen die Werder-Anhänger, niemand konnte ihnen etwas erwidern. Auch so ist Fußball.

Die Stimmung war super. Vor dem Anpfiff, auch noch in den Anfangsminuten. Alles wunderbar. Hüben wie drüben Fan-Gesänge – so muss Fußball sein. Aus Hamburger Sicht stand einem Fußball-Fest nichts entgegen. Bis auf die fußballerischen Defizite. Oder war es nur die pure Überheblichkeit? In der neunten Minute „verdaddelte“ der „Zehner“ des HSV einen Ball an der Mittellinie. Arrogant. Das war nur arrogant. Rincon, der bis dahin schon einige Male den Ball wunderschön mit der Sohle gestreichelt hatte, leistete sich den Luxus, quasi als letzter Mann einen völlig überflüssigen Zweikampf zu suchen. Und verlor prompt die Kugel. Was für ein fataler Anfängerfehler. Alle Hamburger noch in der Vorwärtsbewegung – und der Konter lief. Und keiner konnte die Bremer stoppen. Marin schließlich legte die Kugel in die kurze Ecke – an guten Tagen hält Jaroslav Drobny diesen nicht besonders scharfen Schuss. 0:1 – die kalte Dusche.

Werder danach in der eigenen Hälfte. Elf Mann. Die warteten auf den HSV, wohlwissend, dass dieser HSV noch gar nicht in der Lage ist, eine solche Defensive auseinander zu spielen. Die Bremer lauerten auf Konter, und sie bekamen sie natürlich – frei Haus geliefert, denn von hinten heraus spielte der HSV mit unendlichen Fehlern nach vorne. Werder musste eigentlich nur danke sagen. Ganz, ganz bitter, diese Vorführung. So spielt man mit Studenten . . .

Und auf diese Art und Weise fiel prompt auch das 0:2. Marcell Jansen, der bis dahin gar nicht mitgespielt hatte, verlor den Ball auf der rechten Seite – aber wie! Unfassbar. Das war ganz sicher anfängerhaft. Der Konter lief. Und wieder kam Marin zum Abschluss, doch diesmal hielt Drobny den Schuss aus 15 Metern noch (sehr gut!). Eckstoß. Und den köpfte Trybull, den Dennis Aogo wohl aus den Augen verloren hatte, zum zweiten Tor für die Bremer ein. Wenn Drobny den ersten Treffer an guten Tagen gehalten hätte, so hätte er diesen Kopfball an guten Tagen wahrscheinlich mit dem Fuß gestoppt, hoch genommen und per Fallrückzieher nach vorne befördert. Diesmal tauchte der Tscheche wie eine Blei-Ente ab. Ende. Halbzeit. Unfassbar. Vor dem Spiel hatten 84 Prozent auf einen HSV-Sieg getippt – und dann eine solche erbärmliche Vorstellung.

Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn in der 48. Minute gleich der Anschlusstreffer gefallen wäre. Flanke Dennis Diekmeier, Mladen Petric direkt – genau auf Wiese – nur Eckstoß. Im Gegenzug hätte es 0:3 stehen müssen. Marin, um den sich niemand in der Hamburger Truppe so richtig zu kümmern schien, legte zur Mitte, dort hatte Diekmeier schön geschlafen, er ließ Rosenberg aus den Augen, doch der Bremer verfehlte freistehend aus sieben Metern das HSV-Tor. Ein Kunststück. Und großes Glück für den HSV.

Und es hielt die „Finken“ weiter im Spiel. Der HSV wurde doch noch besser, spielte druckvoller, wollte die Wende. Ivo Ilicevic traf aus spitzem Winkel mit einem Volleyschuss den Pfosten, dann traf Petric per abgefälschtem Freistoß zum 1:2 (76.) – Hoffnung keimte noch einmal auf . . .

Diese aber wurde in der 86. Minute begraben. Ein ganz „langes und hohes Ding“ in den Werder-Angriff, Slobodan Rajkovic und Heiko Westermann liefen ineinander, Arnautovic sagte danke und schoss mühelos ein. Dieses Tor passte an diesem verregneten Sonnabend genau zur HSV-Vorstellung . . .

Die Einzelkritik:

Jaroslav Drobny hat zuletzt immer gut gehalten, das war mal wieder ein schwächerer Tag – Note fünf.

Dennis Diekmeier – nicht Fisch, nicht Fleisch. Nach vorne kaum etwas, nach hinten unaufmerksam und unkonzentriert. Das war gar nichts.

Heiko Westermann begann fahrig wie zuletzt in Köln. Diesmal aber hielt diese Phase viel, viel länger an. Er kann es besser. Obwohl er sich auch diesmal in Halbzeit zwei steigern konnte, so dass er noch eine große, vielleicht sogar die Stütze des Teams wurde.

Slobodan Rajkovic bot eine solide Partie, obwohl auch er längst nicht so souverän war wie zuletzt.

Dennis Aogo hatte, so schien es, sein Hauptaugenmerk auf die Offensive gelegt. Nach hinten gelegentlich unkonzentriert, nach vorne ohne die rechte Durchschlagskraft.

David Jarolim bemüht wie immer, eroberte auch einige Bälle, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, als sei er schon mit gesenktem Kopf auf den Rasen gelaufen. Das endgültige Aus, dass er nun noch einmal aus allen Hamburger Zeitungen erfahren und lesen musste, schien ihn doch etwas zu lähmen. So jedenfalls mein Eindruck. „Jaro“ war okay, aber mehr auch nicht.

Tomas Rincon war ein Ausfall. Brotlose Kunst nennt man so etwas – aber warum soll er nicht auch einmal solche Tage erleben? Hoffentlich bleibt es bei diesem Ausrutscher. Und hoffentlich sagt ihm mal jemand, dass er ganz sicher kein genialer „Ballstreichler“ ist, Rincon muss über den Kampf zu seinem Spiel finden, aber nicht in der Rolle des Spielmachers . Ich kann mich nur wiederholen: Bitte, bitte, liebe Leute vom HSV, sagt es ihm. Für Rincon kam nach der Pause Ivo Ilicevic, der Gas gab und eine Belebung für das HSV-Spiel war, auch wenn er sich gleich einen ganz katastrophalen Fehlpass erlaubte. Aber ihn hatte Werder auf dem Zettel, ihm wurde Respekt entgegengebracht.

Jacopo Sala fand schwer ins Spiel, fand letztlich gar nicht so richtig hinein – ich hätte ihn spätestens zur Pause vom Rasen genommen. Aber da es in diese Richtung ja noch mehrere Kandidaten gab, bremste sich Thorsten Fink wahrscheinlich. Zur Pause, spätestens zur Pause, hätte er fünf Mann zum Duschen schicken können – wenn nicht müssen. Sala wurde erst
in der 72. Minute „erlöst“, für ihn kam Tolgay Arslan.

Marcell Jansen wäre auch ein Kandidat für einen Pausen-Wechsel gewesen Ein ganz heißer sogar. Der ehemalige Nationalspieler war ein Totalausfall. Er spielte gar nicht mit – bis auf diese Szene in der 45. Minute. Als er in der 71. Minute endlich (gegen Heung Min Son) ausgewechselt wurde, dann bekam er von Stadionsprecher Dirk Dröge noch einen netten Spruch mit auf den Weg in die Kabine: „Gute Besserung für den Oberschenkel.“ Ja, dem möchte ich mich anschließen.

Mladen Petric war in den ersten 30 Minuten nie zu sehen, und wenn, dann nur durch Fehlpässe. Aber dann bekam er noch die Kurve, taute auf und war um Leben bemüht. Akzente konnte er aber auch nicht setzen. Immerhin aber sorgte er mit einem abgefälschten Freistoß (Werders Fritz lenkte den Ball ab) noch für das 1:2 (76.).

Ganz vorne stand Paolo Guerrero diesmal allein auf weiter Flur, total allein. Und hatte es schwer, denn die Werder-Defensive nahm ihn hart ran, mitunter recht, recht hart sogar. Damit wurde ihm frühzeitig der Zahn gezogen, Guerrero bemühte sich ohne Ende, aber es kam nichts dabei rum. Gegen Ende der Partie war der Peruaner total ausgepumpt, alle, leer.

Ein Wort am Rande. Der arme Herr Schaaf. Er muss nach diesem Spiel Tennisarme haben. Jede, wirklich jede Schiedsrichter-Entscheidung des guten Unparteiischen Thorsten Kinhöfer kommentierte er mit hoch erhobenen Armen, mit wildem Gestikulieren und mit einigen Kommentaren. Der Mann (Schaaf) hatte an diesem Tag eben keine anderen Sorgen, fußballerisch lief es ja mit seiner Truppe nach Plan . . .

17.27 Uhr