Tagesarchiv für den 17. Februar 2012

Kapitänsangelegenheit: Pizarro rausnehmen – dann klappt’s auch mit dem Derbysieg…

17. Februar 2012

„Wir spielen im Moment das, was die Mannschaft kann“, lobte HSV-Trainer Thorsten Fink sein Team nach dem 1:0-Sieg in Köln. Selbiger hatte hier im Blog mehrheitlich positive Stimmen hervorgerufen. Allerdings gab es auch noch viele, die mit der Art und Weise nicht zufrieden waren. Dazu zähle ich mich nicht. Im Gegenteil. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich diese Mannschaft stabilisiert hat, taktisch wie in Köln sensationell diszipliniert spiel und dabei immer am eigenen Leistungslimit agiert. Das ist bei zunehmender Eingespieltheit noch um Nunacen steigerbar – aber für den Moment sollten wir zufrieden sein. Obwohl, nein – zufrieden dürfen wir nicht sein, das ist das falsche Wort. Aber wir sollten immer einen Blick haben auf das, was wir zu Saisonbeginn sahen und wo wir jetzt sind.

Denn: Unter Fink wurde es besser. Das ist kein Geheimnis, das sagen Punkte und Tabellenplatz klar aus. Allein die ersten vier Spiele der Rückrunde zeigen das schon deutlich. Und ich beziehe da bewusst das 1:5 gegen Dortmund mit ein, damit hier keiner die Daten anzweifeln oder deren Auswahl als willkürlich bezeichnen kann. „Wir haben uns defensiv gefestigt“, sagt HSV-Abwehrchef Heiko Westermann. Im Trainingslager in Marbella sowie in den letzten sieben tagen vor Rückrundenbeginn hatte sich Fink der eigenen defensiven verschrieben. Und damit lag er goldrichtig. Zwar gab es zu Beginn gegen übermächtige und von HSV-Fehlern profitierende Dortmunder eine bittere 1:5-Lehrstunde, allerdings zeigte sich anschließend, dass der HSV seine immer wieder proklamierte Schwachstelle Nummer eins in den Griff bekommen hat: die Defensive. Allerdings ist diese neue Stärke nicht allein der Viererkette zuzuordnen, sondern der allgemein besser werdenden Defensivarbeit als Team. „Die besten Beispiele waren Bayern und Köln. Beide Male haben wir sehr kompakt gestanden, mit allen elf gut gegen den Ball gearbeitet.“ Soll heißen: der HSV hat endlich eine ballorientiert verteidigende und aggressive Defensive. Daher verwundert es auch nicht, dass der HSV in den ersten vier Rückrundenspielen nur die Hälfte der Gegentore kassiert hat, die er gegen die gleichen Gegner in der Hinrunde eingeschenkt bekam. Trotz der fünf Gegentore zum Rückrundenauftakt.

Wie die umfangreichen, detaillierten Daten der Castrol Edge deutlich machen, hat es Fink geschafft, seiner Mannschaft ein gesundes Maß Defensivdenken einzuimpfen. Die Hälfte der Gegentore, dazu mehr gewonnene Zweikämpfe (257 jetzt gegenüber 243 nach vier Hinrundenspielen) sind erste Indizien. Und die Tatsache, dass der HSV in der Rückrunde 84 Foulspiele verursachte und zum gleichen Zeitpunkt in der Hinrunde erst 65 Fouls auf dem Kerbholz hat, spricht für die neue Aggressivität, die Fink immer wieder fordert. Dass es sich hierbei um eine zielführende, so genannte „gesunde Aggressivität handelt, unterstreichen die gerade erst fünf Gelben Karten in der Rückrunde. Zum Vergleich: In der Hinrunde hatte der HSV bereits elf Gelbe nach vier Spielen – und trotzdem nur einem Punkt gegenüber aktuell sieben. Apropos Gelbe, da ist doch was: Neben Michael Mancienne droht mit Heiko Westermann und Dennis Aogo ausgerechnet den wahrscheinlich konstantesten zwei Abwehrspielern bei der nächsten Verwarnung ein Spiel Sperre. Das wäre im Übrigen dann die Partie am kommenden Freitag gegen und in Mönchengladbach. Ob das belastet? „Nein“, antworten beide unisono, „wir können es ja nicht ändern.“ Aber es würde eben auch nichts an ihrer Spielweise ändern. Und das ist gut so.

Was mich an der Statistik von CastrolEdge besonders freute, ist die Tatsache, dass der HSV bei allem Defensivdenken auch offensiv stärker wird. Zwar wurden bislang erst 5 Tore erzielt (in der Hinrunde waren es 6 zu diesem Zeitpunkt), allerdings kommt der HSV in der Rückrunde deutlich häufiger zum Abschluss. Genau genommen waren es aktuell 42 Torschüsse gegenüber 27 in der Hinrunde. Ein Resultat der dominanteren Spielweise, die sich im durchschnittlichen Ballbesitz zeigt. Denn da hat der HSV 51,6 Prozent Ballbesitz gegenüber 44,5 Prozent zu Saisonbeginn. Besonders bemerkenswert ist, dass der HSV durchschnittlich mehr am Ball ist als der Gegner, obwohl die bemessenen Spiele zweimal auswärts und zu Hause gegen niemand geringeren als die absoluten Top-Teams Bayern und Dortmund waren.

Aber okay, genug gelobt. Morgen kommen die Unaussprechlichen. Da gilt es, die Form zu bestätigen. Und ich gebe zu, gegen die Lieblingsmannschaft meines im Moment karnevalsbedingt delirierten Kollegen Lutz Wöckener (er musste in der verbotenen Stadt aufwachsen) schmerzen Niederlagen doppelt. Zumal, weil sie meistens so vermeid- oder zumindest zu oft vorhersehbar waren. Dennoch, und damit endet auch schon der Mini-„was-ist-wenn?“-Teil“, dieses Nordderby hat andere Vorzeichen. Bei den Spielern herrscht nicht mehr der zu große Respekt vor den Grünweißen wie so oft in den vergangenen Jahren. Die meisten Spieler sind hier nicht einmal bekannt. „Das muss ich zugeben“, sagt Dennis Aogo, „aber wir werden uns wie immer gut auf alle vorbereiten. Aber nicht mehr als auf die vorigen Gegner.“ Warum auch? Die Mannschaft glaubt an sich.

In der verbotenen Stadt jedenfalls, diese Erfahrung hat mein korrekt-fußballgepolter Kollege Kai Schiller am Mittwoch bei seinem Abenteuer in der Weserstadt gemacht, glaubt niemand an einen Sieg der Grünweißen. Weder die begleitenden Journalisten/-innen noch die Einwohner. Und das, obwohl unser Lieblingsgegner (bis heute Abend) fünf Ränge höher platziert ist. „Aber weil wir ein Heimspiel haben, dürfte es ein Duell auf Augenhöhe werden“, glaubt Aogo, nicht wissend, dass er bislang jedes Bundesliga-Heimspiel gegen den morgigen Gegner gewonnen hat. „Ist das so?“, fragt der Linksverteidiger verwundert und schiebt nach: „Dann wollen wir das mal so belassen.“

Ja, das wollen wir. Und auf dem Weg dahin dürfte die größte Aufgabe sein, Claudio Pizarro zu stoppen. 14 Buden knipste der Torjäger in 19 Bundesligaspielen gegen den HSV. So auch die beiden im Hinspiel. „Ein großer Faktor in deren Spiel ist ganz sicher Pizarro“, sagt Westermann, der sich hauptverantwortlich für die Beschattung des Peruaners zeichnet. „Ich werde aus dem Spiel heraus sicher am meisten mit ihm zu tun haben“, so der Abwehrchef, der großen Respekt vor seinem Gegner hat: „Seine Tore zeigen sein Qualität. Er ist 80 Minuten nicht zu sehen, und trotzdem ist er im entscheidenden Moment da. Er weiß, wo er hin muss. Und er ist brutal gefährlich bei Standards, weil er nur auf den kleinsten Fehler wartet und nutzt. Dazu ist er sehr ball- und spielsicher. Wenn er nicht dabei ist, hat seine Mannschaft Probleme. Er macht einfach den Unterschied.“

Allerdings nicht in diesem Nordderby. „Daran muss ich mich messen lassen“, sagt Westermann, der sich für diese Hercules-Aufgabe gewappnet sieht. „Pizarro wird uns nicht mehr weglaufen, die Schnelligkeit hat er nicht mehr. Und ich freue mich auf die Duelle, weil er ein Heißblut ist auf dem Platz. Und darauf bin ich heiß. Das werden richtige Duelle. Er lässt sich nichts gefallen. Und vielleicht lässt er sich ja wieder zu einer undurchdachten Aktion verleiten.“ Ob er sich die von seinem Teamkollegen Paolo Guerrero versprochenen Tipps schon eingeholt hat? „Nein“, sagt Westermann, „ich habe auch schon oft genug gegen ihn gespielt. Ich kenne seine Qualitäten. Und ich bin gewarnt.“ Pizarro jetzt auch.

Dabei ist Pizarro für Westermann ein echter Prüfstein. Auch in Hinblick auf die bevorstehende EM. Vor einer Woche hatte ausgerechnet Westermann in Köln im Mannschaftshotel ein nettes Gespräch mit Hansi Flick, dem Cotrainer von Jogi Löw in der DFB-Auswahl. Und dieser hat dem HSV-Kapitän Positives in Aussicht gestellt. „Er hat mir nur gesagt, dass er genauso wie Jogi Löw weiß, was ich kann. Für mich steht die Tür weiter offen.“ Und wenn er Pizarro ausschaltet, sogar schon für das Spiel gegen Frankreich in Bremen? „Eher nicht“, sagt Westermann, der nach der Verletzung von Per Mertesacker noch größere Chancen auf die EM-Teilnahme haben dürfte. Ob er sich selbst nominieren würde? Ob er es verdient hätte? „Ich glaube schon, dass ich es verdient hätte. Allemal. Aber es sind auch viele neue, junge Leute dazugekommen, die spielen können. Jetzt liegt es an mir.“ Stimmt! Sollte er tatsächlich Pizarro ausschalten können, dürfte das ein weiteres, nachhaltiges Bewerbungsschreiben für ihn sein. Und allemal Grund zur Freude für uns.

Im Nachmittagstraining beschränkte sich Fink heute auf knapp 40 Minuten mit Kreisspiel, leichten Laufübungen und ein Abschlussspiel, in dem er Blöcke auf beide Mannschaften verteilte. Und für alle die, die hier unken, der HSV spiele immer dann schlecht, wenn das Training gelobt wird: Insbesondere der zentrale Defensivblock mit Rajkovic, Westermann, Jarolim und Rincon patzte und verlor das Spiel 0:4. Torschützen: 3x Guerrero, 1x Petric.

Mir würde gegen die Anderen schon ein 1:0 reichen. Meinetwegen auch noch unspektakulärer als der Sieg in Köln.

In diesem Sinne – bis morgen! Da wird gewonnen. Ich lege mich fest.

Scholle

So könnten sie spielen:

HSV: Drobny – Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo – Sala, Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, Guerrero.
Werder Bremen: Wiese – Fritz, Affolter, Sokratis, Hartherz – Bargfrede – Ignjovski, Trybull – Junuzovic – Arnautovic, Pizarro

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer (Herne)
Assistenten: Detlef Scheppe (Wenden), Christian Fischer (Hemer)
Vierter Offizieller: Harm Osmers (Hannover)

Die Statistik von Castrol Edge: