Tagesarchiv für den 10. Februar 2012

Guerrero und Son überragen – Tesche und Kacar leider überhaupt nicht

10. Februar 2012

Ich tue mich schwer, mich in meiner Funktion als Journalist auch als Fan zu bezeichnen. Beim HSV ist es irgendwie anders, immerhin verfolge ich den Klub seit frühester Kindheit – das zählt nicht. Aber bei allem, was ich seit 2000, seit meinem ersten Tag beim Abendblatt, kennengelernt habe, versuche ich mich bewusst objektiv. Deshalb formuliere ich es mal anders: ich mag die Art, wie Paolo Guerrero Fußball spielt. Ich halte ihn für den (Achtung, Scherz! Ich weiß, dass komplett nicht zu steigern ist…) komplettesten Spieler im HSV-Team. Und jetzt wird er auch noch richtig locker. „Ich möchte für die jungen Spieler Vorbild sein“, sagte er bei seinem in meinen Augen sehr gelungenen ersten TV-Studio-Interview in Hamburg. „Das war schon eine große Herausforderung für mich“, sagt Guerrero heute, „aber ich habe es gern gemacht, weil ich mich richtig gut fühle. Der Trainer vertraut mir, wir spielen besser und ich bin fit und gut drauf. Es macht Spaß, über unsere aktuelle Leistung zu sprechen.“

So ist es. Auch bei ihm persönlich. Der Peruaner ist momentan eine Stütze in der Offensive. Auch heute im Training. Im A-Team stürmte er neben Mladen Petric und erzielte beide Treffer. Darüber freuen wollte er sich dennoch nicht. „Wir haben 2:4 verloren“, sagt Guerrero, da waren alle sauer. Auch ich.“ Allerdings sei diese Niederlage gegen die vermeintlichen Reservisten auch ein gutes Zeichen dafür, „dass alle heiß sind. Alle wollen sich dem Trainer zeigen und unbedingt spielen.“

Das gilt auch für Robert Tesche und Gojko Kacar. Sollte es zumindest. Zunächst durfte der Serbe im A-Team ran. Und das tat er – erschreckend schwach. Ganz in Dortmund-Spiel-Form spielte Kacar einen Fehlpass nach dem anderen, verlor Zweikämpfe und wirkte komplett verunsichert. Erst als er zur Halbzeit des Abschlussspiels gegen Robert Tesche ausgetauscht wurde und ins B-Team wechselte, taute er auf. Plötzlich kamen seine Pässe an, er grätschte erfolgreich und gewann endlich seine Zweikämpfe. Ganz im Gegenteil zu Tesche. Auch der zweite Kandidat für die Sechserposition neben David Jarolim versagte. Auf ganzer Linie. Denn nachdem er die Zweikämpfe verlor, das Zentrum dem Gegner öffnete und Fehlpässe spielte, spielte er sogar noch tödliche Pässe – für den Gegner. Heung Min Son, der überragend trainierte und drei Tore erzielte, nahm das Gastgeschenk dankend an. Ergebnis: geht es nach Trainings- und Spielleistungen gibt es nur eine Wahl – weder Tesche noch Kacar dürfen für den gesperrten Tomas Rincon ran.

Wohl auch deshalb legte sich Trainer Thorsten Fink schon heute fest, Per Skjelbred wieder in den Kader zu nehmen. Denn auch der Norweger wäre ein Kandidat für die einzige offene Position. Und nach einem kurzen Schreckmoment, als Son dem Norweger einmal mächtig gegen die lädierte Stelle auf dem rechten Schienbein trat, wirkte Skjelbred deutlich engagierter als seine zwei Konkurrenten. Zwar ließ er sich von Guerrero in einem Zweikampf abschütteln, als wäre er Luft, aber anschließend bemühte sich der ballsichere Rechtsfuß, um den Trainer auf sich aufmerksam zu machen. Allerdings beließ es Fink dabei, den Rekonvaleszenten auf der rechten Seite im B-Team spielen zu lassen.

Ebenfalls nicht auf der Sechs im Training: Jacopo Sala. Der Italiener agierte im Stammteam rechts, Ilicevic im B-Team links. Und beide spielten gut, wobei Ilicevic noch etwas auffälliger spielte und die Stamm-Viererkette mehrfach mit guten Dribblings und/oder geschickten Pässen aushebelte. Auch deshalb hoffe ich weiterhin darauf, dass Fink seinem Vorsatz zuwider doch etwas mehr umbaut, genau genommen zwei Positionen: Sala von rechts in die Zentrale und Ilicevic von der Bank in die Startelf.

Neben Guerrero, Son und Ilicevic ebenfalls auffällig gut waren heute Dennis Aogo und David Jarolim. Letztgenannter erlebt im Moment seinen gefühlt 100. Frühling. Und er erhält dafür nicht nur von den Fans wie nach dem Bayern-Spiel unfassbar viel Zuspruch, sondern auch von seinen Teamkameraden. Immer wieder erntete der fast schon aussortierte Sechser heute Lob von seinen Kollegen. Selbst einfachste Ballgewinne zogen ein „sauber Jaro!“ oder „gut so, Jaro!“ nach sich. Wobei mein netter Bild-Kollegen Kai Uwe Hesse in Anlehnung an die schwachen Leistungen Tesches und Kacars auf der Sechs spontan die Vermutung äußerte: „Die loben ihn, um ihn starkzureden. Die wissen alle, dass er am Sonntag, auf der Sechs der einzige ist, auf den sie hoffen können.“

Dabei ist beim HSV vor dem Auswärtsspiel in Köln an sich kaum bis keine Skepsis zu spüren. Im Gegenteil. Wieder einmal besteht für den HSV eine große Chance. Sportchef Frank Arnesen glaubt dran, mit einem Sieg endgültig den Abstiegskampf verlassen zu können. Und eigentlich alle Spieler sowie Trainer sehen in Köln die große Chance, endlich den nächsten Etappenschritt in Finks Masterplan zu nehmen: das Erreichen der Top-Ten. „Das ist für uns alle eine riesige Motivation“, sagt Guerrero, „und wenn wir immer so spielen wie gegen Bayern, können wir sicher noch ganz viel erreichen, Dann ist alles drin.“

Für ihn persönlich sollen es noch sechs Tore sein. Fünf hat er, zehn sind sein bisheriger Rekord – und elf hätte er gern im Mai 2012 auf dem Konto. „Aber wichtiger ist, dass wir gewinnen. Ich will mit dem HSV noch was erreichen. Vielleicht können wir ja aus dieser Saison sogar noch eine vernünftige machen. Aber dazu zählt auch, dass wir in Köln gewinnen müssen.“ Obwohl den HSV dort die nach dem HSV, Dortmund und Schalke viertbeste Stimmung erwartet? „In Köln ist immer richtig gute Stimmung. Und auch das Stadion ist sehr schön“, sagt Guerrero, der daraus einen Vorteil für den HSV macht. „Die haben auch einen guten Rasen. Und das kommt uns entgegen, weil wir Fußball spielen wollen.“ Zwar seien auch immer Spiele dabei, wie gegen etwas dominantere Bayern oder dominante Dortmunder dabei, aber grundsätzlich „ist unser Spiel, den Ball zu haben“, sagt Guerrero. Dafür sei ein tadelloses Geläuf von Vorteil. Wie am vergangenen Spieltag gegen den FC Bayern auf dem frisch verlegten Rollrasen der Imtech-Arena.

In diesem Sinne, ich hoffe auf Ilicevic, einen guten Rasen, den Einsatz der Vorwoche – und entsprechend drei Punkte in Köln. Ich verbleibe mit dem hoffnungsvollen Wunsch auf ein schönes Wochenende für uns alle mit dem Alstervergnügen sowie einem erfolgreichen Auftritt in Köln. Bis morgen, dann berichtet Dieter wieder für Euch.

Scholle (17.41 Uhr)

P.S.: Gute Nachrichten von der Verletztenfront: Denn während Romeo Castelen im Mannschaftstraining mitmischte, soll Gökhan Töre in der nächsten Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.

P.P.S.: Und noch eine Bitte – auch wenn Ihr mit einem Blog mal nicht so einverstanden sein solltet, bewahrt bitte Contenance. Viele Blogger wollten auch hier lesen, wie die Scoutingabteilung funktioniert. Dieser Wunsch wurde immer wieder an Dieter und mich herangetragen, und dieses Bedürfnis habe ich gestern versucht zu decken. Und die absolute Mehrheit hat sich über diese Infos gefreut. Was mich wiederum gefreut hat. Dass es einen inhaltlich sehr ähnlichen Artikel bereits im HA Print gab, hatte ich ebenfalls gleich zu Beginn des Artikels erwähnt. Also war auch jeder frühzeitig genug gewarnt, nicht weiterlesen zu müssen.