Tagesarchiv für den 16. Februar 2012

Die Anspannung vor dem Nordderby steigt sicht- und hörbar

16. Februar 2012

Der „Oha-Effekt“ blieb nicht aus. Auf die Frage, ob er in der Kabinenansprache vor dem Nordderby ein besonderes Stilmittel benutzen wolle, um die Brisanz der Partie noch mal zu verdeutlichen, antwortete HSV-Trainer Thorsten Fink zunächst ganz langsam. Er reihte Buchstabe an Buchstabe und brauchte eine gefühlte Stunde für den satz. „Ich kann natürlich nicht langsam sprechen und sagen: ‚Hey Jungs, das ist ein Derby’, und dass wir gewinnen wollen“, so Fink betont langsam und langweilend, ehe er mit der Handkante auf das Podium im Presseraum der Imtech-Arena schlug und mit roter werdendem Kopf und ansteigender Lautstärke brüllte: „Nein, wir wissen, wie wichtig das Spiel ist, das Derby. Und wir geben Gas.“ Und, lasst es Euch gesagt sein, was in Schriftform schwer rüberkommt, wirkte in Echtzeit tatsächlich beeindruckend. Zumindest ließ es erahnen, mit welcher Intensität Fink seine motivierenden Ansprachen vor der Mannschaft hält.

Und das wird auch am Sonnabend nötig sein. Denn da kommt es zum Nordderby gegen die Nordost-Delmenhorster (als Kompromiss, denn die verbotene Stadt liegt weder genau östlich noch nördlich). Und da das Hinspiel 0:2 verloren gegangen ist, sinnen die HSV-Profis auf Revanche. Selbst die an sich schmerzhafte Rückenprellung bei Gojko Kacar konnte ihn nicht davon abhalten, heute im Training um seine Chance auf einen Platz in der Startelf zu kämpfen. Dass es nicht reichen wird – es war ihm egal. Und das zeugt von zwar durchaus zu erwartender, aber eben auch gesunder Motivation. „Man merkt im Training deutlich, dass es heißer wird. Die Anspannung steigt, es geht richtig zur Sache“, sagt Mladen Petric.

Und genau diese Portion gesunde Aggressivität verlangt auch Thorsten Fink. „Ich erwarte von der Mannschaft, dass sie genau da weitermacht, wo sie in den letzten Spielen aufgehört hat.“ Soll heißen: dominantes Spiel mit viel Ballbesitz. Schon deshalb wird er aller Voraussicht nach nichts an der Startelf der Köln-Partie verändern. Einzige Ausnahme: der für Fink weiterhin gesetzte Tomas Rincon löst nach abgesessener Gelbsperre den am Rücken noch leicht angeschlagenen Kacar ab.

Und so sicht- und hörbar heiß auch Fink auf das Derby ist („Ich weiß, was so ein Nordderby bedeutet. Verliert man, kann man es nicht gleich wiedergutmachen und man wird gehänselt. Es ist ein besonderes Spiel“), der HSV-Coach findet dennoch eine Lücke für einen kleinen, aber feinen Appell: „Ich werde nicht mit Sprüchen das Spiel anheizen, weil ich keine Randale drumherum will, sondern Feuer auf dem Platz. Dort soll sich der Wettkampf abspielen. Mit fairen Mitteln.“ Worte, die ein Tim Wiese so sicher auch unterschreiben würde…


Aber egal, der HSV braucht sich auch nicht in markigen Sprüchen verrennen. Die Form spricht für sie. Werder hat zuletzt viermal in Folge remis gespielt, der HSV hat aus den letzten vier Spielen zwei Siege und ein Remis gegen den FC Bayern geholt. „Wir haben uns eine gute Ausgangsposition verschaffen“, sagt Mladen Petric, „bis auf ein Spiel gegen Dortmund haben wir gut losgelegt und uns viel Selbstvertrauen geholt.“ Insbesondere der Köln-Sieg habe noch mal nachhaltig Wirkung. Petric: „Das war ein Bigpoint, weil wir nicht wie so oft versucht haben, das Spiel schon in den ersten 15 Minuten zu entscheiden. Wir hatten Geduld, haben an uns geglaubt und konnten mit dem 1:0 sehr gut leben.“ Zumal der HSV so am Sonnabend das erste Mal mit positivem Druck ins Spiel gehen kann. Der Abstiegskampf ist bei acht Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz in vorerst sicherer Entfernung. Petric: „Und natürlich können wir den Anschluss herstellen – aber dafür müssen wir am Sonnabend unsere vergangenen Wochen bestätigen.“

Das Wort Europa scheint indes auf dem Index zu stehen, nachdem es kurz vor und in der Winterpause immer wieder ausgesprochen und mit einem bitteren 1:5 zum Auftakt gegen Dortmund bestraft wurde. Allerdings, und das ist genau die richtige Temperierung, der Blick nach oben bleibt: „Sollten wir uns weiter vorarbeiten können, werden wir ganz sicher nie sagen, dass wir mit Platz acht oder neun zufrieden sind“, kündigt Petric an. Und mehr sollte er auch nicht sagen. Wir alle wissen nur zu gut, wie oft gerade beim HSV die Ansprüche der Leistung voraus waren…

Nein, bei der am häufigsten gespielten Bundesligapartie (zum 96. Mal gibt es dieses Nordderby am Sonnabend) treffen zwei Mannschaften aufeinander, die in der Tabelle zwar fünf Ränge auseinander liegen, aber eine sehr ähnliche Entwicklung nehmen. Denn nachdem der HSV zwangsläufig im Sommer den Umbruch eingeläutet hatte, ist dieser inzwischen auch beim nächsten Gegner angekommen. Derzeit versuchen es Schaaf und Allofs sogar mit der jüngsten Mannschaft aller Zeiten. Zuletzt wurden teure Spieler wie Almeide, Frings, Jensen, Pasanen und Mertesacker verkauft. Wobei Letztgenannter sich am Wochenende bei seinem neuen Klub Arsenal London so schwer verletzt hat, dass ihm jetzt sogar das EM-Aus drohen könnte. Eine Nachricht, die Heiko Westermann – dafür ist er vorbildlicher Sportsmann genug – alles andere als freuen wird, die ihm allerdings die Aussicht auf einen Nominierung für die Endrunde in Polen und der Ukraine im Sommer verbessern könnte.

Aber schnell wieder zurück zur Aktualität. Mit den zumeist Grünweiß-Gekleideten kommt am Sonnabend eine Mannschaft, die schwer einzuschätzen ist. „Die spielen von Weltklasse bis weniger gut alles“, sagt Jansen und betont: „Aber am Ende haben sie irgendwie Erfolg. Wir sind auf jeden Fall gewarnt.“ Wobei alle (auch Fink) auf die Frage, ob sie alle Spieler aus der momentan Startelf der Weserstädter kennen, ausweichend antworten. Und das zurecht. Oder sind Euch Namen wie Florian Hartherz, Francois Affolter oder auch Tom Trybull nachhaltig bekannt?

Eher nicht. Klar ist aber, dass sie Fußball spielen können und ihr Trainer Thomas Schaaf an der Ausrichtung und am Spielsystem der vergangenen Monate und Jahre festhält. Dabei agieren sie immer mit Raute und immer mit zwei Stürmern. Ihre Mannschaft hat keinen ausgewiesenen Zehner, vor dem sich die Konkurrenz fürchtet. Statt eines Özils oder Diegos kümmert sich inzwischen ein Zlatko Junuzovic um die Kreativität im Spiel. Da sich nach sechs Champions-League-Teilnahmen in sieben Jahren die Erwartungen der Anhänger nicht der Kaderveränderung angepasst haben, sprach Allofs zuletzt immer wieder von „erschreckendem Anspruchsdenken“. Was das betrifft, steht es 1:0 für den HSV. Denn der hat es besser gemacht. Dort wurden schon vor Saisonende 2010/2011 die Ansprüche für 2011/2012 wiederholt kleingeredet. Dazu kam ein Saisonstart, der auch den letzten verträumten Optimisten derart erschrecken ließ, dass seither der Minimum Klassenerhalt als Ziel ausgegeben und erwartet werden konnte. Sollte sich dieses Ziel (Arnesen: „Und das ist erst, wenn wir 40 Punkte sicher haben“) vorzeitig realisieren lassen, würde weitergedacht. „Die Fans nehmen die Situation an“, sagt Mladen Petric, der auch in Berlin einen besonderen Support vernommen hat. „Eine geile Stimmung!“ Und die soll es auch am Sonnabend geben. Auch wenn bislang noch 3000 Tickets im freien Verkauf sind, das Stadion überraschend noch nicht ausverkauft ist.

Apropos Petric: der Kroate steht trotz seiner im März anstehenden Vertragsverhandlungen mit dem HSV momentan ein wenig im Schatten des formstarken Paolo Guerreros. „Es ist eigentlich ganz schön, mal etwas mehr Ruhe zu haben“, scherzt Petric und fügt an: „Paolo hat einen top Lauf im Moment, und der ist für uns alle gut. Auch für mich. Ich verstehe mich mit Paolo auf und neben dem Platz super.“ Zuletzt bewiesen beim 1:0 in Köln. Und genau darin dürfte eine der größten Stärken des HSV im Moment liegen: der Gegner muss sich auf zwei Topstürmer konzentrieren – nicht nur auf einen. „Mladen spielt sehr gut mit Paolo zusammen“, lobt auch Fink, „dass der eine weniger trifft als der andere ist nicht wichtig. Es ist generell nicht wichtig, wer die Tore macht, sondern nur, dass das System funktioniert. Und dafür arbeiten beide gut mit. Wenn das so bleibt, werden sie eh beide auf ihre Torquote kommen.“

Am besten schon mit Treffern im Nordderby. Gutes Omen: gegen den Torwart der Grünweißen erzielte Petric seinen ersten Bundesligatreffer. Besser noch: „Wir haben mit Dortmund damals 3:0 gewonnen und ich habe zwei Tore erzielen können.“ Und das gegen den damaligen Torwart Tim Wiese, der auch am Sonnabend in der Imtech-Arena das Tor der Unaussprechlichen hüten wird.

In diesem Sinne, bis morgen.

Da findet leider kein öffentliches Training statt.

Scholle (18.45 Uhr)