Tagesarchiv für den 15. Februar 2012

Das Spiel gegen die Unaussprechlichen elektrisiert

15. Februar 2012

So schnell kann es gehen! Das dachten wir uns oben im fünften Stock der Imtech-Arena. Kaum kündigt der HSV verschärfte Maßnahmen gegen Pyrotechnik-Missbrauch im Stadion an, brennt es auch schon in der Imtech-Arena. Zumindest dachte das die Feuerwehr, die um 12.54 Uhr mit vier Wagen und Blaulicht anrückte Allerdings, schon 14 Minuten später rückten alle Löschwagen wieder ab – falscher Alarm. Zum Glück. Richtig heiß wird es eh erst am Sonnabend, wenn der HSV im Block 25A die Kontrollen drastisch verschärft. Und ganz nebenbei: Mit den Unaussprechlichen kommen an dem Tag ausgerechnet die Fans nach Hamburg, die in der Bundesliga am häufigsten Pyrotechnik zünden. Ob es im Gästeblock auch eine derart verschärfte Kontrolle gibt? Nein!

Echter Alarm herrscht allerdings im Hinblick auf das bevorstehende Nordderby. Auf dem Trainingsplatz wurde nach einer kurzen Aufwärmphase so eine Art Völkerball gespielt. Zunächst waren die Nummern ein bis 13 draußen, der Rest innen mit Fitnesscoach Nikola Vidovic – und nach 50 Minuten wurde gewechselt. Wobei ziemlich klar sein dürfte, dass die Jungs in der Kabine von dem Kickboxmeister deutlich härter drangenommen wurden als die Gruppe draußen von Fink und Co. „Das tut schon mal richtig weh“, beschreibt Jansen Vidovic’s Trainingsmethoden, „aber es tut allen gut.“ Und ganz ehrlich: ich habe mit fast allen Spielern mal über den verhältnismäßig neuen Physio gesprochen – und alle sind begeistert.

Das wiederum gilt auch für das wichtigste Ereignis dieser Woche (nach meiner aktiven Rückkehr auf den Trainingsplatz natürlich): für das Nordderby gegen die Nord-Delmenhorster. Die Runde von damals mit den vier Spielen in Folge nervt hier – nicht nur mich. „Das war scheiße“, spricht Jansen Klartext, „da haben wir im DFB-Pokal, das muss man so ehrlich sagen, verdient verloren, weil wir taktisch schlechter waren. Aber in der Europa-League waren wir in beiden Spielen besser und haben unter kuriosen Umständen verloren. Ich erinnere da nur an Michael Gravgaard – zuerst die Papierkugel und dann auch noch das nicht gegebene Tor.“ Das Ligaspiel fiel damals anschließend kaum noch ins Gewicht. Zu groß war die Enttäuschung über das Doppel-Aus in den beiden Cup-Halbfinals. „Schon deshalb ist das Spiel am Sonnabend hier mehr als nur ein Top-Spiel für uns“, verspricht Jansen, „Das ist eine Top-Spiel mit Sternchen. Da haben wir noch was in der Schublade…“ Womit der Linksfuß sagen will, dass sie noch etwas gutzumachen haben.

Gut macht es im Moment die gesamte HSV-Mannschaft im Kollektiv. Wer auch immer sich über das Spiel am Sonntag in Köln geärgert hat, sie/er hat noch zu hohe Ansprüche. Der Satz von Trainer Thorsten Fink „Wir spielen im Moment genau das, was wir können“ ist meiner Meinung nach komplett richtig und alles beschreibend. Solche Siege sind Gold wert, weil sie existenziell sind. Ein 0:0 in Köln hätte Diskussionen aufgeworfen, ganz klar. Das weiß auch Fink. Weil das bei Niederlagen fast immer so ist. Und der HSV-Coach hätte sich trotzdem gestellt, ganz sicher. Allerdings hat der Trainer im Moment nur die Aufgabe, dieser Mannschaft eine gesunde Basis zu verschaffen. Auf dem Platz wie in der Tabelle. Und diese beiden Dinge gelingen ihm sehr gut. Auch in Köln, wo man nicht mehr als drei Punkte mitnehmen konnte. Insofern sollten wir zufrieden sein, wenn der HSV gewinnt, ohne dabei kapitale Schwächen zu offenbaren, die Anlass zur Kritik bieten. Und das hat die Mannschaft nun wirklich nicht.

Aber okay, zurück zum alles beherrschenden Thema: zum Nordderby gegen die Unaussprechlichen. Die haben heute parallel zu unserer Runde mit Paolo Guerrero eine Runde mit Claudio Pizarro angesetzt. Pikant: Den wollte der HSV 2008 verpflichten, als er vom FC Chelsea zurück in die Bundesliga wechselte. „Ja, es gab damals ein Angebot vom HSV“, sagte Pizarro heute. Und via Interviewticker aus Bremen aktuell informiert, stellte ich gleich Frank Arnesen die Frage, ob das so stimme. Immerhin war der heutige HSV-Sportchef damals noch als Sportchef des FC Chelsea aktiv. „Davon weiß ich nichts“, so der Däne, „vom HSV hatte sich damals nie jemand gemeldet. Wäre da was gekommen, hätten wir ihn natürlich nach Hamburg geschickt“, scherzt Arnesen, der heute noch mal klarstellte, dass er sich über David Jarolims Rückkehr zwar sehr freue, deshalb aber den Plan, den Tschechen im Sommer abzugeben, noch nicht über den Haufen geworfen habe.

Aber zurück zu Pizarro und seinem HSV-Angebot von 2008. Es gab es, wie mir damals der Vorstand bestätigte. Und ehrlich gesagt hätte ich mich richtig gefreut, wenn das geklappt hätte. Allerdings kam es nie zu intensiveren Verhandlungen. Pizarro wollte unbedingt nach Nord-Delmenhorst zurück, ließ daran von Beginn der Verhandlungen an keinen Zweifel. „Ansonsten hätte ich nie wieder nach Bremen einreisen dürfen“, scherzte Pizarro heute in der Interviewrunde.

Mein sympathischer Kollege Kai Schiller war übrigens vor Ort. Frisch geimpft (nur ’n dummer Scherz, bitte nicht beleidigt sein, liebe Bremer) und von mir mit dem Auftrag ausgestattet, dem besten Spieler der Unaussprechlichen ordentlich einen gegen das Schienbein zu schmettern, lauschte er dem Topstürmer, während ich in der Imtech-Arena dem einzig echten Peruaner der Bundesliga zuhörte: Paolo Guerrero. Der ist im Moment – nein: schon seit der Übernahme von Thorsten Fink – in aufsteigender Form. Wer der bessere Stürmer ist wurde da gefragt. Eigentlich müsste man hierbei ehrlicherweise für Pizarro votieren, der gefühlte 100 Tore mehr erzielt hat in seiner Bundesliga-Karriere. Aber noch eigentlicher sollte man diese Frage so gar nicht stellen. Immerhin sind beide absolut verschiedene Spielertypen. Denn während Pizarro vom Typ her am ehesten dem früheren Mladen Petric beim HSV entspricht, ist Paolo der Arbeiter unter den Angreifern. „Paolo haut sich immer voll rein, ist super mannschaftsdienlich, arbeitet tierisch nach hinten und ist schon deshalb hoch angesehen in der Truppe“, lobt Jansen, „und wenn er jetzt noch trifft – umso besser. Wir brauchen auch Stürmer, die mehr als fünf, sechs Tore machen.“ Bedeutet: Guerrero muss am Wochenende nachlegen – er hat ja erst sechs Saisontreffer.

Nachlegen müsste der HSV auch, wollte er Mladen Petric über die Saison hinaus halten. Das aber wird so nicht geschehen, wie Klubboss Carl Jarchow bereits ankündigte und Arnesen heute noch mal unterstrich: „Wir müssen wieder sparen. Wir wissen, dass wir in der kommenden Saison nicht so viel Kohle ausgeben können, wie in diesem Jahr. Wir müssen das noch mal zurückschrauben.“ Selbst das Erreichen eines internationalen Startplatzes (Arnesen: „Darüber rede ich gar nicht“) würde finanziell nicht allzu viel bewegen. „Du weißt nie, wen Du als Gegner bekommst, wie weit Du kommst und so weiter. Außer in der Champions League kann man nicht viel einplanen. Aber ein internationaler Startplatz macht dich als Verein für Spieler interessanter. Da könnte es uns das Leben etwas leichter machen.“

Leichter machen könnte es auch Klaus Michael Kühne. Der Milliardär steht weiterhin in engem Kontakt zum HSV. Gerade jetzt, wo die Suche des HSV nach einem kreativen Mittelfeldspieler auf Hochtouren läuft und die Vereinskassen leer sind, könnte der HSV-Fan, der gerade 450 Millionen Euro bei Hapag Lloyd investiert hat, helfen. Das hofft Arnesen trotz des Gegenwindes in der Mitglieder. „Herr Kühne steht unserer Zukunftsplanung sehr positiv gegenüber. Und die Mitglieder müssen keine Angst haben, dass hier etwas im Stile der englischen Klubs verkauft wird. Der HSV wird immer souverän bleiben“, plädiert der HSV-Sportchef, „und ich werde den Klub immer verteidigen. Herr Kühne ist ein Investor, der das Risiko eingeht, 100 Prozent zu verlieren. Für mich ist das mehr ein Sponsor als ein Investor. Aber keinesfalls jemand, der dem HSV schaden könnte. Im Gegenteil.“

Eine Meinung, die ich im Übrigen teile. Sofern die Investments gläsern sind. Soll heißen: ich würde mich freuen, wenn Herr Kühne dem HSV einen Mittelfeldspieler der Klasse Rafael van der Vaart komplett finanziert. Dann darf er auch gern an einem eventuellen Weiterverkauf des Spielers partizipieren. Er darf auch gern daran verdienen, sollte der Spieler dem HSV mehr einbringen, als er vorher gekostet hat. Zudem glaube ich, dass der HSV bei allen Bestrebungen, neue Geldquellen (Arena-Events, Südkorea, etc.) zu erschließen, Hilfe dringend brauchen kann. Denn gute Spieler erhöhen die Wahrscheinlichkeit auf sportliche Erfolge. Die wiederum machen den HSV attraktiver für Sponsoren und interessante Spieler. Und so kann sich eine Schraube bei gutem Management schnell immer weiter nach oben schrauben.

Und damit meine ich nicht nur fertige Stars á la van der Vaart, sondern auch Spieler wie Maximilian Beister. Nach der Borussia aus Dortmund soll laut Sportbild die Borussia aus Mönchengladbach jetzt an dem Leihspieler des HSV in Diensten Fortuna Düsseldorfs interessiert sein. „Aber ich bin ganz ruhig“, sagt Arnesen, „es ist alles besprochen, zuletzt noch mal in Berlin. Es ist alles positiv.“ Jetzt ginge es nur noch um letzte finanzielle Details. „Wir werden in den nächsten sieben bis zehn Tagen eine Entscheidung haben. Und ich glaube, sie wird positiv für uns.“

Wie das Heimspiel am Sonnabend. Da gibt es keine zwei Meinungen.

In diesem Sinne, bis morgen.

Scholle

P.S.: Am Nachmittag ging es auf dem Platz gut zur Sache. Insbesondere im Abschlussturnier mit drei Mannschaften auf verkürztem Feld. Und während der Trainingsplatz schwer ramponiert wirkte, erstrahlt der Stadionrasen nach den Eisestemperaturen in einem nahezu perfekten Zustand.

18.59 Uhr

Nächste Einträge »